Der Baerbock

                

“Annalena Baerbock, hochökologisch engagiert! Hochkompetent in der Sache!“ Albrecht von Lucke 

Kann es sein, dass Annalena Baerbock eine weibliche Wiedergängerin unseres früheren Bundespräsidenten Heinrich Lübke ist? Genauso wie Lübke besitzt Baerbock die Gabe, die Öffentlichkeit mit unbeholfenen, teils grotesken Äußerungen in Erstaunen zu versetzen.  Ein “Lübke“ bezeichnete in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts scherzhaft die kleinstmögliche Einheit, um Intelligenz quantitativ zu fassen. In unserem Jahrzehnt hat die Maßeinheit “Baerbock“ die Chance, großen ökologischen Unverstand zu bezeichnen. 

Während Heinrich Lübke zum Ende seiner Karriere unter einer Zerebralsklerose litt, was seine rhetorischen Missgeschicke in Teilen erklärt, kann diese Degenerationserkrankung, die zur Demenz führt, bei der jungen Kanzlerkanditatin ausgeschlossenen werden. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass sich die “Baerböcke“ einer trivialen Ursache verdanken: Die Dame weiß nicht wirklich, wovon sie redet. Leider werden ihre Fehltritte von den ihr geneigten Medien noch mit Sanftmut zur Kenntnis genommen. Das ist bedenklich. Von einem Kapitän, der einen Ozeandampfer steuert, verlangt man ein Kapitänspatent und keinen Jollenführerschein. Von einer Kanzlerin in spe, die sich anschickt, eine große ökologische Transformation einzuleiten, bei der in Deutschland kein Stein auf dem anderen bleiben wird, erwartet man, dass sie weiß, was sie tut. Doch Ökologie ist im Kern eine harte Wissenschaft und Annalena Baerbock hat nicht als MINT-Mädchen im Studium brilliert. Was ihre beruflichen Qualifikationen sind, ist bis heute Gegenstand der Diskussion. Die Naturwissenschaften sind es nicht.

Vom seligen Heinrich Lübke wird behauptet, er hätte bei einem Regierungsbesuch in Liberia die anwesenden Repräsentanten der Regierung mit “Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger“ begrüßt. Diese Unterstellung ist falsch. Lübke hat diesen Satz nie gesagt, er wurde ihm von Redakteuren des Spiegels in den Mund gelegt, um ihn zu diskreditieren. In bestimmten Pressehäusern gehört es zu den Usancen journalistischer Großwildjagd, von Zeit zu Zeit ein politisches Schwergewicht zu erlegen. Man nimmt deshalb zur Kenntnis, dass dort, wo Redakteure schweigen sollten, geredet wird (Lübke), während dort, wo sie reden müssten, geschwiegen wird (Baerbock). Hier wird der Versuch gestartet, die bisherigen “Baerböcke“ zu wägen und zu wichten, um sie in einen größeren Zusammenhang einzubetten. So konturiert sich die “Kanzlerinnenkompetenz“. Die Beiträge werden sukzessive erscheinen. Ich danke meinen Mitdenkern Stephan Dörr und David Koch für die Mithilfe bei der Recherche.


Der letzte Baerbock

Annalena Baerbock ist medial fast vollständig von der Bühne verschwunden ist, weil den Grünen ihre Quotenregelung zum wiederholten Male auf die Füße fällt. Stattdessen wird der deutlich eloquentere und auch versiertere Robert Habeck in den Ring geschickt, um größeres Ungemach zu vermeiden. Das ist bemerkenswert. Schließlich stellte Frau Baerbock ihren Kollegen öffentlich bloß, weil sie Habecks Kernkompetenz eher in der Hühner- und Schweinezucht verortete, während sie sich selbst  – zu Unrecht – als Völkerrechtlerin bezeichnete. Robert Habeck ist vorzuwerfen, dass er sich diese Unverschämtheit gefallen ließ. 

Obwohl nun bei den Grünen der Baum brennt (wie auch bei der CDU) und teure Marketingstrategen bezahlt werden, um der Kampagne noch den richtigen Dreh zu geben, wäre eine Auseinandersetzung mit den rhetorischen Fehltritten von Frau Baerbock unvollständig, wenn man nicht das berüchtigte “Kobold-Zitat“ erörtern würde. Das ist notwendig, da betreffs der erhofften Leistungen künftiger Speichertechnologien nicht nur die Grünen auf dem Holzweg sind. Die “Umweltstrategien“ von SPD und CDU sind in diesem Kontext um keinen Deut besser und werden nur noch von den weltfremden Visionen von “Fridays for Future“ oder “Ende Gelände“ übertroffen. 

Abschließend dann noch ein paar Worte zu dem Lapsus von Frau Baerbock ausgerechnet die Wirtschaftspolitik von Ludwig Erhard der SPD zuzurechnen. Das ist ein bemerkenswerter Fauxpas, der einer “Völkerrechtlerin“ nicht hätte passieren dürfen.


Was hat das Schürfen von Kobalt mit “Black Lives Matter“ zu tun?

Dass Annalena Baerbock mit größter Selbstverständlichkeit das Element Kobalt mit dem Kobold verwechselt, ist nichts, was einen überrascht. Vor allen Dingen in Dialogsituationen, wenn sie gefordert ist, spontan zu reagieren und keine Rede abzuspulen,  erinnern ihre Ausführungen in Stringenz und Diktion an das Meisterwerk von Loriot, der in unnachahmlicher Weise, das gängige Politikerkauderwelsch parodierte. Deshalb will ich mich mit dieser Kleinigkeit gar nicht länger aufhalten. Trotzdem muss über Kobalt in verschiedenen Zusammenhängen gesprochen werden. 

Wenn man sich das komplette “Kobold-Interview“ von Frau Baerbock anschaut, dann behauptet sie, dass die Energiepolitik der Grünen technologieoffen ist. Das darf man guten Gewissens als Lüge bezeichnen. Nimmt man die europäische Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU), die Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) und Annalen Baerbock (Die Grünen) zusammen, dann bilden diese zusammen ein Machtkartell, das die Automobilindustrie vor sich hertreibt. Durch den Umstand, dass Elektroautos als “Null-Emissionsautos“ bezeichnet und behandelt werden, wird die freie Marktwirtschaft konterkariert. Es ist eine sattsam bekannte Tatsache, dass Elektroautos mit schweren Batterien, die in der Herstellung viel dreckigen Kohlestrom benötigen, sehr lange fahren müssen, bis ihr “CO2-Rucksack“ kleiner ist, als der anderer alternativer Fahrzeuge. Es sei nur daran erinnert, dass Volkswagen einen Erdgas-UP im Programm hatte, dessen Betrieb etwa 4 Euro auf 100 Kilometer Strecke kostet (unsubventioniert). Mit dieser beispiellosen Umweltbilanz stellt er fast alle Elektroautos in den Schatten, was leider niemanden interessiert. Die forcierte Elektromobilität ist politisch opportun, koste es, was es wolle. Aber der Preis ist hoch. 

Schauen wir zuerst auf die Bedingungen, unter denen Kobalt abgebaut wird, das für die heute meist verwendeten Lithium-Ionen-Akkus notwendig ist. Zehntausende von Kindern schuften in den Minen, ruinieren ihre Gesundheit und können nicht zur Schule gehen. Die stillschweigende Akzeptanz dieser Arbeitsbedingungen ist politisch doppelbödig. Man erinnere sich an die in allen Großstädten verbreiteten Fairtrade-Läden, die man geradezu als Signature-Stores grüner Gesinnungsethik betrachten kann. Es beruhigt das Gewissen des Konsumenten, Kaffee aus fairer Produktion zu trinken und lautstark gegen Blutdiamanten auf die Straße zu gehen. Warum entzündet sich der Protest nicht an den menschenverachtenden Bedingungen unter denen Kobalt, vor allen Dingen Coltan aber auch Lithium abgebaut werden? Weil in diesem Kontext die politisch opportune Einstellung die “Energiewende voranzubringen“ wichtiger ist als Menschenleben?

Die Missachtung ethischer Standards bei der Forcierung der Elektromobilität ist schon fragwürdig genug. Nach meinem Dafürhalten wird diese Haltung skandalös, wenn man sie mit der berechtigten Ablehnung von Rassismus und Kolonialismus in einen Zusammenhang denkt. Bei der Partei von Annalena Baerbock gehören die Slogans der “Black Lives Matter“-Bewegung zur ideologischen DNA. Ist es vor diesem Hintergrund statthaft, die Schädigung der Gesundheit afrikanischer Kinder willentlich in Kauf zu nehmen, damit in Deutschland die Luft für unsere Kinder sauberer wird?

Dieser weltanschauliche Spreizschritt ist umso erstaunlicher, als es technische Alternativen gibt. Diese wurden allerdings von den Europäern konsequent verschlafen. Bei der Entwicklung der Natrium-Ionen- Akkus waren die Europäer führend. Bei diesen werden weder Lithium, noch Nickel oder Kobalt gebraucht. In dem hier verlinkten lesenswerten Artikel heißt es: “ Aus europäischer Sicht ist der von Ignoranz geprägte Umgang mit Natrium-Ionen-Akkus trotz der rasanten Fortschritte in den vergangenen Jahren sehr ärgerlich. Ein Großteil der Experten hatte sie abgeschrieben als höchstens tauglich für stationäre Speicher und Autos mit kurzer Reichweite. Das Entwicklungspotenzial wurde trotz aller Fortschritte systematisch unterschätzt und die Entwicklung trotz achtbarer Demonstrationen kaum gefördert.“

Wenn man sich also schon einseitig auf die E-Mobilität kapriziert, dann bitte auf Akkusysteme, deren Produktion gewissen ethischen Mindeststandards genügt. Trotz schüchterner Lippenbekenntnisse, auch von Frau Baerbock, passiert da leider wenig bis nichts.


Falsche Propheten

Der Lapsus der grünen Kanzlerkandidatin, die wegweisende Wirtschaftspolitik des CDU-Politikers Ludwig Erhard ausgerechnet der SPD zuzuordnen ist aufschlussreich. Nichts könnte falscher sein. Ludwig Erhard vertraute den Kreativkräften des Marktes, wobei die Politik den Ordnungsrahmen vorgibt, in der sich diese entfalten können. Im völligen Gegensatz zu dieser Einstellung misstrauen Linke, Grüne und Sozialdemokraten diesem freien Wechselspiel der Ideen. Lieber gibt man sich der Illusion hin, es könnte eine Gruppe von Spezialisten geben, die auch hyperkomplexe Probleme wie die Energiewende vom “Feldherrenhügel“ aus lösen. Wie vermessen dieser Anspruch ist, war das große Lebensthema des Wirtschaftstheoretikers Friedrich August von Hayek, der für seine wegweisenden Arbeiten mit dem Wirtschaftsnobelpreis geadelt wurde.

Das Ergebnis eines solchen planwirtschaftlichen Ansatzes bestaunen wir heute beim Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das nicht nur das gewaltigste Infrastrukturprojekt der BRD nach dem Zweiten Weltkrieg ist und den Steuerzahler etwa eine Billionen Euro (eintausend Milliarden) Euro kosten wird. Die planwirtschaftliche Gigantomanie ist auch noch im Vergleich mit anderen Ländern ineffizient. Und auch beim EEG gibt es, wie bei der Verwendung der Lithium-Ionen-Akkus, eine weltanschauliche Doppelbödigkeit zu bestaunen. Der höchste Strompreis der Welt  ist in Deutschland nämlich gerade für arme Leute besonders schmerzhaft. Diese sind gezwungen, die staatlich verordnete Einspeisevergütung zu bezahlen und können sich nicht wie die Windmüller und Sonnenkönige mit ihren von der Allgemeinheit subventionierten Anlagen aus der Affäre ziehen.

Eigentlich müsste das planwirtschaftliche Versagen des EEG ein nicht zu überhörender Warnschuss sein. Leider steht zu befürchten, dass es in den nächsten 15 Jahren noch schlimmer kommt. Das hat mit der Forderung zu tun, aus der Atomkraft auszusteigen und gleichzeitig fossile Brennstoffe zu verbannen und durch regenerative Energien zu ersetzen. Das hört sich nur auf dem Papier gut an. Genau bei diesem Problem gehen nämlich der “Kobold“ von Frau Baerbock und die Kompetenzillusion, eine extrem komplexe Fragestellung planwirtschaftlich lösen zu wollen, eine unheilvolle Allianz ein. 

Wo liegt die Schwierigkeit? Wir erinnern uns in einem ersten Schritt, das ein weit einfacheres Problem seit zwei Jahrzehnten nicht gelöst ist: Es gibt bis heute kein hinreichend potentes Leitungsnetz, das den Strom aus dem windreichen Norden in den stark industrialisierten Süden überträgt. Doch im Vergleich zu dem, was gemäß der Denkart von Frau Baerbock und insbesondere ihrer Mitstreiterin Luisa Neubauer auf uns zukommt, ist das Kinderkram. Wir werden nämlich binnen weniger Jahre ein fast omnipotentes Speichersystem bauen müssen, wenn die Sache mit den regenerativen Energien klappen soll. Dieses ist leider weder planbar noch bezahlbar und deshalb ein Luftschloss. 

Wagen wir zur Erläuterung eine Überschlagsrechnung und legen, um ein Gefühl für Größenordnungen zu bekommen, heute verfügbare Zahlen zugrunde. Wir veranschlagen den täglichen Energiebedarf in Deutschland mit 5 Terawattstunden (TWh). Im Jahr 2035, dem Jahr, in dem zumindest gemäß der Forderungen der Grünen, in Deutschland ausschließlich regenerative Energien zur Anwendung kämen, muss ja die gesamte Primärenergie(!) “ökologisch korrekt zur Verfügung gestellt werden“. Die Energie, die gespeichert werden müsste, entspricht nach meiner Einschätzung dann der Sekundärenergie, da ich hier idealisierend annehme, dass es keine Speicherverluste gibt. Der Primärverbrauch in der BRD von etwa 10 TWh pro Tag, wird deshalb wegen des immer eingeschränkten Wirkungsgrad großzügig mit dem Faktor 0,5 multipliziert. Mir ist klar, dass das eine grobe Schätzung ist. Ich glaube aber, dass 5 TWh am Tag konservativ geschätzt sind. 

Wie müsste jetzt der gigantische Energiespeicher dimensioniert sein, der Baerbock, Neubauer und Konsorten vorschwebt, um die Versorgungssicherheit in Deutschland zu gewährleisten und den Worst-Case zu vermeiden? Der Worst-Case wäre ein Black-Out, der in einem Hochindustrieland wie Deutschland schon nach kurzer Zeit zu Toten führen würde und einen unkalkulierbaren wirtschaftlichen Schaden nach sich zöge. Die Gefahr des Black-Outs bestünde besonders, wenn es zu einer längeren Dunkelflaute käme. Kein Wind, keine Sonne. Dann müssten aus den Speichern also pro Tag 5 TWh abrufbar sein. Aber wie lange dauert die Dunkelflaute? Und wie stark sind die Speicher im Moment des Eintretens geladen? Und wie schnell werden sie sich wieder aufladen, bis die nächste Dunkelflaute kommt?

Das sind zentrale Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Deshalb ist es vergebliche Liebesmüh, die Speicherfrage planwirtschaftlich lösen zu wollen. Das Wetter ist nämlich ein hochgradig chaotisches System! Es ist definitiv unmöglich, verlässliche Aussagen über längere Zeiträume zu machen. Niemand weiß, wie lange eine Dunkelflaute sein wird. Niemand weiß, in welchen Abständen solche Ereignisse auftreten werden. Und aus diesem Grund weiß auch niemand, wie ein Speichersystem zu konfigurieren ist, das das Risiko des Super-GAU verlässlich ausschließt. Vielleicht brauchen wir 10 TWh für den Speicher, vielleicht aber auch 500 TWh. Es muss in aller Deutlichkeit gesagt werden, dass dieses Problem wissenschaftstheoretisch nicht lösbar ist! Die, die etwas anderes behaupten, riskieren Leib und Leben vieler Menschen. 

Natürlich gibt es trotzdem Schätzungen, welche Kapazität ein solches System haben sollte. Die Schätzungen bewegen sich meistens zwischen 10 und 100 TWh. Obwohl ich, wie gerade ausgeführt, die Meinung vertrete, dass es verantwortungslos wäre, ein solches System zu konfigurieren, kann man aus Interesse einmal ausrechnen, was ein solcher Speicher in etwa kosten würde.

Nehmen wir an, das Gesamtsystem soll 50 TWh speichern können. Des Weiteren setzen wir einen Preis von 100 Euro pro KWh Speicherkapazität fest. Leistungsfähige Akkus für Häuser sind im allgemeinen teuerer, aber es geht, wie betont, nur um eine ungefähre Abschätzung. Rechnet man das aus, kommt man auf Kosten von 5 Billionen Euro. Wenn man dieser Summe den gesamten Bundeshaushalt der BRD entgegenstellt, dann wird klar, dass ein solcher Speicher, auch wenn die Preise noch einmal um den Faktor 10 fallen würden, in den nächsten 15 Jahren in keiner Weise zu finanzieren wäre. 

Und es gibt einen weiteren Haken. Nicht einmal die Weltjahresproduktion des Minerals Kobalt würde reichen, um den Speicher zu bauen! Insgesamt werden etwa 124 000 Tonnen Kobalt pro Jahr gefördert. Bei gängiger Technologie braucht man bei Lithium-Ionen-Akkus aber pro KWh 150 Gramm Kobalt. Damit käme man bei der oben festgesetzten Speichergröße auf einen Bedarf von 7.5 Millionen Tonnen Kobalt! Das ist also etwa sechzig Mal mehr, als weltweit Kobalt gefördert wird. Selbst, wenn wir die Bauzeit des Speichernetzes auf fünfzehn Jahre veranschlagen, würde das Kobalt nicht reichen. Und wir reden hier über ein Land, das nur 2% (!) der weltweiten CO“-Emissionen zu verantworten hat. 

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Annalena Baerbock und ihre Mitdenker und Mitdenkerinnen Luftschlösser bauen, auch wenn man in Rechnung stellt, dass es schwer ist, zukünftige Preise zu kalkulieren und Lithium-Ionen-Akkus wahrscheinlich mittelfristig eine andere Rolle spielen werden als heute. Auch deutet sich an, dass es in Zukunft eine Power to Gas-Strategie geben wird, wobei aber noch nicht klar ist, wie sich die nun funktionierenden Prototypen “hochskalieren“ lassen, um als gigantische Energiespeicher arbeiten zu können. Die finanziellen Dimensionen eines solchen Megaprojekts liegen noch im Ungefähren.

Die Uhr aber tickt! Deshalb ist es ein Gebot der Vernunft, seine Energie nicht auf Nebenkriegsschauplätzen zu verschwenden. Es wird höchste Zeit, unsere Aufmerksamkeit und Energie dorthin zu lenken, wo das CO2-Problem neben Amerika und China am dringlichsten wird ist, nämlich nach Afrika und Indien. Durch das gut vorhersehbare Bevölkerungswachstum wird dort bis 2050 ein gigantischer Energiebedarf entstehen. Wenn wir den Menschen in diesen Weltregionen dasselbe Lebensrecht zusprechen wie uns, müsste in naher Zukunft eine Energiemenge zur Verfügung stehen, die mindestens dem Neubau von 20000 Kohlekraftwerken entspricht. Da in diesen Ländern nicht viel Kapital zur Verfügung steht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass dort in naher Zukunft vermehrt dreckige Kohle und billiges Öl verfeuert werden. Deshalb muss diskutiert werden, ob man den viel besungenen grünen Wasserstoff nicht dort herstellt, wo wirklich die Sonne scheint und der Wind weht. Damit würden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Es gäbe einen Transfer von Kapital und Technologie in arme Länder und ökologische Energieträger würden weit effizienter hergestellt als in der BRD. Außerdem gäbe es in Deutschland schon die komplette Infrastruktur, um dort hergestelltes “grünes Gas“ zu verwenden. Des Weiteren muss diskutiert werden, die funktionierenden Atomkraftwerke länger laufen zu lassen. Damit würde man sich dringend benötigte Zeit kaufen, um das komplexe Problem der Energiewende nicht mit der heißen Nadel zu stricken. Wer überzeugt ist, dass es in weniger (!) als 15 Jahren in Deutschland gelingt, eine allumfassende Speicherlösung zu schaffen, die es möglich macht, einzig auf regenerative Energien zu setzen, dem ist eigentlich nicht mehr zu helfen. Es fehlen Zeit, Geld und Know-How.

Vor diesem Grund ist es ökologisch unverantwortlich in Deutschland gigantische Geldbeträge für eine ineffiziente ökologische Politik zu verbrennen, die in erster Linie die Funktion hat, unser Gewissen zu beruhigen.  An dieser Politik ist Frau Baerbock mit ihren Parteigenossen maßgeblich beteiligt. Leider machen es die Politiker der anderen großen Parteien nicht wirklich besser. Dabei wäre es an der Zeit, dass mit offenen Karten gespielt wird, um eine valide ökologische Strategie zu entwickeln. Doch dafür bräuchten wir erstmal einen mit offenem Visier geführten Diskurs. Auch da liegt leider vieles im Argen.

Anmerkung: Ich mache meine Überschlagsrechnungen nach bestem Wissen und Gewissen, weiß aber, dass es sich um eine komplexe Materie handelt und mir selbstverständlich Irrtümer unterlaufen können. Sollte ich von falschen Annahmen ausgehen oder mich verrechnen, freue ich mich über Rückmeldungen und bitte darum, mich zu korrigieren. Die Probleme, die hier gerade diskutiert werden, lassen sich sowieso nur im Team angehen.


Das Kreuz mit dem Netz

“Lebhafte Debatten und kluger Streit sind die Essenz unserer Demokratie. Mein Anspruch ist es, Probleme in ihrer Breite und Tiefe zu erfassen und anzugehen“ Annalena Baerbock auf www.annalena-baerbock.de

“Deswegen funktioniert das Netz als Speicher“ ist eines der denkwürdigsten Zitate von Annalena Baerbock, das es mittlerweile zu trauriger Berühmtheit gebracht hat. Leider handelt es sich bei diesem Zitat nicht um einen Versprecher, der ihr einfach so rausgerutscht ist. Noch in den letzten Wochen hat Frau Baerbock in einem Interview mit Sandra Maischberger trotzig auf die Richtigkeit ihrer Aussage gepocht. Bevor wir versuchen, ihre Netzmetapher zu entwirren, hier das Originalzitat im Wortlaut:

“An Tagen wie diesen, wo es grau ist, da haben wir natürlich viel weniger erneuerbare Energien. Deswegen haben wir Speicher. Deswegen fungiert das Netz als Speicher. Und das ist alles ausgerechnet. Ich habe irgendwie keine wirkliche Lust, mir gerade mit den politischen Akteuren, die das besser wissen, zu sagen, das kann nicht funktionieren.“

Annalena Baerbock in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk (21.1.2018)


Um die Irrungen und Wirrungen der Kanzlerkandidatin zu verstehen, muss man ein bisschen weiter ausholen. Da wäre zuerst einmal festzustellen, dass das Netz, von dem sie redet, bis heute ein Phantasieprodukt ist. Tatsächlich wäre ein leistungsfähiges Stromnetz ein essentieller Bestandteil der Energiewende, so wie die Grünen sich diese vorstellen. Nur ist dieses Netz leider weit davon entfernt, fertig zu sein. Im Gegenteil. Große Teile der “Stromautobahnen“, die den windreichen Norden Deutschlands mit dem energiehungrigen Süden verbinden sollen, sind über das Planungsstadium bisher nicht hinausgekommen. Von den notwendigen Leitungen, die in der Summe eine Länge von etwa 8000 Kilometer hätten, ist bisher nur ein Bruchteil fertiggestellt. Ein großes Hindernis sind ausgerechnet grüne Wähler, die zum Beispiel wegen ihrer Angst vor Elektrosmog die eigentlich von Ihnen eingeforderte Energiewende unterminieren, indem sie gegen den Bau der Hochspannungsleitungen klagen: “Energiewende ja bitte, aber auf keinen Fall da, wo ich lebe!“ 

Leidtragende dieser juristischen Scharmützel sind wie so oft die Steuerzahler. Kann der anfallende Strom nicht transportiert werden, müssen die Windräder abgeschaltet werden, wobei die Eigner für das entgangene Geschäft zu entschädigen sind. Im Laufe der Jahre sind diesen mehrere Milliarden Euro überwiesen worden.

Wir halten fest, das Netz, von dem Frau Baerbock redet, gibt es in dieser Form noch nicht. Aber nehmen wir ihre Einsicht in den Fokus, dass regenerative Energien, die wie Wind- und Sonnenenergie hochvolatil sind, gespeichert werden müssten, wenn man für die sogenannte Grundlast keinen fossilen Energieträger wie Kohle und Gas oder gar die verteufelte Kernenergie verwenden möchte. Wie sieht es aus mit den Energiespeichern in Deutschland? Sehr bescheiden, um es vorsichtig auszudrücken. Käme es zu einer sogenannten Dunkelflaute und wäre Deutschland von einem auf den anderen Moment nur von seinen eigenen Speichern abhängig, gäbe es nach wenigen Stunden den totalen Blackout. Das ist ein Horroszenario mit katastrophalen Konsequenzen. Dieses wird realiter nur dadurch nicht wirklich, dass wir die Grundlast bis heute aus Kohle und Gas tätigen und im Bedarfsfall, ohne dass das öffentlich thematisiert wird, Atomstrom aus Frankreich oder Tschechien hinzukaufen können. Selbst dreckiger Kohlestrom aus Polen wird dankbar importiert. Um nun die Speichermisere in Deutschland zu ändern, böte es sich an, leistungsfähige Pumpspeicherkraftwerke zu bauen. Aber auch hier das Paradoxon grüner Ideologie: Ausgerechnet diese effiziente Technologie wird von klagewütigen Naturschützern verhindert. Das, was es an leistungsfähigen Speichern in Deutschland gibt, wurde fast ausschließlich im letzten Jahrhundert(!) fertiggestellt

Vor diesem Hintergrund wundert man sich nicht, dass Baerbock wie ein Magier das Netz als Energiespeicher aus dem Hut zaubert. Nur macht bei diesem Trick leider die Physik nicht mit. Das Netz ist nämlich kein irgendwie gearteter Behälter, indem man die Energie speichern könnte, wie warmes Wasser in der Badewanne. Die Energieübertragung durch Stromleiter wird durch die Elekrodynamik beschrieben und das genaue Verständnis dieses Phänomens bedarf eines gediegenen physikalischen Hintergrundwissens. Ganz bildlich gesprochen: So schnell die Energie im Stromleiter ist, so schnell ist sie auch wieder draußen. Und sie ist verdammt schnell. Die elektromagnetischen Felder bewegen sich mit Lichtgeschwindigkeit. Der Stromleiter ist bei diesem Prozess ein Medium und kein Gefäß. Es ist, will man es anschaulich fassen, ein bisschen wie mit dem Meißel des Bildhauers. Dieser überträgt die Kraft der Hammerschläge auf den Stein. Legt der Steinmetz diesen aus der Hand, dann sind die kräftigen Schläge nicht im Meißel gespeichert.

Auch eine Bundeskanzlerkandidatin, die vorgibt, “Probleme in ihrer Breite und Tiefe zu erfassen und anzugehen“ muss jetzt nicht wissen, was ein Energie-Impuls-Tensor ist. Die eigenen Grenzen zu kennen, wäre aber löblich. Noch schöner wäre es, den Wählern keinen Sand in die Augen zu streuen und ehrlich zu sagen, wo wir stehen. Im Moment ist die proklamierte Energiewende reines Wunschdenken, wobei die wichtigste Frage gar nicht diskutiert wird: Was hat der deutsche Alleingang, mit dem wir selbstgefällig unser Gewissen beruhigen, eigentlich mit dem globalen CO2-Problem zu tun? Vermutlich wenig. Wir schalten hier 10 Kohlekraftwerke ab. Bei der vorhersehbaren demographischen Entwicklung werden aber in Ländern wie Indien und Nigeria in den nächsten 30 Jahren 10 000 neue installiert werden müssen. Da spielt die Musik, auch wenn wir das in unserer deutschen Wohlfühloase nicht hören wollen. Wenn uns das CO2-Problem Ernst ist, dann wäre es höchste Zeit den Blick zu weiten!

                                      

Pippi-Langstrumpf-Mathematik

Zwei mal drei macht vier

Widdewiddewitt und drei macht neune

Ich mach‘ mir die Welt

Widdewidde wie sie mir gefällt

Hey Pippi Langstrumpf, ….


Sie haben es getan: Annalena Baerbock wurde auf dem Parteitag der Grünen mit einem fulminanten Ergebnis zur Kanzlerkandidatin gewählt. 98.5% der Delegierten gaben ihr ihre Stimme. Damit darf man zur Kenntnis nehmen, dass eine aufgehübschte Biographie, nicht korrekt deklarierte Nebeneinkünfte und frappierende Unwissenheit, was die wissenschaftlichen Aspekte ökologischer Bildung angeht, von den Grünen für Lässlichkeiten gehalten werden. Die Legitimation, das höchste deutsche Regierungsamt zu bekleiden, wird durch solche Lappalien offensichtlich nicht in Frage gestellt. Das ist für Außenstehende irritierend. Macht man sich allerdings mit den Parteiusancen vertraut, dann fällt auf, dass freifliegende Argumentationen nicht selten sind, besonders wenn sie sich sich auf fragwürdige Zahlen und windige Rechenoperationen “stützen“. Diesbezüglich befindet sich Annalena Baerbock in prominenter Gesellschaft. Man erinnere sich an das 2%-Ziel von Anton Hofreiter, das angeblich zentral ist, um die Klimakatastrophe abzuwenden. 2% von was? Wo bitte ist der Grundwert, auf den sich die Prozentzahl bezieht? Der promovierte Biologe meinte wohl das 2-Grad-Ziel, dessen korrekte Bezeichnung ihm entfallen war.

Probleme mit der Zahl Zwei hatte auch Herr Habeck. Alle zwei Tage verdoppelte sich angeblich die Inkubationszeit in der Coronaepedemie. Besser ginge es nicht! Dann müssten wir heute ein paar hundert Jahre warten, bis wir erkranken und würden von der Seuche erst erwischt, wenn wir sowieso schon tot sind. Zugegeben, die Worte “Inkubation“ und “Infektion“ haben am Anfang zwei gleiche Buchstaben. Man kann sie leicht verwechseln. Während Habeck also mit der Zahl Zwei kämpft, scheitern Cem Özdemir und Annalena Baerbock gemeinsam an der Prozentrechnung. Eine eindrückliche Performance lieferte Özdemir in der Sendung Brennpunkt (16.3.2011).

Sprecher: “Kritiker sagen: Dann geht in Deutschland entweder das Licht aus oder der Strom wird viel teurer. Sehen Sie das auch so?“

C. Özdemir: “Ach wissen Sie, wir kennen die Argumente. Die Argumente sind ja nicht ganz neu. Im Spitzenlastbereich, also nicht im Normallastbereich. Dann wenn der Energieverbrauch am höchsten in Deutschland ist, ungefähr mittags zwischen 11 und 12, verbrauchen wir ungefähr 80 Gigabyte. Wir produzieren aber ungefähr 140 Gigabyte. Das heißt, das Anderthalbfache dessen haben wir immer noch übrig, was wir brauchen. Selbst wenn wir die sieben ältesten Meiler abschalten würden, hätten wir immer noch mehr Strom als wir selbst im Spitzenlastbereich gebrauchen.“

Das ist ein verwirrendes Zitat. Wenn man ehrlich ist, stimmt in diesem eigentlich nichts. In den angewandten Wissenschaften treten Maßzahlen zusammen mit Maßeinheiten auf. Betrachten wir die folgende Aussage: “Der Aconcagua in Südamerika ist 6962 Meter hoch.“ Dann wird in dieser Aussage die Maßeinheit “ein Meter“ mit der Maßzahl 6962 multipliziert. Da Herr Özdemir über die Spitzenlast sprach, wollte er wohl etwas über die physikalische Leistung sagen. Diese wird aber in Watt gemessen. Bytes sind Maßeinheiten der Information und haben in diesem Zusammenhang nichts zu suchen. Wie er auf die angeblichen 140 Gigabyte kommt bleibt ebenfalls ein Rätsel. Meinte er die in Gesamtdeutschland installierte Leistung? Das ist aber keine “Energieproduktion“. Rätselhaft ist auch seine Prozentrechnung: “Das heißt, das anderthalb-Fache dessen haben wir immer noch übrig, was wir brauchen.“ Wenn die Spitzenlast 80 Gigawatt beträgt und den Grundwert markiert, dann ist das Anderthalbfache dieses Werts (150%) 120 Gigawatt. Die Summe ergäbe dann 200 Gigawatt. Nicht 140 Gigawatt. 140 Gigawatt sind lediglich 75 % mehr. Sind solche Berechnungen die Grundlage der künftigen Energieplanung? 

Annalena Baerbock ist eine Schwester im Geiste. Von ihr stammt das folgende Bonmot:

„Wenn alle so bei 25 Prozent stehen, dann ist das nicht mehr so große Koalition wie zu anderen Zeiten, die haben alle miteinander so 75 Prozent im Bund oder sogar ne Zweidrittelmehrheit.“

Auch wenn Vieles im Unklaren ist, was die Biographie von Frau Baerbock angeht, es ist sicher, dass sie ihr Abitur gemacht hat. Sie muss also 13 Jahre Mathematik gehabt haben. Natürlich lernt man da viele Dinge, die man als “Völkerrechtlerin“ nicht braucht. Algebra und Analysis? Überflüssig. Gut. Aber der mathematische Dreisatz, Prozentrechnung, der Umgang mit Wahrscheinlichkeiten sind für jeden modernen Menschen potente mentale Werkzeuge. Es lohnt sich, solche Fertigkeiten zu beherrschen, um in einer sich schnell verändernden Welt nicht den Überblick zu verlieren. Preisfrage: Wie viel Prozent entspricht eine Zweidrittelmehrheit? Da teilt man auf seinem Taschenrechner die Zwei durch die Drei. Wir erhalten 0.66666666… . Und wenn man weiß, dass die Dezimalbruchdarstellung einer Zahl auch als Prozentzahl gelesen werden kann, dann wissen wir, dass die Zweidrittelmehrheit 66,6666…% der Stimmen entspricht. Das ist mitnichten größer als 75%. 

Aber es kommt noch besser. In einem Interview  gab Annalena Baerbock Folgendes zum Besten:

»Wir haben Grundlast durch Biomasse und – das ist neu – das ist auch interessant für Start-Ups und Unternehmen, zum Beispiel Rechenzentren und große Supermärkte, die dann als Energieerzeuger(!) in den Markt reinkommen.«

»Wenn eine Kühlung bei einem riesengroßen Produzenten von minus 22 Grad in Zukunft dann auf minus 20 Grad runterkühlt, dann ist das Hühnchen immer noch kalt, aber wir können an der Grundlast das Netz stabilisieren.«

Hätte sie ihrem Kollegen Cem Özdemir zugehört und dessen einzig richtige Zahl aus seinem Zitat extrahiert, nämlich die 80, dann wüsste sie, dass die 5 Gigawatt Leistung, die durch Biomasse zur Verfügung steht, um den Faktor 16 erhöht werden müsste, um die Spitzenlast von 80 Gigawatt zu erreichen. Das sind 1600%! Zu glauben, die fehlenden 75 Gigawatt dadurch zu generieren, dass man die Kühlschränke in den Supermärkten ein bisschen herunterregelt, ist rührend. Aber bleiben wir in diesem Beitrag im Reich der Mathematik und verschieben die Diskussion des “Baerbockschen Netzspeichers“ auf später. In der Unterstufe lernt man, dass die ganze Zahlen, also die, die auch ein negatives Vorzeichen haben können, eine Ordnung besitzen. Das kann man sich auf dem Zahlenstrahl verdeutlichen. In der Mitte thront die Null, nach rechts werden die Zahlen immer größer, nach links immer kleiner. Die -22 steht also weiter links als die -20 und nicht andersherum. Und da haben wir schon wieder ein Problem mit der Zahl Zwei. Verändert man die Temperatur um zwei Grad, nämlich von -22 auf -20 Grad, dann wird das Hähnchen erwärmt(!) und nicht gekühlt. Diese Kleinigkeit wird Frau Baerbock wenig scheren. Trotzdem darf man Zweifel hegen, ob die Pippi-Langstrumpf-Mathematik Baerbockscher und Özdemirscher Prägung als intellektuelles Werkzeug taugt, um die ökologischen Probleme des 21. Jahrhunderts in den Griff zu kriegen.



Ein gigantischer Irrtum

“Deutschland hat Pro-Kopf-Emissionen von neun Gigatonnen pro Einwohner. Bangladesch, das ist zehnmal mehr als Bangladesch zum Beispiel.“ 

Da war Frau Baerbock der verhängnisvolle Satz in der Talkshow von Maybrit Illner am 13.12.2018 entschlüpft und plötzlich stand ein geheimnisvolles Wort im Raum: “Gigatonne“. Was mag das sein? Von ihren Gesprächspartnern war keine Antwort zu erwarten. Die Moderatorin, Peter Altmeier, Christian Lindner, der Teslamann Philip Schröder sowie Klimapapst Stefan Rahmstorf, niemand zuckte auch nur mit der Wimper oder rollte mit den Augen. Beredtes Schweigen. Nehmen wir deshalb zur Klärung das Wort auseinander! Die Bedeutung  von “Tonne“ ist klar. Dieses Wort bezeichnet 1000 kg. Aber, was bedeutet, die Vorsilbe “Giga-“? Erinnert irgendwie an die dicken Bohnen, die Gigantes, auf der Vorspeisenplatte beim Griechen. Oder an die Gigafactory von Tesla. 

Scheint also etwas Großes zu bezeichnen. So ähnlich wie “Mega-“. Tatsächlich hat “Giga-“ aber noch einen ganz anderen Punch als “Mega-“. “Mega“, aus dem Griechischen abgeleitet, bedeutet einfach “groß“. Eine Megalomanin ist eine Größenwahnsinnige, die sich etwa in Bereichen für kompetent hält, in denen sie keine Ahnung hat. Aber Giganten sind nicht einfach groß. Giganten sind echte Riesen! Verwendete Annalena Baerbock die “Gigatonne“ also nur als rhetorisches Stilmittel? Vielleicht wollte sie nur sagen, dass jeder Deutsche neun riesige Tonnen CO2 pro Jahr in die Luft bläst. Aber Politik hat eben nicht nur theatralische Komponenten. Auch Inhalte spielen eine Rolle. Und in diesem Kontext würde es sich für die Kanzlerkanditatin lohnen, in ein Physikbuch zu schauen. Die Vorsilbe “Mega-“ bedeutet dort, dass man die dahinterstehende Größe mit einer Millionen multipliziert. Bei “Giga-“ sogar mit einer Milliarde. Eine Milliarde sind eintausend mal eine Millionen. Da hätte auch Annalena Baerbock skeptisch werden müssen. Jeder Deutsche verursacht ihrer Meinung nach den Ausstoß von Neunmilliarden Tonnen CO2! 

Der Physiker und Nobelpreisträger Enrico Fermi war bekannt für seine kühnen Überschlagsrechnungen, die er in Windeseile im Kopf vollziehen konnte. Für Fermi war es ein Zeichen von Intelligenz, immer ein Gefühl für die richtigen Größenordnungen zu haben. Da hilft es, große Zahlen anschaulich zu machen. Was wiegt eine Tonne? Ein Kubikmeter Wasser. Nur zur Sicherheit: Das entspricht einem Würfel mit der Kantenlänge von einem Meter. Wenn also Frau Baerbock in ihrer früheren Studentenbude ihr Badezimmer geflutet hätte und dieses eine Grundfläche von vier Quadratmetern und eine Höhe von zwei Metern und fünfundzwanzig Zentimetern gehabt hätte, dann wäre das in diesem Quader eingeschlossene Wasser neun Tonnen schwer gewesen. Neun Tonnen, das ist tatsächlich das Gewicht, das jeder Deutsche an CO2 im Schnitt pro Jahr emittiert. Aber wie stellt man sich neun Gigatonnen vor? Als neun riesige Würfel mit einer Seitenlänge von einem Kilometer? Das ist korrekt aber immer noch zu abstrakt. 

Stellen Sie sich vor, Frau Baerbock tritt in Berlin aus dem Kanzleramt! Direkt vor ihr hebt sich eine gigantische gläserne Pyramide in den Himmel. Deren Grundfläche soll vier Quadratkilometer betragen. Würde Annalena Baerbock die Pyramide, die einen Teil von Moabit, die Kurfürstenstraße, Teile von Kreuzberg und von Berlin-Mitte bedeckt, umlaufen, wäre sie zwei Stunden unterwegs. Wenn diese erhabene gläserne Pyramide Neunmilliarden Tonnen Wasser beinhalten würde, dann ragte sie 6750 Meter hoch in den Berliner Himmel. Damit wäre sie fast so hoch wie der Aconcagua, der höchste Berg Südamerikas. Wir wollen in diesem Gedankenexperiment übrigens annehmen, dass das Wasser in der Pyramide nicht gefriert, denn die oberen 4000 Höhenmeter der gläsernen Pyramide wären von ewigem Eis bedeckt. Hätte diese Pyramide an ihrem Fuß einen riesigen Stöpsel, um das Wasser abzulassen, dann könnte man mit ihrem Inhalt dreimal den Starnberger See füllen. Das ist immerhin der fünftgrößte See Deutschlands. Wenn man jetzt das schnuckelige Badezimmer von Frau Baerbock mit dieser wahrhaft gigantischen Pyramide vergleicht, bekommt man eine Anschauung von der Größe ihres Denkfehlers.

Leider ist das nicht alles. Da wäre noch die Sache mit Bangladesch. Was meinte sie mit: “Bangladesch, das ist zehnmal mehr als Bangladesch zum Beispiel“? Dieser Satz wird wenig diskutiert. Was bedeutet hier “das ist“? Wagen wir einen ersten Versuch! In Bangladesch emittieren die Menschen pro Person 0.54 Tonnen CO2 im Jahr. Würde man diese Zahl mit der Emission des Durchschnittsdeutschen in Beziehung setzen, dann blasen die Deutschen etwa siebzehnmal mehr CO2 in die Luft als die Bangladescher. Dieser vernünftige Vergleich scheidet also aus. 17 ist nicht 10. Was dann? Hier kriecht einem ein verstörender Verdacht ins Hirn: Meinte Annalena Baerbock allen Ernstes, was sie sagte? Bangladesch hat etwa 166 Millionen Einwohner. Diese Zahl multiplizieren wir mit 0,54 Tonnen. Das ergibt 89,64 Megatonnen CO2. Das ist ziemlich genau der hundertste Teil der von ihr proklamierten neun Gigatonnen. Da hätte Frau Baerbock sich um eine Zehnerpotenz verhauen. Kann vorkommen. Der “Baerbock“ würde dann lauten: Ein einziger Deutscher emittiert hundertmal mehr CO2 als 166 Millionen Bangladescher zusammen. Wahnsinn. Oder meinte sie doch etwas ganz anderes, ohne es zu sagen? Die jährlichen Emissionen aller Deutschen summieren sich auf etwa 756 Millionen Tonnen C02, multipliziert man die Einwohnerzahl der BRD mit den proklamierten neun Tonnen CO2 pro Person. Die Emissionen aller Bangladescher liegen wie angeführt bei 89,64 Millionen Tonnen. Damit würden alle Deutschen 8,4-mal mehr CO2 in die Atmosphäre entlassen als alle Bangladescher. Ist es das, was sie ausdrücken wollte? Wir wissen es nicht. Wir vermuten nur, dass sie in irgendeiner Weise für die Sendung instruiert worden ist, ohne genau zu verstehen, wovon die Rede war. Und dann geisterte da eine Information in ihrem Kopf herum, ohne dass sie in der Lage gewesen wäre, diese einzuordnen und in verständlichen Worten zu artikulieren.