Grüne Trugblüten

Ohne die AFD sind die Regierungserfolge der Grünen nicht denkbar. Außerdem geben sie ihren Wählern das Gefühl moralisch auf der richtigen Seite zu stehen, auch wenn sie die drängenden Probleme unserer Zeit nicht lösen

von Marco Wehr


“Ich war in meinem ganzen Leben an keinem Thema so sehr interessiert wie an diesem über Orchideen,“ schrieb Charles Darwin in einem Brief 1861. 

Tatsächlich sind diese Blumen nicht nur schön. Sie haben im Laufe der Evolution auch Strategien entwickelt, die an Raffinesse kaum zu übertreffen sind. Könnten uns diese Strategien aus dem Reich der Biologie helfen, ein Rätsel in der Politik zu beleuchten? Wie ist der Erfolg der Grünen zu erklären? Und warum leiden die früheren Platzhirsche CDU und SPD an einer rätselhaften Schwindsucht und sind nur noch ein Schatten ihrer selbst? Tatsächlich existieren Parallelen.

Der tropische Regenwald ist in seinem Herzen finster. Von den Kronen der Urwaldriesen beschattet kommt auf dem Boden fast kein Licht an. Wer von der Dunkelheit ins Helle will, muss sich mit brachialer Kraft nach oben kämpfen und selbst zum Giganten werden oder er braucht einen raffinierten “Plan“. Die Orchideen haben sich für das Raffinement entschlossen. Der Wind hebt die Samen der Orchideen in die Kronen der höchsten Bäume, wo sie auf den Ästen zu liegen kommen. Doch damit scheint ihr Schicksal besiegelt zu sein. Überall strecken Pilze ihre Tentakeln nach ihnen aus. Doch der Same der Orchidee ist ein Opfer, das dem Jäger auflauert! Nicht der Pilz frisst den Samen. Der Same zwingt den Pilz, sich seinem Regime zu beugen. Er muss der wachsenden Orchidee die Nährstoffe liefern, die sie selbst nicht zu schaffen in der Lage ist.

Nimmt man einen Szenenwechsel vor, dann profitieren auch die die Grünen von einem zwielichtigen Spieler im Hintergrund. Es gibt ein unsichtbares Band zwischen Ihnen und der AFD. Ohne die AFD sind die Wahlerfolge der Grünen und die sich daraus ergebende Regierungsverantwortung in den Bundesländern schwer vorzustellen! Auch hier handelt es sich um eine asymetrische Beziehung, aus der die Grünen im Besonderen und die Linksparteien im Allgemeinen einen großen Vorteil ziehen. 

Man betrachte die Ergebnisse der letzten Landtagswahl in Baden-Württemberg: In der Summe ergeben die grün-roten Stimmen 47,2 Prozent der Stimmen. Die Anhänger einer liberal-konservativen Politik kommen auf 47,3 Prozent der Stimmen. Die Gruppen sind ungefähr gleich stark. Aber dieser Gleichstand wird sich niemals in vergleichbaren Machtverhältnissen niederschlagen! Das liegt an der AFD, die in Deutschland zur Oppositionspartei verdammt ist. Alle anderen Parteien verweigern die Zusammenarbeit. Damit wird die AFD zum Garanten links-grüner Macht. Sie schwächt das konservativ-liberale Lager um den entscheidenden Anteil ihrer Stimmen. Die AFD ist damit ein Stimmengrab. Solange die AFD nicht die absolute Mehrheit erreicht, ist es für Parteien mit linker politischer Gesinnung von Vorteil, wenn die AFD stark ist. 

Jetzt ist es aber nicht nur die Wechselbeziehung zwischen Grünen und der AFD, die Erstere erfolgreich macht. Die Grünen sind auch verführerisch. So wie die Orchideen in luftiger Höhe zum Licht streben, verehren die Grünen und deren Wähler die hohe Sonne der Moral. In diesem Zusammenhang haben sie in Deutschland die Agenda gesetzt. Das überrascht nicht. Sie stehen für Werte, die jeder vernünftige Mensch im ersten Moment direkt zu unterschreiben bereit wäre. Wer kann gegen die Erhaltung unseres Lebensraum sein? Wer möchte keine weltoffene internationale Gesellschaft? Und was spricht gegen Toleranz für 50 Geschlechter aller Art? Diese Werte haben eine betörende Anziehungskraft. Trotzdem sind sie Teil eines Täuschungsmanövers.

Im Orchideenbild entspricht der Verführungskraft dieser Werte die berückend schöne Form der Blume. Doch Vorsicht! Die Orchideen lassen nicht nur die Pilze für sich schuften. Ihr Trumpf ist die Trugblüte, Die gaukelt den bestäubenden Insekten eine Wirklichkeit vor, die so nicht existiert. Oft gleichen die Blüten der Orchideen weiblichen Insekten, die den männlichen die Sinne vernebeln, so vollendet ist deren Gestalt in Farbe und Form. Selbst das weibliche Haarkleid wird perfekt imitiert. In einem wissenschaftlichen Experiment paarten sich liebestollen Männchen lieber mit der Blume als mit ihren Weibchen. Doch für die Männchen gibt es bei diesem Scheinakt nichts zu holen. Nicht einmal Nektar gönnt ihnen die Blüte. Stattdessen tragen die Betrogenen den Pollen der Blume von einem Ort zum anderen und sorgen so für deren Bestand.

Im politischen Bild entspricht dem gelackmeierten Männchen der grüne Wähler. Obwohl es beruhigend ist, sich moralisch auf der richtigen Seite zu wähnen, hätte er vermutlich nichts dagegen, wenn die real existierenden Probleme gelöst würden.Aber so, wie die Luftwurzeln der Orchideen träge im Wind schwingen und nicht im festen Boden verankert sind, ist es einfacher, es sich im moralischen Ideenhimmel bequem zu machen, als sich in faktischer Kärrnerarbeit zu ermüden. Die Beispiele sind Legion: Das Erneuerbare Energiengesetz (EEG), zentraler Eckpfeiler der Energiewende, wurde ursprünglich von den rot-grünen Regierungskoalitionen unter der Gerhard Schröder (1998-2005) mit großem Aplomb auf den Weg gebracht. Dieses Gesetzeswerk ist in seinem Geiste ein planwirtschaftliches und leider auch ineffizientes Instrument. Es verschließt es sich verantwortungsvollem ökologischem Denken, da die einzig wesentliche Frage nicht gestellt wird: Wie gelingt es unter Einsatz der vorhandene finanziellen Mittel soviel CO2 wie möglich zu vermeiden? Stattdessen werden einseitig und mit einer bestimmten Voreingenommenheit Technologien wie Windkraft und Solartechnik gefördert. Vor allen Dingen die Solartechnik hat vergleichsweise hohe CO2-Vermeidungskosten. Zu allem Überfluss ist dass EEG ein bürokratischer Moloch. Dessen inhärente Ineffizienz konnten auch die nachfolgenden Merkelkoalitionen dem Gesetz nicht austreiben. So untergräbt das byzantinische Gesetzeswerk als rot-grünes Residuum bis in unsere Zeit eine ernsthafte und effektive Ökologie. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Egal, ob man sich die Treibhausgas-Emissionen pro Kopf anschaut oder diverse Klimaschutz-Indizes, Deutschland dümpelt träge im europäischen Mittelfeld. Unser Land wird in diesem Zusammenhang nicht nur von den pragmatischen Briten überflügelt, die eine unaufgeregt-effektive Umweltpolitik machen. Deutschland liegt auch immer deutlich unter den Werten der Europäischen Union in ihrer Gesamtheit! Obwohl sich in den meisten Ländern der EU deutlich weniger Windräder drehen und weniger Solarmodule auf den Dächern sind. Zeit zum Umdenken.

Die Multi-Kulti-Migrationspolitik als Erfolg zu bezeichnen ist gleichfalls gewagt. Bis heute gelingt es dem linken Teil des deutschen Parteienspektrums nicht, Willige, die die deutsche Sprache lernen, um hier zu arbeiten und auf diese Weise zum Gemeinwesen beizutragen, von denen zu trennen, die es sich im sozialem Netz gemütlich einrichten. Das hat irritierende Konsequenzen. Menschen werden abgeschoben, die fließende deutsch sprechen, eine Familie haben und mehr als 10 Stunden für diese arbeiten, während Clankriminelle mit hochmotorisierten Boliden vor dem Sozialamt vorfahren, um ihre Stütze abzuholen.

Auch die aggressive Genderpolitik, die im Moment die Schlagzeilen beherrscht, ist nicht geeignet, Toleranz zu fördern. Beim Versuch Minderheiten vor Diskriminierungen zu schützen, greift sie selbst zur Diskriminierung. Weiße werden rassistisch abgekanzelt. Und in akademischen Kreisen beginnen sich Menschen zu schämen, wenn sie zu ihrem biologischen Geschlecht stehen. Vorwürflich werden sie als “heteronormativ“ bezeichnet. Selbst engagierte Schwule wie Alexander Zinn konstatieren in der FAZ, dass die linke Identitätspolitik zu einem piefigen Tribalismus führt. 

So unterliegt das Faktische dem Idealen. In diesem Zusammenhang gibt es ein weiteres Paradox zu bestaunen. So wie die Orchidee den Urwaldriesen braucht, damit sie zum Licht kommt, so brauchen die Grünen Menschen, die das Geld erwirtschaften, dass sie mit generöser Geste verteilen. Nur dankbar sind sie nicht. Erfolgreiche Unternehmen werden nicht dafür geschätzt, dass sie durch die Steuern, die sie abführen, einen gut ausgestatteten Sozialstaat möglich machen. Sie werden sie als kapitalistisch geziehen und mit Verachtung gestraft.

Moralin scheint eine narkotisierende Wirkung zu haben, das aber nicht nur grüne Gehirne betäubt. Auch führende Köpfe ehemals liberal-konservativer Parteien sind betroffen. Im Bestreben den Erfolg der Grünen zu kopieren, geben sie sich einer selbstzerstörerischen Mimikry hin. Das enttäuscht zum Beispiel Wähler der CDU. Die wählen dann lieber das Original oder wenden sich aus Trotz der AFD zu, womit ihre Stimmen unwirksam werden. Der Salto rückwärts von Merkel beim Atomausstieg, die kritiklose Unterstützung der Energiewende mit einer eindimensionalen Förderung der Eletromobilität, das Aushebeln des Dublin-Abkommens bei der Massenmigration, der laxe Umgang mit den Maastricht-Vereinbarungen, die Zögerlichkeit das kriminelle Verhalten von Clans als solches zu bezeichnen, hat dazu geführt Stammwähler zu vergraulen. 

Der gravierende Denkfehler dieser opportunen Politik liegt in dem Umstand, dass eine Partei wie die CDU von dieser Anbiederung nicht profitiert. Im Gegenteil. Der Zustrom der Wähler zur AFD schwächt bürgerliche Standpunkte. Wie oben begründet führt das zur Stärkung eines weltfremden grünen Idealismus. Für die liberal-konservativen Parteien besteht die einzige Lösung darin, eine ehrliche Politik zu machen und den noch nicht radikalisierten AFD-Wählern im Rahmen ihres eigenen Parteiprogramms Lösungen anzubieten, sie zurückzuholen und ihren Stimmen wieder Wirksamkeit zu geben. Tun sie das nicht, werden sie über Jahrzehnte die bestehenden Machtverhältnisse zementieren und je weiter sie in die grüne Falle laufen, desto stabiler wird dieser Prozess.