Planung des Unplanbaren

Zentralismus in der Pandemie ist Ausdruck einer Kompetenzillusion. Stattdessen muss ganz Deutschland ein lernendes System werden, das aus konkurrierenden und kommunizierenden Untersystemen besteht. Das wird nur mit künstlicher Intelligenz zu schaffen sein.

Ist der sich permanent verlängernde Lockdown Ausdruck einer souveränen Strategie oder eher Zeichen ängstlicher Ahnungslosigkeit? Vermutlich Letzteres. Unsere “Strategie“ erinnert an das einsilbige Mantra alter Hausärzte, die bei jedem Krankheitsbild, das sie nicht recht einzuordnen wussten, Bettruhe empfahlen. Nur kommt man mit einem so dürftigen Vademecum ernsten Leiden nicht bei. In vergleichbarer Weise wird uns die momentane Angststarre und das Perpetuieren des Immergleichen wenig helfen, das Problem der grassierenden Pandemie in den Griff zu bekommen. Natürlich kann man mit einem konsequenten Lockdown die “Pandemie besiegen“. Aber der Preis ist hoch. Nach dem Wügegriff liegen zumindest Teile der Wirtschaft in Scherben. Operation gelungen, Patient tot. 

Der Ansatz ist zu eindimensional. Er kommt maßgeblich dadurch zustande, dass sich Politik und Verwaltung mental eingeigelt haben und wenig Bereitschaft zeigen, zu lernen. Es gibt kein systematisches, von höchster Stelle geleitetes Erkenntnisinteresse, das die zentralen Probleme in den Fokus nimmt. Statt eine belebende Dynamik zu entwickeln, dominiert die Statik. Über 12 Monate sind seit Ausbruch der Epidemie vergangen. Trotzdem weiß man immer noch nicht genau, wo sich die Menschen wirklich anstecken! Welche Tätigkeiten außer Singen, Jodeln und Brüllen sind gefährlich und wo kann man Leine lassen, um die Wirtschaft nicht zu ruinieren? 

Die Gründe für die intellektuelle Bewegungslosigkeit sind vielfältig. An erster Stelle steht ein gravierender Systemfehler: Die Entscheidungsträger, denen die Bürger ein Mandat gegeben haben, damit diese auch in schwierigen Zeiten in ihrem Sinne entscheiden, sind von den Auswirkungen der gegenwärtigen Krise nicht betroffen. Egal wie viele Selbstständige, Künstler, Theatermacher oder Veranstaltungstechniker in existenzielle Schwierigkeiten geraten, Politiker und Verwaltungsbeamte bekommen 100% ihres Gehalts überwiesen. Unter diesen kommoden Umständen gibt keinen Handlungsdruck, was die eigenen Interessen angeht. Es gibt kein “Skin in the Game“. Das ist eine beunruhigende Situation, bei der die Alarmglocken schrillen müssen. Gemäß der Überzeugung des Statistikers Nassim Nicholas Taleb sollte man sich niemals von den Führungsqualitäten einer Elite abhängig machen, die nicht persönlich die Risiken ihrer Entscheidungen mitträgt. Um diesen systemimmanenten Fehler zu beseitigen, böte es sich an, Neuseeland zum Vorbild nehmen: „Wenn es jemals eine Zeit gegeben hat, die Lücke zwischen verschiedenen Gruppen zu schließen, dann jetzt“. 

Dieses Zitat stammt aus dem Mund von Jacinda Ardern, Neuseelands Regierungschefin. Sie verzichtete in der Coronaepedemie erstmal für sechs Monate auf 20% ihres Gehalts! Was spräche dagegen, von unseren Volksvertretern einen vergleichbaren Tribut zu verlangen? Nur dann entstünde eine glaubwürdige Form der Solidarität. “We are all sitting in one boat“ wie Günther Oettinger so schön kalauerte. Stattdessen kultivieren wir eine Zweiklassengesellschaft. Auf der einen Seite das Risikoprekariat, dass von der Epidemie durchgeschüttelt wird, während Privilegierte die Krise nur merken, weil man seinen Kaffee auf der Straße im Stehen trinken muss.

Unabhängig von dieser Ungerechtigkeit müssen unsere Behörden eine andere Dynamik entfalten. Jeder Betrieb lernt, bei Nachfrageschwankungen seine Produktion den aktuellen Gegebenheiten anzupassen. Bei Bedarf wird mehr gearbeitet oder auch weniger. Doch dieses Gesetz gilt nur für den freien Markt. In Deutschland gab es im Katastrophenfall wochenlang(!) zwischen Weihnachten und  Neujahr keine validen Infektionszahlen. Die Büros waren verwaist. Dienst nach Vorschrift. Die Verantwortlichen saßen beim Festschmauß und begrüßten das neue Jahr. Krisenmanagement sieht anders aus. Und Besserung ist nicht in Sicht. Gerade im Moment stellen wir fest, dass es zu wenig Spritzen gibt, um die Vakzine zu verimpfen. Quizfrage: Wie lange wissen wir, dass Impfstoffe hergestellt werden, für die man Spritzen braucht, um sie zu verabreichen?Tatsächlich reimt sich das Verb “verwalten“ nur zufällig auf “gestalten“. Gestaltung aber täte Not. Wir sind schließlich mit einem Komplexitätsmonster konfrontiert, das nicht dadurch verschwindet, dass man die Bürotür hinter sich abschließt. Wollen wir die Krise überstehen, sind wir gezwungen die Komfortzone zu verlassen, um zu lernen. Doch wie soll das gehen?

Es ist entscheidend, Deutschland nicht als monolithischen Block zu betrachten, der zentralistisch regiert wird. Wir brauchen autonome Untersysteme, die konkurrierend und kommunizierend miteinander in Beziehung treten. Wir besitzen in Deutschland 294 Landkreise und 107 kreisfreie Städte. In der Summe also etwa 400 Untersysteme. Diese müssen als Laboratorien aufgefasst werden, die sich mit verschiedenen Strategien an der Wirklichkeit versuchen und durch die verbreiteten Kennzahlen der 7-Tage-Inzidenz und/oder des R-Wertes ein selektierendes Feedback erhalten. Tatsächlich gibt es bereits positive Entwicklungen. Trotz der verbreiteten zentralistischen Tendenz beginnen einige Landkreise und Städte eigenständig und kreativ neue Wege zu beschreiten. Vorreiter der Unangepassten war die Stadt Jena, die als erste eine Maskenpflicht einführte, als die meisten “Spezialisten“ noch der Überzeugung waren, dass sie unnütz ist.  An vorderster Front Weltärztepräsident Frank Ulrich  Montgomery, der als ausgebildeter Radiologe nicht zwingend Experte für epidemiologische Fragestellungen ist. Im Augenblick kreiert Tübingen mit seinem Oberbürgermeister Boris Palmer und der Notärztin Lisa Federle innovative und erfolgreiche Teststrategien. Genauso machen es die Apotheker der Stadt Böblingen, die nicht warten wollen, bis die Verwaltungsbeamten in die Hufe kommen. 

Trotzdem gibt es auch in diesem Zusammenhang einen Systemfehler. Die Wendigen und Einfallsreichen profitieren nur in Maßen von ihrem Einfallsreichtum und ihrer Tatkraft. Der Lockdown gilt für sie mit der gleichen Härte wie in den Landkreisen, die leichtfertig Querdenker-Demonstrationen mit 10 000 Teilnehmern gestatteten und nun unter hohen Infektionsraten leiden. Wenn aber alle, egal was sie tun, über denselben Kamm geschoren werden, kann kein Wettbewerb der Ideen entstehen! Stattdessen wäre zu fordern, dass kreatives und erfolgreiches Handeln belohnt wird. Sind die Infektionszahlen aber alarmierend, bleibt die Belohnung aus. Da, wo die Inzidenzen niedrig sind, wird also kontrolliert gelockert. Dort wo sie hoch sind, nicht. Damit das nicht zu einem unkalkulierbaren Vabanquespiel gerät, braucht es ein durchdachtes Informationsmanagement. Alle Schritte sind sorgfältig zu dokumentieren und zu kommunizieren. Diese Daten müssen permanent gesammelt und ausgewertet werden. Das geht nur mit intelligenter und potenter Datenverarbeitung! Dem Robert-Koch-Institut, der Referenzbehörde, käme in diesem Zusammenhang eine neue Aufgabe zu. Ihre Aufgabe wäre es, eine digitale Task-Force aufzubauen, die die Daten kategorisiert und zueinander in Beziehung setzt, um schlussendlich Korrelationen zu ermitteln. Diese würden es erlauben, über mögliche Ursachen eines sich verändernden Infektionsgeschehens zu spekulieren. Korrelationen in großen Datenwolken zu finden, ist die Paradedisziplinen potenter Big-Data-Algorithmen, die allerdings an das Problemfeld der Corona-Epidemie angepasst werden müssten.

Tatsächlich kommt KI  in der Corona-Epidemie bereits in verschiedenen Zusammenhängen zum Einsatz. Allerdings nicht dort, wo sie helfen könnte, über Sinn oder Unsinn von Lockdown-Maßnahmen zu urteilen. Wo wird KI bisher eingesetzt? Die chinesische Firma Alibaba hat einen Deep-Learning-Algorithmus entwickelt, der in wenigen Sekunden anhand einer Computertomographie erkennt, ob die Lunge eines Patienten vom Corona-Virus befallen ist oder nicht. In internationaler Zusammenarbeit prüfen amerikanische, europäische und chinesische Forscher in welcher Weise bekannte Wirkstoffe und Antikörper auf den Coronavirus wirken. Dazu verwenden sie Summit und Sierra, die potentesten Supercomputer der Welt. Sie erreichen gemeinsam über 300 Billiarden Rechenoperationen pro Sekunde. Doch das ist nicht das Ende der Fahnenstange. Das  sogenannte “Folding@home“-Projekt der Stanford University stellt, was Rechenkraft angeht, alles in den Schatten. Um Wissenschaftler im Kampf gegen das Corona-Virus zu unterstützen, kann jeder Nutzer Rechenleistung seines eigenen Computers zur Verfügung stellen (Volunteer-Computing). Schon im Mai 2020 hatten die weltweit vernetzten Computer mehr Rechenkraft als alle 500 Supercomputer der Welt zusammen. Mit dieser geballten Power untersuchen die Forscher normalerweise wie sich Proteine in Abhängigkeit von ihren Aminosäuresequenzen falten – ein hochkomplexes Problem. Im Fall von Corona werden Schlüsselkomponenten des Virus geprüft, um Strategien zu entwerfen, mit denen sich die Verbreitung des Virus unterbinden lässt. Es gibt viele weitere Beispiele aber leider eben keine konkrete Anwendung, in welcher in einer föderalen politischen Struktur konkurrierende Untersysteme betrachtet werden, um letztlich das Gesamtsystem zu optimieren. In einem solchen Szenario müssten zu Beginn in den Untersystemen zwangsläufig mit einer gewissen Willkür behaftete Öffnungs- und Schließungsregeln erlassen werden. Diese würden in einem zweiten Schritt durch eine Feedbackschleife einem harten Selektionskriterium ausgesetzt. In diesem spiegelt die zeitversetzte, gewertete Entwicklung des Infektionsgeschehens, das entweder Anlass zur Hoffnung gibt oder nicht. Auf diese Weise wird ein evolutionärer Lernprozess in Gang gesetzt, der in kleinen Schritten dafür sorgt, dass sich die Gesamtsituation verbessert. Damit ist zu rechnen, da die 400 autonom agierenden Untersysteme nicht nur ein Feedback bekommen, was ihre Verordnungen angeht. Da das System transparent ist und die ausgewerteten Daten allen zur Verfügung stehen, gibt es die Möglichkeit sich zu orientieren und Handlungsoptionen zu optimieren. Das Ziel ergibt sich in diesem Kontext zwangsläufig: Die Behörden der Landkreise wollen vermeiden, sich durch unbedachte Verordnungen in einen starken Lockdown zu manövrieren, während in den Nachbarkreisen, die es besser machen, Geschäfte und Restaurants wieder offen sind. Das würde bei den Wählern dieser Kreise zu großem Unmut führen. Dadurch entsteht ein positiver Handlungsdruck auf die Entscheider. Unterm Strich geht es darum, einen Plan für eine im Kern unplanbare Gesamtsituation zu entwerfen. Die Planung des Unplanbaren – das klingt wie ein Widerspruch in sich. Doch in der evolutionären Entwicklung sind optimierende Try-and-Error-Verfahren mit regulierenden Feedback-Schleifen gang und gäbe. Sie bilden geradezu den Kern der Evolutionstheorie. In einem kulturellen Kontext darf es aber nicht um Leben und Tod gehen. Negative Entwicklungen müssen frühzeitig gedämpft, positive unterstützt werden. Dazu müssen die relevanten Informationen mit großer Sorgfalt gesammelt werden. Öffnet zum Beispiel Landkreis A die Schulen, dann ist festzuhalten, wie viele Kinder in einem Raum sitzen, wie oft gelüftet wird, ob sie Masken tragen, wie viele Stunden sie gemeinsam in der Klasse verbringen, wie viele von ihnen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule kommen usw. Eine solche feinmaschige Datenerhebung muss für alle Bereiche geleistet werden. Nur vor diesem Hintergrund würden die ermittelten Korrelationen einen Erkenntniswert besitzen und letztlich zu einem Lernprozess führen würden, der der apathischen Starre, in der wir uns befinden, vorzuziehen wäre. Ob dieses komplexe Szenario in einem Land, in dem Gesundheitsämter Daten noch per Fax verschicken, umzusetzen ist, bleibt abzuwarten. Aber jeder lange Weg beginnt mit einem ersten Schritt.