Ich bohre, also bin ich

Wie der erste Lockdown dazu führte, ein großes Gedankenrätsel zu lösen – Eine philosophische Humoresque

Ist es möglich, dass ein Tübinger Geschaftelhuber in Nachbars Garten, der mit einem Laublaser bewaffnet, einen bukolischen Sommernachmittag in ein dröhnendes Maschineninferno verwandelt, uns hilft, ein abstraktes philosophisches Problem zu lösen? In der Tat. Aufgeworfen wurde dieses Problem von dem Philosophen Richard David Precht in seinem Buch “Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“. Precht? Philosoph? Durchatmen. Hier soll nicht entschieden werden, ob Herr Precht ein ernstzunehmender Denker ist oder der “André Rieu der Philosophie“ wie Peter Sloterdijk ätzte, was wiederum die meist weiblichen Fans des schönen Solingers auf die Palme brachte, für die Sloterdijk die Physiognomie eines beleidigten Walrosses hat. Interessant ist hier nur Prechts mit Schwung vorgetragene These sowie die daraus abgeleitete Schlussfolgerung: Die intelligenten Maschinen machen in Kürze so gut wie Alle von uns arbeitslos. Das klingt alarmierend. Aber Precht spendet Trost und macht uns Hoffnung: Da uns das bedingungslose Grundeinkommen, finanziert aus einem rätselhaften Fortunati Glückssäckel, von wirtschaftlichen Sorgen befreit, sehen wir uns in nächster Zukunft mit einer in der Menschheitsgeschichte einmaligen Chance konfrontiert. Wir schwimmen alle in einem Meer aus freier Zeit, die nur darauf wartet, von uns auf das Schönste gestaltet zu werden. Soweit die Theorie. Doch manchmal kommt der Theorie die Praxis in die Quere, die dann Denker und Werk unbarmherzig in die Gruft der Erkenntnis stößt. Leider handelt es sich bei diesen philosophischen Praxisschocks öfter um Katastrophen. 

Die bekannteste war das Erdbeben von Lissabon am 1.Nov. 1755. Ausgerechnet am Allerheiligen bebte die Erde und die Gläubigen starben beim Beten in den zusammenbrechenden Kirchen während die Gefängnisse stehen blieben, aus denen die Verbrecher entkamen und die Geschäfte plünderten. Konnte ein gütiger Gott so ungerecht sein? Der gläubige Leibniz mit seiner besten aller Welten wurde auf einmal zum Gegenstand des Spotts, der atheistische Voltaire triumphierte und so nahm die Aufklärung Ihren Lauf. 

Für die Prechtsche “Theorie“ heißt der Praxisschock Corona. Das Wüten der Pandemie gab ihr den Gnadenstoß. Denn plötzlich war er da, der paradiesische Zustand. Zumindest für diejenigen, die das Privileg genossen, ihr Gehalt oft ohne Gegenleistung weiter beziehen zu dürfen: Jeden Tag satte 24 Stunden freie Zeit, die nur darauf wartete mit Sinn und Vergnügen gefüllt zu werden. Doch der anfänglichen Euphorie folgte nicht selten der Kater. Für viele wurden die eigenen vier Wände zum Horror. Wo lag das Problem? Ob man wollte oder nicht, man war plötzlich gezwungen, viel Zeit mit einem rätselhaften Wesen zu verbringen, das einem vielleicht doch nicht so angenehm war, wie man immer dachte: dem eigenen Selbst. Philosophen, Meister der selbstgewählten Quarantäne, raten in solchen Fällen zum therapeutischen Zwiegespräch mit sich selbst, damit man sich besser kennenlernt und aneinander gewöhnt. Doch das ist nicht so leicht, wie es sich anhört. Deshalb sprach der Erkenntnistheoretiker Odo Marquard von Einsamkeitskompetenz. Die ist nichts für Anfänger und man lernt sie nicht im Schnellverfahren. War das alte Leben vielleicht doch nicht so schlecht? Aber sich im Beruf abzulenken ging gerade nicht. Da bot sich eine andere Strategie an: Werkeln, werkeln, werkeln. Und so wurden, nachdem der erste Rausch der freien Zeit verflogen war, vor allem die Baumärkte geflutet und die verhinderten Sinnsucher munitionierten sich mit Werkzeugen und Baumaterialien. Und anschließend kam es zum Kampf der Welten. Kontemplationskünstler, Bücherwesen, Müßiggänger, alle die sich auf Odo Marquards langen Weg machten, wurde ihre Leidenschaft zum Verdruss, da der allgegenwärtige Maschinenfuror das Erspüren geordneter Denkbewegung unmöglich machte. Aber nicht verzagen, trotz zerrütteter Nerven gab es unterm Strich einen formidablen Erkenntnisgewinn. Prechts Traum vom baldigen Paradies auf Erden darf man zu den Akten legen. Aber der Solinger braucht sich nicht zu grämen. Und es kann ihm egal sein, dass der böse Sloterdijk ihn einen zweitklassischen philosophischen Stehgeiger schimpft. Denn er ruht jetzt mit einem ganz Großen der Philosophie in der Gruft überholter Erkenntnisse. Neben ihm liegt Philosophenkönig René Descartes, seine Meditationes de prima philosophia in der zitternden Hand. Auch dessen Gewissheitsformel “Ich denke also bin ich“ darf nach Corona als überholt gelten. “Ich bohre also bin ich“ ist das Gebot unserer Zeit.