#Toleranz – die neue Coolness

Von Thomas Lange 

Warum wir uns Voltaire als coolen Typen vorstellen müssen und was wir von ihm über Souveränität in gesellschaftlichen Debatten lernen können. 

Hoch geht es her in den sozialen Medien. An den Zustand der Dauerregung hat man sich ja fast gewöhnt. Auch daran, dass jeder Satz mit einem Ausrufezeichen zu enden scheint. Und doch überraschen der Eifer und die Waffen, mit denen hier gefochten wird: eher Keule denn Florett. Und das ausgerechnet – oder gerade? – in Kreisen der gefühlten Geisteseliten. Auslöser kann mitunter schon einmal die Frage sein, ob die Autorin eines Sachbuchs die Mitwirkung eines Ghostwriters hätte kenntlich machen müssen. 

Worum geht es bei all dem Eifer? Blenden wir für einen Moment die Logiken der Aufregungsbewirtschaftung und der Aufmerksamkeitsökonomie einmal aus. Dann geht es vielen Streitern in der öffentlichen Debatte durchaus um gesellschaftliche Veränderung. Denn dafür kämpfen Politikerinnen und Experten, Aktivistinnen und Intellektuelle ja gleichermaßen: für eine bessere Welt. Wie diese Welt aussehen soll und wie wir dort hinkommen – darüber lässt sich trefflich streiten. 

Die Frage ist nur: muss es dabei so verbissen zugehen, so kategorisch und persönlich? Oder anders formuliert: Wo bleibt die Toleranz? 

So wenig sich die Menschen für schlechte Autofahrer oder Liebhaber halten, würden sich die wenigsten von uns als intolerant bezeichnen. Und doch: Ein bisschen nachsichtiger, ein bisschen demütiger, ein bisschen höflicher – das wäre vermutlich schon drin. 

Nachsicht 

Wer tolerant ist, beweist nicht nur zähneknirschend Nehmerqualitäten (wir halten die Meinung anderer aus), sondern tut dies auch aus einer bestimmten Haltung heraus. 

In den Worten Voltaires: „Was ist Toleranz? Sie ist die Menschlichkeit überhaupt. Wir sind alle gemacht aus Schwächen und Fehlern; darum sei das erste Naturgesetz, dass wir uns wechselseitig unsere Dummheiten verzeihen.“ 

Eine gewisse Großzügigkeit – um nicht zu sagen Weitherzigkeit – steht uns also durchaus gut zu Gesicht. 

Demut 

Gerade Experten neigen womöglich dazu, sich selbst zu überschätzen – und zwar hinsichtlich ihrer Rolle und Bedeutung im politischen Prozess. Niemand würde wohl bestreiten, dass wir Expertenwissen brauchen, um die großen Herausforderungen unserer Zeit zu meistern. Egal ob es um Corona, das Klima oder die Armutsbekämpfung geht – ohne Expertenwissen stochern wir orientierungslos im Nebel herum. Aber in Demokratien kommt es nicht allein auf dieses Wissen an. 

„[…] Wenn in Demokratien Dinge zu entscheiden sind, die alle betreffen, so ist Distanz zu Experten wichtig. Jeder Experte kennt nur seine eigenen Spezialprobleme, aber alle Probleme bedürfen einer Entscheidung und die Entscheidung eines speziellen Problems verhindert und verzögert die Lösung anderer Probleme. Demokratischer Dilettantismus entsteht aus notwendiger Distanz zu einer Fachidiotie, die immer nur bestimmte Interessen und Aspekte einzubeziehen vermag.“ 

So bringt der Verfassungsrechtler Christoph Möllers das Verhältnis von Expertentum und Demokratie auf den Punkt. „Natürlich können durch diese Distanz falsche Entscheidungen getroffen werden.“ Aber das sei in Expertokratien auch nicht anders. Schließlich könnten auch Experten irren oder seien verführbar. Vor allem aber – und dieser Punkt scheint für einige Experten nur schwer erträglich zu sein: „In der Demokratie sind nicht alle gleich klug, gebildet oder erfahren. Aber die Demokratie unterstellt allen das gleiche Vermögen, eigene und öffentliche Angelegenheiten zu beurteilen. […] Politisches Urteilsvermögen [ist] keine Fähigkeit, die mit Ausbildung und Intellektualität zunehmen würde.“

Höflichkeit 

So wie der Mensch nicht vom Brot allein lebt, lebt die offene und demokratische Gesellschaft nicht allein von Regeln und Gesetzen. Sie erfordert auch einen halbwegs zivilisierten und respektvollen Umgang, den wir im Alltag miteinander pflegen. Der Ton macht die Musik. 

Und wer – umgekehrt – dennoch bepöbelt wird? Der mache sich mit Schopenhauer klar, dass es üblicherweise die in der Sache längst Geschlagenen sind, die persönlich ausfällig werden: „Beim Persönlichwerden […] verlässt man den Gegenstand ganz, und richtet seinen Angriff auf die Person des Gegners: man wird also kränkend, hämisch, beleidigend, grob. Es ist eine Appellation von den Kräften des Geistes an die des Leibes, oder an die Tierheit. Diese Regel ist sehr beliebt, weil jeder zur Ausführung tauglich ist, und wird daher häufig angewandt.“ Schopenhauers Rat: gelassen bleiben. Und sich gut überlegen, in welche Debatten man tatsächlich einsteigen will. Und vor allem mit wem.

Zum Schluss noch einmal Voltaire, weil es so schön ist: 

„Die Natur hat zu allen Menschen gesprochen: Ich ließ euch alle schwach und unwissend geboren werden […]. Da ihr schwach seid, helft euch; da ihr unwissend seid, klärt euch auf und habt Nachsicht untereinander. Seid ihr alle derselben Meinung, was sicher nicht geschehen wird, so solltet ihr, wenn es auch nur einen einzigen Menschen mit einer anderen Ansicht gibt, sie ihm zugute halten, denn ich bin es, der ihn so denken lässt, wie er denkt. Ich habe Euch Arme gegeben, um das Land zu bebauen, und einen kleinen Schimmer Vernunft, um euren Weg zu finden; in eure Herzen habe ich einen Keim von Mitleid gesetzt, damit ihr einander helft, das Leben zu ertragen. Erstickt diesen Keim nicht, verderbt ihn nicht, wisst dass er göttlich ist, und ersetzt nicht die Stimme der Natur durch den armseligen Eifer der Schule.“ 

Bleiben wir also cool – und seien wir tolerant!



Dr. Thomas Lange ist Volkswirt und war lange bei der Akademie für Technikwissenschaften (Acatech) in München beschäftigt. Er ist jetzt für ein Münchener Family Office tätig.

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Dieser Beitrag ist am 15. August 2022 zuerst auf dem Blog Der Debatte halber erschienen.

Der Wolf im Schafspelz – die „Causa Maaßen“ und das „Canceln“ von Autoren

Von Christoph Gröpl und Christian F. Majer

„Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus‘. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus‘.“ Es ist nicht sicher, ob dieses Zitat dem italienischen Schriftsteller Ignazio Silone (1900–1978) zugeschrieben werden darf. Dieser Streit braucht hier nicht vertieft und schon gar nicht entschieden zu werden. Denn selbst wenn das Zitat einen anderen Urheber hat, ist es auf beklemmende Weise wahr. Faschismus und Nationalsozialismus zeichnen sich – unter anderem – durch brutale Intoleranz aus; sie dulden keinen Widerspruch, schon gar keinen intellektuellen. Für den selbsterklärten Antifaschismus gilt offenbar nichts anderes.

Derzeit beobachten wir Bewegungen, die angeblich für Toleranz und Akzeptanz gegenüber Gruppen und Lebensentwürfen kämpfen, die sie als schützenswert (neudeutsch „vulnerabel“, wohl übernommen aus dem einschlägigen US-amerikanischen Politjargon) und förderungswürdig erachten. Dabei geben sie „Anti-Intoleranz“ und das Bekenntnis zur Diversität vor, legen ihrerseits indes eine unsägliche Intoleranz an den Tag – und werden ihren Gegnern dadurch auf bedrückende Weise ähnlich, auch in der Armut ihrer Argumente.

Ihre Methode ist die öffentliche Empörung, die individuelle Bloßstellung, insbesondere in den und mithilfe der sozialen Medien. Mit Vorliebe konzentrieren sie sich auf Einzelpersonen, die ihnen politisch „verhasst“, d.h. tatsächlich oder vermeintlich „rechts“ sind. Diese stellen sie an den medialen Marterpfahl, was den Effekt hat, dass Dritte davor zurückschrecken, den medial Gemarterten beizustehen, aus Furcht, sie kämen als nächste an die Reihe. Am Ende steht die (Un)Kultur der Auslöschung anderer („rechter“) Meinungen („Cancel Culture“). Ob es sich dabei tatsächlich um eine „Kultur“ handelt, ist ebenso nebensächlich wie der Streit um den Terminus „Cancel Culture“, da jedenfalls das Phänomen existiert.

Diese Bewegung nennt sich selbst „woke“ und wird oft dem linken Spektrum zugeordnet. Mit den klassischen Linken haben sie allerdings – vielleicht außer einer kollektivistischen Betrachtungsweise – wenig gemein. Anders als diese interessieren sie sich nicht für prekäre Lebensverhältnisse der Arbeiter gleich welcher Hautfarbe und Herkunft, sondern haben zu Schützlingen ausschließlich angeblich „marginalisierte“ Minderheiten erkoren, die sich durch Hautfarbe, Herkunft, Religion oder sexuelle Identität auszeichnen. Diesen wollen sie in angeblichem Kampf gegen diese „Marginalisierung“ und Unterdrückung weitgehende Privilegien zuweisen, in Abkehr von den Prinzipien der Gleichbehandlung aller vor dem Gesetz und des Leistungsgedankens. Hintergrund ist wohl die Vorstellung, Positionen und Ressourcen in einem Staat würden grundsätzlich ausschließlich nach Gruppenzugehörigkeit verteilt, und die herrschende Gruppe beute den Staat unter Verdrängung der zu schützenden Gruppen aus. Vom Kampf gegen den Rassismus, den sie sich gerne auf die Fahnen schreiben, haben sie sich weit entfernt.

Neuerdings sind bei uns Verlage das Objekt der Empörung. Sie werden zum Teil erfolgreich dazu veranlasst, politisch nicht genehme Autoren oder Bücher aus der Öffentlichkeit zu verbannen („auszulöschen“). So jüngst geschehen mit den Winnetou-Büchern des Ravensburger-Verlags, nachdem „Indianer“ zum Tabuwort stilisiert wurde und dem Kinderbuch (!) die Verwendung kolonialer und rassistischer Stereotype vorgeworfen wurde. Dass Kinderbücher üblicherweise nicht historisch exakt sind und mit Stereotypen arbeiten, lässt man nicht als Einwand gelten, genauso wenig die Sympathie Karl Mays für die Indianer, deren Behandlung in den Vereinigten Staaten er als einer der ersten immer wieder kritisierte und deren positives Bild in Deutschland ihm durch die Erfindung des „Winnetou“ zu einem Großteil zu verdanken ist.

Nun soll der Verlag C.H.Beck dazu gebracht werden, Hans-Georg Maaßen als Autor aus seinen juristischen Werken zu verabschieden. Anlass dazu bilden verschiedene Äußerungen Maaßens zu den Themen Ukrainekrieg und Covid-19-Pandemie; nicht vergessen wurde auch seine Kritik an der Flüchtlingspolitik der Regierung Merkel. Die Empörung zielt auf die Kommentierungen Maaßens in dem Grundgesetz-Kommentar von Epping/Hillgruber zum „Asylgrundrechtsartikel“ 16a.

Selbstverständlich steht es jedem Autor frei, die Zusammenarbeit mit einem Verlag zu beenden, wenn er Bedenken gegen dessen (vermeintliche) politische Ausrichtung hat. Ebenso steht auch einem (privaten) Verlag frei, seine Autoren nach Belieben auszuwählen. Für die Meinungsvielfalt ist es aber problematisch, wenn von außen auf einen Verlag Druck ausgeübt wird, der sich weniger durch Sach- als vielmehr durch Totschlagsargumente auszeichnet. Durch das Zurückweichen des Verlags C.H.Beck in der „Causa Zuck“ und die Umbenennungen einiger juristischer Standardwerke bestärkt, sehen Anhänger der „Cancel Culture“ in diesem Verlag offenbar ein geeignetes Opfer, um dessen bislang breites rechtswissenschaftliches Meinungsspektrum mithilfe weiterer Kampagnen einzuschränken. Das Ziel soll offensichtlich das Gegenteil von „Diversität“ im Sinne von Meinungsvielfalt sein.

Um nicht missverstanden zu werden: Mit unserer Zurückweisung der „Cancel Culture“ verbinden wir keine Zustimmung zu bestimmten politischen Aussagen Maaßens – darauf kommt es insoweit gar nicht an. Es geht uns hier ausschließlich um die abstrakte Eignung und Berechtigung eines Autors, am rechtswissenschaftlichen Diskurs teilzunehmen. Und diese Frage ist losgelöst von der „Causa Maaßen“ zu beantworten: Wir sind der Überzeugung, dass ein Verlag die Zusammenarbeit mit einem Autor nicht deshalb beenden muss, weil dieser sich politisch fragwürdig geäußert hat. Wer insoweit anderer Ansicht ist, öffnet der Willkür Tür und Tor. Denn wer soll – jenseits von strafbaren und verfassungsfeindlichen Äußerungen – darüber entscheiden, welche Ansicht politisch nicht mehr akzeptabel ist und damit „gelöscht“ werden soll? In dieses Fadenkreuz politischer Missliebigkeit kann letztlich jeder geraten.

Demgegenüber wird häufig eingewandt, man dürfe „Rechten“ oder gar „Faschisten“ und „Rassisten“ keinen Raum für ihre Äußerungen gewähren. Indessen werden diese Begriffe jenseits ihres konsentierten Anwendungsbereichs seit einiger Zeit inflationär und unscharf verwendet. Ist jemand, der die Pandemie- oder Energiepolitik der Bundesregierung kritisiert, zwangsläufig „rechts“, nur weil Rechtsextreme das üblicherweise tun? Ist jemand Rassist, wenn er seine „Mohrenapotheke“ nicht umbenennen will, indem er darauf hinweist, dass ihr Name Bezug auf die „Mauren“ und deren im Mittelalter den Westeuropäern weit überlegene Medizin nimmt? Ist es schon rassistisch, wenn man dunkelhäutige Menschen nach ihrer Herkunft fragt? Ist jemand, der das Geschlecht nicht rein subjektiv definiert, ohne weiteres „transphob“, ja „gruppenbezogen menschenfeindlich“? Oder verfällt, wer die Muslimbruderschaft kritisiert, der „Islamophobie“? Hier wird die Notwendigkeit der Bekämpfung von (Rechts)Extremismus und Rassismus umfunktioniert zur Engführung öffentlicher Meinungsäußerungen, zur Ausschaltung politischer Diskussionen im demokratischen Rahmen.

Freilich gilt auch die Wissenschaftsfreiheit nicht unbegrenzt. Wissenschaftler haben die Strafgesetze zu beachten; volksverhetzende oder beleidigende Schriften aus ihrer Feder können verboten werden. Darüber entscheiden in einem Rechtsstaat allerdings die zuständigen Gerichte, nicht selbsternannte Tugendwächter in sozialen Medien. Die Bedenken gegen die Kommentierungen Maaßens ließen sich vielleicht noch nachvollziehen, wären diese Kommentierungen die einzige Erkenntnisquelle zum Asylgrundrecht des Art. 16a GG. Aber davon kann nicht einmal ansatzweise die Rede sein. An Kommentaren zum Grundgesetz besteht, auch und gerade im Beck-Verlag, kein Mangel; wer die Ausführungen Maaßens meiden will, möge andere, ihm genehmere wissenschaftliche Quellen heranziehen. Es geht der Kampagne jedoch offensichtlich nicht darum, dass man sich anderweitig informieren möchte und dies auch kann – es geht darum, Dritten den Zugang zu den Auffassungen Maaßens zu versperren. Seine Ansichten sollen aus dem juristischen Diskurs verbannt werden. Auffällig an diesem Versuch der „Auslöschung“ ist, dass die inhaltliche Qualität der Kommentierungen kaum thematisiert wird. Ist eine Kommentierung unzutreffend oder einseitig, verdient sie Widerspruch; darin besteht das „Kerngeschäft“ der Rechtswissenschaft. Niemand ist gezwungen, den Ansichten Maaßens zu folgen. Wissenschaftler müssen damit leben, dass ihre Ansichten verworfen werden. 

Jurastudenten lernen früh, dass es auf das Argument ankommt, nicht auf die Person, die es vorbringt. Dieser Konsens in der Rechtswissenschaft droht durch die „Cancel Culture“ aufgekündigt zu werden. Dem einzelnen Leser wird die Berechtigung abgesprochen, richtige von falschen Argumenten zu unterscheiden. Stattdessen soll es nur noch auf die – vermeintliche – „Haltung“, die „moralische Integrität“ oder gar auf Hautfarbe und Herkunft der Person ankommen. Dass damit jegliche Debattenkultur infrage gestellt wird, scheint manchen nicht bewusst zu werden. 

Rund 90 Jahre ist es her, dass nationalsozialistische Wüteriche massenhaft Bücher „weltanschaulich“ anders denkender Autoren aus deutschen Bibliotheken ins Feuer warfen (1933). Nicht einmal zehn Jahre danach kam es zum Holocaust – Heinrich Heines Sorge verwirklichte sich auf schlimmste Weise: „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“ (1823). So weit sind wir – zum Glück – noch nicht. Im Zeitalter der Internets bedarf es allerdings keiner Flammen mehr, vielfach genügt die elektronische Vertilgung. Die Frage drängt sich daher auf, welche Art der Auslöschung missliebigen Autoren als Menschen widerführe, errängen die modernen Wüteriche der sozialmedialen Empörungs(un)kultur die politische Macht in Deutschland. Ihre Forderungen beschränken sich jedenfalls nicht auf die Verdrängung aus dem akademischen Diskurs, sie zielen vielmehr meist auf die Person ab, die ihre Stellung verlieren und nirgendwo mehr eine Position erhalten soll; die Beispiele aus dem angelsächsischen Raum sind zahlreich. Die hasserfüllten Tiraden ad hominem, die oft zu lesen sind, lassen Fatales befürchten.

Um zum Ausgangspunkt zurückzukommen: Wenn die Intoleranz wiederkehrt, wird sie nicht sagen: „Ich bin die Intoleranz“. Nein, sie wird sagen: „Ich bin die Anti-Intoleranz.“ 



Prof. Dr. Christoph Gröpl hat den Lehrstuhl für Staats- und Verwaltungsrecht sowie deutsches und europäisches Finanz- und Steuerrecht an der Universität des Saarlandes

Christian F. Majer ist Direktor des Instituts für internationales und ausländisches Privat- und Verfahrensrecht an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg

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Dieser Text erschien ursprünglich auf der Website des “Netzwerks für Wissenschaftsfreiheit“

Viel Lärm um Nichts

Von Martin Bleif

Öffentliche Vorlesungen an Hochschulen rangieren in punkto Medieninteresse normalerweise auf dem Niveau von Veranstaltungsankündigungen des örtlichen Kleintierzüchtervereins. Nicht so ein im Juni 2022 angekündigter und dann aber „gecancelter“ Vortrag an der Berliner Humboldt Universität. Der sorgte deutschlandweit für ein heftiges Rauschen im Blätterwald. Tagelang. Die Referentin, Marie-Luise Vollbrecht, eine bis dato weitgehend unbekannte 32-jährige Doktorandin der Biologie, war – von ARD bis ZEIT – plötzlich in aller Munde. Was war passiert? Vollbrecht hatte im Rahmen einer „Langen Nacht der Wissenschaften“ für ein Laienpublikum einen Vortrag mit dem an sich  unspektakulären Titel: „Geschlecht ist nicht (Ge)schlecht – Sex, Gender und warum es in der Biologie zwei Geschlechter gibt“ angekündigt . Vor 30 Jahren hätte sie vermutlich ihr Referat gehalten und kein Hahn hätte gekräht.  Im Jahr 2022 ruft aber ein studentischer „Arbeitskreis kritischer Jurist*Innen“ zu Boykott und Protest auf, die Universität zieht den Kopf ein und sagt den Vortrag ab. 

Titel sollten wir ernst nehmen: Es geht in diesem Vortrag um den Geschlechterbegriff in der Biologie, nicht mehr, nicht weniger. Es geht nicht um Geschlechterrollen, nicht um Themen wie Geschlecht und Verhalten, die in der Tat das Potential zur Kontroverse hätten. Es geht – etwas verkürzt gesagt – schlicht um den Nachweis, dass Begriffe wie Kater und Katze im Kontext der Biologe ihren Sinn haben. Warum nur produziert die Feststellung, dass es in biologischer Perspektive „zwei Geschlechter“ gibt,  in unseren Tagen eine völlig überreizte Diskussion, bei der von vielen Seiten vor allem Gift und Galle hektoliterweise verspritzt werden?  

Ein wesentliches Problem scheint in der Weigerung oder der Unfähigkeit zu liegen, sich auf die Bühne zu begeben, auf der die Geschichte spielt.  Wenn Jurist*Innen einer Biologin, die über ihr Fachgebiet, die Biologie, referiert, ausgerechnet „Unwissenschaftlichkeit“ vorwerfen, dann müssen sie willens und in der Lage sei, sich auf die Perspektive der Biologe einzulassen. Wissenschaft arbeitet mit und vermittelt sich durch Sprache.  Begriffe sind ihre Werkzeuge, die zu bestimmten Zwecken konstruiert wurden. Die Wissenschaft verwendet sie in festgelegten Kontexten und muss versuchen,  sie in diesen Zusammenhängen so präzise wie möglich zu definieren. Um mitreden zu können, müssen wir versuchen, diese Definitionen zu verstehen. Ein Vorschlag zur Güte. Wie wäre es, kurz und tief durchzuatmen und zuzuhören.  Sehen wir hin und denken wir nach, wie und warum der Begriff ‚Geschlecht‘ (englisch: Sex) in die Biologie gekommen ist:

Alles fing in guter alter empirischer Tradition mit einer Beobachtung an, der Beobachtung nämlich, dass die Evolution vor vielen 100 Millionen Jahren etwas Neues und bei Licht besehen Erstaunliches erfunden hat: Gemeint ist die sexuelle Form der Fortpflanzung. Für uns scheint Sex etwas Selbstverständliches zu sein, weil er bei fast allen höheren Tier- und viele Pflanzenarten die eindeutig bevorzugte Methode der Vermehrung geworden ist. Dennoch: Beim näherem Nachdenken und beim Blick auf die Geschichte des Lebens fordert die „Selbstverständlichkeit“ eine Erklärung.  Denn schließlich sind die Lebewesen auf unserer Erde über 2 Milliarden Jahre auch ohne Sex gut klargekommen. Vermehrung fand in dieser Zeit (und bei Bakterien und Einzellern bis heute) höchst erfolgreich und weitaus simpler durch schlichte Zellteilung statt. 

Sex ist dagegen aufwändig, kompliziert und fehlerträchtig. Schon der irische Dichter George Bernhard Shaw, berüchtigt für seine spitze Zunge, hatte implizit noch ein weiteres Problem erkannt:  Auch wenn er kein Adonis war, als gefeierter und wohlhabender Dichterfürst wurde er wohl immer wieder zum Objekt weiblicher Begierde. Eines Tages machte ihm eine ebenso zudringliche wie attraktive Schauspielerin ein ziemlich eindeutiges Angebot: „Wir sollten ein Kind machen“,  wisperte sie. „Stellen Sie sich vor, meine Schönheit, gepaart mit ihrer Intelligenz“.  Der offensichtlich genervte Shaw konterte maliziös: „Aber was, meine Liebe, wenn es umgekehrt herauskommt und unser Nachwuchs mit meiner Schönheit und Ihrer Intelligenz ausgestattet wäre?“ 

Sex ist problematisch. Sex ist nicht nur verschwenderisch, weil hier zwei Eltern statt einem Elter gefordert sind, Sex gleicht – siehe Shaw –  einer Lotterie, die bewährte (genetische) Entwürfe durch Vermischung zweier Genome binnen einer Generation über den Haufen werfen kann. Und doch geht es beim Sex – aus der Sicht der Biologie – genau darum:  Im Kern ist entscheidend, dass zwei verschiedene genetische Entwürfe verschmelzen und dabei etwas (genetisch) Neues entsteht, ein Wesen,  was eben keine (Gen)-Kopie der Eltern ist,  sondern eine jedes Mal neue und  einzigartige Mischung aus Genen, die zu jeweils 50 %  von einem der Eltern stammen.  Diese Vermischung gleicht einer Lotterie und genau dieses Zufallsprinzip ist das (evolutionsbiologisch) Erfolgsgeheimnis der sexuellen Fortpflanzung, Sexuelle Fortpflanzung setzte sich durch, weil sie die genetische Vielfalt einer Art und damit langfristig ihre Chancen im „Struggle for Live“ massiv verbessert. Wer sich nicht denken kann, warum das so ist, der kann in einem Lehrbuch der Evolutionsbiologie nachschlagen. Denn das ist nicht unser Thema. 

Unser Thema ist die Definition des Geschlechterbegriffs in der Biologie. Sexuelle Fortpflanzung setzt in der Regel die Existenz zweier dafür spezialisierter Typen von Keimzellen voraus. Nur in Ausnahmefällen sind diese Keimzellen identisch aufgebaut (Isogamie). Fast immer sind sie asymmetrisch konstruiert (Anisogamie).  Eine davon wird als Eizelle definiert, weil sie mit Vorräten ausgestattet ist, die in der ersten Phase nach der Befruchtung  die Ernährung des neuen Wesens sichern.  Der asymmetrische Partner, die  Samenzelle, dringt in die Eizelle ein und bringt fast nichts mit außer ihrer Erbinformation. Bei fast allen Tierarten werden beide Kategorien von Keimzellen auch von zwei verschiedene Kategorien von Lebewesen bereitgestellt. Sexuelle Vermehrung ist also per definitionem ein Gemeinschaftsprojekt zweier asymmetrischer Kategorien von Lebewesen. Männer sind (auf dieser Ebene der Betrachtung) dadurch definiert, dass sie Samenzellen beitragen, Frauen dadurch, dass sie ihre Eizellen zur Verfügung stellen. Nicht mehr, nicht weniger. 

Vielleicht wird schon jetzt der eine oder andere  Protagonist der Theorie der multiplen Geschlechter ungeduldig mit den Füßen scharren und hereingrätschen wollen:  Ja, aber es gibt doch Ausnahmen!!!!  Die gibt es, in der Tat. Die Evolution ist unglaublich erfinderisch. Sex erfordert nicht zwangsläufig  die „Vereinigung zweier Leiber“. Es existieren Tierarten, bei denen es mit der Geschlechterdichotomie tatsächlich ein bisschen komplizierter ist.  Das gilt aber dann für alle Individuen der betreffenden Art.  Bestimmte Wurmspezies zum Beispiel sind sogenannte „echte Zwitter“ oder – etwas distinguierter formuliert – „echte Hermaphroditen“.  Echte Hermaphroditen sind in der Biologie dadurch definiert, dass sie sowohl männliche als auch weibliche primäre Geschlechtsorgane (Hoden und Eierstöcke) mit entsprechenden Keimzellen ausbilden können. Wenn Tiere gleichzeitig sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsorgane und Keimzellen ausbilden, redet man von Simultanzwittern. Regenwürmer sind solche Simultanzwitter. In Ausnahmefällen können sie sich sogar selbst befruchten.  Die  genetische Lotterie der sexuellen Fortpflanzung würde in diesem seltenen Fall also tatsächlich umgangen werden.  Selbst bei Hermaphroditen läuft es aber fast immer anders. Auch Plattwürmer sind echte Hermaphroditen. Sie vermeiden aber die Selbstbefruchtung. Meist lösen sie ihr Problem dadurch, dass sie im Lauf ihres Lebens ihr Geschlecht wechseln.  Wenn die männlichen Gonaden zuerst reifen, dann spricht die  Biologie von Proterandrie (Vormännlichkeit), im umgekehrten Fall von Proterogynie (Vorweiblichkeit).    Proterandrie kommt bei Tierarten wie Plattwürmern, Ringelwürmern, Schnecken, bei Nesseltieren wie z. B. der Kompassqualle, bei Gliederfüßern und Stachelhäutern wie Seesternen vor – alles Tiere, die wir nicht gerade zu unseren nächsten Verwandten zählen.  Auch einige Wirbeltierarten vollziehen eine entwicklungsbedingte Geschlechtsumwandlungen. Das gilt für manche Arten von Barschen und Meerbrassen, aber auch für Kiemenschlitzaale, Papageifische, Grundeln und Großkopfschnapper. Die Mechanismen dahinter sind vielfältig und für unser Problem nicht relevant.  Relevant ist, dass artspezifischer „echter“ Hermaphrodismus eine Ausnahme darstellt. Bei den meisten Wirbeltierarten, vor allem bei Säugetieren,  wird er nicht praktiziert.   

An dieser Stelle sind allerdings zwei Klarstellungen angebracht: 

  1. Begriffe wie „echter Zwitter“ oder „echter Hermaphrodit“ sind in der Biologie gut definiert. Es handelt sich um Individuen, die sowohl Hoden als auch Eierstöcke entwickeln.  Umgangssprachlich wird der Begriff „Hermaphrodit“  oder „Zwitter“ oft viel weniger spezifisch verwendet. Umgangssprachlich werden nicht selten Individuen,  die – aus welchen Gründen auch immer  (biologischen, psychologischen oder kulturellen) – nicht eindeutig als Frau oder Mann  identifiziert werden können, als Zwitter bezeichnet. Mit echtem Hermaphrodismus hat das aber meist nichts zu tun.  Wenn wir über die Begriffe der Biologie streiten, dann müssen wir uns an die Definitionen der Biologie halten. 
  1. Wir müssen drei Dinge auseinanderhalten, den artspezifischen echten Hermaphroditismus, den (sehr seltenen) individuellen (echten) Hermaphroditismus und ein uneindeutiges Geschlecht bei einzelnen Individuen einer Art, bei der die Mehrzahl der Individuen genetisch eindeutig als Frau (=Eizellspender) oder Mann (=Samenzellspender) definiert sind. Auch bei solchen Arten – wie zum Beispiel Katzen, Schimpansen oder Menschen – gibt es immer wieder einzelne Individuen,  die (phänotypisch) eben nicht eindeutig der Kategorie Mann oder Frau zuzuordnen sind.   Die Gründe für diese Uneindeutigkeit sind vielfältig und können auf unterschiedlichsten Ebene angesiedelt sein. Sie können in der Biologie liegen, müssen aber nicht.  

Bevor ich auf individuelle, nicht artspezifische Gründe für sexuelle Uneindeutigkeit eingehe, möchte ich noch eine Sache festhalten: Anders als bei Tierarten mit einem generellen artspezifischem Hermaphroditismus gilt bei allen anderen Tierarten – auch beim Menschen: Nur weil es einzelne Individuen gibt, die – auf welcher Ebene und wodurch auch immer – nicht auf den ersten Blick eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind, nur weil es also Ausnahmen und Zwischenformen gibt,  muss die Biologie die großen dichotomen Kategorien Mann und Frau nicht über Bord werfen. Schließlich sind die Elektro- und die Verbrennungsmotoren ja auch nicht in dem Moment von unseren Straßen verschwunden, als vor einigen Jahren auch Hybridantriebe zugelassen wurden. 

In vielen (biologischen) Zusammenhängen machen diese Kategorien natürlich Sinn.  Im Fall der Säugetiere hat diese Zuschreibung zum Beispiel eine wichtige Konsequenz.  Hier vollzieht sich die Verschmelzung der Keimzellen im Körper der Frauen. Und sie sind es auch, die ihren Körper während der Schwangerschaft als geschützten Raum zur Verfügung stellen, in dem sich die Entwicklung von der befruchtete Eizelle bis zum lebensfähigen Individuum vollziehen kann. 

Werfen wir jetzt einen kurzen Blick auf den Mechanismus, der darüber entscheidet, welches Geschlecht eine befruchtete Eizelle entwickelt.  Denn auch hier war die Evolution sehr erfinderisch. Letztendlich entscheiden immer Informationen, die in den Genen angelegt sind. Was die Details der Realisierung angeht, da hat die Natur eine Reihe unterschiedlicher Wege angelegt, die aber schlussendlich alle zum  selben Ziel führen, einem (genetisch – oder in Ausnahmefällen  epigenetisch) eindeutig festgelegten Geschlecht. Die sogenannten ‚epigenetischen‘ Ausnahmen seien hier nur am Rande erwähnt.  Es gibt einige wenige Tierarten,  bei denen die Weichenstellung nicht über die Gene selbst, sondern über eine Art von (epigenetischem) Schalter erfolgt, der je nach externer Konstellation die genetische Informationen so aktiviert, dass entweder ein Männchen oder ein Weibchen entsteht.  Bei Krokodilen ist es die Temperatur, die über den Modus der epigenetischen Aktivierung entscheidet, beim Clownfisch gar die soziale Umgebung.  Wer das genau wissen möchte,  kann in einem Biologiebuch unter dem Stichwort ‚Epigenetik‘ nachlesen. Wie dem auch sei, auch Clownfische und Krokodile sind für unser Thema eher uninteressant. 

Der Stein des Anstoßes ist schließlich das Geschlecht des Menschen. Wie bei anderen Säugetieren entscheiden auch hier Gene, die auf speziellen ‚Sex-Chromosomen‘ lokalisiert sind, über das (genetische) Geschlecht. Jede der zig Milliarden Zellen unseres Körper trägt in ihrem Kern die komplette Erbinformation, codiert in über 20.000 Genen. Diese 20.000 Gene sind verpackt in 23 verschiedenen Paketen, die wir Chromosomen nennen.  In allen Körperzellen sind diese Chromosomen paarig angelegt (Diploidie). (Genotypische) Männer unterscheiden sich von den (genotypischen) Frauen nur hinsichtlich des letzten, des 23. Paars.  Während Frauen an dieser Stelle zwei identische sogenannten X-Chromosomen haben, finden wir im Zellkern von Männern ein X- und ein kleines Y-Chromosom. 

Unsere Keimzellen aber durchlaufen in ihrer Entwicklung zwei Reifeteilungen, bei denen sie die Hälfte der Chromosomen verlieren. Die Paare werden getrennt, so dass eine reife Keimzelle vor der Befruchtung nur 23 einzelne Chromosomen beherbergt (Haploidie). Blicken wir auf die Chromosomen 1 bis 22, so bedeutet die Trennung keinen Informationsverlust, weil diese Chromosomenpaare identisch sind.  Beim Chromosom 23 ist das anders. In reifen  Samenzellen von Männern finden wir nach der Trennung des 23. Paars entweder ein X- oder ein Y-Chromosom.   Das Y-Chromosom beherbergt nur eine Handvoll Gene, die allerdings das Zünglein an der Waage bilden. Der Zufall entscheidet, welche der beiden Samenzelltypen bei einer Befruchtung zum Zuge kommt.  Ist es eine Samenzelle mit Y-Chromosom , dann wächst ein männlicher Embryo heran, bei einem X-Chromosom ein weiblicher.  

Wenn wir dieser Entwicklung folgen, dann landen wir automatisch auf einer zweiten Ebene der Biologie, die oberhalb der Ebene der Gene und der Keimzellen angesiedelt ist. Wir landen beim Individuum und seinem Phänotyp. Auch auf dieser Ebene spielt der Begriff des Geschlechts eine Rolle, wird aber, je nach den Umständen, anders definiert.   Zwischen der unteren Ebene, dem Genotyp, und der Ebene des Phänotyps, der sehr grob vereinfacht  mit „Erscheinungsbild“ übersetzt werden könnte, bestehen natürlich Beziehungen.   Trotzdem ist der Phänotyp eine schwierige Sache, weil viele seiner Aspekte nicht nur von den Genen, sondern von zahllosen weiteren Faktoren beeinflusst werden, die auf sehr komplizierte Weise zusammenspielen.  Beim Menschen ist die Entwicklung des Phänotyps noch ein ganzen Stück komplexer als bei allen anderen Tierarten, weil  hier neben  biologischen Faktoren auch eine Vielzahl psychologischer, sozialer und kultureller Einflüsse ihre Finger im Spiel haben.  

Was allerdings genetisches Geschlecht (XX oder XY) und phänotypisches (biologisches) Geschlecht bei Geburt angeht, sind die beiden Ebene zu fast 100% deckungsgleich.  Soll heißen, die meisten –  nicht alle – genetisch weiblichen Embryonen werden auch zu phänotypisch weiblichen Neugeborenen und umgekehrt. Spätestens an dieser Stelle muss ich eine zweite Definition nachliefern. Das phänotypische Geschlecht eines neugeborenen Menschen wird –  in der Biologie und in der Medizin – durch das  Vorhandenen sogenannter „primärer Geschlechtsmerkmale“  bestimmt.    Primäre  Geschlechtsmerkmale sind die Geschlechtsorgane, die vornehmlich der Fortpflanzung dienen. Bei der Frau wären das vor allem Eierstöcke, Gebärmutter, Vagina und Vulva, beim Mann Hoden, Nebenhoden, Samenwege und Penis. Wir reden immer noch über Biologie und über die biologischen Faktoren, die den sexuellen Phänotyp eines Neugeborenen – seine primären und sekundären Geschlechtsmerkmale – beeinflussen.  

Der Weg von der befruchteten Eizelle zum Neugeborenen ist ein langer,  vielstufiger und komplizierter Prozess, der neun Monate dauert und vom einem genetischen Programm gesteuert, aber auch von vielen äußeren Faktoren beeinflusst wird. In dem meisten Fällen führt dabei einen gerader Weg von den Sex-Chromosomen zum biologischen Phänotyp der Neugeborenen. Aber komplexe Prozesse haben es an sich, dass sich „Fehler“ einschleichen können. Daher gibt es auch hier Ausnahmen. Schon am Start der Entwicklung von der befruchteten Eizelle zum Neugeborenen können genetische Veränderungen vorhanden sein, die dafür sorgen, dass das phänotypische Geschlecht bei Geburt nicht eindeutig sein wird. Ich habe oben erwähnt, dass Ei- und Samenzellen im Rahmen der Reifeteilungen aus dem doppelten Chromosomensatz einen einfachen Satz machen müssen. Dabei kann es passieren, dass bei der Teilung einzelner Zellen die Chromosomen ungleich verteilt werden. Es können dann bei der Befruchtung Zellen entstehen, die ein oder gar zwei überzählige X-Chromosomen enthalten (XXY oder XXX) oder ein  Y-Chromosom zu viel (XYY) oder zu wenig (XO). In der Folge entsteht ein Mensch mit einem chromosomal uneindeutigen  Geschlecht. Das wirkt sich natürlich auch auf seinen biologischen Phänotyp aus. Menschen mit XXY-Konstellation (einem sog. Klinefelter Syndrom) sind phänotypisch eher Männer, haben aber sehr kleine Hoden und leiden an Testosteron-Mangel.  Sie leiden an  Libidoverlust, Potenzstörungen, haben spärlichen Bartwuchs, eine verringerte Muskelmasse und entwickeln  oft eine Osteoporose. Menschen mit X0-Konstellation (dem sog. Turner-Syndrom) sind phänotypisch eher Frauen, aber ihre Ovarien sind verkümmert. Sie können keine Östrogene herstellen, so dass die Betroffenen unfruchtbar belieben. Ohne entsprechende Hormonbehandlung werden sie auch keine typische Pubertät entwickeln. 

Bei der Entstehung der primären Geschlechtsmerkmale während der Entwicklung von Embryo und Fötus haben auch Gene ihre Hände mit im Spiel, die nicht auf den Sex-Chromosomen lokalisiert sind.  Prinzipiell jedes Gen kann durch entsprechende Mutationen in einer Keimzelle ausfallen. Wenn dieser Ausfall nicht durch ein intaktes komplementäres Gene aus der Keimzelle des anderen Elters kompensiert wird oder wenn zufällige beide Eltern-Keimzellen an dieser Stelle einen Defekt haben, dann fällt dieses Gen auch beim Kind aus. Das kann harmlos sein oder fatale Folgen haben. Wenn Gene ausfallen, die für die Entwicklung des Geschlechtsmerkmale verantwortlich sind, dann können XY-Menschen bei Geburt weibliche Geschlechtsmerkmale haben und umgekehrt.  Beispiele sind XY-Menschen mit einer kompletten Androgen-Resistenz (Mediziner reden auch von auch testikulärer Feminisierung, CAIS oder Goldberg-Maxwell-Morris-Syndrom). Bei diesen Menschen ist das Gen für den Androgen-Rezeptor defekt.  Die Betroffenen entwickeln zwar Hoden, die auch männliche Geschlechtshormone produzieren. Diese Androgene, zum Beispiel Testosteron, können aber ihre Wirkung nicht entfalten, da sie auf ihren Zielzellen nicht an den Androgen-Rezeptor „andocken“ können. Die Hoden bleiben im Körperinnern und die äußeren Geschlechtsorgane entwickeln einen weiblichen Phänotyp. Bei Geburt deutet nichts darauf hin, dass es sich bei dem Neugeboren – genetisch betrachtet – um einen Jungen handelt.  Bei Adreno-Genitalen-Syndrom ist dagegen die Bildung sogenannter Corticoide gestört, was bei genetisch weiblichen Embryonen zur Vermännlichung der äußeren Geschlechtsorgane führt. Ich könnte noch viele weitere Beispiele nennen, aber ich denke das Prinzip sollte klar geworden sein: Ja, es gibt Ausnahmen von der Regel dass das genetische Geschlecht das phänotypische Geschlecht bestimmt!  

Aber auch hier gilt: Nur weil es diese Ausnahmen gibt, müssen wir die Kategorien ‚genetisches Geschlecht‘ und ‚sexueller Phänotyp‘ nicht über Bord werfen. Wenn wir sie nicht hätten, dann würden uns zum Beispiel die Vokabeln fehlen, die genannten Phänomene rund um die Fortpflanzung überhaupt vernünftig zu beschreiben.  Für die Biologie ist das genetische Geschlecht keine soziale Konstruktion, sondern eine aufgrund biologischer Kriterien  klar definierte dichotome Kategorie.Das gilt natürlich auch für die meisten ähnlich dichotomen primären Geschlechtsmerkmale. Die primären Geschlechtsmerkmale sind keine Dekoration. Sie haben erhebliche Konsequenzen. Sie  sorgen beim Menschen zum Beispiel für klar verteilte (biologische, nicht soziale !!!!) dichotome Rollen rund um die Fortpflanzung:  (Biologische) Frauen können schwanger werden und Kinder austragen, (biologische) Männer können das nicht.  Die Evolution hat sich so etwas Kompliziertes wie den Sex nicht ohne Grund „ausgedacht“. Egal ob Maus oder Mensch, es sind immer dieselben biologischen Kriterien, die den Status Mann oder Frau definieren. Auf dieser Ebene, der Ebene der Gene, der reproduktiven Funktionen oder der Anatomie, über Geschlecht als soziale Konstruktion zu sprechen, ist einigermaßen lächerlich.  

Nun dreht sich auch in der Biologie nicht alles um Sex. Auch unser Phänotyp besteht aus weit mehr als nur aus primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen. Die Biologie fasst unter dem Begriff Phänotyp alle sichtbaren oder messbaren Eigenschaften eines Organismus zusammen.  Dazu gehören nicht nur unser Körper, sondern auch viele Aspekte unseres Verhaltens. Und natürlich wird auch das Verhalten nicht nur vom Geschlecht und den paar Dutzend geschlechtsbestimmenden Genen, sondern von unserem kompletten Genom und unserer Umwelt und unserer Geschichte beeinflusst. Auch die Biologie braucht also weitere, „nächsthöhere“ Ebenen der Beschreibung.  Die Entwicklung eines Menschen ist ja mit der Geburt noch lange nicht abgeschlossen.  Sein genetisches Geschlecht und sein sexueller Phänotyp bei Geburt haben ohne Zweifel großen Einfluss auf sein weiteres Leben. Aber sie sind keine Schienen, vor denen Abweichung unmöglich wäre.  Ob und wie sich genetisches Geschlecht und primäre Geschlechtsmerkmale  auf unser Verhalten und die Wahrnehmung der eigenen Geschlechteridentität und Geschlechterrolle niederschlagen, das steht deshalb auf einem ganz anderen Blatt.   

Die Existenz zweier biologischer Geschlechter bedeutet natürlich nicht, dass die Vorliebe für Captain Sharky oder Prinzessin Lillifee biologische Ursachen haben muss.  Denn jetzt befinden wir uns nicht mehr auf der Ebene von Genen, Molekülen, Zellen oder Organen, sondern beim menschlichen Verhalten und seinen Grundlagen. Hier ist der sozialwissenschaftliche Begriff Gender zu Hause.  Wenn wir über Anatomie oder Reproduktion reden, dann besteht zwischen Genotyp und Phänotyp eine ziemlich eindeutige Beziehung. Nahezu alle Menschen mit XY-Chromosomen entwickeln Hoden, mit XX-Chromosomen Eierstöcke. Wenn wir nach Korrelationen zwischen geschlechts-definierenden Genen und menschlichem Verhalten suchen, dann ist die Sache viel, viel komplizierter. 

Nehmen wir zur Illustration des Problems zunächst etwas viel Simpleres als das Verhalten. Nehmen wir unsere Muskelmasse. Wenn wir zufällig 1.000 Frauen und 1.000 Männer auswählen und deren Muskelmasse bestimmen, werden wir feststellen, dass sich die Mittelwerte der Gruppen nicht-zufällig unterscheiden: Im Durchschnitt haben Frauen etwa 20% weniger Muskelmasse als Männer. Dieser Unterschied ist letztendlich genetischer Natur und leicht zu erklären. Im männlichen Kreislauf zirkulieren deutlich höhere Konzentrationen des muskelaufbauenden Hormons Testosteron. 

Aber was hilft die Kenntnis des Geschlechts bei der Beurteilung eines Einzelfalls? Unter Umständen herzlich wenig. Das liegt daran, dass die Einzelwerte stark um den Mittelwert des jeweiligen Geschlechts schwanken. Es gibt sie, die männlichen Herkulesse und die zarten Damen, es gibt aber auch die umgekehrten Konstellationen.  Statistiker sprechen von der Streuung oder der Varianz einer Stichprobe. Wie groß der Einfluss des biologischen Geschlechts und wie hoch die Vorhersagekraft des systematischen (statistischen) Unterschieds zwischen den Gruppen auf die Zielgröße ‚Muskelmasse‘ im Einzelfall ist, hängt nicht nur davon ab, wie sehr sich die Mittelwerte der Gruppen unterscheiden, sondern auch davon, wie stark die Werte innerhalb einer Gruppe (Frau oder Mann) um den Mittelwert streuen.  Je enger die Mittelwerte beieinander legen und je flacher die Kurven verlaufen, desto belangloser wäre das Kriterium Geschlecht in diesem Zusammenhang. Dabei fällt Folgendes auf:

Erstens:  Die Muskelmasse von Männern liegt im Durchschnitt (Mittelwert!) etwa 20% über dem Durchschnittswert der Frauen (Abstand der Mittelwerte m1(xx) – m2(xy)).  Trotz dieser Differenz gibt es, zweitens, viele Frauen, die eine größere Muskelmasse haben als der „Durchschnittsmann“.  Umgekehrt gibt es eine ganze Reihe von Männern, deren Muskelmasse unter dem Durchschnitt der Frauen liegen. Betrachten wir die ziemlich große Gruppe von Menschen (Männern und Frauen), die im den zeltförmigen Überlappungsbereich beider Gruppen liegen, dann gibt es in dieser Untergruppe gar keine statistischen Unterschiede zwischen Mann und Frau. 

Warum dieses Beispiel? Die Muskelmasse ist ein realer, vergleichsweise ausgeprägter, genetisch begründeter phänotypischer Unterschied zwischen erwachsenen Männern und Frauen. Dieser Unterschied ist ausgeprägter, als fast alle anderen angeblichen oder realen geschlechtsspezifischen Unterschiede, die Affekte, Kognition oder ganz allgemein biologisch mitgeprägtes Verhalten betreffen.  Das Wissen um die Mittelwerte hilft für eine Entscheidung im Einzelfall trotzdem oft nicht weiter.  Wenn ich eine Waschmaschine in den Keller zu tragen hätte, würde ich eher bei Serena Williams klingeln als bei meinem leptosomen, männlichen Untermieter, der seit der Schule keine Turnhalle von innen gesehen hat. 

Ich habe die Muskelmasse als Beispiel gewählt, weil es sich hier um einen relativ einfach zu ermittelnden phänotypischen Parameter handelt, auf den das genetische Geschlecht einen eindeutigen Einfluss hat. Aber selbst hier sehen wir, dass dem Einfluss der Gene Grenzen gesetzt sind.  Wir sind selbst ziemlich frei, unsere eigene Positionen auf der Skala der X-Achse hin und her zu verschieben, nach rechts durch Ernährung, Training oder Doping, nach links  durch Hungern und durch Inaktivität. Was für die Muskelmasse gilt, gilt in noch viele stärkerem Maße für die affektiven und kognitiven Eigenschaften und Fähigkeiten eines Menschen.

Anders als Dreiecke oder Quadrate sollten wir Individuen, auch wenn wir sie ‚Frauen‘ oder ‚Männer‘ nennen, nie als eine homogene, invariante und eindeutig festgelegte Klasse von Lebewesen betrachten. Das zeigt uns schon die Evolutionsbiologie. Menschen bilden Populationen, die aus unterschiedlichen Individuen bestehen. Das ist mehr als eine Spitzfindigkeit.  Wenn wir über Unterschiede zwischen Menschen und zwischen Gruppen von Menschen nachdenken, muss klar sein, dass wir – sieht man von kategorialen, dichotomen Unterschieden wie  XX oder XY-Chromosomen, Hoden oder Eierstock ab – meistens über statistische Unterschiede auf der phänotypischen Ebene reden. Diese Unterscheidung von statistischen und kategorialen, dichotomen Unterschieden ist aber offensichtlich nicht jedermanns Stärke. Bis zu dieser Stelle haben wir von der Biologie im Allgemeinen und der Biologie des Menschen geredet, vom genetischen Geschlecht, von primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen und ihrer  Beziehung zu unserem übrigen „Phänotyp“. 

Wovon weder in diesem Text (noch übrigens in Marie-Luise Vollbrechts Vortrag) die Rede war, ist das weite Feld unserer subjektiv empfundenen und gelebten Sexualität.  Es ging und geht hier wie dort nicht um subjektives Geschlechtsempfinden, Geschlechterpräferenzen oder um tatsächliche oder vermeintliche Geschlechterrollen in unserer Gesellschaft.  Vieles von dem, was wir auf diesem bunten Feld vorfinden, hat nichts mit Biologie zu tun. Natürlich steht es Menschen oder Kulturen frei, aufgrund welcher Kriterien und zu welchen Zwecken auch immer, jenseits der zwei Kategorien Mann und Frau weitere Geschlechter oder Intermediär-Formen zu definieren. Jeder von uns darf sich, soweit er das kann und möchte, von seinem biologischen Geschlecht emanzipieren. Wenn Menschen sich selbst nicht auf eine der dichotomen Kategorien ‚Mann oder Frau‘ festlegen wollen – bitte schön! Wenn Männer Männer und Frauen Frauen lieben – auch recht. Sie sind deshalb weder die schlechteren noch die besseren Menschen. Wenn Menschen ihr subjektives Empfinden und ihre objektiven Geschlechtsmerkmale nicht zur Deckung bringen, dann sollten sie – wenn sie mündig genug sind –  ihren Körper ihren Empfindungen anpassen dürfen.  Das alles steht außer Frage.  Fast alles Wesentliche dazu steht übrigens in Artikel 3 unseres Grundgesetzes:   Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“  Wer es noch präziser mag, kann gerne an dieser Stelle noch durch die Zusätze „wegen seines Geschlechts“ oder „wegen seiner sexuellen Identität oder sexuellen Orientierung“ ergänzen. Meine Stimme hat er. Ich vermute, dass auch Frau Vollbrecht dagegen nichts einzuwenden hätte.  Das alles ist aber nicht mein Thema. Und das war auch nicht das Thema des skandalisierten Vortrags.  

Und jetzt? Was ist eigentlich passiert?  Ein Biologin wollte an einer deutschen Universität einem Laienpublikum den Geschlechterbegriff der Biologe erklären. So what – könnte man meinen. 

Was dann aber geschah, ist mehr als ärgerlich! Zunächst viel Lärm um Nichts, der uns erspart geblieben wäre, wenn nicht die Lust am Missverstehen-Wollen zu groß gewesen wäre. Offensichtlich konnte man sich die Skandalisierung einer Banalität nicht entgehen lassen, weil der inszenierte „Pseudo-Skandal“ wieder einmal eine wunderbare Gelegenheit bot, sich selbst, der eigenen Klientel und der Öffentlichkeit zu vergewissern, dass man ohne wenn und aber – quasi a priori – „auf der richtigen Seite“ steht. Ein Sturm im Wasserglas – und trotzdem mehr als ärgerlich:

Ärgerlich, dass ausgerechnet Mitglieder einer Hochschule in ihrem heiligen, aktivistischen Eifer einen einfachen, aber fundamentalen Kategorienfehler begingen: Offensichtlich wollte oder konnte man den Unterschied zwischen wissenschaftlicher These und ideologischer Haltung nicht verstehen.  Wenn ein solide gemachter Test zweifelsfrei belegen würde, dass Schwaben im Schnitt 20% dümmer sind als der Rest der Welt, dann wäre weder dieser Test noch das Ergebnis rassistisch. Wissenschaft soll beschreiben was ist. Und nicht, was – in den Augen von wem auch immer – sein sollte.  Rassistisch wäre es, den Schwaben aufgrund dieses Befundes ihre Grundrechte abzusprechen.  

Noch ärgerlicher, dass die kritischen Jurist*Innen der Referentin „Unwissenschaftlichkeit“ vorwarfen, ohne selbst auf dem Spielfeld der Wissenschaft anzutreten. Wissenschaftler sind keine Götter. Wissenschaft kann irren. Es liegt sogar in ihrer Natur, ihre Thesen zur Diskussion und zur Disposition zu stellen. Man muss es nur machen. Hätten wir hier schlechte Wissenschaft, dann könnte sie nur durch bessere Wissenschaft entkräftet werden, nicht durch Gebrüll.  

Am ärgerlichsten ist aber, dass hier schon mal vorauseilend zum Boykott aufgerufen wurde, ohne überhaupt zu wissen, wovon eigentlich die Rede sein würde.  

Mehr als ärgerlich – fast schon gefährlich –  war jedoch die enttäuschende erste Reaktion der Universität, die bei schon bei geringstem Gegenwind den Schwanz eingekniffen hat und die Veranstaltung zunächst einmal einfach absagte.  Dabei ist doch die Lust am der Debatte, die Freiheit von Rede und Wissenschaft, nicht nur das Lebenselixier jeder Hochschule.  Die Freiheit von Rede und Wissenschaft ist die Luft, die Demokratien zum Atmen brauchen. Wie heißt es schön in Artikel 5 Absatz 3 Grundgesetz: Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ 



Prof. Dr. Martin Bleif ist Radioonkologe. Er war stellvertetender Klinikdirektor der Radioonkologie in Tübingen. Martin Bleif ist Autor mehrer Bücher, die beim Klett-Cotta-Verlag erschienen sind.


Lieber Leser, wenn Sie mit dem Autor in Kontakt treten wollen, um ein Feedback zu geben, senden Sie doch bitte eine kurze Mail an: mw@philab.de. Ich leite die Mail dann weiter. MW

Altes Denken

                                 

Russland ist das größte Land des Planeten. Und dieses Land ist nicht wüst und leer. Überzogen von unendlichen Wäldern birgt es gigantische Rohstoffreserven. Es ist  maßgeblicher Exporteur von Erdgas und Erdöl, besitzt große Vorkommen von Uran, Nickel und Aluminium. Was ergäben sich für verlockende Perspektiven, wäre Wladimir Putin ein weitblickender und besonnener Präsident? Die aus dem Verkauf von Erdöl, Gas und anderen Bodenschätzen generierten Erlöse ließen sich in die Infrastruktur seines Landes stecken. Es wäre möglich, großzügig in Bildung zu investieren, die Forschung zu fördern und vor allen Dingen den freien Wettbewerb der Ideen zu unterstützen. Die Russen, bekanntlich ein Volk mit einer großen Zahl von Intellektuellen und Künstlern, würden es ihm danken. Wer zweifelt daran, dass sie zumindest mittelfristig das Potential hätten, zu den technisch fortschrittlichsten Nationen aufschließen zu können, um dann endlich auch vom Verkauf fossiler Brennstoffe unabhängig zu werden. Deren schrittweiser Niedergang wird wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen. Doch ein solches Szenario, das ist ein Traum.

Ganz offensichtlich leidet Russland an einem weit verbreiteten Fluch. Für die intellektuelle Entwicklung eines Landes ist es selten von Vorteil, großzügig mit Bodenschätzen gesegnet zu sein.  Man betrachte Länder wie Venezuela, Nigeria, Angola oder eben auch Russland. Das aus dem Verkauf von Öl und Gas vergleichsweise mühelos erwirtschaftete Geld führt nicht zu allgemeinem Wohlstand. Im Gegenteil. Es gibt gewaltige Allokationen von Kapital in den Händen von Einzelnen, während der größte Teil der Bevölkerung vergleichsweise arm bleibt. 

Das russische Miliardärs-Oligopol ist in dieser Beziehung ikonisch: Eine Jettsetter-Gilde, die Fußballklubs aus der Portokasse bezahlt, in Luxusjachten, Privatjets und Hubschraubern um die Welt reist. In Sternerestaurants ist die “russische Wahl“ berüchtigt: Die linke Seite der Speisekarte wird mit der Hand abgedeckt. Gewählt wird einfach das Teuerste. Dass Putin mit seinem Himmelspalast am Schwarzen Meer selbst Teil dieses kleptokratischen Systems ist, ist traurig genug. Völlig irritierend aber ist, dass er, der bis dato als kühl planender Stratege galt, mit seinem Denken offenkundig im letzten Jahrhunderts hängen geblieben ist. Das wird für ihn selbst, vor allen Dingen aber das russische Volk einschneidende Konsequenzen haben. 

In früheren Zeiten der Industrialisierung mit ihrem enormen Bedarf an Eisenerz und fossilen Brennstoffen, hätte es von großem strategischen Wert sein können, sich ein rohstoffreiches Land wie die Ukraine einzuverleiben, das zudem noch die Kornkammer Europas ist. Aber die Zeiten haben sich geändert, selbst wenn Uran, Titan oder Mangan auch heute noch eine Rolle spielen. 

Bekanntlich gab es aber inzwischen eine Transformation von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. Und in diesem Kontext macht testosterongetriebenes Territoritorialverhalten nur noch bedingt Sinn. 

Wenn sich Clanchef Arafat Abou-Chaker und “Kriegskünstler“ Bushido im Garten ihres gemeinsamen Anwesens in Kleinmachnow zu stattlicher Größe aufblasen und sich wegen des Verlaufs eines Zauns in die Haare bekommen und für immer überwerfen, kann man das augenzwinkernd als antiquiertes Männlichkeitsritual zur Kenntnis nehmen. An einen Staatenlenker des 21. Jahrhunderts legt man aber einen anderen Maßstab an. Und die führenden Industrienationen sind schließlich nicht mehr deshalb erfolgreich, weil sie besonders viel Eisenerz in einen Hochofen schippen. Entscheidend ist heute ein hoch entwickeltes Prozesswissen, das von herausragenden Spezialisten in komplexen Kommunikationsnetzen entwickelt wird.  Apple und Samsung bauen die besten Mobiltelefone, Google die effizienteste Suchmaschine und Taiwan Semiconductor ist weltweit führend bei der Herstellung hochpotenter Chips. Dieses Wissen steckt in den Köpfen der Menschen, die diese Hochtechnologie entwickeln und zur Marktreife bringen. Es lässt sich nicht mit den klassischen Mitteln der Krieges erobern. Würde Putin mit seiner Nationalgarde, die Kalaschnikows in den Händen, die Zentrale von Apple in Cupertino stürmen, dann würde er ein UFO-artiges, ringförmiges Gebäude erobern, aber nicht Apple. Und wenn China auf die Idee käme, in Taiwan einzumarschieren, dann können Sie eine buckelige Landmasse in Besitz nehmen, nicht aber das Know-How der Menschen, die dort arbeiten, wenn diese sich den Aggressoren verschließen. 

Vor diesem Hintergrund ist man beschämt, dass Putin in die Ukraine einmarschiert, obwohl er noch nicht einmal in der Lage ist, Russland mit seinem inhärenten Potential zur Blüte zu entwickeln. Der Gedanke ein “altes Reich“ wiederherstellen zu wollen, ist in unserer Zeit anachronistisch.

Warum erkennt Putin nicht die Zeichen der Zeit? Warum schafft er mit den vorhandenen finanziellen Mitteln nicht die Möglichkeit, ein konkurrenzfähiges technisches Know-How zu entwickeln? Die Köpfe sind ja da, nur kultivieren viele eher eine Genialität des Bösen. Seit Jahren terrorisieren russische Cyberterroristen den Planeten und versuchen alles und jedes zu manipulieren, inszenieren ein undurchsichtigen Ränkespiel, dessen Regeln, sollte es welche geben, wohl nur noch Putin und sein engster Beraterkreis verstehen.

Es ist anzunehmen, dass Putin ein anderer Plan im Kopf herumspukt, der nach seinem Dafürhalten geeignet wäre, die von ihm geschätzte Rolle des absolutistischen Herrschers mit den Erfordernissen einer modernen High-Tech-Nation zu verbinden. Dem Präsidenten muss klar sein, dass Russland gemessen an seinem Potential, sieht man von Waffen und Raketentechnik ab, in den meisten High-Tech-Gebieten gewöhnliche Mittelklasse ist. Gleichzeitig ist er sicher nicht so naiv, zu glauben, dass nach dem Einfall in die Ukraine die Handelsbeziehungen mit Russland und der Welt weiterlaufen werden wie bisher. Putin hat es schließlich in beindruckender Geschwindigkeit geschafft, sein Land zum Paria zu machen. 

Man darf mutmaßen, dass er dieses Risiko bewusst eingeht, weil er überzeugt ist,  ein As im Ärmel zu haben. Dieses As heißt China. Auch wenn es bis dato abgestritten wird: die Wahrscheinlichkeit, dass China wusste, dass Russland in der Ukraine einmarschiert, ist nicht gering. Die strategische Partnerschaft wird ja seit längerem betont. Und tatsächlich scheint diese strategische Partnerschaft von China und Russland so etwas wie eine Hochzeit im Himmel zu sein. Russland liefert dem dynamischen China die begehrten Rohstoffe, damit wird das Land der Mitte unabhängiger von widerborstigen Ländern wie Australien. China stellt im Gegenzug die gewünschte Hochtechnologie zur Verfügung. Das klingt im ersten Moment verführerisch und scheint einer zwingenden Logik zu folgen. Doch es gibt ein paar versteckte Probleme: Für Russland könnte es sich als verheerend herausstellen, seine Rohstoffe nicht mehr auf einem globalen Markt verkaufen zu können. Denn ohne funktionierenden Markt gibt es auch keine marktüblichen Preisbildungsmechanismen. Damit liefert sich Russland China aus. Denn China kann seine Macht als Käufer missbrauchen, um die Preise zu diktieren und Russland zu erpressen. Es ist in einer komfortablen Situation, da Russland von China abhängiger ist als andersherum. Ein Mittel sich gegen eine solche Form der Erpressung zu wehren, hätte Russland nicht, wenn andere potente Käufer keine fossilen Energieträger des Usurpators kaufen würden.

Man darf in diesem geschlossnen Machtspiel nicht vergessen, dass Russland als potentieller Kunde chinesischer Technologie ein Leichtgewicht ist. Russlands gesammeltes Bruttoinlandsprodukt ist kleiner als das von Italien! Das lenkt nun die Aufmerksamkeit auf Chinas Strategie! Natürlich wären dem Reich der Mitte die Rohstoffe hochwillkommen, vor allen Dingen, wenn sie billig zu bekommen wären. Als Importeur chinesischer  Technologie wäre Russland aber nur zweite Liga. In dieser Beziehung ist China weiterhin auf den Zugang zum Weltmarkt angewiesen. Deshalb muss das Reich der Mitte peinlich darauf achten, nicht mit Russland in einen Topf geworfen zu werden und sich damit der Gefahr auszusetzen, in vergleichbarer Weise gebannt zu werden. Die Taktik wäre deshalb, sich opak zu machen und wie hinter einer Milchglasscheibe zu agieren. Doch das ist ein gefährliches Spiel. Geht die Taktik auf, bekommt China billige Rohstoffe, verkauft seine Technologie an Russland und den Rest der Welt. Das wäre das optimale Ergebnis. Es kann aber auch ganz anders laufen. Die potentiellen Verstrickungen werden sichtbar und ein sehr großer Wirtschaftsraum würde sich von China und Russland entkoppeln. Das hätte für beide Nationen gravierende Konsequenzen, da die Wirtschaft in China sowieso stottert und die russische wegen der harten Sanktionen mit Sicherheit in Kürze in die Knie gehen wird. 

Daraus ergibt sich als Handlungsempfehlung das Agieren von China ins helle Licht zu rücken, das Milchglas sozusagen transparent zu machen und in diesem Zusammenhang auch keine Angst vor wirtschaftlichen Konsequenzen zu haben. China wäre dann zu einer fundamentalen Abwägungsentscheidung gezwungen: Die Bande mit dem Aggressor Russland zu lockern oder gar zu lösen und damit seine potenten Absatzmärkte zu behalten oder Gefahr zu laufen diese zumindest in Teilen zu verlieren. Sollte China eine Entscheidung für seine Absatzmärkte treffen, hätte sich Putin in seinen strategischen Überlegungen verkalkuliert. In alter Manier Territorium zu okkupieren anstatt das vorhandene Potential der Menschen in seinem Land zu fördern, könnte sich als Bumerang erweisen. Russland wäre als Opfer dieser Strategie nicht nur technologisch isoliert, zumindest mittelfristig würde es auch deutlich weniger Devisen durch den Verkauf seiner Rohstoffe erwirtschaften. Für das russische Volk ist das eine düstere Perspektive. Bleibt abzuwarten, was die dann entstehenden innenpolitischen Spannungen für Putin bedeuten werden.

Den auf dem Photo zu sehenden Schädel hat der Figurenspieler Frank Söhnle gebaut<

Debattenkultur

Die Kunst, in einer auch mit harten Bandagen geführten Diskussion nach konsensfähigen Lösungen zu suchen, scheint verloren zu gehen. Das Argument liegt auf dem Sterbebett. Dafür steht die gefühlige Meinungsäußerung hoch im Kurs. Das ist eine gefährliche Form von Komplexitätsverweigerung, die die Demokratie bedroht.                   


Der Hörsaal 21 im Kupferbau der Tübinger Eberhard-Karls-Universität glich einem Matratzenlager. Da, wo die Professoren normaler Weise ihre Runden drehen und ihren Studenten komplizierte Sachverhalte erklären, hatten Besetzerinnen und Besetzer im Dezember 2018 ihre Schlafsäcke ausgerollt. Es sah gemütlich aus. In Bierflaschen steckten Rosen. Es duftete nach frischem Kaffee. Das Ganze hatte etwas von einer Skifreizeit. Aber die Studenten waren nicht zum Spaß da. Man kämpfte gegen das Cyber Valley – einen Forschungsverbund zur Förderung der Künstlichen Intelligenz. Dieser besteht aus verschiedenen Universitätsinstituten der Städte Tübingen und Stuttgart. Im Boot sind auch potente Industriepartner wie Bosch, Porsche, BMW, Daimler, ZF-Friedrichshafen und Amazon.

Worum ging es den Besetzern? Das war gar nicht so einfach herauszubekommen. Sie gaben sich ziemlich konspirativ, legten sich Tarnnamen zu und verschwiegen, wer sie waren. Als eine Reporterin des Schwäbischen Tagblatts einen Bericht über die Besetzung machen wollte, saß ein Student demonstrativ mit einem Sturzhelm auf dem Kopf im Hörsaal, um anonym zu bleiben. Die Angebote der KI-Forscher miteinander ins Gespräch zu kommen, wurden lange abgelehnt. Man fühlte sich fachlich noch nicht gewappnet. Obwohl sich die Universitätsleitung tolerant zeigte und duldete, dass der Vorlesungsbetrieb gestört wurde, kam man mit den Studenten nicht richtig ins Gespräch. Doch manchmal wurden nach zäher basisdemokratischer Entscheidungsfindung Mitteilungsblätter veröffentlicht, auch auf einer Website gab es ab und an etwas zu lesen. So schälten sich langsam verschiedene Themenfelder aus dem Nebel: Man befürchtete, dass KI aus dem Cyber Valley für Waffensysteme oder Überwachung missbraucht werden könnte. Es wurde abgelehnt, dass Automobilfirmen wie Daimler, BMW und Porsche die Entwicklung von KI forcieren, da diese für den Klimawandel mitverantwortlich sind. Man war gegen Konkurrenz- und Leistungsdenken sowie die sich auftuende Schere von Arm und Reich. Der Firma Amazon mit ihren antidemokratischen Strukturen und prekären Arbeitsbedingungen, dürfte in Tübingen unter keinen Umständen ein Grundstück verkauft werden. Außerdem befürchtete man, dass in Tübingen der angespannte Wohnungsmarkt durch den Zuzug gut bezahlter High-Potentials außer Kontrolle geraten könnte. Deshalb pochte man auf die Förderung des sozialen Wohnungsbaus und forderte eine Stadt für Alle. Außerdem setzte man sich für die Demokratisierung der Universitäten ein. Besagte Reporterin des Schwäbischen Tagblatts, die sich redlich bemühte, die Stoßrichtung des Protests zu ermitteln, stellte etwas konsterniert fest: “Es sind viele Proteststimmen, die sich hier im Kupferbau vermischen.“

Endlich, ziemlich genau 3 Wochen nachdem der Hörsaal besetzt worden war, kam es dann zur lange erwarteten Diskussionsveranstaltung. Die Studenten, die sich argumentative Verstärkung von außerhalb besorgt hatten, trafen auf die Computerspezialisten. Am wenigsten wurde über Künstliche Intelligenz gesprochen, dafür aber um so mehr über spekulative gesellschaftliche Konsequenzen der KI-Forschung, den klandestin-verschachtelten Rüstungskomplex sowie die Verquickung von Grundlagenforschung mit herrschenden kapitalistischen Strukturen. Einen Lacher gab es, als sich herausstellte, dass die Demonstranten ausgerechnet die Datenkrake Facebook benutzten, um ihren Protest zu organisieren. Es bleibt zu hoffen, dass künftige Diskussionen über Chancen und Risiken Künstlicher Intelligenz näher am Thema bleiben und weniger als Vehikel verwendet werden, um weltanschauliche Voreingenommenheiten zu transportieren. 

Aber immerhin, das muss betont werden, wurde über ein wichtiges Thema wenigstens gesprochen. Das ist im Vergleich zu den Usancen, die sich an einigen anderen deutschen Universitäten zu etablieren drohen, keine Selbstverständlichkeit. Es gibt nämlich mittlerweile eine Menge Beispiele, die belegen, dass die im Grundgesetz festgeschriebene Meinungsfreiheit und die Freiheit von Wissenschaft und Kunst, in Gefahr sind. Es häufen sich die Ereignisse, in denen Redner und Dozierende an den Universitäten nicht nur niedergeschrien und mit Gegenständen beworfen werden. Sie werden auch bedroht, im Internet denunziert und verleumdet. Außerdem bemühen sich bestimmte Kreise systematisch Diskussionsveranstaltungen zu verhindern. Der Diskursraum selbst wird also zur Disposition gestellt. In all diesen Fällen sollen Andersdenkende mundtot gemacht werden, weil ihre Standpunkte Randalierern und diskursiven Heckenschützen nicht in den Kram passen.

Die Ethnologin Susanne Schröter doziert an der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität und ist die Direktorin des dortigen Forschungszentrums Globaler Islam. Frau Schröter beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Islam und ist von Religion und Kultur fasziniert. Das hindert sie nicht daran, zu differenzieren und pointiert Stellung zu beziehen. So warnt sie schon länger vor einem politischen Islam. Ihr ist es zum Beispiel ein Dorn im Auge, dass der türkische Präsident Tayyip Erdogan mittels der Organisation Ditib versucht, in Deutschland religiösen Einfluss zu nehmen. 

Ins Fadenkreuz geriet Susanne Schröter, als sie es wagte, die sexuellen Übergriffe in der Silversternacht 2015 auf der Kölner Domplatte nicht als Ausdruck einer überall in gleichem Maße verbreiteten toxischen Maskulinität zur Kenntnis zu nehmen sondern einen Zusammenhang herstellte mit patriarchalischen Deutungsmustern junger arabischer Flüchtlinge, die das sexuelle Selbstbestimmungsrecht von Frauen missachten. Tatsächlich waren Übergriffe wie in Köln, bei denen Gruppen von jungen Männern Frauen sexuell gemeinsam belästigten, in dieser Form vor 2015 in Deutschland so gut wie unbekannt. Danach kamen sie immer wieder vor. Diese Einschätzung brachte Susanne Schröter jedoch in Konflikt mit einer besonderen Spielart des Feminismus. Deren Protagonistinnen vertreten die Auffassung, dass Gewalt gegen Frauen ein generelles Phänomen ist. Einigen jungen Arabern in Deutschland ein besonderes Verhaltensmuster zu unterstellen, halten sie für rassistisch.

Während Frau Schröter sich mit ihren offenen Worten bei vielen Respekt verschafft hatte, war sie anderen verdächtig geworden. Als sie dann 2019 in Frankfurt eine Konferenz zum Thema “Das islamische Kopftuch, Symbol der Würde oder der Unterdrückung?“ veranstalten wollte, kam es zum Eklat. Anonyme Hetzer versuchten die Veranstaltung im Vorfeld zu unterbinden und setzten Susanne Schröter in den sozialen Medien massiv unter Druck. Außerdem gab es einen Hashtag “#schroeter_raus“. Mit diesem wurde das Ziel verfolgt, die Professorin aus der Universität zu schmeißen. Die Begründung? Erneut wurde Frau Schröter antimuslimischer Rassismus unterstellt. Das klingt sonderlich: Für das Podium waren sowohl Befürworterinnen als auch Gegnerinnen des Kopftuchs geladen. Die Randalierer hätten das Plenum aber lieber nach ihren eigenen Vorstellungen besetzt. Da stellt sich die Frage, warum sie nicht ihre eigene Veranstaltung organisieren? 

Susanne Schröter gab zu, dass es sie persönlich belastete, so “mit Dreck beschmissen zu werden“. Sie hatte allerdings Glück, dass ihr eine resolute Universitätsleitung den Rücken stärkte. Die Präsidentin der Johann Wolfgang Goethe-Universität Brigitta Wolf brachte den Skandal auf den Punkt: “Das Präsidium … sieht seine Aufgabe darin, für die Wissenschaftsfreiheit einzutreten und ist keine “Diskurspolizei“. Sie fuhr fort: “Wenn anonyme Gruppen einzelne Forschende diskreditieren oder gar bedrohen sollten (…) agieren sie aus der Anonymität heraus und sind damit gerade nicht bereit, in den universitären Diskurs einzutreten; sie bedienen sich einer wissenschaftsfernen, herabwürdigenden Rhetorik mit verunglimpfenden Zuschreibungen, die das Gegenüber als Wissenschaftler und Person herabsetzen.“

Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit kommen aber auch von anderer Seite. In Tübingen sorgte 2018 ein Vortrag am Politikwissenschaftlichen Institut für Aufregung. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Lehrstuhl “Vorderer Orient und vergleichende Politikwissenschaft“. Als Redner war der israelische Historiker Ilan Pappé eingeladen. Pappé ist Direktor des Europäischen Zentrums für Palästina-Forschung an der Universität Exeter. Er studierte an der Hebrew University in Jerusalem und promovierte in Oxford. Sein Vortrag lautete “70 Jahre Nakba“. Das Wort “Nakba“ bedeutet im arabischen Sprachgebrauch Unglück oder Katastrophe. Es bezieht sich auf die Flucht und Vertreibung von 700 000 arabischen Palästinensern aus dem früheren britischen Mandatsgebiet Palästina, das dann in Teilen am 14. Mai 1948 zum Staat Israel ernannt wurde. Ilan Pappé ist der Überzeugung, dass es bei diesem Exodus zu ethnischen Säuberungen gekommen ist, ein Standpunkt, der nicht die Zustimmung des Staates Israel findet. In der Gemeinschaft der Forscher gibt es zu der Vertreibung der Palästinenser allerdings unterschiedliche Ansichten. Das Spektrum changiert von Völkermord bis zum freiwilligen Auszug der Menschen. Mit einem Wort: die Auslegung des historischen Ereignisses ist kontrovers. Um so erstaunlicher ist deshalb die Tatsache, dass die Leitung der Universität Tübingen einen Brief von der Generalkonsulin Israels für Süddeutschland, Sandra Simovich, bekam. In dem Brief forderte die Konsulin, den Vortrag abzusagen. In einem Gespräch mit der Presse bezeichnete Frau Simovich Ilan Pappé als Post-Zionisten, der einseitig argumentiere, sodass die Gefahr bestünde, dass die Komplexität des Themas nicht genügend gewürdigt würde. Der Rektor der Tübinger Universität Bernd Engler vertrat die Meinung, dass die anwesenden Akademiker in der Lage wären, sich selbst ein Bild zu machen und der Institutsleiter Oliver Schlumberger konstatierte, dass Debatten davon leben, dass debattiert wird. Die Veranstaltung fand statt und verlief ohne Zwischenfälle.

Eine entschlossene Universitätsleitung kann also Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit parieren. Was es für Konsequenzen hat, wenn sie die Wissenschaftsfreiheit nicht energisch verteidigt, war im letzen Jahr an der Universität Hamburg zu beobachten. Dort wurde die Öffentlichkeit Zeuge, wie Bernd Lucke, der ehemalige Gründer der AFD, Europaparlamentarier und Professor für Makroökonomie in Hamburg, Opfer randalierender Studenten wurde, als er seine Vorlesungen an der Universität wieder aufnehmen wollte. Lucke wurde von mehr als 300 Leuten niedergebrüllt, mit Gegenständen beworfen und angerempelt. Jeder Interessierte kann sich im Internet ein Bild von den Vorgängen machen. Die Störer schrieen im Chor “Verpiss Dich, hau ab“ und “Nazi-Schweine raus aus der Uni“. Luckes Vorlesungen gingen im provozierten Chaos unter. Die ersten Stellungnahmen des Präsidenten Dieter Lenzen und der damaligen Wissenschaftssenatorin Katharina Fegeband unterschieden sich in Inhalt und Duktus deutlich von den Worten Brigitta Wolfs. In einer Notiz vom 16. Oktober 2019 vertraten sie die Ansicht, dass diese Form des Tumults ein statthaftes Element des wissenschaftlichen Diskurses sei und deshalb von Bernd Lucke akzeptiert und ausgehalten werden müsse. Erst nach geharnischtem öffentlichen Protest ruderten sie zurück. Die dritte Vorlesung von Lucke fand dann unter Polizeischutz statt. 

Es hilft, den Fall Lucke etwas differenzierter zu betrachten und ihn nicht nur als den Gründer einer Partei zu sehen, die heute in Teilen an den äußeren rechten Rand driftet. Bernd Lucke initiierte mehrere Aufrufe von Wirtschaftswissenschaftlern, etwa den Hamburger Appell von 2005, der von über 200 Ökonomen unterzeichnet wurde, um die damalige deutsche Wachstumsschwäche in den Griff zu bekommen.  Außerdem wurde er bekannt, weil er zusammen mit vielen Ökonomen wie etwa Roland Vaubel oder Hans-Werner Sinn der Europäischen Zentralbank rechtswidrige monetäre Staatsfinanzierung vorwarf. Das brachte ihm den Ruf ein, ein “Europafeind“ zu sein. Das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts lässt seinen Standpunkt allerdings in einem anderen Licht erscheinen. Bleibt hinzuzufügen, dass Lucke die AFD verlassen hat, weil sie ihm zu rassistisch wurde. Das hat er mehrfach betont. 

Man kann Bernd Lucke also als liberal-konservativen Politiker bezeichnen. Mit dem Begriff “Nazischwein“ sollte man dagegen vorsichtig umgehen. Auch wenn man seine politischen und ökonomischen Überzeugungen nicht teilt, verboten sind sie definitiv nicht. Interessant klingen in diesem Zusammenhang die Worte des Hamburger ASTA-Vorsitzenden Karim Kuropka, der die Kundgebungen mit dem Motto “Lucke lahm legen“ organisiert hat.  Er kritisierte in einem Interview: “Bernd Lucke vertritt als Wirtschaftswissenschaftler ein Modell, welches einen schlanken Staat, des weiteren den Abbau der Sozialsysteme und noch freiere Märkte fordert“. An anderer Stelle bemängelte er Luckes Eintreten für einen Staat, der sich nicht verschuldet. Die sogenannte schwarze Null lehnt Kuropka ab.

Sind das Gründe, die es rechtfertigen, einem Gelehrten öffentlich den Mund zu verbieten? Wie würde sich Kuropka wohl zu dem folgenden Zitat stellen:“ Ich bin erschrocken, wie übermächtig der Ruf nach kollektiver Sicherheit im sozialen Bereich erschallte. Falls diese Sucht weiter um sich greift, schlittern wir in eine gesellschaftliche Ordnung, in der jeder die Hand in der Tasche des anderen hat.“ Das sind Worte aus einer Rundfunkansprache von Ludwig Erhard aus dem Jahre 1958. Der Vater des deutschen Wirtschaftswunders war Freund eines schlanken Staats, nicht überbordender Sozialsysteme und freier Märkte unter der Ordnung des Staates. Hätte Ludwig Erhard heute an der Universität Hamburg noch die Möglichkeit, frei zu sprechen?

Man könnte nun an dieser Stelle noch ausführlich über das traurige Beispiel der Humboldt-Universität Berlin sprechen. Die Skandale um den Historiker Jörg Baberowski, den Politologen Winfried Münkler, den Soziologen Ruud Koopmans oder den Erziehungswissenschaftler Malte Brinkmann füllen Bände, wurden öffentlich ausgiebig diskutiert und belegen, dass es Politik und Hochschulleitung in Berlin schon länger nicht mehr gelingt, anonymes Denunziantentum und Beleidigungen an der Hochschule zu unterbinden und damit zu einer akademischen Streitkultur zurückzufinden, die einer Universität würdig ist. Was ist da los? Wie kann es solchen Diskursverweigerungen kommen?

Eine Ursache ist offensichtlich ein wenig reflektierter Hochmut. Es wird ja unausgesprochen unterstellt, dass der eigene Standpunkt moralisch überlegen ist. Und daraus wird die Berechtigung abgeleitet, dem anderen seine Meinung zu verbieten. Diese bedenkliche Entwicklung ist für eine demokratische Gesellschaft gefährlich und muss unterbunden werden! Eine an den Idealen der Aufklärung orientierte Diskurskultur wird in einem solchen Umfeld zunehmend schwierig, teilweise sogar unmöglich. 

Es sei auch darauf hingewiesen, dass die moralische Überheblichkeit an einem Begründungsparadoxon krankt. Derjenige, der den Meinungsaustausch unterminiert, der beleidigt und denunziert, implementiert eine Hierarchie. Oben steht man selbst, der Gute, der moralisch Unverdächtige, unten der andere, der Verwerfliche, dem man mit gutem Gewissen das Wort verbieten darf. So wird die Diskussion unmöglich gemacht. Aber genau eine solche wäre notwendig, um das eigene Verhalten zu rechtfertigen. Die Tatsache, dass man sich zum Richter aufschwingt bedarf der Begründung, die aber nur auf der Grundlage einer Diskussion zustande kommen könnte, die man verweigert. 

Als Leitlinie für das hohe Gut der freien Meinungsäußerung besonders an den Universitäten, mag eine Aussage des Komparatisten Hans Ulrich Gumbrecht stehen, der bis vor wenigen Jahren an der Stanford University gelehrt hat. Gumbrecht sagte sinngemäß, dass die Universität ein Kloster für gefährliche Gedanken sei. Das bedeutet, dass Universitäten Schutzräume auch für kontroverse Gedanken schaffen müssen. In diesem Zusammenhang ist jeder begründete Standpunkt wert, diskutiert zu werden, solange er nicht mit der Verfassung in Konflikt gerät. In solchen Diskursen, die gerne auch mit harten Bandagen geführt werden dürfen, sollte es allerdings um Argumente gehen und nicht darum, welche Einstellung man dem Diskutanten unterstellt und ob sie einem persönlich genehm ist. Es muss im intellektuellen Freiraum egal sein, ob Diskutanten Linke oder Rechte sind oder der bürgerlichen Mitte angehören. Die Religionszugehörigkeit darf genauso wenig eine Rolle spielen wie die Ethnie, von der Hautfarbe gar nicht zu sprechen. Aber genau diese Freiheit ist in Gefahr. Die Universität ist heute immer seltener ein Kloster für gefährliche Gedanken, eher ist es gefährlich, seine Gedanken frei in ihren Mauern zu äußern. Damit liegt eine der wichtigsten Errungenschaft der Neuzeit auf dem Richtklotz: die Trennung des Arguments von der Person des Sprechers. Das Argument steht im Mittelpunkt einer an den Werten der Aufklärung gemessenen Diskurskultur. Wenn aber das moralische Urteil das Argument verdrängt, hat das gravierende Folgen: Der Prozess der Wahrheitsfindung selbst wird unmöglich gemacht. 

Ist es zum Beispiel richtig, dass ein Argument zwangsläufig falsch ist, weil es von einer missliebigen Vertreterin der AFD geäußert wird? Oder muss alles, was ein in der Wolle gefärbter Linker sagt, von einem orthodoxen Wirtschaftswissenschaftler automatisch für Nonsense gehalten werden? Man mache sich klar, welche Folgen diese Art zu denken und zu urteilen hat! Es kann in dieser verqueren Logik angezeigt sein, ein richtiges und damit zielführendes Argument kategorisch abzulehnen, weil man sich nicht mit der moralischen Einstellung gemein machen möchte, die dem Diskutanten unterstellt wird. Der Bückling vor der Moral ist allerdings selbst amoralisch. Man versündigt sich am Ideal der Wahrheitsfindung und unterstützt im schlimmsten Fall die Lüge. Das kann sich eine demokratische Gesellschaft, die in Gegenwart und Zukunft extrem schwierige Probleme lösen muss, nicht leisten.

Es stellt sich deshalb die Frage, wie es selbst an den Universitäten salonfähig werden konnte, argumentative Strategien durch simple moralische Urteile zu ersetzen? Tatsächlich ist es wesentlich einfacher, einen opportunen moralischen Standpunkt einzunehmen, als sich in einer komplexen Thematik eine begründete Meinung zu erarbeiten und diese dezidiert und sachlich zu vertreten. Die scheinbar angemessene Moral entwickelt in diesem Zusammenhang eine narkotisierende Kraft, wird zu einer betäubenden Erklärungsillusion, die blind macht für sachliche Erkenntnisdefizite. Es ist angenehm, in sich den Glauben zu nähren, das richtige Weltbild zu kultivieren, dieses in medialen Echokammern mit Gleichgesinnten zu teilen und zu verstärken, auch wenn es mit den zu lösenden Problemen wenig bis gar nichts zu tun hat.

Damit gehen Randalierer, Chaoten, Denunzianten und deren Sympathisanten einfach den Weg des geringsten “intellektuellen Widerstands“.  Aber gerade bei den Themen, die heute auf der Agenda stehen, wäre das Gegenteil von Nöten. In seinem Kern ist die beobachtete Diskursverweigerung nämlich nichts anderes als eine Komplexitätsverweigerung. Leider haben in Deutschland bestimmte Denk- und Diskursverbote bedingt durch  traumatische Weltkriegserfahrungen eine gewisse Tradition. Lange waren kritische Stimmen zum Judentum sakrosant, genauso wie jeder seine akademische Karriere riskierte, der es wagte, das Grauen des Holocaust etwa mit dem Holodomor Stalins oder Maos großen Sprung in einen Zusammenhang zu denken. 

Doch trotz dieses schweren Erbes dürfen wir uns eine moralisierende Diskursverweigerung bei den drängenden Problemen unserer Zeit nicht leisten! Diese Probleme lösen sich nicht dadurch, dass man den Diskurs beendet, bevor er begonnen hat, wobei die immergleichen, kurzsichtigen Strategien verwendet werden. Andersdenkenden wird ein Siegel aufdrückt, anstatt sich mit ihren Standpunkten auseinanderzusetzen, um sie dann schnell in einer Schublade verschwinden zu lassen: 

Menschen, die die Europapolitik der Regierung kritisieren, werden als Europafeinde abgekanzelt. Wissenschaftler, die die Verlässlichkeit von Klimaprognosen thematisieren, bezeichnet man als Klimaleugner. Widersprechen Bürger der Auffassung, dass staatlich geförderte Windräder und Solarpanele die geeigneten Mittel sind, das Klima zu retten, schimpft man sie Klimagegner. Wer es wagt, die lange ungesteuerte Migration zu thematisieren und wie Ruud Koopmans darauf hinweist, dass sich verschiedene Volksgruppen unterschiedlich gut in Deutschland integrieren, wird zum Rechtskonservativen oder gleich zum Rassisten gemacht. Wissenschaftler, die in der Grundlagenforschung mit Tieren arbeiten, darf man ungestraft als Tiermörder bezeichnen. Leute, die nicht glauben wollen, dass Geschlechter eine gesellschaftliche Konstruktion sind und deshalb Gender heißen müssen, sind im harmlosen Fall Biologisten sonst Sexisten. Und manchmal reicht es, ein ganz normaler älterer Mann zu sein, der das Pech hat, eine weiße Hautfarbe zu haben, um zum Gegenstand von Verachtung und Zorn zu werden. 

Europafeind, Klimaleugner, Klimagegner, Rassist, Tiermörder, Sexist. Wie kommt man aus diesem Schubladendenken heraus? Indem man Europapolitik, Klimawandel, Migration, Grundlagenforschung, Entwicklung persönlicher Identität, als das begreift, was sie sind: als grenzwertig komplexe Themenfelder, die selbst Spezialisten an ihre Grenzen bringen und keine Simplifizierung im Stile eines Karim Kuropkas vertragen. 

So ist die Ökologie, um ein nur Beispiel zu nennen, weniger eine gefällige Gesinnung als eine harte Naturwissenschaft. Sie hat verwickelte Stoffkreisläufe zum Gegenstand, klimatische Entwicklungen, sie bedingt ökonomische Entwicklungen und wird selbst von ökonomischen Entwicklungen beeinflusst. Wenn man dem Gegenstand gerecht werden will, muss man viel von Physik und Biologie verstehen, auch von Soziologie und Politik und natürlich von der Ökonomie. Denn die Gretchenfrage, von deren Beantwortung unsere Zukunft abhängt, lautet: Wie ist es möglich, mit zwangsläufig beschränkten finanziellen Mitteln, global den größtmöglichen ökologischen Nutzen zu generieren? Das ist eine sehr schwierige Frage. 

Hört man aber den Volksvertretern zu, die auch bei ökologischen Fragestellungen die Weichen stellen, dann ist deren Expertise in diesem Zusammenhang bisweilen ernüchternd. Deutschlands größter Volkspartei gelingt es nicht, die frechen Angriffe eines Youtubers mit blauen Haaren zu parieren, der ihr ökologischen Dilettantismus vorwirft und sie mit diesem Unvermögen zum Gegenstand des Spotts macht. Und die Führungsfiguren der Partei, die sich den Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben hat, beherrschen noch nicht einmal das ökologische ABC. Da wird Kobalt mit Kobold verwechselt und das 2-Gradziel der Temperaturerwärmung wird zum 2%-Ziel. Bei Politikern, die so wenig sattelfest sind, hat man sich daran gewöhnt, dass die wenigsten die in der Ökologie wichtigen physikalischen Termini Energie und Leistung auseinanderhalten können. Wenn dann aber von einem grünen Spitzenpolitiker Gigawatt – ein Maß für die physikalische Leistung  –  mit Gigabytes – einem Informationsmaß – verwechselt werden, ist das das nicht mehr lustig. 

Aber wahrscheinlich ist es zuviel verlangt, diese Expertise von jedem Politiker einzufordern. Und damit sind wir wieder bei den Universitäten. Diskursverweigerung ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, dass sich auf die Universitäten auszudehnen droht. Damit laufen wir jedoch Gefahr, dass die letzten Bastionen des Freidenkertums geschliffen werden. Doch diese müssen unter allen Umständen als Schutzräume für kreative, an der Sache orientierte Denkprozesse erhalten bleiben! Diese brauchen wir, um komplizierte Probleme ohne ideologische Scheuklappen lösen zu können.

In Tübingen kam es immerhin zu einem Gespräch, über dessen Notwendigkeit kein Zweifel besteht. Das war ein Anfang. Wenn dann noch qualifiziert über das eigentliche Thema – in diesem Fall künstliche Intelligenz –  ohne weltanschauliche Vorurteile debattiert werden könnte, wäre ein weiterer wichtiger Schritt getan. Die Zukunft gehört damit unvoreingenommenen Diskursen mit offenem Visier. Helme auf dem Kopf bringen uns nicht weiter.

Doppelmoral

Scheinheiligkeit ist keine Erfindung unserer Zeit. Das Freudenmädchen Anna von Ulm lebte am Ende des 15. Jahrhunderts in Nördlingen. Sie arbeitete im Bordell der Stadt. Ihre Geschichte ist gut belegt. Sie stieß sich an ihren Arbeitsbedingungen und sagte vor Gericht gegen die Pächter des Freudenhauses – Barbara Taschenfeind und Leonart Freyermut – aus. Die Prozessakte erzählt viel über die Lebensbedingungen von Prostituierten in dieser Zeit. Interessant war ihre Kundenliste: Studenten, Kaufleute, Handwerker aber auch …. Priester. Unverheirateten Männern war Prostitution erlaubt. Trotzdem irritieren die Geistlichen in der Liste. Keuschheitsgelübde, Schäferstündchen und flammende Moralpredigten von der Kanzel passen nicht zusammen.

Was nun die schlüpfrige Diskrepanz von Reden und Handeln angeht, hat sich in Sachen Sexualmoral bis heute wenig verbessert. Man denke an den verbreiteten Kindesmissbrauch. Mit reuigen Worten erinnerte Papst Franziskus 2018 an die fast nicht mehr zählbaren sexuellen Übergriffe von Priestern der katholischen Kirche und bat weltweit um Verzeihung. Und ähnlich wie der Pontifex kroch unlängst auch die Partei der Grünen zu Kreuze.  In einem Bericht der Aufarbeitungskommission der Berliner Grünen ist nachzulesen, welche Dimensionen Kindesmissbrauch in ihren Reihen einmal hatte. Verurteilte Pädophile bekleideten wichtige Parteiämter und der Slogan “von der einvernehmlichen Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern“ sollte ein moderner Gegenentwurf zu einer verstaubten Sittenlehre sein. Gemäß einer Untersuchung des Spiegels gab es wohl auch in den Reihen der FDP Herren, die mit solchen Standpunkten sympathisierten, auch wenn die Liberalen diesen Vorwurf von sich weisen. Sicher ist, dass die Berliner Liberalen nicht davor zurückschreckten, den heute umstrittenen Pädagogikprofessor Helmut Kentler als Redner einzuladen. Kentler war der Kopf eines Missbrauchsskandals, dessen Dimensionen bis heute nur ungenügend aufgearbeitet sind. Er kam auf die Idee, verwahrloste Jugendliche als Pflegekinder in die Obhut teils straffällig gewordener Pädophiler zu geben. Nach seiner Einschätzung eine Situation zum gegenseitigen Vorteil: Die Kinder, die er als “sekunddär schwachsinnig“ bezeichnete, hätten jemand, der sich um sie kümmert, während sie gleichzeitig den Päderasten als jederzeit verfügbares Objekt ihres Trieblebens dienten. Und eine Sahnekirsche gab es obendrauf: Die Sexualtäter erhielten für Kost und Logis der Opfer Pflegegeld – offiziell zugestellt von den Berliner Behörden. Helmut Kentler war zu seiner Zeit kein akademischer Wirrkopf, sondern eine honorige akademische Figur, dessen klandestine Kontakte bis hoch in den Berliner Senat reichten. Eine Untersuchung des sogenannten “Kentlerexperiments“, die von der Universität Hildesheim durchgeführt wurde, brachte Verstörendes ans Licht: der Skandal wurde von Behörden und Politikern gedeckt. Und bis zum heutigen Tag ist nicht wirklich klar, wer in den zweifelhaften Genuss eines “sekundär schwachsinnigen Pflegekinds“ kam. In den Kellern der Behörden schlummern noch viele nicht bearbeitete Akten. Die schwer traumatisierten Opfer, sofern sie noch leben, wurden bisher nicht entschädigt. Man hofft auf Verjährung.

Ohne zum Menschenfeind werden zu wollen, die Abgründe sexueller Scheinheiligkeit sind leider auch in modernen Gesellschaften eine feste Größe. Unabhängig von dieser bedrückenden Tatsache überrascht es aber, dass Doppelbödigkeit nicht nur im Bereich der Sitte eine diskursive Konstante ist. In der Politik ist sie genauso verbreitet wie im Hoheitsgebiet des wissenschaftlichen Argumentierens. 

Betrachten wir in diesem Zusammenhang zuerst Hengameh Yaghoobifarah, Kolumnistin der Berliner Tageszeitung, die in einem ihrer Artikel darüber nachdenkt, was man mit den 250 000 Polizisten machen sollte, falls die Polizei abgeschafft würde. Bekanntlich plädierte sie dafür, Polizistinnen und Polizisten auf der Müllhalde zu entsorgen. Dort wären sie nur von Abfall umgeben. Das wäre perfekt, da sie sich unter ihresgleichen am wohlsten fühlen würden. Diese geschmacklose Aussage führte zu extremer öffentlicher Empörung. Die Wahrheit ist: sie gehört noch zu den harmloseren. An anderer Stelle rät sie, Polizisten und Polizistinnen von Baumärkten, Tankstellen oder Kfz-Werkstätten fernzuhalten. Dort könnten sie Bomben und Brandsätze bauen. Die Botschaft dieser Zeilen ist klar: Alle Polizisten sind für Yaghoobifarah potentielle Attentäter. Doch die umstrittene Journalistin schüttet Hass und Häme nicht nur über der Polizei aus. Deutsche werden von ihr gerne als “Kartoffeln“ bezeichnet. Außerdem redet Yaghoobifarah in dem Artikel “Deutsche, schafft Euch ab!“ von der “deutschen Dreckskultur“. 

Man wundert sich, dass die Autorin in der taz eine Plattform bekommt. Die ihr zugestandene Toleranz gewährt die Zeitung nämlich nicht jedem.  2017 vergriff sich der AfD-Politiker Alexander Gauland im Ton. Er hoffte die SPD-Politikerin Aydan Özuguz, die bezweifelt hatte, dass es eine deutsche Leitkultur gibt, in Anatolien “entsorgen“ zu können.  Die taz kritisierte darauf die entmenschlichende Sprache Gaulands und zieht die Schlussfolgerung, dass AfD-Spitzenpolitikern die verbalen Grenzen zum Faschismus schnuppe sind. Die eine will Menschen auf dem Müll entsorgen, der andere eine Frau in Anatolien. Beides darf man als niveaulos bezeichnen. Beides sollte man auch in gleicher Weise unterbinden. 

Aber die Geschichte von Hengameh Yaghoobifarah ist nicht zu Ende erzählt. Ihre Inkonsistenz von Reden und Handeln wurde überdeutlich, als, von ihr initiiert,  ausgerechnet die herabgewürdigte Polizei um Personenschutz gebeten wurde. Die kleinlaut gewordene Journalistin fühlte sich dem gewaltigen Shitstorm, den sie mit ihrem Artikel ausgelöst hatte, nicht mehr gewachsen.

Nun ist eine solche Form irritierender Doppelmoral keine exklusive Eigenschaft des linken oder linksradikalen Milieus ist. Man findet sie mit der gleichen Selbstverständlichkeit am rechten Rand der Gesellschaft. Dort wird eine multikulturelle Gesellschaft gerne mit dem Argument abgelehnt, dass Ausländer Sozialleistungen erschleichen und wenn sie denn arbeiten “den Deutschen die Arbeitsplätze“ wegnehmen. Ohne Zweifel, es gibt Sozialbetrug bei Einwanderern und dieser muss genauso konsequent geahndet werden wie bei deutschen Mitbürgern, die sich auf Kosten des Staates alimentieren. Ansonsten sollte man dieses reduktionistische Weltbild aber mit einem großen Fragezeichen versehen. Es gehört zu den positiven Erkenntnissen der Corona-Pandemie, dass in einigen Schlaglichtern die Arbeitsverhältnisse in Deutschland in einem klareren Licht erschienen. So wurde deutlich, dass bei uns ohne Gastarbeiter aus Polen, Rumänien oder Bulgarien die Räder stillständen. Das gilt vor allen Dingen für Arbeiten, die wegen ihrer Härte und schlechten Bezahlung von deutschen Arbeitnehmern verschmäht werden. Wie erhellend war der Blick in die von Coronaausbrüchen betroffenen Großschlachtereien. Wie deutlich wurde der Preis, den wir für billiges Fleisch zu zahlen bereit sind. Die Bilder von Männern mit Kreissägen, die im Akkord übermannsgroße Rinderhälften in gekühlten Fabrikhallen zerlegen, wobei Blut und Knochen spritzen, haben sich eingeprägt. Und wenn die anstrengende Schicht vorbei ist, bleibt den Malochern nichts anderes übrig, als in teils vergammelten Sammelunterkünften wieder zu Kräften zu kommen. 

Ein vergleichbares Bild bei den Erntehelfern. In dem Artikel „Auf dem Gurkenflieger“ beschreibt Pauline Evers in der FAZ einige Studenten, die im Spreewald arbeiten wollten. Die anstrengende Arbeit auf dem sogenannten Gurkenflieger war allerdings recht schnell beendet. Bäuchlings auf dem Maschinenungetüm zu liegen und die Setzlinge bei schlechter Bezahlung einzugraben, hielten sie nicht lange durch. Im Gegensatz zu den rumänischen Arbeiterinnen und Arbeitern.  

“Landarbeit ist krass beanspruchend für die Muskeln“ stellte eine der Studentinnen fest, die gerne mal was unter freiem Himmel mit ihren Händen machen wollte. Aber der erhoffte ländliche Zauber war schnell verflogen. Die Studenten litten physisch und psychisch. Auch der raue Ton und die Hierarchie auf dem Feld gaben ihnen zu denken. So sinnierten sie erschöpft am Lagerfeuer, ob man nicht eine Gewerkschaft für rumänische Landarbeiter gründen müsste. 

Blinder Hass auf die Polizei, verbunden mit der Unfähigkeit die Funktion der Exekutive für den Rechtsstaat zu begreifen. Fehlender Respekt für die immense Arbeitsleistung ausländischer Arbeiter verbunden mit der Unfähigkeit zu verstehen, dass diese ein wesentlicher Teil unseres für selbstverständlich erachteten Wohlstands ist. 

Wie können Wahrnehmungsfelder so zusammenschnurren? Und wie kann man der moralisierenden Scheinheiligkeit zu Leibe rücken, deren Wesenskern es ist, stillschweigend von dem zu profitieren, was man lauthals kritisiert.

Wie es zur Verengung des Wahrnehmungsfeldes kommen könnte, lässt Yaghoobifarah in einem Gespräch anklingen, das bei Youtube aufgezeichnet ist. Während sie sich mit ihrer Gesprächspartnerin über Depressionen unterhält, gesteht sie, dass sie nur noch in ihren “Bubbles“ lebt, wenn die Schwermut an sie herankriecht. “Bubbles“ bezeichnen Filterblasen im Internet. Das sind hermetisch geschlossene Resonanzräume, in denen man die Welt aussperrt und sich nur noch mit Gleichgesinnten austauscht. Dieses Kommunikationsverhalten verengt die Perspektive und zementiert die eigenen Vorurteile. Neu ist dieses Verhalten nicht. Früher sprach man vom Stammtischgerede. Nur hat der Stammtisch jetzt eine virtuelle Dimension.

Um die mit der Scheinheiligkeit verbundene Wirklichkeitsverweigerung zu entlarven, darf man die Perspektive aber nicht verengen. Man muss sie weiten. Deshalb wäre es für Yaghoobifarah eine Überlegung wert, ob die von ihr geschmähte “Dreckskultur“ nicht auch ihr einen persönlichen Schutzraum gewährt. Eine freiheitliche Grundordnung und eine Exekutive, die für deren Einhaltung sorgt, machen nämlich das Ausleben ihrer öffentlich inszenierten Individualität erst möglich. So macht Yaghoobifarah kein Geheimnis aus ihrer nicht-binärer Geschlechtsidentität. Das ist in Deutschland weder moralisch noch rechtlich ein Problem. Doch in anderen Ländern liefe sie Gefahr, je nach sexueller Vorliebe, gehängt, gesteinigt oder zumindest ausgepeitscht zu werden. Das gilt auch für das Heimatland ihrer Eltern, die aus dem Iran stammen.

Pars pro toto sieht man sich in der Auseinandersetzung mit dieser Autorin also mit einem Paradoxon konfrontiert: Sie ruft medienwirksam zur Zerstörung des Systems auf, das sie als Publizistin in ihrer extravaganten Individualität erst möglich macht. Und schaut man genauer hin, gibt es eine weitere Doppelbödigkeit: Es ist ein nicht nur von ihr praktiziertes Geschäftsmodell, mit einer wütenden Kapitalismuskritik Kapital anzuhäufen, das in die eigene Tasche wandert. Auf dieser Klaviatur spielen auch apodiktische Zeitgeistphilosophen wie Richard David Precht oder Byung-Chul Han, die wortgewandt das Elend dieser Welt dem Kapitalismus in die Schuhe schieben, aber nicht glaubwürdig erklären, was an dessen Stelle treten sollte. Egal. Unterm Strich bleibt ein gediegen-großbürgerlicher Lebensstil, der nicht als Widerspruch zum proklamierten Denken und Handeln empfunden wird.

Egal nun ob Yagoohbifarah die Deutschen abschaffen willoder völkische Gruppen die Gastarbeiter, derart krude Aussagen brauchen einen Resonanzboden. Deshalb sind Yagoohbifarahs Artikel ohne applaudierende linke Claqueure undenkbar. Dasselbe gilt für rechte Entgleisungen. Man erinnere sich nur an Gaulands “Vogelschiss“ oder die zitierte Entsorgung von Aydan Özuguz. Auch hier darf sich der Provokateur des Beifalls der Gesinnungsgenossen sicher sein.

Es ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, dass sich trotz unvereinbarer politischer Standpunkte, die rhetorische Phrasologie der verfeindeten Apologeten gleicht. Egal ob man die linksradikale Internetplattform Indymedia liest oder den Ergüssen Jürgen Elsässers auf Compact folgt, wenn er eine Ode auf die Querdenker singt, die Extremisten wähnen die Menschlichkeit allein im eigenen Lager. Im Gegensatz dazu gerinnt ihnen die gestaltlose Masse der Andersdenkenden zum kalt-repressiven System, das diese heimelige Menschlichkeit bedroht und deshalb zu bekämpfen ist. 

Vielleicht sind es gerade solche klischeehaft-reduzierten Geschichten, die radikale Standpunkte in unserer schwierigen Welt so verführerisch machen. Um wieviel bequemer ist es, sich in ein eingängiges Narrativ zu flüchten, das als verführerisches Schmankerl noch die Illusion der moralischen Selbsterhöhung birgt, als quälendes Unwissenund verstörende Unsicherheiten auszuhalten, die zwangsläufig auftauchen, wenn man sich über schwierige Probleme den Kopf zerbricht?

Herz schlägt Hirn. Doch  trivialisierend-eingängigen Weltsichten müssen mit Vorsicht genossen werden. Sie können eine virusartige Dynamik entfalten. Das legt zumindest das Memetik-Konzept des britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins nahe. Meme sind in diesem Zusammenhang Gedanken, die von Menschen kommuniziert werden. Das können elegante Theorien sein aber auch irrationale Hirngespinste. Entscheidend für Ihre Verbreitung ist nicht ihre Sinnhaftigkeit sondern einzig ihr Replikationserfolg. Und gefährlich werden sie dadurch, dass spleenige Fiktionen Fakten schaffen können. Viele Querdenker verneinen die Gefährlichkeit des Corona-Virus und impfen geneigte Geister mit ihren teils abstrusen Theorien. Das aus diesen Theorien abgeleitete verantwortungslose Verhalten hilft dann dem echten Virus erst richtig auf die Sprünge.

Jetzt muss betont werden, dass opportuner Moralismus kein Alleinstellungsmerkmal radikaler Gruppierungen ist. Man findet ihn auch im gemäßigten politischen Milieu. Davon zeugt zum Beispiel die heutige Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen in ihrer früheren Funktion als Verteidigungsministerin. Es ist bekannt, dass sich die deutsche Bundeswehr momentan in einem maladen Zustand befindet. Bei Manövern müssen Grenadiere mit geliehenen VW-Bussen durchs Gelände heizen, da die Schützenpanzer Puma gerade nicht zur Verfügung stehen. Die Pannenflieger der Bundeswehr haben es zu trauriger Berühmtheit gebracht. Wir besitzen zwar exquisite U-Boote aber die meisten sind nicht einsatzfähig. Man unterließ es einen Wartungsvertrag abzuschließen. Vom Hick-Hack um das neue Sturmgewehr wollen wir nicht weiter reden. Die Gründe für diese Peinlichkeiten sind vielfältig. Bis vor einigen Jahren fehlte es der Bundeswehr an Geld, im Moment leidet sie wohl an einem extrem ineffizienten Beschaffungswesen.

Frau von der Leyen schickte sich an, diese ohnehin schon kritische Situation zu verschlimmern. Sie kämpfte, brav am gesellschaftlichen Commen-Sense orientiert, in der Bundeswehr für mehr “Gleichheit und Gerechtigkeit“. Es war ihr Bestreben, die Einstellungs- und Ausbildungsanforderungen soweit zu senken, dass von der Armee fast niemand mehr ausgeschlossen wird. Alle sollten mitmachen dürfen, egal ob die Bewerber übergewichtig waren oder wegen ihrer schwächlichen Konstitution keinen Rucksack tragen konnten. Von der Leyens verquere Logik war in diesem Zusammenhang nur für sie selbst schlüssig: Wenn die gefürchteten Gewaltmärsche mit schwerem Gepäck, die reale Einsatzbedingungen simulieren sollen, von vielen jungen Menschen in schlechter körperlicher Verfassung, nicht mehr bewältigt werden können, dann sorgt man nicht dafür, dass die Überforderten belastbarer werden, man schafft einfach die Märsche ab! Eine solche Logik ist gerade ja salonfähig. Wenn die Berliner Schüler als Opfer eines völlig aus den Gleisen gesprungenen Bildungssystems schlechte Noten schreiben, dann wird einfach weniger hart zensiert und schon sind die Berliner so gut wie Bayern und Sachsen. Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt. Nur ist eine solche Form der Pippi Langstrumpf-Philosophie im Falle der Rekrutenausbildung kein Spiel. Die sich dem Zeitgeist anbiedernde Einstellung kann für Soldaten im wirklichen Einsatz tödliche Konsequenzen haben. Wie sieht es mit dem Segen der Gleichmacherei aus, wenn den müden Kriegern auf der Flucht im Gebirge beim ersten Anstieg die Puste ausgeht und sie von zähen Taliban verfolgt werden, die in den Bergen groß geworden sind und schon dass Messer wetzen? Dann wird das Motto “Dabei sein ist alles“ zum lebensgefährlichen Zynismus. Bleibt zu hoffen, dass Annegret Kramp-Karrenbauer die Denkfehler ihrer Vorgängerin korrigiert.

Man ist damit zu einer ernüchternden Einsicht gezwungen: In einer medialen Selbstvermarktungsgesellschaft scheint moralisierende Wirklichkeitsverweigerung gesellschaftsfähig zu sein. Das gilt selbst im Hoheitsgebiet der Wissenschaft. 

Sollen wir in der Coronakrise eine Maske tragen oder nicht? In einer aufgeheizten Diskussion zeigt sich, dass es offensichtlich schwierig ist, mit dem mathematischen Konzept der Wahrscheinlichkeit umzugehen. Die fehlerhafte Argumentationsfigur kennt man aus der Kontroverse ums Rauchen. Aus der Tatsache, dass Helmut Schmidt und Winston Churchill als Kettenraucher ein biblisches Alter erreichten, folgt nicht, dass Rauchen ungefährlich ist. Entscheidend sind nicht singuläre Schicksale. Entscheidend sind Mittelwerte über einem großen Stichprobenraum. Regelmäßiges Rauchen verkürzt das Leben bei Männern im Schnitt um 9,4 Jahre. Punkt. 

Der Trugschluss beim Maskentragen funktioniert ähnlich. Kommt es zu einer Infektion, obwohl Masken getragen wurden, bedeutet das nicht, das sie unnütz sind. Es zeigt nur, dass der Schutz nicht vollkommen ist. Im Schnitt verringert das Tragen der Maske das Infektionsrisiko durchaus. Das ist augenfällig, wenn man seinen Blick nach Asien richtet. Man kann sich aber auch mit einem schlichten Gedankenexperiment helfen. Es wird argumentiert, dass die Viren auf den Aerosolen das Maskengewebe einfach passieren, weil sie so klein sind. Stellen sie sich vor, sie stehen mit einem Wäschekorb voll Tischtennisbällen in einem sonst leeren Zimmer an einer Wand und schlagen die Bälle mit einem Schläger irgendwie zur gegenüberliegenden Wand! Jetzt spannen in der Mitte des Raums vom Boden bis zur Decke eine Art Tennisnetz, dessen Maschengröße so beschaffen ist, dass die Tischtennisbälle hindurchgehen. Nun wiederholen sie das Prozedere. Preisfrage: Kommen mit gespannten Netz genauso viele Bälle an der anderen Wand an? Nein. Die Wahrscheinlichkeit ist gesunken. Genauso wie die Wahrscheinlichkeit einer Infektion sinkt, wenn man eine Maske trägt.

Nun ist der Kampf um die Maske nur ein aktuelles Beispiel, bei dem Moralisten versuchen, die Wissenschaft aus dem Feld zu schlagen. Viele andere haben eine längere Tradition. Man denke etwa an den erbitterten Widerstand gegen Tierversuche in der Grundlagenforschung, bei dem radikale Tierversuchsgegner auch vor üblen Verleumdungen nicht zurückschrecken. Das ist befremdlich. Denn auch sie profitieren mit größter Selbstverständlichkeit von den Segnungen der Medizin, die sich in großem Maße Forschungsarbeiten verdanken, die auf Tierexperimenten basieren.

Um hier den Blick zu weiten und damit die Bedeutung von tierexperimenteller Forschung zu verstehen, machen wir eine kurze Zeitreise in die Anfänge des 19. Jahrhunderts. Die damalige Lebenserwartung betrug traurige 35 Jahre. Die Zustände, die zu dieser Zeit in der Medizin herrschten, sind heute nicht mehr vorstellbar. Da es keine Narkose gab, wurde selbst die Amputation eines Beins bei vollem Bewusstsein durchgeführt. Zwei Helfer hielten den panisch-brüllenden Patienten fest, der Arzt durchschnitt mit einem großen Messer das Fleisch bis zum Knochen, um dann mit einigen Streichen der Säge das Bein vollständig zu durchtrennen. Da es kein Wunddesinfektion gab, verstarb ein großer Teil der auf diese Weise behandelten Menschen. Die Chance, einen Krankenhausaufenthalt zu überleben lag damals bei etwa zehn Prozent. Die Patienten verfaulten bei lebendigem Leibe in überfüllten Zimmern, in denen die Ratten über den Boden liefen und die Wunden von Fliegen bewimmelt waren. Viele der tödlichen Wundinfektionen kennen die meisten Menschen heute nicht einmal mehr vom Namen: Gangrän, Pyämie, Erysipel

Die Entwicklung von Anästhetika, Desinfektionsmitteln oder Garnen, mit denen sich  Wunden verschließen ließen, halfen, den Horror einzudämmen. Überall spielten Tierversuche in der Erforschung dieser segensreichen Erfindungen eine wichtige Rolle. Und ganz allgemein ist ihre Bedeutung auch in der modernen Medizin evident. Würde die von Tierversuchsgegnern kolportierte Überzeugung stimmen, dass sich Erkenntnisse aus Tierversuchen nicht auf die Humanmedizin übertragen lassen, dürfte heute kein einziges modernes Lehrbuch existieren!

Diese Überzeugung ist falsch und der logische Fehler gleicht der oben angeführten Argumentationsfigur. Aus der Tatsache, dass einige Ergebnisse von Tierversuchen nicht auf den Menschen übertragbar sind, folgt nicht, dass Tiere in allen Belangen anders funktionieren als Menschen. Selbst eine banale Hefezelle hat mehr mit uns gemein als die meisten denken. Trotz dieses offenkundigen Sachverhalts wähnen sich radikale Tierversuchsgegner im Recht und schrecken nicht vor Beleidigung und der Androhung von Gewalt zurück, um ihren Standpunkten Nachdruck zu verleihen. Prominentestes Beispiel ist der weltweit renommierte Gehirnforscher Nikos Logothetis, der nachweislich als “Nazi“, “Teufel“ und “Mörder“ beschimpft wurde, wobei man ihm sogar drohte ihn mit einer Eisenstange zu erschlagen, wenn er sich vor die Haustür wagen würde. Logothetis wurde als emotionslose narzisstische Forscherpersönlichkeit gescholten, dessen abstruse Forschung für Menschen keinen Erkenntniswert besitzt und nur dazu dient, sein eigenes Ego zu pudern. Die Wahrheit sieht anders aus. Logothetis war maßgeblich bei der Entdeckung des sogenannten BOLD-Effekts beteiligt. Dieser Effekt wird heute überall auf der Welt in der funktionellen Bildgebung verwendet, um Karzinome, Herzprobleme oder Schlaganfälle zu entdecken und rechtzeitig zu behandeln. Die Zahl der Menschen, die aufgrund dieser Früherkennung bisher gerettet wurden, dürfte in die Millionen gehen. Soviel zur angeblich wertlosen Grundlagenforschung. Logothetis hat auf alle Fälle dem psychischen Druck und der Verlogenheit nicht mehr standhalten können und wird Deutschland in Kürze verlassen.

Man sieht also, was auf dem Spiel steht. Wird moralischer Druck ausgeübt, der auf der Gefühlsebene punkten will, sich aber um die komplexe Faktenlage nicht schert, stehen wichtige Teile unserer Gesellschaft zur Disposition. Wollen wir tatsächlich einen Staat, bei dem die Gewaltenteilung im Grundgesetz steht, der aber auf die Polizei verzichtet? Wollen wir ein völkisch- bierseliges Deutschland? Wollen wir eine politisch korrekte Bundeswehr, die aber ihrem Verteidigungsauftrag nicht mehr gerecht werden kann? Und wollen wir auf eine effiziente medizinische Forschung verzichten? Vermutlich nicht. Deshalb muss moralisierende Scheinheiligkeit demaskiert werden. Man darf ihr nicht nachgeben, auch wenn es bequem ist, mit dem Rudel zu heulen.

Stattdessen müssen die Konsequenzen reduzierter Weltbilder von einer höheren Warte durchdacht, gewertet und artikuliert werden, um dann die Moralprediger mit diesen in aller Deutlichkeit zu konfrontieren  Und im nächsten Schritt muss die Frage erlaubt sein ob sie persönlich bereit wären, die Risiken, die sich aus ihren Anschauungen ergeben, zu tragen. In diesem Zusammenhang nur zwei Fragen: Gesetzt den Fall, Frau von der Leyen hätte die Armee während ihrer Amtszeit als Verteidigungsministerin nicht vom Feldherrenhügel betrachtet sondern wäre gezwungen gewesen, in Afghanistan mitzukämpfen. Dann hätte auch ihr eigenes Leben davon abgehangen, ob die Truppe einsatzfähig ist. Wäre sie bei ihrem weltfremden Standpunkt geblieben? Und würden radikale Tierschützer bei ihrer Sichtweise bleiben, wenn sie sich sämtlichen Segnungen der modernen Medizin konsequent enthalten müssten? Vermutlich kämen selbst Hardliner zur Einsicht, dass Handeln und Reden zwei verschiedene Dinge sind, wenn vor einem großen Eingriff bei Ihnen das Narkosegerät ausbleibt und der Chirurg das Skalpell zum Schnitt ansetzt. 

Von der Zeit und dem Mut ein Anderer zu werden

“Wenn man zwei Stunden lang mit einem Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden. Das ist Relativität.“

Der Physiker Albert Einstein war berühmt für seine Bonmots. Einige hundert sind erhalten. Man darf allerdings vermuten, dass er den einen oder anderen Spruch benutzte, um sich lästige Fragesteller elegant vom Hals zu schaffen. Einstein, der lange Jahre nicht einmal ein Telefon besaß, schätzte es, beim Nachdenken in Ruhe gelassen zu werden. Öffentliche Auftritte, vor allen Dingen Gespräche mit Journalisten, waren ihm eher notwendige Pflicht. In diesem Sinne ist auch das Ofenzitat aufschlussreich. Vermutlich wollte der Fragesteller eine anschauliche und bündige Darstellung von Einsteins Relativitätstheorie. Zum Verständnis dieses abstrakten Gedankengebäudes, braucht man allerdings ein gerüttelt Maß an mathematischer Bildung. Um nun nicht etwas zu banalisieren, was sich nicht banalisieren lässt, griff Einstein zu einer List. Er wählte ein Beispiel über die Relativität der Zeit, das jeder Mensch sofort nachvollziehen kann. Doch wenn man ehrlich ist, gibt es ein Problem: Das von Einstein gewählte Beispiel hat mit der Relativität der Zeit in seinen Theorien überhaupt nichts zu tun. Trotzdem hat das Schlitzohr nicht gelogen. Einstein sprach einfach nur von Relativität der Zeit, bezog diese aber auf Zeitempfindungen. Unterschiedliche Zeitempfindungen sind allerdings etwas anderes, als Gangunterschiede zueinander bewegter Uhren, die in der Relativitätstheorie eine zentrale Rolle spielen.

Schon an dieser Stelle ahnt man, dass das Nachdenken über die Zeit in einen Irrgarten führen kann. Und dieses Gefühl verstärkt sich noch, wenn man dem Ofenzitat ein anderes von Einstein gegenüberstellt. Dort sagte er kurz angebunden: 

“ Zeit ist das, was man auf der Uhr abliest“. 

Jetzt sitzen wir in der Falle. Dieses Zitat steht ganz offensichtlich in einem Widerspruch zum ersten. Warum? Das kurzweilige Beieinandersitzen mit dem Mädchen und die schmerzhafte Folter auf dem heißen Ofen unterscheiden sich um einen gehörigen Faktor. Das wird offensichtlich, wenn man gleiche Zeitintervalle miteinander vergleicht. Würde man wie beim kurzweiligen Rendezvous ganze zwei Stunden auf dem Ofen schmoren, dann kröche die Zeit dort fast 15.000 mal langsamer! Wenn Zeit aber einfach das ist, was man auf der Uhr abliest, dann sind zwei Stunden zwei Stunden. Wie lässt sich dieser Widerspruch lösen? Indem man ein kleines Wörtchen streicht. Nämlich den bestimmten Artikel “die“. Die Frage “Was ist die Zeit“ führt nicht weiter. Die Zeit gibt es nicht. 

Es gibt allerdings unterschiedliche Zeitkonzepte, die wir gewöhnlich mit einer gewissen Leichtfertigkeit unter dem Terminus “Zeit“ subsummieren. Zwei der wichtigsten haben wir gerade kennengelernt. Diese könnte man als “objektive“ oder “physikalische“ im Unterschied zur “subjektiven“ Zeit bezeichnen. Persönlich finde ich diese geläufigen Bezeichnungen nicht so hilfreich, weshalb ich lieber die etwas sperrigeren aber genaueren Bezeichnungen konstruierte und empfundene Zeit verwenden möchte. Beide Zeitkonzepte sind für uns moderne Menschen von großer Bedeutung und es ist wichtig zu verstehen, wie eng diese mit unserem Leben verwoben sind.

Beginnen wir mit der konstruierten Zeit! Das wäre gemäß Einstein die Zeit, die man auf der Uhr abliest. Leider ist Einsteins “Erklärung“ in diesem Zusammenhang nicht wirklich befriedigend. Sie ersetzt ein Fragezeichen durch ein anderes. Um zu wissen was die Zeit ist, müsste man wissen, was eine Uhr ist. Ist diese tatsächlich ein Zeitmesser? Ist die Zeit also Teil einer vom Beobachter unabhängigen Wirklichkeit, die sich mittels eines Messgeräts, genannt “Uhr“ ermitteln lässt? Durchwebt sie alle Teile des Wirklichen und ist in dieser Form Ausdruck einer absoluten Zeit, die jedem noch so kleinsten Partikel des Seins den Takt schlägt? 

Die Idee, dass die Zeit eine eigenständige Existenz hat, geht vor allen Dingen auf den Philosophen Platon zurück. Doch genau diese Idee, die in verwandelter Form auch bei Isaac Newton auftauchte, der von einem absoluten Raum und einer absoluten Zeit sprach, wurde von Einstein widerlegt. Dieser zeigte nämlich, dass die Zeiten, die verschiedene Beobachter auf ihren Uhren ablesen, von ihren relativen Bewegungszuständen abhängen. Deren Messungen, das muss betont werden, sind aber alle gleich gültig. Nur eine hervorzuheben und für absolut zu erklären, wird deshalb im Lichte der Relativitätstheorie zu einem Akt von Menschen gemachter Willkür.

Deshalb scheinen Uhren doch etwas anderes zu sein. Aber was? Da wäre als erstes festzuhalten, dass schon in der Jungsteinzeit viele Kulturen wussten, dass das täglich wahrnehmbare Himmelsspektakel eine Mischung aus Chaos und Ordnung ist und damit zumindest in Teilen als Taktgeber fungieren kann. Die Wechselwendigkeit des Wetters ist unterlegt von Rhythmen, die eine eherne Regelmäßigkeit zu besitzen scheinen: dem Sonnentag, dem Mondmonat und der jährlichen Umdrehung der Erde um die Sonne. Diese Zyklen kann man Kalendersystemen zugrunde legen. Doch für genauere Zeitbestimmungen sind sie nur bedingt geeignet, da sich zum Beispiel der Tag nicht so exakt unterteilen lässt. Wie lässt sich der Tag genauer strukturieren? Die Menschen machten sich vor der Erfindung der Uhren vor allen Dingen biologische Rhythmen zunutze. Die Andamanen, die auf einer östlich von Indien gelegenen Inselgruppe im Urwald leben, haben extrem empfindliche Nasen und strukturieren bis heute Jahres- aber auch Tageszeiten nach Gerüchen. So kann eine Zeitangabe lauten: Wir treffen uns am nächsten Tag, wenn die Zibetfrucht am stärksten riecht. In Europa waren sogenannte Blumenuhren verbreitet. Hier machte man sich den Umstand zunutze, dass verschiedene Blumen ihre Blüten zu verschiedenen Zeiten des Tages öffnen und wieder schließen. Auch auf diese Weise war es möglich, den Tag zeitlich zu differenzieren. Es ist in unserem Zusammenhang aber wichtig, dass man sich zur zeitlichen Orientierung natürlicher Rhythmen bediente und diese noch nicht künstlich herstellte. Das gilt auch im Fall der bekannten Sonnenuhr, bei der ein Stock, ein sogenannter Gnomon, in Abhängigkeit vom Sonnenstand einen Schatten wirft. Den verschiedenen Positionen des Schattens lassen sich Zahlen oder Zeichen zuordnen, die man dann benutzen kann, um Zeitpunkte festzusetzen. 

Doch der Nachteil von Sonnenuhren ist offensichtlich: Sie funktionieren nur an unbewölkten Tagen. Künstlich hergestellte Uhren besitzen solche Nachteile nicht. Betrachten wir in diesem Zusammenhang die Klepshydra, die Wasseruhr. Diese gibt es in verschiedenster Bauart. So kann aus einem oberen Gefäß Wasser durch eine Öffnung in einen Auffangbehälter laufen, der mit Maßstrichen versehen ist. Der Füllstand des Auffangbehälters, wird dann mit einer Zeitdauer korreliert. Am Beispiel der Klepshydra lassen sich viele Eigenschaften verstehen, die auch für moderne Uhren typisch sind. Das beginnt mit ihrem Zweck. In der Antike wurden sie häufig verwendet, um die Redezeiten vor Gericht zu begrenzen, sodass alle Parteien dieselbe Zeit hatten, ihre Standpunkte vorzubringen. Auf diese Weise ließ man Gerechtigkeit walten. Die Uhr diente also dazu, gemeinschaftliches Handeln zu strukturieren und zu steuern. Wie müssen die Uhren beschaffen sein, um dieser Aufgabe genügen zu können? Sie müssen vergleichbar sein, also gleich schnell gehen! Diese Forderung ist aber nur gegeben, wenn man sie normiert. Hätten vor Gericht Kläger und Verteidiger Wasseruhren, die unterschiedlich schnellliefen, würden gleiche Füllstände unterschiedlichen Zeitdauern entsprechen. Damit wäre eine der Parteien im Vorteil, die andere im Nachteil. Um die Uhren vergleichbar zu machen, braucht es nun handwerkliches Geschick. In den Auffangbehältern sollen die zeitlichen Markierungen, die mit den Füllständen korrelieren, gleichen Volumina entsprechen und außerdem müssen die Durchlauföffnungen so beschaffen sein, dass durch sie gleich viel Wasser pro Zeit hindurchfließt. 

Obwohl wir hier erstmals der Normierung von Uhren begegnen, die gewährleisten, dass Zeitdauern, die von verschiedenen Geräten angezeigt werden, vergleichbar sind, mussten noch viele Jahrhunderte vergehen, bis Uhren auftauchten, die den in unserer Zeit gebräuchlichen ähneln. Diese kamen erstmals an einem Ort zur Anwendung, wo man am wenigsten mit ihnen gerechnet hätte. Den Benediktinern, die uns heute von den Etiketten der Bierflaschen anlächeln, verdanken wir nämlich nicht nur die Geheimnisse der Braukunst und sorgsam gepflegte Kräutergärten, sondern auch den mit der Uhr überwachten Stundenplan. 

Es war Benedikt von Nursia, der mit seinen strikten Ordensregeln eine Revolution in Gang setzte, die uns bis zum heutigen Tage mitreißt und für alle Zeiten aus Arkadien vertrieben hat. Diese Revolution ist so tiefgreifend, dass Benedikt neben Jesus und Pythagoras zu den Menschen gehört, die unser westliches Leben mit der größten Nachhaltigkeit geprägt haben. 

Benedikt war Zeitverschwendung ein Gräuel. Die Zeit gehörte Gott. Jede Sekunde war kostbar: Seine Notdurft verrichten, den Kopf rasieren, den Herren preisen und die Mahlzeiten zu sich nehmen, alles hatte seinen von Benedikt festgesetzten Zeitpunkt. Um diesen rigiden Stundenplan einhalten zu können, suchte man einen verlässlichen Taktgeber. Und so waren es die Benediktiner, die die ersten Uhren mit Hemmung erfanden. Da nun die Ordensregeln für alle Benediktinerklöster verbindlich waren, war es darüber hinaus notwendig, gleichlaufende Uhren zu bauen. Diese schlugen allen Mönchen zur rechten Zeit die Stunden. 

Gerade in diesem Zusammenhang wird deutlich, dass es bei der Verwendung von Uhren nicht darum geht, “die Zeit zu messen“. Es geht darum, verlässliche Maschinen zu konstruieren, damit verschiedene Menschen in der Lage sind, ihre Handlungen zu koordinieren und so komplexe soziale Zusammenhänge zu schaffen.

Außerdem wird offenbar, dass den natürlichen Rhythmen wie Tag, Monat und Jahr menschengemachte zeitliche Metriken eingewoben werden, die eigentlich mit Willkür behaftet sind: Stunden, Minuten, Sekunden sind keine natürlichen Maße, sondern verdanken sich einer künstlichen Definition und Setzung. 

Das Geheimnis der raffiniert konstruierten künstlichen Uhren blieb der Welt außerhalb der Klostermauern natürlich nicht verborgen. Bald kamen sie in das Blickfeld der Unternehmer und Kaufleute, die schnell verstanden, dass sich mit deren Hilfe Fertigungsprozesse effizienter gestalten ließen. Das Ergebnis ist uns allen bekannt: Was als Schrulle eines Mönchs begann, hat sich heute zu einem Moloch gewandelt, vor dem es kein Entrinnen mehr zu geben scheint. Wer in unserer Zeit unternehmerisch erfolgreich sein möchte, muss sich den Spielregeln des Marktes unterwerfen. 

Zu diesen gehört es, zu konkurrenzfähigen Preisen zu produzieren. Und da die Arbeitszeit zu den Kosten gehört, muss diese so effizient wie möglich genutzt werden. Von der noch im Mittelalter üblichen Praxis, ein Werkstück fertig zustellen, wenn man gerade Lust hatte, sind wir heute Lichtjahre entfernt.

Bleibt noch auf die Funktion der Uhren in der Wissenschaft hinzuweisen. Stellen wir uns dazu den alten Galilei vor, der in der Renaissance wissen wollte, wie lange eine große Holzkugel braucht, die man eine lange schiefe Ebene herunter rollen lässt. Was muss man in diesem Zusammenhang messen können? Auf alle Fälle Winkel, Höhen und Längen. Die dazu notwendigen Messinstrumente waren zu seiner Zeit bekannt. Aber kann man mit diesen eine Bewegung messen? Nein, dazu braucht man eine Uhr. So wie ein Maßstab ein standardisiertes Längenmaß ist, so braucht man eine standardisierte Bewegung, mit der man die zu messende Bewegung vergleichen kann. Dass kann wie bei einer Wasseruhr ein gleichmäßiger Fluss sein oder eben eine gleichmäßig periodische Schwingung, wie bei den meisten modernen Uhren. 

Wie wenig selbstverständlich dieses Konzept ist, wird klar, wenn man sieht, mit welchen Schwierigkeiten der tapfere Galilei zu kämpfen hatte. Angeblich verwendete er zuerst ein bekanntes Kinderlied, um die Zeitdauer zu ermitteln, die die Kugel von oben nach unten brauchte. Er ließ sie oben los, sang und merkte sich die Silbe, wenn sie unten war. Die Ergebnisse waren aber unbefriedigend. Und auch sein unregelmäßiger Herzschlag taugte nicht als verlässliche Uhr. Erst als er ein Fadenpendel verwendete, wurden die Ergebnisse besser. Heutige Uhren sind milliardenfach genauer und geben den Naturgesetzen eine immer präzisere Gestalt. Wichtig ist in diesem Zusammenhang aber, dass wir Naturgesetze formulieren, die sich in Messgrößen ausdrücken lassen, die wir in großer Genauigkeit handwerklich zu kontrollieren wissen. Am Anfang auch der abstraktesten Gesetze steht ein elaboriertes Konstruktionswissen.

Unterm Strich sind Uhren also in erster Linie vom Menschen hergestellte Werkzeuge. Sie sollen seinen Zwecken genügen. Wir brauchen sie, um unser hyperkomplexes modernes Leben bis in den Nanosekundenbereich zu organisieren. Außerdem sind sie notwendig, um exakte Naturgesetze zu formulieren und anzuwenden.

Aber, erfassen die allgegenwärtigen Uhren damit wirklich die Aspekte des Zeitlichen, die für uns Menschen wichtig sind? Oder ist es ein folgenschwerer Trugschluss moderner Industriegesellschaften, dass wir die Zeit auf einem Zifferblatt ablesen können, um sie im nächsten Schritt nach eigenem Gutdünken zu sparen oder zu vergeuden? Das Einsteinsche Diktum, Zeit sei das, was man auf einer Uhr abliest, ist auf alle Fälle nur die halbe Wahrheit. Für ein erfülltes Leben sind andere Aspekte des Zeitlichen entscheidender.

Beginnen wir zur Erläuterung mit einer Empfindung, die alle kennen. Jeder erwachsene Mensch erinnert sich an Augenblicke seiner Kindheit, in der Zeit etwas ganz anderes war als heute. Das war eben nicht das monotone Klicken der Uhrwerke, die der organisierten Welt der Erwachsenen den Takt schlagen. Zeit hatte etwas Ungestaltetes, glich eher einem warmen See, in dem man sich genüsslich treiben ließ. Wie ist es möglich, aus diesem Paradies vertrieben zu werden? Warum ändert sich unser Zeitgefühl so radikal mit dem Älterwerden? Spätestens in der Lebensmitte, wenn der Blick von der Gegenwart immer öfter in die Vergangenheit schweift, machen wir eine befremdende Erfahrung: Die Zeit beginnt zu rasen. Lag früher zwischen Weihnachten und Weihnachten eine Ewigkeit, schrumpft dieser Zeitraum immer mehr zu einem Nichts. Gerade das immer schneller scheinende Auftreten gleichartiger Ereignisse, Weihnachten, Sylvester, der eigene Geburtstag oder die obligatorischen Ferien, lehrt uns das Fürchten. Wir spüren, dass wir mit beschleunigtem Schritt dem eigenen Ende entgegen fliegen. Wie kann das sein, in einer Welt der Uhren, die alle gleichmäßig ticken? 

Diese für uns so einschneidende Empfindung hat mit der Ganggenauigkeit der Chronometer am Handgelenk wenig zu tun. Tatsächlich steht in unserer Effizienzgesellschaft das falsche Zeitmaß im Fokus. Das Leben mittels einer Uhr zu verwalten wird ja in den Rang einer Kunst erhoben. “Effektives Zeitmanagement“ lautet das Schlagwort der Stunde. Und Knappheit von Zeit ist geradezu zum Statussymbol geworden. Über ungeplante Zeit verfügt nur der Nichtsnutz. Der gesellschaftliche Gegenentwurf, der von der eigenen Wichtigkeit narkotisierte Macher, plant Meetings im Viertelstundentakt und auf dem Laufband im Fitnessstudio werden noch Vokabeln gepaukt. Ärgerlich, dass man nachts schlafen muss und diese Zeit nicht besser nutzen kann. Aber betrügt man sich auf diese Weise nicht um sein eigenes Leben? Die empfundene Zeit, die mit der Lebensqualität so eng verwoben ist, spielt im hektischen Leben der meisten Erwachsenen eine untergeordnet Rolle. Berufliche Anspannung, Freizeitstress und familiäre Pflichten nähren das Bedürfnis, sich straff zu organisieren. Und das Mittel der Wahl ist eben die Uhr. 

Aber erfüllt empfundene Zeit ist keine tickende Mechanik. Sie hängt davon, mit welchen Augen wir die Welt betrachten und wie wir uns in dieser bewegen. Da stellt sich die Frage, ob das Phänomen der rasenden Zeit zwangsläufig ist oder ob wir die Möglichkeit haben, uns ein kindliches Zeitgefühl zu erhalten?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns mit einem rätselhaften Phänomen beschäftigen, dem “subjektiven Zeitparadoxon“. Dieses ist noch tiefgründiger als das Einsteinsche Ofenbeispiel, da es sich nicht nur mit unterschiedlich empfundenen Zeitdauern in der Gegenwart beschäftigt. Es wird auch hinterfragt, wie wir diese in der Rückschau einschätzen. Bemerkenswerter Weise stehen in diesem Zusammenhang gefühlte Gegenwart und erinnerte Vergangenheit in einem widersprüchlichen Verhältnis zueinander. In Momenten der Versenkung, wenn wir von einer Tätigkeit ganz gefangen sind und das Vergehen der Zeit gar nicht spüren, bläht sie sich diese in der Rückschau zum intensiv empfundenen Leben auf. Ganz anders, wenn wir in der Gegenwart zähe Langeweile empfinden. Dann verflüchtigt sich die Zeit im Rückblick zu einem Nichts. Das Leben fliegt an uns vorüber. 

Um das rätselhafte Zeitparadoxon zu dechiffrieren, beschäftigen wir uns zuerst mit dem tiefgründigen deutschen Wort “merkwürdig“. Leider hat dieses einen Beigeschmack: “Merkwürdig“ wird gerne mit “suspekt“ in einen Topf geworfen. Hier aber soll es anders aufgefasst werden und zwar im Sinne von “des Merkens würdig“. 

Etymologisch bedeutet “merken“, eine “Marke zu setzen“. Vor diesem Hintergrund können wir eine Beziehung zur Funktionsweise unseres Gehirns herzustellen. Merkwürdig sind also Erfahrungen, die von unserem Gehirn für würdig befunden werden, eine Marke zu hinterlassen. Das bedeutet, dass diese, in den Synapsen gespeichert, zur Erinnerung werden. 

Doch zur Auflösung des Zeitparadoxons bedarf es noch eines weiteren Schritts. Wir müssen sorgfältig zwischen Lernen und Können unterscheiden. 

Lernen ist immer ein Wagnis, da man sich mit Dingen beschäftigt, die man noch nicht kann. Würde man sie können, bräuchte man sie nicht zu lernen. Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass wir uns beim Lernen immer wieder mit neuen Begebenheiten auseinandersetzen müssen. Im Gegensatz dazu zeichnet sich Können in den meisten Fällen durch das Ausführen bereits erlernter Routinen aus.

Jetzt erinnern wir uns, dass das Gehirn an vorderster Stelle ein Lernorgan(!) ist,  das Neuigkeiten liebt und Altbekanntes mit emotionsloser Routine erledigt. Beschäftigen wir uns nun in der Gegenwart mit Dingen, die wir noch nicht kennen, die neu für uns sind, dann läuft das Gehirn zu Höchstform auf. Das Neue ist des Merkens würdig und wird gespeichert. Ganz anders als die öde Routine, die ja bereits im Gedächtnis abgelegt ist. Das Gehirn bleibt hier in einem gelangweilten Stand-By-Modus. Wozu Energie für etwas aufbringen, das schon verinnerlicht ist?

Vor diesem Hintergrund verliert das subjektive Zeitparadoxon seine Widersprüchlichkeit. Das Zeitgefühl in der Gegenwart wird vor allen Dingen von den Pausen geprägt, die zwischen den Merkwürdigkeiten auftauchen. Sind die Pausen zwischen den neuen Eindrücken kurz, fliegt die Zeit, sind sie dagegen lang, weil nichts Interessantes passiert, wird die Zeit zum zähen Fluss. Erinnert werden aber nicht die Pausen, sondern das, was für das Gehirn erinnerungswürdig war: Das Unbekannte, das Unerwartete, das Neue. Das Immergleiche aber verschwindet spurlos im Orkus des Vergessens.

Jetzt wird klar, warum kindliches und erwachsenes Zeitgefühl so unterschiedlich sind. Für das Kind hat die Freude am Neuen eine fast rauschartige Qualität. Beim Entdecken der Welt sind Kinder so gefangen, dass sie das Vergehen der Zeit in der erlebten Gegenwart nicht spüren. Aber in der Rückschau dürfen sie sich über eine reiche Ernte freuen. Bei den Erwachsenen sieht das anders aus. Routinen haben sich ins Leben geschlichen. Deshalb wird die Gegenwart oft als ereignislos und langweilig empfunden. Und in der Rückschau, kann man sich eigentlich nicht erinnern, was man getan hat. Nur wenig, was des Merkens würdig gewesen war. Einprägsam ist in diesem Zusammenhang besonders die sogenannte Pendleramnesie: Der Wunsch, ein Häuschen im Grünen sein Eigen zu nennen, kann ernsthafte Konsequenzen für das persönliche Wohlergehen haben, zumindest bei denen, die gezwungen sind, lange Wege zur Arbeit zu fahren. Man hat festgestellt, dass genervte Berufspendler im Stau eine Konzentration von Stresshormonen im Blut haben, die höher ist als die von Kampfbomberpiloten. Noch bedenkenswerter aber ist, dass diese Stunden im Auto wie von Geisterhand aus der Erinnerung getilgt werden. Wer denkt da nicht an die Zeitdiebe aus dem Kinderbuch Momo. Je nachdem wie viel man fährt, können sich auf diese Weise ganze Lebensjahre im Nichts auflösen. 

Aber was soll man machen gegen die gleichmacherischen Zwänge der Routinen? Es ist doch unvermeidbar, dass das Leben im Erwachsenenalter nicht mehr so unverbraucht daherkommt wie bei einem Kind. Der Zauber der ersten Male liegt weit zurück: Die ersten Ferien am Meer, das erste Mal im Zirkus, der erste Schultag, der erste Kuss. Sind wir deshalb den Routinen, diesen Zeitfressern auf leisen Sohlen, ausgeliefert? Sparen wir nur auf der Uhr Zeit, während wir unser gelebtes Leben atomisieren? 

Um diese Fragen zu beantworten, muss man seine persönliche Lebenseinstellung auf den Prüfstein stellen. Natürlich schlagen sich bewährte Einsichten und Fertigkeiten in Routinen nieder und ersparen uns die mühselige Arbeit, das Leben gemäß neuer Erkenntnisse immer wieder neu organisieren zu müssen. Doch leider hat diese intellektuelle Sicherheit eine Kehrseite. Wir begegnen im Leben hauptsächlich Altbekanntem. Und damit verliert es seinen Zauber. Das Gefühl, dass die Zeit rast, ist deshalb der Preis für die Illusion sich kompetent zu fühlen.

Der Mut und die damit verbundene Bereitschaft sich auch immer wieder Neuem und Unerwartetem zu stellen, wäre das probate Gegenmittel. Doch mit neugierigen Erwachsenen ist das so eine Sache. Kinder werden für diese Charaktereigenschaft  gelobt. Aber ein neugieriger Erwachsener wird selten mit der Tugend des kindlichen Staunens assoziiert. Das ist eher einer, der seine Nase in Sachen steckt, die ihn nichts angehen. Stimmt deshalb die Beobachtung, dass im positiven Sinne neugierige Erwachsene eine seltene Spezies sind? Woran könnte das liegen? Vermutlich verlieren Erwachsene die besondere Fehlerkultur, die Kinder auszeichnet. Will ein Kind das Laufen lernen, fällt es permanent auf den Hosenboden. Es bleibt aber nicht frustriert auf dem Boden hocken und beschließt beim Bewährten zu bleiben und in Zukunft einfach weiter zu kriechen. Es steht einfach auf und versucht es erneut. 

Beschließen jedoch Erwachsene sich dem Unvertrauten zu stellen, lernen sie gerne, wenn niemand zuschaut. Das dem Lernen inhärente Misslingen, das erst nach einer Weile peu a peu überwunden wird, ist ihnen häufig unangenehm. Deshalb ist es stressfreier, beim Bewährten zu bleiben. Aber die Angst, sich in Frage zu stellen und stattdessen beim Bewährten zu bleiben, nährt wie beschrieben die galoppierende Zeit. 

In diesem Zusammenhang lohnt es sich, über ein letztes Einsteinzitat nachzudenken.

In einem Interview wurde der berühmte Physiker gefragt, was seine herausragenden Fähigkeiten seien. Einstein antwortete: Seine Stirn und seine Nase. Die Nase war das Symbol für Intuition und Neugier. Die Stirn Sinnbild für Ausdauer und Frustrationstoleranz. Mit dieser Aussage bringt uns Einstein am Ende auf die richtige Bahn: Die Stirn zu haben, seiner Nase zu trauen, ist für Erwachsene die einzige Möglichkeit, sich ein kindliches Zeitgefühl zumindest ein Stück weit zu erhalten und so der galoppierenden Zeit Zügel anzulegen.

Marco Wehr

Gefährliche Wege zum Glück

“Keine Kunst vermochte etwas, kein Kraut nützte, keine Medizin richtete etwas aus.“

“Die ganze Stadt war ein Grab.“

Mit diesen düsteren Worten kommentierte der Chronist Lorenzo de Monacis die Pest, die 1348 in Venedig wütete. Die nächsten dreihundert Jahre wurde die Serenissima im Schnitt alle zehn Jahre von der Seuche heimgesucht. Gerade die verheerenden Ausbrüche von 1576 und 1630 haben sich ins kollektive Gedächtnis der Bevölkerung eingegraben. Die Folgen waren desaströs. Bei den großen Ausbrüchen starb ein Drittel der Bevölkerung. Auf das heutige Deutschland übertragen, wären bei einem vergleichbaren Ausbruch über 25 Millionen Tote zu beklagen. Jede Familie würde im engen Kreis Verstorbene beweinen. 

Die damalige Hilflosigkeit war unvorstellbar. Der Feind hatte kein Gesicht. Fast 5000 Jahre wütete die Pest schon und man hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie verursacht wurde. Üble Dünste standen im Verdacht. Oder ein sittenloses Leben, das einem rachsüchtigen Gott missfiel. Doch egal, ob man Kräuter verbrannte oder dem Herrn versprach, in Zukunft gottgefälliger zu leben, der Schnitter schwang unbarmherzig die Sense und vollbrachte sein grausames Werk. 

Beindruckend war aber die Dankbarkeit der Menschen, nachdem sich die Seuche zurückgezogen hatte. Man spendete viel Geld, um zwei eindrucksvolle Kirchen zu bauen, die bis heute das Stadtbild von Venedig prägen: Il Redentore und Santa Maria della Salute. Die Bauzeit der architektonischen Meisterwerke dauerte Jahrzehnte. Dafür waren finanzielle Mittel notwendig, die in ihrer Höhe kaum mehr vorstellbar sind. Bis zum heutigen Tage gibt es Prozessionen, um der Toten zu gedenken.

Machen wir einen Zeitsprung in die Gegenwart und nehmen die Coronapandemie in den Blick! Die ersten Kranken tauchten im Dezember 2019 im chinesischen Wuhan auf. Das Genom des Virus war schon wenige Wochen später sequenziert. Nur zwölf Monate später wurde die 90-jährige Maggi Keenan aus Coventry als Erste mit dem Impfstoff von BioNTech immunisiert. Im Moment sind in Deutschland über sechzig Prozent der Bürger mindestens einmal geimpft. Gestorben sind an Covid-19 etwa 92 000 Menschen. Setzt man die Zahl der Coronatoten in Deutschland in Beziehung zu der Anzahl der Pestopfer in Venedig, dann hatte die Lagunenstadt im Verhältnis etwa 30 000 mal mehr Tote zu beklagen als wir. Und es dauerte bei der Pest im Vergleich zu Corona 5000 mal länger, bis man sie heilen konnte.

Man könnte annehmen, dass das ein Grund zum Feiern ist. Eigentlich bestaunen wir einen unvergleichlichen Triumph der Wissenschaften. Doch niemand schickt sich an Forschern wie Ugur Sahin  und seiner Frau Öslem Türeci, die das potente mRNA-Vakzin entwickelt haben, eine Kathedrale zu bauen und Dankbarkeit zu zeigen. Stattdessen wird die Existenz eines Impfstoffes von den meisten für eine Selbstverständlichkeit gehalten. Und über die Rückkehr der Freiheit freut man sich eher verhalten. Viele sind sogar verstimmt. Zulange musste man auf den geliebten Urlaub verzichten oder grämte sich, da man nicht das Café seiner Wahl besuchen konnte. Auch die Anwesenheit der Kinder zuhause war fordernd. Deutlich zeigen sich Verdruss und Krisen in der Tatsache, dass Plätze beim Psychologen nicht mehr zu bekommen sind. Alles ausgebucht, auf Monate.

Wenn es eines Beweises bedurfte, dass unser Weltbild auf den Prüfstand muss, dann liefert ihn unser Umgang mit der Coronapandemie. Wobei die Zeichen auch schon vorher unübersehbar waren. Im Vergleich zum 19. Jahrhundert hat sich unsere Lebenserwartung fast verdreifacht. Betritt man heute einen gewöhnlichen Supermarkt so übertrifft die dortige Auswahl an Früchten aus aller Welt, Fisch, Fleisch, Geflügel  und Spezereien das, was man sich früher unter dem Paradies vorstellte. Die reichsten Fürsten und Könige der Geschichte hätten sich gedemütigt gefühlt, hätten sie die Möglichkeit gehabt, die Auswahl eines gewöhnlichen Supermarkts mit ihrer Festtafel zu vergleichen. Doch gemäß einer Umfrage kaufen die Menschen ausgesprochen ungern ein. Es ist Ihnen eine Last eine Kiwi aus Neuseeland, eine Ananas aus Nicaragua und ein saftiges Steak vom Rind aus der argentinischen Pampa in den Einkaufskorb zu legen. Lieber regt man sich auf, wenn die Litschis für den Salat  vergriffen sind.

Was ist da los? Warum führen diese paradiesischen Zustände, von denen Menschen zu allen Zeiten geträumt haben, nicht zu paradiesischen Glücksgefühlen?

Eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Pfeifende, singende und lachende  Menschen sind selten zu finden. Das passt zu einer Untersuchung aus Italien. Waren unsere liebenswerten Nachbarn einst das Paradebeispiel öffentlich zelebrierter Sangeskunst so hat sich auch jenseits der Alpen der Frohsinn in den Schmollwinkel verzogen. In den reicheren Vierteln Mailands schmettert niemand mehr ein Lied. Dazu muss man in den armen Süden fahren.

In den Industrieländern ist das Glück mit dem rapide gestiegenen Wohlstand nicht mitgewachsen. Stattdessen werden seelische Qualen zur Volkskrankheit. Gemäß einer großen Untersuchung der Barmer Ersatzkasse wird ein Viertel der 18- bis 25-Jährigen in Deutschland von Depressionen, Angstzuständen und Panikattacken gequält. Irgendwas läuft falsch. Warum wollen sich Glück und Zufriedenheit nicht einstellen, obwohl die äußeren Bedingungen so gut sind, wie noch nie in der gesamten Menschheitsgeschichte?

Um diesem eigenartigen Phänomen nachzuspüren, beginnen wir mit dem Begriff des Glücks selbst. Wenn man im Deutschen über Glück spricht, dann muss man zuerst eine Unterscheidung treffen. Glück hat bei uns zwei verschiedene Bedeutungen. Zum einen bezeichnet es den glücklichen Zufall. In der anderen Lesart ist ein Lebensgefühl gemeint. 

Beginnen wir mit dem glücklichen Zufall. Dessen Gegenspieler ist das gefürchtete Pech. Glück und Pech sind in diesem Zusammenhang etwas anderes als Verdienst und Schuld. Glück hat man, wenn man im Lotto gewinnt. Pech, wenn einem der sprichwörtliche Blumentopf vom Balkon auf den Kopf fällt. Natürlich kann Pech für eine Weile zu Missmut führen. Dauerhaft gefährlich für die eigene Zufriedenheit werden Glück und Pech aber erst, wenn man sie konsequent als Erklärungsprinzip heranzieht, um die eigene Lebenssituation zu legitimieren. Es sei betont, dass sich die folgende Argumentation nicht auf Menschen bezieht, die Schicksalsschläge wie schwere Krankheit oder den Verlust eines geliebten Menschen erleiden mussten. 

Was passiert, wenn man die eigene Unzufriedenheit immer dem Pech in die Schuhe schiebt? Wenn man beklagt, Pech mit den Eltern zu haben, mit den Lehrern und mit den Partnern? Wenn man lamentiert, nicht talentiert zu sein und mit seinem Aussehen hadert? 

Man gibt das Heft aus der Hand und macht sich zum Spielball eines unberechenbaren Zufalls. Das hat Konsequenzen. Die verführerische Seite besteht darin, dass man die Verantwortung für die eigene Befindlichkeit an eine unbekannte Schicksalsmacht delegiert. Das ist bequem. Aber der Preis ist hoch. Statt selbst zu handeln, fühlt man sich behandelt. Das ist ein gedeihlicher Nährboden für depressive Verstimmungen. Schließlich behauptet man, hilflos zu sein. Schon Hunde reagieren auf solche Situationen mit Schwermut. Man verglich in einem Experiment zwei Gruppen von Tieren, die in verschiedenen Käfigen untergebracht waren. Über deren Boden konnte man ihnen einen leichten Stromschlag zuführen. In dem einen Käfig gab es jedoch eine Apparatur, mit der die Hunde den Strom ausschalten konnten, was sie schnell lernten. In dem andern Käfig gab es diesen Mechanismus nicht. Im nächsten Versuchsdurchgang wurden beide Käfige oben geöffnet. Außerdem wurden die Seitenwände soweit erniedrigt, dass die Hunde mühelos herausspringen konnten. Den Abschaltmechanismus gab es allerdings nicht mehr. Die Hunde, die gelernt hatten, mit ihren eigenen Handlungen etwas zu bewirken, sprangen aus dem Käfig. Die anderen legten sich auf den Boden und ertrugen ihr Schicksal. Dieses Phänomen bezeichnet man als erlernte Hilflosigkeit. 

Ein weiteres interessantes Ergebnis stammt von der Psychologin Carolin Dweck. Zwei Studentengruppen absolvierten einen nicht zu schweren Test in Mathematik, den alle mit Erfolg absolvierten. Anschließend wurde die eine Gruppe überschwänglich für ihr Talent gelobt. Bei der anderen strich man ihren Fleiß und ihre Lernausdauer hervor. 

Im zweiten Durchgang waren die Tests deutlich schwerer. Interessanter Weise gaben nun die, die man für ihren Fleiß gelobt hatte, nicht so schnell auf. Sie zeigten Biss und schrieben passable Ergebnisse. Die aber, die sich etwas auf ihr Talent einbildeten, schmissen die Flinte schnell ins Korn und scheiterten häufiger. 

Die Erfahrung, auf der Grundlage eigener Kompetenzen seine Situation verändern zu können, verleiht also Flügel. Das weiß man auch aus der sogenannten Expertiseforschung. Menschen, die Dinge meisterlich können, sind vor allen Dingen die, die mit großer Ausdauer üben und den Mut haben, sich immer neuen Herausforderungen zu stellen. Das klappt am Besten, wenn man von einer Sache begeistert ist und deshalb eine hohe intrinsische Motivation hat. Entscheidend ist, nicht aufzugeben. Das vielgelobte Talent, der genetische Zufallsfaktor, spielt eine geringere Rolle als man allgemein denkt. So war Albert Einstein, der Inbegriff des Genies, kein wirklich brillanter Mathematiker. Er besaß aber einen Riecher für die richtigen Fragestellungen und eine bewundernswerte Zähigkeit, um jahrzehntelang zu arbeiten, bis er seinen Intuitionen endlich eine stringente mathematische Form geben konnte.

Die eigene Befindlichkeit mit Glück und Pech zu begründen birgt noch weitere Fallstricke. Wir neigen nämlich dazu, unsere Situation mit der anderer zu vergleichen. In der antiken Philosophie der Lebenskunst war das eine Todsünde. Der Hang zum Vergleich fördert schließlich die Entwicklung von Charaktereigenschaften, die mit Notwendigkeit zu Gram und Verdrießlichkeit führen. Die Rede ist von Neid und Missgunst. Man schaut sich neugierig um. Und gerade in der global vernetzten Welt findet sich immer einer, der besser aussieht oder wohlhabender ist, einen attraktiveren Partner hat oder etwas besser kann als man selbst. Und das wird in der Lesart von Glück und Pech als ungerecht empfunden. Warum die oder der und nicht ich?

Aus dieser Falle führt kein Weg heraus. Es sei denn, man ändert die Perspektive, akzeptiert seine Situation oder beschließt, sie aus eigenen Kräften zu ändern. Das wäre der gebotene Aufbruch in die Eigenverantwortung. Aber auch dieser hat eine Schattenseite. Wenn man sich die falschen Ziele setzt. Damit kommen wir zur zweiten Lesart des Glücks.

Fragt man Menschen nach ihrem Lebensziel, dann geben sie meist an, zufrieden und glücklich sein zu wollen. Dabei wird das Lebensglück mit Gesundheit und Erfolg in einen Zusammenhang gedacht. Wie essentiell Gesundheit ist, weiß jeder, der einmal ernstlich krank war. Nicht umsonst heißt es “Der Gesunde hat viele Probleme, der Kranke nur eins.“ Obwohl Gesundheit als essentieller Teil für die Zufriedenheit genannt wird, wundert man sich aber, dass viele Menschen dieser recht wenig Beachtung schenken. Übergewicht ist in allen reichen Ländern ein großes Problem. Rauchen und Trinken ebenfalls. 

Aber nicht nur der nachlässige Umgang mit dem eigenen Körper gibt Anlass zum Nachdenken. Auch viele der angestrebten Erfolgskriterien wären zu hinterfragen. Neben harmonischen Familienverhältnissen und Gesundheit werden Wohlstand, Ansehen, Karriere oder Einfluss angestrebt. Gerade kürzlich befragte man Teenager nach ihren Zukunftsplänen. Die meisten wollten einfach berühmt werden und zwar mit überschaubarem Aufwand. Der “Influencer“, der sich auf Social-Media-Kanälen viele Klicks holt, stand ganz hoch im Kurs. Aber das Streben nach Ansehen ist nicht nur unter Jugendlichen verbreitet. Auch Personen des öffentlichen Lebens, die sich etwas auf ihren Intellekt einbilden, sind prädestiniert, an die Angel zu gehen. Das Verlangen seine Meinung in den maßgeblichen Gazetten platziert zu sehen oder sich in Talkshows zu allem und jedem zu äußern, kann suchtartig werden.

Will man verstehen, weshalb das angestrengte Streben nach Geld, Ansehen, Karriere und Einfluss mit Vorsicht zu genießen ist, macht es Sinn, sich mit einigen grundlegenden psychologischen Prinzipien auseinanderzusetzen. Da gibt es an erster Stelle den Gewöhnungseffekt. Dieser ist eigentlich weder gut noch schlecht. Es ist tröstlich, dass viele Querschnittsgelähmte, die wegen eines Unfalls im Rollstuhl landen, eine Zufriedenheit erreichen können, die mit der vor dem Unfall vergleichbar ist. Hier funktioniert Gewöhnung wie ein lindernder Balsam. 

Sie kann aber auch eine andere Dynamik entfalten. Betrachten wir einen jungen Mann, der seine Ersparnisse zusammenkratzt, um sich einen nagelneuen Golf mit potentem Motor und Doppelauspuff zu kaufen. Steht das ersehnte Auto endlich in der Garage, kennt der Besitzerstolz keine Grenze. Leider verblasst das euphorische Gefühl mit der Zeit. Er gewöhnt sich an das Auto. Um einen neuen Kick zu bekommen, muss etwas Besseres her. Der Golf wird verkauft, jetzt gibt es den getunten BMW, nur wenige Jahre später muss es dann ein bulliger Mercedes sein. Dieser getriebene Zyklus von Erstreben, Erwerben, Gewöhnen und Veräußern wird in der Psychologie als die hedonistische Tretmühle bezeichnet. Wie ein Hamster im Laufrad bewegt man sich im Käfig seiner eigenen Zwänge. Doch das ist nicht alles:

Im Hamsterrad muss die Laufgeschwindigkeit permanent erhöht werden, um zur ersehnten Befriedigung zu gelangen. Das hat mit einem interessanten funktionalen Zusammenhang zu tun, der vor allen Dingen von dem Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahnemann und seinem verstorbenen Kollegen Amos Tversky untersucht wurde. 

Denken wir uns ein Koordinatensystem! Dann steht auf der X-Achse der objektive Wert. Rechts vom Nullpunkt könnte das ein Geldbetrag sein, den man bekommt. Links wären Verluste aufzutragen. Die Y-Variable bezeichnet Lust und Verdruss. Wie sehr freut man sich, wenn man einen bestimmten Betrag erhält oder wie sehr ärgert man sich, wenn man Geld verliert. Diese “Lust- und Verdruss-Funktion“ hat einige eindrückliche Eigenschaften. Da ist zum einen die Tatsache, dass Menschen negative Ereignisse stärker empfinden als positive. Der Ärger tausend Euro zu verlieren ist größer als die Freude, denselben Betrag zu gewinnen. Die Funktion also ist keine Winkelhalbierende, die durch den Nullpunkt geht. Das hat weitere Konsequenzen. Wenn der BMW doppelt so teuer ist wie der Golf, ist die Freude leider nicht doppelt so groß. Sie ist kleiner, da es sich bei der “Lust- und Verdruss-Funktion“ um eine Sättigungskurve handelt. Sowohl im negativen, wie im positiven Bereich nähert sie sich einem Wert, der nicht überschritten wird. Anschaulich sieht die Funktion ein bisschen wie ein in die Höhe gezogenes S aus. Das ist auf der Schmerzensseite positiv. Das empfundene Unglück hat eine Grenze. Die Freude aber auch. Diese steigt zuerst stark an, um dann mit wachsendem Einsatz immer mehr abzuflachen. Am Anfang ist sie also groß. Das erste Auto ist ein euphorisierendes Erlebnis. Doch je mehr man hat, desto mehr muss man investieren, um einen deutlichen Zuwachs an Glück zu empfinden. Das macht das Rennen in der Tretmühle zu einem letztlich hoffnungslosen Unterfangen. 

Und die Jagd nach dem Kick durch den Konsum hat weitere Schattenseiten. Beständig wird nach links und rechts geäugt, um sicherzustellen, dass man gut im Rennen liegt. Vielen reicht es nicht, dass es ihnen gut geht. Wichtig ist, dass es ihnen im Vergleich zu anderen besser geht. Auch zu diesem Phänomen gibt es aufschlussreiche Daten. Was wäre Ihnen lieber? Sie bekommen 80000 Euro, ihre ganzen Nachbarn aber 100000. Oder sie bekommen 60000 Euro und die Nachbarn nur 40000. Tatsächlich entscheiden sich mehr Menschen für die zweite Variante als für die erste. Das lässt nur eine Folgerung zu: Der relative Wert ist maßgeblicher als der absolute. Fassen wir zusammen: Für den jungen Herren, geht es nicht um das Auto an sich. Stattdessen ist er mit einem schwierigen Optimierungsproblem konfrontiert: Wie es gelingt ihm, mit gerade noch vertretbarem finanziellen Aufwand, ein Statussymbol zu erwerben, dass den eigenen Ansprüchen genügt und gleichzeitig den nötigen Eindruck schindet? Solche Probleme können die Gemütslage ziemlich beeinträchtigen Und natürlich sind nicht nur männliche Autokäufer betroffen sondern auch Frauen auf der Jagd nach der ultimativen Handtasche oder Familien auf der Suche nach dem absolut unverwechselbaren Urlaubserlebnis. Oder Eltern, die an der Karriere ihrer Kinder feilen. Oder Menschen, denen Gehalt und Laufbahn über alles gehen.  Überall, wo wir gewaltsam optimieren, um uns mit andern zu vergleichen, tappen wir in die Falle und werden Opfer der gerade beschriebenen Mechanismen. Es gefährdet also die Seelenruhe, wenn man im Namen des Erfolgs Reichtum, Ansehen, Aussehen, Ruhm oder Macht erstrebt. Dieses Streben kennt kein Ende. Es ist wie Salzwasser für den Dürstenden.

Vor diesem Hintergrund wird nun nachvollziehbar, weshalb unsere gegenwärtige Einschätzung der Coroankrise, legt man historische Maßstäbe zugrunde, so unangemessen ist. Wir haben uns mit großer Selbstverständlichkeit an einen unvergleichlichen Wohlstand gewöhnt, wobei wir dessen absolute Größe weder hinterfragen noch zur Kenntnis nehmen. Im “Lust-und Verdruss-Diagramm“ sind viele schon sehr weit nach rechts gewandert. Substanzielle Verbesserungen sind da kaum mehr möglich. Dafür nehmen wir graduelle Verschlechterungen als ausgesprochen schmerzhaft wahr. Und zu allem Überfluss machen wir unsere Befindlichkeit auch noch davon abhängig, wie wir uns im Vergleich zu anderen Menschen einordnen. Damit wären wir erneut bei den Glücksgiften Neid und Missgunst. Warum der oder die und nicht ich?! 

Da Vergleiche mit anderen in unserer Gesellschaft eine so große Rolle spielen, obwohl diese die Lebenszufriedenheit in tückischer Weise untergraben, muss hier noch über den Einfluss der sozialen Medien gesprochen werden, die in diesem Zusammenhang wie ein Brandbeschleuniger wirken. Es ist nämlich wichtig zu verstehen, dass Medien wie Facebook oder Instagram globale Schaufenster sind. 

Sie verleiten dazu, anderen Menschen zu folgen und deren Leben zu betrachten, man liegt aber auch selbst in der Auslage und wird von ihnen betrachtet. Da will man natürlich ein gutes Bild abgeben. Das verleitet dazu, seinen virtuellen Auftritt wirkungsvoll zu gestalten und die Möglichkeit der gesteuerten Selbstinszenierung gestattet es, die gewünschte Aufmerksamkeit zu generieren. Und genau diese Aufmerksamkeit ist mit dem Ansehen korreliert. Wobei Ansehen hier ganz wörtlich zu verstehen ist. Aus der Verhaltensbiologie weiß man, dass Menschen mit großem Ansehen von vielen Menschen angesehen(!) werden. Wie verführerisch ist es deshalb für Menschen mit histrionischer Persönlichkeit, von Millionen Menschen am Bildschirm betrachtet zu werden? Doch auch hier lauert Gefahr. 

Von dieser sind besonders Mädchen und junge Frauen betroffen. Während man weiß, dass bei der eigenen Inszenierung mitunter geschickt gemogelt wird, neigt man dazu, die aufpolierten Existenzen der anderen für authentisch zu halten. Bei den anderen scheint im Urlaub offensichtlich permanent die Sonne, die Partys sind rauschender, sie sind immer super gelaunt und besser aussehen tun sie auch noch. Das führt zur Niedergeschlagenheit. Oder zur Gegenreaktion. Einem krampfhaften Kampf um Aufmerksamkeit, der die verrücktesten Formen annehmen kann. Am verstörendsten sind Mädchen, die sich im globalen Schlankheitswettkampf zu Tode hungern oder sensationslüsternde Reiseblogger, die auf der Suche nach dem ultimativen Film von Klippen stürzen oder in Wasserfällen ertrinken.

Wie könnte man die Schwerpunkte in seinem Leben anders setzen? Da gäbe es natürlich den klassischen und bewährten Weg der Philosophie. Man befragt ausgewiesene Meister der Lebenskunst wie Epikur, Seneca, Marc Aurel, Buddha, Laotse oder Aristoteles und macht sich auf einen langen Weg. Man könnte sich aber auch mit der Harvard-Glücksstudie beschäftigen, einem modernen Experiment, das seines Gleichen sucht. Wir wählen hier die zweite Möglichkeit. In der Harvard-Glücksstudie wurden die Lebenswege von 814 Menschen akribisch untersucht. Die Probanden waren eine wilde Mischung. Begabte weiße Männer, Menschen verschiedenster Ethnien aus ärmeren Verhältnissen und Frauen mit extrem hohem Intelligenzquotienten. Die Testpersonen, die bis zum heutigen Tage anonym sind, wurden in regelmäßigen Zeiträumen genauestens befragt, beobachtet und analysiert. Die wesentliche Frage war, was ein glückliches Leben ausmacht. Nachdem man diese Menschen meistens bis ans Sterbebett begleitet hatte, kristallisierte sich eine Essenz heraus, die uns zu denken geben muss. Zuerst fand man das Naheliegende: Schwere Krankheit, der Verlust der Kinder, katastrophale finanzielle Verhältnisse, sind Bedingungen, die dem Glück massiv im Weg stehen. Doch bei denen, die von solchen Schicksalsschlägen verschont geblieben waren, stellte sich nicht automatisch Zufriedenheit ein! Es zeigte sich, dass die oben diskutierten und gesellschaftlich geadelten “Erfolgskriterien“ Ansehen, Aussehen, Wohlstand, Einfluss für das Lebensglück keine wesentliche Rolle spielen. Entscheidend waren einzig zwei Punkte. Glücklich wurden die, die für sich eine Lebensaufgabe gefunden hatten, die ihrem eigenen Wesen entsprach und die zudem in der Lage waren, Liebe zu geben und Liebe zu empfangen. Gerade der erste Aspekt deckt sich mit der Einschätzung des griechischen Philosophen Aristoteles. 

„Glück wird dem Zuteil, der gemäß seines eigenen Wesens lebt“ sagte er, wobei er so klug war zu wissen, dass Gesundheit, bescheidener Wohlstand, eine intakte Familie und gute Freunde notwendige Bedingungen des Glücks sind. Wie aber erfährt man, ob eine Tätigkeit, die man anstrebt, seinem eigenen Wesen entspricht? 

Damit kommen wir zum alten Orakelspruch von Delphi, der in den verschiedensten Auslegungen eine zentrale Rolle in der Philosophie spielt. Er lautet: “Erkenne Dich selbst!“. Leider hat dieser harmlos klingende Satz eine verstörende Tiefe. Der Prozess, sich selbst auszuloten, die eigenen Ängste, Bedürfnisse, Befähigungen zu erkennen, ist nichts, das sich in einem Wochenendseminar erledigen ließe. 

Das ist eine lohnende Aufgabe, der man sich stellen muss und die einen langen Atem braucht. 

Vor Hintergrund gesammelter antiker Lebenskunst und den aktuellen Ergebnissen der Harvard-Glücksstudie sei nun eine ketzerische Frage erlaubt: Stehen die in unserer Gesellschaft für selbstverständlich gehaltenen Erfolgskriterien, die uns in vielen Zusammenhängen wie ein Mantra vorgebetet werden, dem Glück im Weg, während eine Lebensführung, die sowohl den Einsichten antiker Weisheitslehrer als auch  moderner Glücksforschung entspricht, wenig Wertschätzung erfährt? 

Wenn es so zentral ist, Liebe zu geben und Liebe zu empfangen und einen Lebensweg einzuschlagen, der dem eigenen Wesen gemäß ist, dann stellt sich heraus, dass die Art und Weise, wie wir in unserer Gesellschaft Schule und Studium gestalten, und wie viel Zeit wir mit unseren Kindern, Verwandten und Freunden verbringen und wie wir mit diesen umgehen, im tiefsten Sinne philosophische Probleme sind. Hinterfragen wir diese wichtigen Punkte?

Bliebe noch hinzuzufügen, dass ein Leben, das die Schwerpunkte eher in den Beziehungen und weniger in den Dingen setzt, unseren Lebensraum schont. 

Zur Zufriedenheit braucht es viel weniger, als man glaubt. Außerdem geraten andere Charaktereigenschaften in den Fokus. An die Stelle von Neid und Missgunst treten die Glücksbringer Bescheidenheit und Dankbarkeit. 

Immer am dritten Wochenende im Juli findet in Venedig in der Kirche Il Redentore ein großer Gottesdienst statt. Man ist dankbar und feiert, dass die Pest Geschichte ist. In diesem Jahr hat man die Coronaseuche, die wir mit konsequenter Impfung wohl in den Griff bekommen werden, zum ersten Mal in die Feier mit eingeschlossen. Damit wäre zumindest in Italien ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung getan. 

#ModernerLiberalismus

Von Thomas Lange 

Der Liberalismus hat ein Imageproblem. Treffen seine Wortführer womöglich zu selten den richtigen Ton in öffentlichen Debatten? Zeit zu fragen: Was macht modernen Liberalismus aus? 

Moderner Liberalismus steht für Selbstbestimmung und (!) Solidarität. Eine liberale Gesellschaft schätzt die menschliche Einzigartigkeit und Vielfalt. Sie schützt daher unsere individuellen Freiheiten und fördert unsere Selbstentfaltung. Sie stärkt aber auch den sozialen Zusammenhalt, federt Härten ab, fängt auf, wenn Lebensentwürfe scheitern, und verhilft immer wieder zu zweiten Chancen. Solidarität endet dabei nicht am nationalen Tellerrand – erst recht nicht, solange es Armut auf der Welt gibt. 

Moderner Liberalismus steht zur Marktwirtschaft. Unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft ist sie das beste bekannte Mittel, um möglichst vielen Menschen ein gelingendes Leben zu ermöglichen. Eine gut geordnete Marktwirtschaft ist anderen Systemen daher nicht nur ökonomisch überlegen, sondern auch moralisch. Fehlentwicklungen in real existieren Marktwirtschaften lassen sich in der Regel nicht durch „Überwindung“ von Marktmechanismen lösen, sondern durch angepasste Rahmenregeln und kluge Re-Designs des Marktes. 

Moderner Liberalismus steht für Nachhaltigkeit. Er steht für rationalen Umwelt- und Klimaschutz, der ohne Symbolpolitik und Moralismus auskommt und sich stattdessen – nüchtern und sachlich – an den Kriterien Wirksamkeit, Effizienz und Gerechtigkeit ausrichtet. Marktbasierte Instrumente, die sich am Verursacherprinzip orientieren und den Wettbewerb und das ökonomische Prinzip der Arbeitsteilung als bewährtes Entdeckungsprinzip für die kreativsten und besten Lösungen nutzen, spielen dabei eine wichtige Rolle. Nachhaltigkeit heißt aber auch, die finanziellen Handlungsspielräume zukünftiger Generationen nicht über Gebühr einzuschränken: Vor allem die sozialen Sicherungssysteme müssen demographie- und zukunftsfest gemacht werden. 

Moderner Liberalismus geht davon aus, dass Wissen und Kreativität unbegrenzte Ressourcen sind. Daraus resultiert sein Optimismus, dass in Fortschritt und Vernunft die Schlüssel zur Lösung der gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit liegen. 

Moderner Liberalismus steht für Zukunftsperspektiven. Er setzt sich für einen ungehinderten und gerechten Zugang zu Bildung ein, für individuelle Förderung und Befähigung, für Aufstiegschancen – in jeder Lebensphase. Er bekennt sich auch klar zur Exzellenz: Spitzentalente verdienen Spitzenförderung. Er setzt auf Fortschritt, neue Technologien und Innovation – und hat dabei immer die Menschen im Blick, ihre Freiheits- und Selbstbestimmungsbedürfnisse ebenso, wie ihre Schutz- und Solidaritätsbedürfnisse. Im Strukturwandel setzt er auf individuelle Befähigungsstrategien (z.B. Lebenslanges Lernen) und Teilhabe am Fortschritt, nicht auf strukturkonservative Besitzstandswahrung. 

Moderner Liberalismus steht für Respekt vor Anstrengung und Leistungsbereitschaft. Er honoriert individuelle Leistungen und Leistungsfähigkeit, erkennt aber auch an, dass Menschen mit unterschiedlichen Talenten gesegnet sind, unterschiedliche Startvoraussetzungen haben und auf sehr unterschiedliche Weise Glück und Unglück erfahren können. Wer leistet, was er kann, verdient Anerkennung und Respekt. 

Moderner Liberalismus sucht die Debatte und macht es sich nie leicht. Er versucht mit Argumenten zu überzeugen – akzeptiert aber auch, dass Positionen verrückbar sind. Er weiß, dass die Welt komplex ist, und anerkennt, dass es auf schwierige Fragen keine einfachen und eindeutigen Antworten gibt. Er hinterfragt Überzeugungen und lässt Zweifel selbstbewusst zu. Er kennt den Unterschied zwischen Moralismus und Moral. 

Moderner Liberalismus verlässt sich nicht darauf, dass moralische Appelle und eine gute Gesinnung groß-gesellschaftliche Probleme lösen. Er setzt stattdessen auf die „Verbesserung rechtlicher und ordnungspolitischer Institutionen in der Absicht, uns zu bewegen, auch aus Eigeninteresse zu tun, was das Gemeinwohl erfordert“, wie Hermann Lübbe es formulierte. 

Moderner Liberalismus weiß um die Verletzlichkeit der Demokratie und der offenen Gesellschaft. Er versucht sie daher nicht nur mit Paragraphen und Ordnungsmacht zu schützen, sondern setzt sich auch für einen zivilisierten Ton und Umgang im gesellschaftlichen Diskurs ein, hört zu und respektiert andere Meinungen, grenzt nicht aus, polarisiert nicht, skandalisiert nicht. Er weiß um den gesellschaftlichen Wert von Ausgleich und Kompromissen. 

Für den modernen Liberalismus sind die Freiheit und Würde des Einzelnen und die Solidarität unter den Menschen keine Widersprüche. Gemeinsam machen sie das gelingende Leben aller Menschen aus. Genauso sind Ökonomie und Moral keine Widersprüche: beide dienen gleichermaßen dem Menschen und dem gelingenden Leben.

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Dieser Beitrag ist am 19. September 2020 zuerst auf dem Blog Der Debatte halber erschienen.

Mut zum Mut

Eltern die ihre Kinder lieben, neigen dazu, sie zu beschützen. Trotzdem dürfen sie diese nicht überprotektionieren. Das wichtigste Ziel ist schließlich, diese zur Selbstständigkeit zu erziehen.                

Irgendwas war anders mit den Flüchtlingskindern. Es dauerte eine Weile bis man es merkte: Wenn die Burschen mit ihren klapprigen Fahrrädern vom Sperrmüll um die Ecken sausten und lachend über die Bürgersteige schanzten, dann taten sie das mit einer Geschwindigkeit, einem Geschick und einer Freude, die man bei uns, zumindest im städtischen Raum, nur noch vereinzelt sieht. Unsere Kinder findet man selten alleine auf der Straße, dafür um so häufiger in Begleitung der Eltern, zum Beispiel im Café mit einem Kinder-Cappuccino in der Hand. Weil die Gespräche der Erwachsenen die Kleinen verständlicherweise langweilen, quengeln sie oder vertreiben sich die Zeit mit dem Smartphone. Das wiederum gibt den Erwachsenen einen willkommenen Anlass für einen kulturpessimistischen Diskurs: Man beklagt den Wandel der Zeit, und dass Kindheit früher etwas ganz anderes war. Da spielte man draußen im Dreck und nicht in einer zweidimensionalen, aseptischen Computerwelt. Das mag stimmen. Welche Kinder kämen heute noch schnell genug über den Zaun, wenn sie, die Taschen voll mit geklautem Obst, vom wutschnaubenden Nachbarn verfolgt würden?  Aber – ist das die Schuld der Kinder? Ist es deren Wille, mit den Eltern Kaffee trinken zu gehen oder sich Hand-in-Hand mit Mama und Papa die Schaufensterauslagen anzugucken? Wohl kaum. Es ist doch eher eine zwangsläufige Konsequenz der Rollen, die wir Erwachsene den Kindern und Jugendlichen unserer Zeit zudenken. Und die Kinder machen einfach das, was sie immer getan haben. Sie besetzen vertrauensvoll die Verhaltensnischen, die die Älteren für sie vorgesehen haben, bis sie diese in der Pubertät hoffentlich auch in Frage stellen. Deshalb kommt das verbreitete Wehklagen, die Kinder würden sich seltsam entwickeln und fragwürdige Verhaltensweisen an den Tag legen, wie ein Bumerang auf uns Erwachsene zurückgeflogen.

Was nun Rollen und Verhaltensnischen sowie die damit verbundenen Entwicklungsräume angeht, so haben sich diese in den letzten 30-40 Jahren tatsächlich grundlegend verändert. In diesem Zusammenhang fällt ein Aspekt besonders ins Auge: Freiräume, in denen Zeit selbstverantwortlich gestaltet werden kann, mit all den damit verbundenen Chancen aber auch Risiken, sind von der Wiege bis zum Studienabschluss selten geworden. Eine Ausnahme bildet vielleicht das sorgsam inszenierte Gap-Year, in welchem man nach dem Abitur wahlweise in Neuseeland Natursteinmauern aufschichtet oder in einem chilenischen Elendsviertel den Straßenkindern das Violine spielen beibringt. Ansonsten herrscht gerade in der Mittel- und Oberschicht ein engmaschiger Geist der Planung. Das mag vor der Hand vernünftig erscheinen: Wir sind jetzt alle Teil einer globalen Welt mit einem nie gekannten Konkurrenzdruck. Zeit zu vertrödeln, die Kinder und Jugendliche einfach sich selbst zu überlassen, scheint in diesem Lichte fahrlässig zu sein. Das ist eine mögliche Lesart.  Aber wie wäre es mit einer anderen? Die Welt ist für uns Erwachsene in ihrer weltumspannenden Komplexität so unübersichtlich und wenig greifbar geworden, dass wir ängstlich versuchen Inseln der Ordnung zu schaffen, um uns der Illusion hinzugeben, dass das Leben und der Erfolg konstruierbar seien. Anstatt Kinder zu ermutigen, sich mit zwangsläufigen Unwägbarkeiten einer hyperkomplexen und sich rasant verändernden Welt auseinanderzusetzen, auch auf die Gefahr hin, dass sie ab und zu mal auf die Nase fallen, planen wir das Leben unserer Kinder und Jugendlichen wie ein Haus, bei dem die Gewerke hoffentlich geschmeidig ineinandergreifen, gerade so, als wäre Lebenserfolg einzig das Resultat einer effizienten Organisation, in der der Zufall keine Rolle spielt. Krippenplätze werden von vorausschauenden Eltern schon gebucht, bevor die Kleinen auf der Welt sind, dann werden Kita und Beruf feinsäuberlich miteinander verzahnt. Und bei der Wahl der Kita wird darauf geachtet, dass kognitive Fähigkeiten, die später einmal wichtig sein könnten,  etwa eine Fremdsprache wie Englisch oder noch besser Chinesisch von kompetenten Erzieherinnen bereits geschult werden, wenn die Hosenmatze noch Windeln tragen. Dann bitte eine Ganztagesschule, garniert mit einer perönlichkeitsfördernden Zusammenstellung außerschulischer Hobbys wie Klavier, Ballett oder Tennis. Schließlich eine vollverschulte Universität, wobei die Eltern die Zimmer ihrer Zöglinge mit aussuchen, gemeinsam den Stundenplan checken und vor dem Einschreibetermin mit gerümpfter Nase das Mensaessen in Augenschein nehmen. Es sollte schon gewährleistet sein, dass die Kinder gut schlafen und was Vernünftiges in den Magen bekommen. Das Studium – ein lang ersehnter Aufbruch in ein selbstbestimmtes Leben? Das ist für viele Schnee von gestern.

Egal, welche Lesart man bevorzugt, kann man darüber nachdenken, ob die Schwerpunkte, die wir Erwachsene für Kinder und Jugendliche in Erziehung, Schule und Universität setzen, tatsächlich zu deren Bestem sind oder nur dazu dienen, unser Gewissen zu beruhigen und unsere eigenen Ängste zu lindern. Gut gemeint ist ja oft das Gegenteil von gut gemacht. Aber was wäre denn am besten? Obwohl Erziehungsstile und Bildungspolitik kontrovers diskutiert werden, liegt doch zumindest eine Antwort auf der Hand: Egal ob wir Eltern, Erzieher, Lehrer oder Professoren sind, vermutlich haben wir zumindest ein gemeinsames Ziel: Wir möchten Kindern und Jugendlichen Fertigkeiten, mentale Werkzeuge, soziale Kompetenzen und Könnensbewusstsein an die Hand geben, damit sie in der Lage sind, auch mit der Lebenswirklichkeit außerhalb von Elternhaus und Bildungseinrichtungen zurechtzukommen, um schlussendlich ein selbstbestimmtes und zufriedenes Leben führen zu können. Und das größte Unglück wäre doch wohl, wenn wir uns eines Betruges schuldig machen würden, indem wir ihnen in Erziehung und Bildung eine Wirklichkeit vorgaukelten, die mit dem echten Leben nach Abschluss der Berufsausbildung nichts zu tun hat. Provokativ formuliert: Die von uns mit guten Vorsätzen geschaffenen Schutzräume hätten dann eine vergleichbare Funktion wie ein Glashaus für eine wachstumsoptimierte Hollandtomate. Deren Gedeihen ist genau solange gewährleistet, wie der Wind nicht zu stark weht. Aber was passiert, wenn das Glashaus im Sturm zu Bruch geht? Dann gibt es ein schmerzhaftes Erwachen. Ist diese Sorge begründet? Oder völlig überzogen? 

Wenn man genauer hinschaut, mehren sich die Zeichen, dass wir uns leichtsinniger Weise die Welt in Erziehung und Bildung schön lügen. Und diese Form von Realitätsverleugnung macht Konsequenzen möglich, vor denen man mit Fug und Recht Angst haben darf. 

Ein zugegeben extremes Beispiel hat in jüngerer Zeit Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen geliefert: Frau von der Leyen möchte der fordernden Rekrutenausbildung bei der Bundeswehr mit ihren anstrengenden Gewaltmärschen die Härte nehmen. Jeder soll mitmachen dürfen. Zum einen möchte von der Leyen nicht, dass Frauen benachteiligt werden, zum anderen fällt es auch jungen männlichen Soldaten zunehmend schwerer, die geforderten Leistungen zu erbringen. Außerdem braucht die schrumpfende Bundeswehr dringend Personal und es gibt nach ihrem Verständnis in der Armee genug Aufgaben, bei denen man nicht durch den Schlamm rutschen muss. Das Problem? Nach der Meinung erfahrener Militärausbilder wären Soldaten und Soldatinnen dann auf reale Einsatzsituationen nicht mehr vorbereitet. Es wäre also nicht auszuschließen, dass das politisch korrekte Verhalten der Verteidigungsministerin im schlimmsten Fall fatale Konsequenzen hätte – wenn nämlich ein im Hindukusch groß gewordener Taliban noch behände liefe, während Soldaten der Bundeswehr auf einem Rückzug die Puste ausginge und gerade kein gepanzertes Fahrzeug zur Flucht bereit stände.

Doch unabhängig von einem solchen Extrembeispiel, Anzeichen einer vielleicht gut gemeinten aber trotzdem fragwürdigen Realitätsverleugnung zeigen sich auch in vielen anderen Lebensbereichen. Bleiben wir bei der oben gemachten Beobachtung:  Auf der Straße tobende Kinder, die ohne elterlichen Schatten ihre Zeit selbst bestimmen, sind im städtischen Raum Ausnahmeerscheinungen. Stattdessen? Betreutes Leben – 24 Stunden am Tag. Selbst Kinder im Alter von vier Jahren werden von ihren Eltern gerne gehoben und geschoben. Und das Abenteuer Schulweg wird auch nicht mehr allen zugemutet. Der Taxiservice der Eltern steht parat, besonders wenn das Wetter schlecht ist. Auch zuhause ist das Leben selten motorisch spannend und anregend. Da wird ebenfalls viel gesessen, günstigenfalls mit einem Buch in der Hand. Folgerichtig haben sich motorische Fertigkeiten der Kinder und Jugendlichen in unserer behüteten Welt ziemlich verschlechtert. Wenn vierjährige Kinder heute zu uns in den Tanzunterricht kommen, dann können sie oft nicht rückwärts laufen, es fällt ihnen schwer auf einem Bein zu balancieren oder sie trauen sich nicht von einer 20 Zentimeter hohen Treppenstufe zu springen. Wenn sie es dann doch wagen, werden sie von den anwesenden Müttern, die jeden Fortschritt der Kleinen akribisch beäugen, euphorisch beklatscht, als hätten sie einen 8000er ohne Sauerstoff bestiegen. Einen Purzelbaum zu machen halten dann aber viele Mütter und Kinder für eine unzumutbare Form von Akrobatik. Folgerichtig können sie es mit sieben Jahren immer noch nicht. Das gilt selbstverständlich nicht für alle Kinder aber leider für viele. Käme es zu einer vergleichbaren Deprivation im sprachlichen Bereich, dann würden die Kinder bei der Einschulung nuscheln und stammeln. Darüber hinaus wären sie nicht in der Lage, zusammenhängende Sätze zu sprechen. Man male sich den öffentlichen Aufschrei aus! Doch die nicht mehr selbstverständliche Fähigkeit, sich flüssig zu bewegen, scheint im Vergleich eher wenig Problembewusstsein und Handlungsdruck auszulösen. Aber wen wundert das? Gemäß einer Umfrage sind mehr als 50% der deutschen Kinder noch nie auf einen Baum geklettert! Dafür kennen sie Bäume aus abstrakteren Zusammenhängen. Sie wissen, dass sie notwendig sind, um CO2 zu binden und den Klimawandel abzuwenden. Eine wichtige Erkenntnis, aber mit dieser einseitigen Betrachtung bekommt der Wald etwas Museales und ist damit alles andere, nur kein aufregender Erlebnisraum für neugierige Kinder. Und wenn diese dann doch mal wagen möchten, einen echten Baum mit Händen und Füßen zu erklettern, dann können besorgte Eltern einen zertifizierten Baumkletterkurse buchen. Der ist natürlich teuer zu bezahlen. 

Jetzt kann man an dieser Stelle natürlich die ketzerische Frage stellen, ob wir diesen ganzen motorischen Schnickschnack überhaupt noch brauchen? Jede Zeit hat ihre eigenen Herausforderungen. Wir müssen schließlich nicht mehr mit der Spitzhacke Kohle aus einem Flöz schlagen. Wenn es heute wichtig ist, im Affenzahn mit der Computermaus über den Bildschirm zu jagen, warum macht es dann noch Sinn, zu klettern oder einen Purzelbaum zu schlagen? Vielleicht wird der Körper ja, wie uns einige digitale Propheten weis machen wollen, in Zukunft sowieso überflüssig. Wir lägen dann – wie in den Science Fiction-Filmen –  als Gehirne in einer handwarmen Lake aus Nährstoffen und sind mit der Welt nur noch mit Drähten verbunden. Oder die Information wird direkt aus dem Gehirn ausgelesen und in ein weltumfassendes Datennetzwerk eingespeist, das abstrakte Weltenhaus künftiger Generationen, ein digitaler Garten Eden.

Obwohl sich prominente Denker wie Ray Kurzweil – immerhin der Chefentwickler von Google – zu solchen Visionen versteigen, ist das sicher zu kurz gedacht. Deshalb lohnt es sich, genauer hinzugucken! Schließlich war und ist unser Körper seit Menschengedenken das wesentliche Werkzeug zum Welterwerb und wird es auch in Zukunft bleiben. Diese zentrale Einsicht lässt sich mit einem harmlos anmutenden Experiment verdeutlichen, das leider folgenschwere Konsequenzen hat: Was passiert mit einem Kätzchen, das gerade die Augen aufschlagen hat und welches man fortan durch die Welt trägt, anstatt es auf den eigenen Beinen neugierig seinen Lebensraum erkunden zu lassen? Das erschütternde Ergebnis: Das Kätzchen lernt das Sehen nicht – es bleibt blind! Wie ist das möglich? Die Augen waren doch offen?  

Das erstaunliche Resultat, das sich eines fast vergessenen Experiments des  Psychologen Richard Held verdankt, muss uns zu denken geben, wenn wir nicht nur über die Entwicklung von Katzen nachdenken sondern auch über die kleiner Kinder.  Was nämlich für Katzen gilt, das gilt für Menschen umso mehr. Je höher entwickelt ein Gehirn ist, desto weniger ist es bei der Geburt “fest verdrahtet“. Es entwickelt sich erst in der intensiven Auseinandersetzung mit der Umwelt, um schlussendlich optimal an diese angepasst zu sein! Dieser Entwicklungsprozess, der uns so selbstverständlich erscheint, dass wir nur wenig über ihn nachdenken, ist jedoch von abgründiger Komplexität. Eine Sache weiß man in diesem Zusammenhang allerdings genau: Man muss mit der Welt in ihrer ganzen Vielfalt interagieren, damit sich das Gehirn an diese Welt optimal adaptiert! Das ist der Dreh- und Angelpunkt. Die Komplexität dieser kindlichen Erfahrungsbildung sei an einem Beispiel verdeutlicht. Was bedeutet es, ein räumliches also drei-dimensionales Bild der Welt zu konstruieren? Machen Sie ein Gedankenexperiment! Schneiden Sie mit einem scharfen Messer einen Tischtennisball in zwei gleiche Hälften! Halten Sie diese mit der Wölbung nach Innen vor Ihre Augen! Jetzt haben sie eine ungefähre Vorstellung davon, wie die Bilder aussehen, die von den Linsen ihrer Augen auf die inwendigen Netzhäute projiziert werden. Da haben wir also zwei extrem verzerrte zweidimensionale(!) Darstellungen der außenliegenden Welt, die zu allem Überfluss wegen des Abstands der Augen noch nicht einmal identisch sind. Fachleute sprechen hier von binokularer Disparität. Aber, was sehen Sie? Sie erblicken zum Beispiel  einen majestätischen Baum, der sich wie selbstverständlich in alle drei Raumdimensionen erstreckt. Von verstörenden Doppelbildern und grotesken Verzerrungen keine Spur! Das ist eine ungeheuere Konstruktionsleistung Ihres Gehirns. Und wenn man schon nicht in allen Details weiß, wie dieser “Zaubertrick“ funktioniert, so ist zumindest eines klar: Um diese Leistung zu vollbringen muss man eifrig üben, denn das sich organisierende Gehirn braucht zum Feintuning die Auseinandersetzung mit der Außenwelt! In diesem Entwicklungsprozess gibt es Phasen, in denen Mobilität keine so große Rolle zu spielen scheint – schon im Alter von wenigen Monaten können Babys dreidimensionale Gegenstände offenbar als solche erkennen. Für andere Aspekte der räumlichen Wahrnehmung ist es allerdings unabdingbar, sich in der realen Welt zu bewegen, Dinge anzufassen, die man betrachtet, sie zu umlaufen und Erfahrungen mit ihnen zu machen. Tun Kinder das nicht, besteht die Gefahr, dass die Passivität einschneidende Folgen hat. Dieser Umstand ist experimentell belegt: Man zeigt einem kleinen Kind ein Spielzeug und versteckt es dann auf einem Tisch mit vielen anderen Sachen, so dass es das Spielzeug von seinem Standpunkt nicht sehen kann. Trägt man das Kind nun um den Tisch herum, sodass es das Spielzeug finden könnte, wenn es richtig hinsähe, dann entdecken viele der getragenen Kinder das Spielzeug nicht. Dürfen sie aber auf ihren eigenen Beinen um den Tisch laufen, finden sie es öfter. Bekannt ist auch das Experiment von Richard Walk und Eleanor Gibson. Bei diesem legt man eine stabile Glasplatte über einen Abgrund. Auf der einen Seite ist die Mutter, die das Kind zu sich locken möchte. Kinder mit wenig Bewegungserfahrung kriechen zielsicher auf sie zu und würden stürzen, wenn die Glasplatte sie nicht hielte. Kinder, die gewohnt sind, sich zu bewegen, machen diesen Fehler nicht. Sie verharren trotz der Lockrufe auf der sicheren Seite, weil sie den Abgrund erkennen und mental vorwegnehmen, was es bedeuten würde, hinunterzufallen. 

Vor diesem Hintergrund müssen wir eine provokative Frage stellen: Wie ist es zu bewerten, dass in Kindergärten Bäume gefällt werden und Erzieherinnen regresspflichtig gemacht werden, wenn ein Kind vom Baum fällt. Wäre es nicht besser, den Baum stehen zu lassen und den Kindern das Klettern beizubringen? Vor allen Dingen, weil gerade die am häufigsten stürzen, die nicht klettern können, genauso wie die Kinder häufiger ertrinken, die nicht in der Lage sind zu schwimmen.

Um zu erkennen, dass eine ausgeprägte Angst vor dem Risiko nicht nur individuelle Konsequenzen hat sondern auch gesellschaftliche, lenken wir unseren Blick kurz nach Amerika. In den USA laufen Eltern, die ihre Kinder zur Selbstständigkeit erziehen wollen, Gefahr, bestraft zu werden. Im schlimmsten Fall droht ihnen sogar, das Sorgerecht zu verlieren. Kinder alleine auf dem Weg zur Schule sind ein No-Go. Und eine New Yorker Mutter – Leanore Skenazy – die das partout nicht einsehen wollte und ihren Sohn alleine mit der U-Bahn fahren ließ, wurde mehrmals öffentlich zur schlechtesten Mutter des Jahres gewählt. Das Beispiel Amerika zeigt nun in aller Deutlichkeit, dass wir überbehütete Kinder nicht nur um elementare Welterfahrungen betrügen.  In den USA wurde nämlich ein wissenschaftliches Ergebnis publik, das aufhorchen lässt. Interessanter Weise ging es in diesem Zusammenhang nicht um das Wohl der Kinder und ihre Fähigkeit das Leben zu meistern. Ausschlaggebend waren ökonomische Befürchtungen! Im Fokus stand die seit Jahren schwindende gesamtgesellschaftliche Kreativität. Die renommierte amerikanische Kreativitätsforscherin  Kyung Hee Kim redet gar von einer ausgemachten Kreativitätskrise. Gemäß ihrer Untersuchungen hat die Fähigkeit der Kinder ungewöhnliche Ideen hervorzubringen seit 1990 rapide abgenommen. Darauf konnte man sich anfänglich keinen rechten Reim machen. Denn es gibt ja den bekannten Flynn-Effekt: Seit Generationen werden Jugendliche im Intelligenztest immer besser. Wenn man nun die Intelligenz, die diese Testverfahren angeblich messen, mit Erfolg im Leben gleichsetzen könnte, dann wäre alles in Butter. Dem ist aber leider nicht so. Ein hoher IQ korreliert hauptsächlich mit guten Schul- und Studienleistungen, sonst sind die Beziehungen eher dürftig. Selbst Nobelpreisträger und Schachgroßmeister müssen definitiv keine Mitglieder eines Hochbegabtenklubs sein. Der Nebel lichtete sich, als man genauer hinsah und die Kindheit vor 30-40 Jahren mit denen von heute verglich. Der wesentliche Unterschied? Damals gab es eben keine allgegenwärtigen elterlichen “Spielebestimmer“, die sorgsam darauf achteten, dass die Art der Beschäftigung und das gesellschaftliche Umfeld der intellektuellen Entwicklung und potenziellen Karriere zuträglich waren. Wenn Kindern langweilig war, dann lag es allein in ihrer eigenen Verantwortung, diesen Zustand mit einer guten Idee zu ändern. Und für Heranwachsende war es eine spannende Herausforderung, den eigenen Aktionsradius beständig zu vergrößern und die damit verbundenen Schwierigkeiten zu meistern. Das war aufregend und manchmal auch nicht ohne Gefahr. Zuerst die Straße vor dem Haus, dann Wald,  Wiesen und Bäche erkunden, Freunde finden, aber auch Menschen meiden, die einem nicht wohl gesonnen sind.  Wenn man sich die Freiheit auf diese Weise Schritt für Schritt erschließt, dann wachsen die Problemlösungskompetenz und das Gefühl herausfordernden Situationen gewachsen zu sein auf ganz natürliche Weise. Und ist es wirklich schwer zu verstehen, dass ein einfaches Spielzeug wie ein Stock, der in den Händen eines phantasiebegabten Kindes zum Schwert oder Hexenbesen wird, mehr Einfallsreichtum erfordert als eine bunte Transformerfigur aus Plastik, deren Bedeutung Regisseure und Spieleentwickler in ihren Skripten schon festgelegt haben? Kreativität und Mut braucht man also, um seinen Lebensraum zu erkunden, eigenständig Spiele zu erfinden und Lösungen für Probleme zu entwickeln. Damit wären wir dann aber auch direkt bei den Schlüsselkompetenzen freien Unternehmertums, für die man in Amerika mit seiner “Young man-go west!“-Mentalität sensibilisiert ist und die rasant zurückzugehen scheinen.

Kann es also sein, dass man mit dem gut gemeintem Überprotektionismus das Kind mit dem Bade ausschüttet? In letzter Konsequenz werden wohl nicht nur die Kinder geschädigt. Da Kreativität und Mut fehlen, leidet auch die gesellschaftliche Innovationsfähigkeit.  Und es lohnt sich in diesem Zusammenhang, über eine weitere Frage nachzudenken: Stehen die Kreativitäts- und Mutkrise, über die auch in Deutschland geklagt wird und die endemisch wachsende Zahl depressiver junger Menschen in einem Zusammenhang? Gemäß einer gerade erschienen Studie der Barmer Ersatzkasse sind 25 % der 18-25jährigen in Deutschland depressiv! Wenn man Kreativität als Fähigkeit auffasst, für Probleme Lösungen zu finden, diese Fähigkeit aber schwindet und gleichzeitig selbst auferlegte und vom Umfeld an die jungen Menschen herangetragene Anspruchshaltungen immer größer werden, dann könnte das tatsächlich einen verhängnisvollen Cocktail ergeben. Zu dieser Vermutung würde auch die Beobachtung passen, dass an den Universitäten kreative und nicht-angepasste Querköpfe immer seltener zu finden sind. Auf einer der letzten Nobelpreisträgertagungen in Lindau beklagten die Laureaten, dass von all den hochbegabten Studenten mit ihren Stipendien während der gesamten Zeit nicht eine vernünftige Frage gestellt worden war. Junge Wissenschaftler als brillant-biedere Erfüllungsgehilfen, aber von visionären Ideen keine Spur. Und die Volkswagen-Stiftung sucht für ihr Freigeister-Fellowship verzweifelt Promoventen, deren Arbeiten gegen den Strich gebürstet sind, um sie mit viel Geld zu unterstützen. Das Problem? Sie finden fast keine! Aber ist das verwunderlich in einem Wissenschaftssystem, das als Spiegel der Gesellschaft das Risiko meidet wie der Teufel das Weihwasser? Hätten ein Kopernikus, ein Kepler, Darwin oder Einstein heute noch die Möglichkeit, eine akademische Karrieren zu machen und wissenschaftliche Reputation zu erlangen? Das ist nur schwer vorstellbar. Wissenschaftlicher Erfolg hängt im gegenwärtigen Forschungsbetrieb vorwiegend vom Urteil Gleichgesinnter ab, die Arbeiten Gleichgesinnter beurteilen, die in Journalen Gleichgesinntes veröffentlichen. Ein hochgradig rückbezügliches System, das für große gedankliche Umbrüche wohl nicht das optimale Umfeld bietet. 

Die Angst vor dem Risiko, die wir schon in der Kindeserziehung so deutlich beobachten, hat also erhebliche Konsequenzen – individuelle und gesellschaftliche. Wenn man schon von Kindesbeinen an nicht unterstützt wurde, sich belastenden Situationen zu stellen, dann wird sich die Schlüsselkompetenz, mit Einfallsreichtum und Zuversicht Herausforderungen anzugehen, nicht entwickeln. In der Folge wird man solche Situationen logischerweise meiden, da man sich ihnen nicht gewachsen fühlt und sie einem Angst einjagen. Und die Angst wird zu einem Lebensgefühl, wenn man dann mit Erschrecken feststellt, dass das Leben nach der Ausbildung mit dem wohltemperierten Glashaus der frühen Tage wenig bis gar nichts zu tun hat. Wenn eine einzige Stelle zu vergeben ist und sich 50 Leute bewerben, dann wird es genau 49 lange Gesichter geben. Sollen wir dann denen, die keinen Arbeitsplatz bekommen, wie in manchen Schulen eine tröstende Urkunde geben? “Herzlichen Glückwunsch zum 49. Platz, das hast Du toll gemacht! Wir danken Dir für Deine Teilnahme“ Diese Wirklichkeitsverweigerung, die dem Kind angeblich Frustration ersparen soll, ist in einem realen Kontext albern und verantwortungslos. Wenn wir unseren Kindern nicht helfen Mut und Kompetenz und damit verbundenes Selbstbewusstsein zu erlangen, dann sind spätere große Enttäuschungen vorprogrammiert. Wäre es deshalb nicht besser in Schule und Erziehung Kinder und Jugendliche an Herausforderungen heranzuführen und ihnen zu helfen mit diesen und zwangsläufig auftretenden kleinen Rückschlägen umzugehen? Das wäre vernünftig, vor allen Dingen, wenn man in Rechnung stellt, dass die mittlerweile verbreitete Glashausmentalität eine virale Komponente hat. Wenn man selbst nicht gelernt hat, kreativ zu improvisieren, Gefahren und Belastungen auszuhalten und solche Situationen deshalb als angstbesetzt erlebt, dann wird man solche fordernden Momente sicher nicht den eigenen Kindern zumuten. Da bleibt nur zu hoffen, dass diese selbst irgendwann den erstickenden Schutzraum, der aus unserer eigenen Angst gebaut ist, mutig mit einem Stein von Innen zerschmeißen. Denn die Sicherheit ist trügerisch und in letzter Konsequenz gefährlich. Wie heißt es im Volksmund? “Je mehr man plant, desto härter trifft einen der Zufall“ Aus diesem Grund kann es gerade in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen ein Ausdruck echter Liebe sein, ihnen die Lösung bestimmter Probleme einfach selbst zu überlassen, auch wenn das anfänglich mit Schwierigkeiten verbunden ist. Wenn junge Menschen etwas nicht brauchen, dann sind es Mensavorkoster und akribische Studienplanüberwacher.