Der Baerbock

                

“Annalena Baerbock, hochökologisch engagiert! Hochkompetent in der Sache!“ Albrecht von Lucke 

Kann es sein, dass Annalena Baerbock eine weibliche Wiedergängerin unseres früheren Bundespräsidenten Heinrich Lübke ist? Genauso wie Lübke besitzt Baerbock die Gabe, die Öffentlichkeit mit unbeholfenen, teils grotesken Äußerungen in Erstaunen zu versetzen.  Ein “Lübke“ bezeichnete in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts scherzhaft die kleinstmögliche Einheit, um Intelligenz quantitativ zu fassen. In unserem Jahrzehnt hat die Maßeinheit “Baerbock“ die Chance, großen ökologischen Unverstand zu bezeichnen. 

Während Heinrich Lübke zum Ende seiner Karriere unter einer Zerebralsklerose litt, was seine rhetorischen Missgeschicke in Teilen erklärt, kann diese Degenerationserkrankung, die zur Demenz führt, bei der jungen Kanzlerkanditatin ausgeschlossenen werden. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass sich die “Baerböcke“ einer trivialen Ursache verdanken: Die Dame weiß nicht wirklich, wovon sie redet. Leider werden ihre Fehltritte von den ihr geneigten Medien noch mit Sanftmut zur Kenntnis genommen. Das ist bedenklich. Von einem Kapitän, der einen Ozeandampfer steuert, verlangt man ein Kapitänspatent und keinen Jollenführerschein. Von einer Kanzlerin in spe, die sich anschickt, eine große ökologische Transformation einzuleiten, bei der in Deutschland kein Stein auf dem anderen bleiben wird, erwartet man, dass sie weiß, was sie tut. Doch Ökologie ist im Kern eine harte Wissenschaft und Annalena Baerbock hat nicht als MINT-Mädchen im Studium brilliert. Was ihre beruflichen Qualifikationen sind, ist bis heute Gegenstand der Diskussion. Die Naturwissenschaften sind es nicht.

Vom seligen Heinrich Lübke wird behauptet, er hätte bei einem Regierungsbesuch in Liberia die anwesenden Repräsentanten der Regierung mit “Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger“ begrüßt. Diese Unterstellung ist falsch. Lübke hat diesen Satz nie gesagt, er wurde ihm von Redakteuren des Spiegels in den Mund gelegt, um ihn zu diskreditieren. In bestimmten Pressehäusern gehört es zu den Usancen journalistischer Großwildjagd, von Zeit zu Zeit ein politisches Schwergewicht zu erlegen. Man nimmt deshalb zur Kenntnis, dass dort, wo Redakteure schweigen sollten, geredet wird (Lübke), während dort, wo sie reden müssten, geschwiegen wird (Baerbock). Hier wird der Versuch gestartet, die bisherigen “Baerböcke“ zu wägen und zu wichten, um sie in einen größeren Zusammenhang einzubetten. So konturiert sich die “Kanzlerinnenkompetenz“. Die Beiträge werden sukzessive erscheinen. Ich danke meinen Mitdenkern Stephan Dörr und David Koch für die Mithilfe bei der Recherche.


Der letzte Baerbock

Annalena Baerbock ist medial fast vollständig von der Bühne verschwunden ist, weil den Grünen ihre Quotenregelung zum wiederholten Male auf die Füße fällt. Stattdessen wird der deutlich eloquentere und auch versiertere Robert Habeck in den Ring geschickt, um größeres Ungemach zu vermeiden. Das ist bemerkenswert. Schließlich stellte Frau Baerbock ihren Kollegen öffentlich bloß, weil sie Habecks Kernkompetenz eher in der Hühner- und Schweinezucht verortete, während sie sich selbst  – zu Unrecht – als Völkerrechtlerin bezeichnete. Robert Habeck ist vorzuwerfen, dass er sich diese Unverschämtheit gefallen ließ. 

Obwohl nun bei den Grünen der Baum brennt (wie auch bei der CDU) und teure Marketingstrategen bezahlt werden, um der Kampagne noch den richtigen Dreh zu geben, wäre eine Auseinandersetzung mit den rhetorischen Fehltritten von Frau Baerbock unvollständig, wenn man nicht das berüchtigte “Kobold-Zitat“ erörtern würde. Das ist notwendig, da betreffs der erhofften Leistungen künftiger Speichertechnologien nicht nur die Grünen auf dem Holzweg sind. Die “Umweltstrategien“ von SPD und CDU sind in diesem Kontext um keinen Deut besser und werden nur noch von den weltfremden Visionen von “Fridays for Future“ oder “Ende Gelände“ übertroffen. 

Abschließend dann noch ein paar Worte zu dem Lapsus von Frau Baerbock ausgerechnet die Wirtschaftspolitik von Ludwig Erhard der SPD zuzurechnen. Das ist ein bemerkenswerter Fauxpas, der einer “Völkerrechtlerin“ nicht hätte passieren dürfen.


Was hat das Schürfen von Kobalt mit “Black Lives Matter“ zu tun?

Dass Annalena Baerbock mit größter Selbstverständlichkeit das Element Kobalt mit dem Kobold verwechselt, ist nichts, was einen überrascht. Vor allen Dingen in Dialogsituationen, wenn sie gefordert ist, spontan zu reagieren und keine Rede abzuspulen,  erinnern ihre Ausführungen in Stringenz und Diktion an das Meisterwerk von Loriot, der in unnachahmlicher Weise, das gängige Politikerkauderwelsch parodierte. Deshalb will ich mich mit dieser Kleinigkeit gar nicht länger aufhalten. Trotzdem muss über Kobalt in verschiedenen Zusammenhängen gesprochen werden. 

Wenn man sich das komplette “Kobold-Interview“ von Frau Baerbock anschaut, dann behauptet sie, dass die Energiepolitik der Grünen technologieoffen ist. Das darf man guten Gewissens als Lüge bezeichnen. Nimmt man die europäische Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU), die Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) und Annalen Baerbock (Die Grünen) zusammen, dann bilden diese zusammen ein Machtkartell, das die Automobilindustrie vor sich hertreibt. Durch den Umstand, dass Elektroautos als “Null-Emissionsautos“ bezeichnet und behandelt werden, wird die freie Marktwirtschaft konterkariert. Es ist eine sattsam bekannte Tatsache, dass Elektroautos mit schweren Batterien, die in der Herstellung viel dreckigen Kohlestrom benötigen, sehr lange fahren müssen, bis ihr “CO2-Rucksack“ kleiner ist, als der anderer alternativer Fahrzeuge. Es sei nur daran erinnert, dass Volkswagen einen Erdgas-UP im Programm hatte, dessen Betrieb etwa 4 Euro auf 100 Kilometer Strecke kostet (unsubventioniert). Mit dieser beispiellosen Umweltbilanz stellt er fast alle Elektroautos in den Schatten, was leider niemanden interessiert. Die forcierte Elektromobilität ist politisch opportun, koste es, was es wolle. Aber der Preis ist hoch. 

Schauen wir zuerst auf die Bedingungen, unter denen Kobalt abgebaut wird, das für die heute meist verwendeten Lithium-Ionen-Akkus notwendig ist. Zehntausende von Kindern schuften in den Minen, ruinieren ihre Gesundheit und können nicht zur Schule gehen. Die stillschweigende Akzeptanz dieser Arbeitsbedingungen ist politisch doppelbödig. Man erinnere sich an die in allen Großstädten verbreiteten Fairtrade-Läden, die man geradezu als Signature-Stores grüner Gesinnungsethik betrachten kann. Es beruhigt das Gewissen des Konsumenten, Kaffee aus fairer Produktion zu trinken und lautstark gegen Blutdiamanten auf die Straße zu gehen. Warum entzündet sich der Protest nicht an den menschenverachtenden Bedingungen unter denen Kobalt, vor allen Dingen Coltan aber auch Lithium abgebaut werden? Weil in diesem Kontext die politisch opportune Einstellung die “Energiewende voranzubringen“ wichtiger ist als Menschenleben?

Die Missachtung ethischer Standards bei der Forcierung der Elektromobilität ist schon fragwürdig genug. Nach meinem Dafürhalten wird diese Haltung skandalös, wenn man sie mit der berechtigten Ablehnung von Rassismus und Kolonialismus in einen Zusammenhang denkt. Bei der Partei von Annalena Baerbock gehören die Slogans der “Black Lives Matter“-Bewegung zur ideologischen DNA. Ist es vor diesem Hintergrund statthaft, die Schädigung der Gesundheit afrikanischer Kinder willentlich in Kauf zu nehmen, damit in Deutschland die Luft für unsere Kinder sauberer wird?

Dieser weltanschauliche Spreizschritt ist umso erstaunlicher, als es technische Alternativen gibt. Diese wurden allerdings von den Europäern konsequent verschlafen. Bei der Entwicklung der Natrium-Ionen- Akkus waren die Europäer führend. Bei diesen werden weder Lithium, noch Nickel oder Kobalt gebraucht. In dem hier verlinkten lesenswerten Artikel heißt es: “ Aus europäischer Sicht ist der von Ignoranz geprägte Umgang mit Natrium-Ionen-Akkus trotz der rasanten Fortschritte in den vergangenen Jahren sehr ärgerlich. Ein Großteil der Experten hatte sie abgeschrieben als höchstens tauglich für stationäre Speicher und Autos mit kurzer Reichweite. Das Entwicklungspotenzial wurde trotz aller Fortschritte systematisch unterschätzt und die Entwicklung trotz achtbarer Demonstrationen kaum gefördert.“

Wenn man sich also schon einseitig auf die E-Mobilität kapriziert, dann bitte auf Akkusysteme, deren Produktion gewissen ethischen Mindeststandards genügt. Trotz schüchterner Lippenbekenntnisse, auch von Frau Baerbock, passiert da leider wenig bis nichts.


Falsche Propheten

Der Lapsus der grünen Kanzlerkandidatin, die wegweisende Wirtschaftspolitik des CDU-Politikers Ludwig Erhard ausgerechnet der SPD zuzuordnen ist aufschlussreich. Nichts könnte falscher sein. Ludwig Erhard vertraute den Kreativkräften des Marktes, wobei die Politik den Ordnungsrahmen vorgibt, in der sich diese entfalten können. Im völligen Gegensatz zu dieser Einstellung misstrauen Linke, Grüne und Sozialdemokraten diesem freien Wechselspiel der Ideen. Lieber gibt man sich der Illusion hin, es könnte eine Gruppe von Spezialisten geben, die auch hyperkomplexe Probleme wie die Energiewende vom “Feldherrenhügel“ aus lösen. Wie vermessen dieser Anspruch ist, war das große Lebensthema des Wirtschaftstheoretikers Friedrich August von Hayek, der für seine wegweisenden Arbeiten mit dem Wirtschaftsnobelpreis geadelt wurde.

Das Ergebnis eines solchen planwirtschaftlichen Ansatzes bestaunen wir heute beim Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das nicht nur das gewaltigste Infrastrukturprojekt der BRD nach dem Zweiten Weltkrieg ist und den Steuerzahler etwa eine Billionen Euro (eintausend Milliarden) Euro kosten wird. Die planwirtschaftliche Gigantomanie ist auch noch im Vergleich mit anderen Ländern ineffizient. Und auch beim EEG gibt es, wie bei der Verwendung der Lithium-Ionen-Akkus, eine weltanschauliche Doppelbödigkeit zu bestaunen. Der höchste Strompreis der Welt  ist in Deutschland nämlich gerade für arme Leute besonders schmerzhaft. Diese sind gezwungen, die staatlich verordnete Einspeisevergütung zu bezahlen und können sich nicht wie die Windmüller und Sonnenkönige mit ihren von der Allgemeinheit subventionierten Anlagen aus der Affäre ziehen.

Eigentlich müsste das planwirtschaftliche Versagen des EEG ein nicht zu überhörender Warnschuss sein. Leider steht zu befürchten, dass es in den nächsten 15 Jahren noch schlimmer kommt. Das hat mit der Forderung zu tun, aus der Atomkraft auszusteigen und gleichzeitig fossile Brennstoffe zu verbannen und durch regenerative Energien zu ersetzen. Das hört sich nur auf dem Papier gut an. Genau bei diesem Problem gehen nämlich der “Kobold“ von Frau Baerbock und die Kompetenzillusion, eine extrem komplexe Fragestellung planwirtschaftlich lösen zu wollen, eine unheilvolle Allianz ein. 

Wo liegt die Schwierigkeit? Wir erinnern uns in einem ersten Schritt, das ein weit einfacheres Problem seit zwei Jahrzehnten nicht gelöst ist: Es gibt bis heute kein hinreichend potentes Leitungsnetz, das den Strom aus dem windreichen Norden in den stark industrialisierten Süden überträgt. Doch im Vergleich zu dem, was gemäß der Denkart von Frau Baerbock und insbesondere ihrer Mitstreiterin Luisa Neubauer auf uns zukommt, ist das Kinderkram. Wir werden nämlich binnen weniger Jahre ein fast omnipotentes Speichersystem bauen müssen, wenn die Sache mit den regenerativen Energien klappen soll. Dieses ist leider weder planbar noch bezahlbar und deshalb ein Luftschloss. 

Wagen wir zur Erläuterung eine Überschlagsrechnung und legen, um ein Gefühl für Größenordnungen zu bekommen, heute verfügbare Zahlen zugrunde. Wir veranschlagen den täglichen Energiebedarf in Deutschland mit 5 Terawattstunden (TWh). Im Jahr 2035, dem Jahr, in dem zumindest gemäß der Forderungen der Grünen, in Deutschland ausschließlich regenerative Energien zur Anwendung kämen, muss ja die gesamte Primärenergie(!) “ökologisch korrekt zur Verfügung gestellt werden“. Die Energie, die gespeichert werden müsste, entspricht nach meiner Einschätzung dann der Sekundärenergie, da ich hier idealisierend annehme, dass es keine Speicherverluste gibt. Der Primärverbrauch in der BRD von etwa 10 TWh pro Tag, wird deshalb wegen des immer eingeschränkten Wirkungsgrad großzügig mit dem Faktor 0,5 multipliziert. Mir ist klar, dass das eine grobe Schätzung ist. Ich glaube aber, dass 5 TWh am Tag konservativ geschätzt sind. 

Wie müsste jetzt der gigantische Energiespeicher dimensioniert sein, der Baerbock, Neubauer und Konsorten vorschwebt, um die Versorgungssicherheit in Deutschland zu gewährleisten und den Worst-Case zu vermeiden? Der Worst-Case wäre ein Black-Out, der in einem Hochindustrieland wie Deutschland schon nach kurzer Zeit zu Toten führen würde und einen unkalkulierbaren wirtschaftlichen Schaden nach sich zöge. Die Gefahr des Black-Outs bestünde besonders, wenn es zu einer längeren Dunkelflaute käme. Kein Wind, keine Sonne. Dann müssten aus den Speichern also pro Tag 5 TWh abrufbar sein. Aber wie lange dauert die Dunkelflaute? Und wie stark sind die Speicher im Moment des Eintretens geladen? Und wie schnell werden sie sich wieder aufladen, bis die nächste Dunkelflaute kommt?

Das sind zentrale Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Deshalb ist es vergebliche Liebesmüh, die Speicherfrage planwirtschaftlich lösen zu wollen. Das Wetter ist nämlich ein hochgradig chaotisches System! Es ist definitiv unmöglich, verlässliche Aussagen über längere Zeiträume zu machen. Niemand weiß, wie lange eine Dunkelflaute sein wird. Niemand weiß, in welchen Abständen solche Ereignisse auftreten werden. Und aus diesem Grund weiß auch niemand, wie ein Speichersystem zu konfigurieren ist, das das Risiko des Super-GAU verlässlich ausschließt. Vielleicht brauchen wir 10 TWh für den Speicher, vielleicht aber auch 500 TWh. Es muss in aller Deutlichkeit gesagt werden, dass dieses Problem wissenschaftstheoretisch nicht lösbar ist! Die, die etwas anderes behaupten, riskieren Leib und Leben vieler Menschen. 

Natürlich gibt es trotzdem Schätzungen, welche Kapazität ein solches System haben sollte. Die Schätzungen bewegen sich meistens zwischen 10 und 100 TWh. Obwohl ich, wie gerade ausgeführt, die Meinung vertrete, dass es verantwortungslos wäre, ein solches System zu konfigurieren, kann man aus Interesse einmal ausrechnen, was ein solcher Speicher in etwa kosten würde.

Nehmen wir an, das Gesamtsystem soll 50 TWh speichern können. Des Weiteren setzen wir einen Preis von 100 Euro pro KWh Speicherkapazität fest. Leistungsfähige Akkus für Häuser sind im allgemeinen teuerer, aber es geht, wie betont, nur um eine ungefähre Abschätzung. Rechnet man das aus, kommt man auf Kosten von 5 Billionen Euro. Wenn man dieser Summe den gesamten Bundeshaushalt der BRD entgegenstellt, dann wird klar, dass ein solcher Speicher, auch wenn die Preise noch einmal um den Faktor 10 fallen würden, in den nächsten 15 Jahren in keiner Weise zu finanzieren wäre. 

Und es gibt einen weiteren Haken. Nicht einmal die Weltjahresproduktion des Minerals Kobalt würde reichen, um den Speicher zu bauen! Insgesamt werden etwa 124 000 Tonnen Kobalt pro Jahr gefördert. Bei gängiger Technologie braucht man bei Lithium-Ionen-Akkus aber pro KWh 150 Gramm Kobalt. Damit käme man bei der oben festgesetzten Speichergröße auf einen Bedarf von 7.5 Millionen Tonnen Kobalt! Das ist also etwa sechzig Mal mehr, als weltweit Kobalt gefördert wird. Selbst, wenn wir die Bauzeit des Speichernetzes auf fünfzehn Jahre veranschlagen, würde das Kobalt nicht reichen. Und wir reden hier über ein Land, das nur 2% (!) der weltweiten CO“-Emissionen zu verantworten hat. 

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Annalena Baerbock und ihre Mitdenker und Mitdenkerinnen Luftschlösser bauen, auch wenn man in Rechnung stellt, dass es schwer ist, zukünftige Preise zu kalkulieren und Lithium-Ionen-Akkus wahrscheinlich mittelfristig eine andere Rolle spielen werden als heute. Auch deutet sich an, dass es in Zukunft eine Power to Gas-Strategie geben wird, wobei aber noch nicht klar ist, wie sich die nun funktionierenden Prototypen “hochskalieren“ lassen, um als gigantische Energiespeicher arbeiten zu können. Die finanziellen Dimensionen eines solchen Megaprojekts liegen noch im Ungefähren.

Die Uhr aber tickt! Deshalb ist es ein Gebot der Vernunft, seine Energie nicht auf Nebenkriegsschauplätzen zu verschwenden. Es wird höchste Zeit, unsere Aufmerksamkeit und Energie dorthin zu lenken, wo das CO2-Problem neben Amerika und China am dringlichsten wird ist, nämlich nach Afrika und Indien. Durch das gut vorhersehbare Bevölkerungswachstum wird dort bis 2050 ein gigantischer Energiebedarf entstehen. Wenn wir den Menschen in diesen Weltregionen dasselbe Lebensrecht zusprechen wie uns, müsste in naher Zukunft eine Energiemenge zur Verfügung stehen, die mindestens dem Neubau von 20000 Kohlekraftwerken entspricht. Da in diesen Ländern nicht viel Kapital zur Verfügung steht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass dort in naher Zukunft vermehrt dreckige Kohle und billiges Öl verfeuert werden. Deshalb muss diskutiert werden, ob man den viel besungenen grünen Wasserstoff nicht dort herstellt, wo wirklich die Sonne scheint und der Wind weht. Damit würden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Es gäbe einen Transfer von Kapital und Technologie in arme Länder und ökologische Energieträger würden weit effizienter hergestellt als in der BRD. Außerdem gäbe es in Deutschland schon die komplette Infrastruktur, um dort hergestelltes “grünes Gas“ zu verwenden. Des Weiteren muss diskutiert werden, die funktionierenden Atomkraftwerke länger laufen zu lassen. Damit würde man sich dringend benötigte Zeit kaufen, um das komplexe Problem der Energiewende nicht mit der heißen Nadel zu stricken. Wer überzeugt ist, dass es in weniger (!) als 15 Jahren in Deutschland gelingt, eine allumfassende Speicherlösung zu schaffen, die es möglich macht, einzig auf regenerative Energien zu setzen, dem ist eigentlich nicht mehr zu helfen. Es fehlen Zeit, Geld und Know-How.

Vor diesem Grund ist es ökologisch unverantwortlich in Deutschland gigantische Geldbeträge für eine ineffiziente ökologische Politik zu verbrennen, die in erster Linie die Funktion hat, unser Gewissen zu beruhigen.  An dieser Politik ist Frau Baerbock mit ihren Parteigenossen maßgeblich beteiligt. Leider machen es die Politiker der anderen großen Parteien nicht wirklich besser. Dabei wäre es an der Zeit, dass mit offenen Karten gespielt wird, um eine valide ökologische Strategie zu entwickeln. Doch dafür bräuchten wir erstmal einen mit offenem Visier geführten Diskurs. Auch da liegt leider vieles im Argen.

Anmerkung: Ich mache meine Überschlagsrechnungen nach bestem Wissen und Gewissen, weiß aber, dass es sich um eine komplexe Materie handelt und mir selbstverständlich Irrtümer unterlaufen können. Sollte ich von falschen Annahmen ausgehen oder mich verrechnen, freue ich mich über Rückmeldungen und bitte darum, mich zu korrigieren. Die Probleme, die hier gerade diskutiert werden, lassen sich sowieso nur im Team angehen.


Das Kreuz mit dem Netz

“Lebhafte Debatten und kluger Streit sind die Essenz unserer Demokratie. Mein Anspruch ist es, Probleme in ihrer Breite und Tiefe zu erfassen und anzugehen“ Annalena Baerbock auf www.annalena-baerbock.de

“Deswegen funktioniert das Netz als Speicher“ ist eines der denkwürdigsten Zitate von Annalena Baerbock, das es mittlerweile zu trauriger Berühmtheit gebracht hat. Leider handelt es sich bei diesem Zitat nicht um einen Versprecher, der ihr einfach so rausgerutscht ist. Noch in den letzten Wochen hat Frau Baerbock in einem Interview mit Sandra Maischberger trotzig auf die Richtigkeit ihrer Aussage gepocht. Bevor wir versuchen, ihre Netzmetapher zu entwirren, hier das Originalzitat im Wortlaut:

“An Tagen wie diesen, wo es grau ist, da haben wir natürlich viel weniger erneuerbare Energien. Deswegen haben wir Speicher. Deswegen fungiert das Netz als Speicher. Und das ist alles ausgerechnet. Ich habe irgendwie keine wirkliche Lust, mir gerade mit den politischen Akteuren, die das besser wissen, zu sagen, das kann nicht funktionieren.“

Annalena Baerbock in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk (21.1.2018)


Um die Irrungen und Wirrungen der Kanzlerkandidatin zu verstehen, muss man ein bisschen weiter ausholen. Da wäre zuerst einmal festzustellen, dass das Netz, von dem sie redet, bis heute ein Phantasieprodukt ist. Tatsächlich wäre ein leistungsfähiges Stromnetz ein essentieller Bestandteil der Energiewende, so wie die Grünen sich diese vorstellen. Nur ist dieses Netz leider weit davon entfernt, fertig zu sein. Im Gegenteil. Große Teile der “Stromautobahnen“, die den windreichen Norden Deutschlands mit dem energiehungrigen Süden verbinden sollen, sind über das Planungsstadium bisher nicht hinausgekommen. Von den notwendigen Leitungen, die in der Summe eine Länge von etwa 8000 Kilometer hätten, ist bisher nur ein Bruchteil fertiggestellt. Ein großes Hindernis sind ausgerechnet grüne Wähler, die zum Beispiel wegen ihrer Angst vor Elektrosmog die eigentlich von Ihnen eingeforderte Energiewende unterminieren, indem sie gegen den Bau der Hochspannungsleitungen klagen: “Energiewende ja bitte, aber auf keinen Fall da, wo ich lebe!“ 

Leidtragende dieser juristischen Scharmützel sind wie so oft die Steuerzahler. Kann der anfallende Strom nicht transportiert werden, müssen die Windräder abgeschaltet werden, wobei die Eigner für das entgangene Geschäft zu entschädigen sind. Im Laufe der Jahre sind diesen mehrere Milliarden Euro überwiesen worden.

Wir halten fest, das Netz, von dem Frau Baerbock redet, gibt es in dieser Form noch nicht. Aber nehmen wir ihre Einsicht in den Fokus, dass regenerative Energien, die wie Wind- und Sonnenenergie hochvolatil sind, gespeichert werden müssten, wenn man für die sogenannte Grundlast keinen fossilen Energieträger wie Kohle und Gas oder gar die verteufelte Kernenergie verwenden möchte. Wie sieht es aus mit den Energiespeichern in Deutschland? Sehr bescheiden, um es vorsichtig auszudrücken. Käme es zu einer sogenannten Dunkelflaute und wäre Deutschland von einem auf den anderen Moment nur von seinen eigenen Speichern abhängig, gäbe es nach wenigen Stunden den totalen Blackout. Das ist ein Horroszenario mit katastrophalen Konsequenzen. Dieses wird realiter nur dadurch nicht wirklich, dass wir die Grundlast bis heute aus Kohle und Gas tätigen und im Bedarfsfall, ohne dass das öffentlich thematisiert wird, Atomstrom aus Frankreich oder Tschechien hinzukaufen können. Selbst dreckiger Kohlestrom aus Polen wird dankbar importiert. Um nun die Speichermisere in Deutschland zu ändern, böte es sich an, leistungsfähige Pumpspeicherkraftwerke zu bauen. Aber auch hier das Paradoxon grüner Ideologie: Ausgerechnet diese effiziente Technologie wird von klagewütigen Naturschützern verhindert. Das, was es an leistungsfähigen Speichern in Deutschland gibt, wurde fast ausschließlich im letzten Jahrhundert(!) fertiggestellt

Vor diesem Hintergrund wundert man sich nicht, dass Baerbock wie ein Magier das Netz als Energiespeicher aus dem Hut zaubert. Nur macht bei diesem Trick leider die Physik nicht mit. Das Netz ist nämlich kein irgendwie gearteter Behälter, indem man die Energie speichern könnte, wie warmes Wasser in der Badewanne. Die Energieübertragung durch Stromleiter wird durch die Elekrodynamik beschrieben und das genaue Verständnis dieses Phänomens bedarf eines gediegenen physikalischen Hintergrundwissens. Ganz bildlich gesprochen: So schnell die Energie im Stromleiter ist, so schnell ist sie auch wieder draußen. Und sie ist verdammt schnell. Die elektromagnetischen Felder bewegen sich mit Lichtgeschwindigkeit. Der Stromleiter ist bei diesem Prozess ein Medium und kein Gefäß. Es ist, will man es anschaulich fassen, ein bisschen wie mit dem Meißel des Bildhauers. Dieser überträgt die Kraft der Hammerschläge auf den Stein. Legt der Steinmetz diesen aus der Hand, dann sind die kräftigen Schläge nicht im Meißel gespeichert.

Auch eine Bundeskanzlerkandidatin, die vorgibt, “Probleme in ihrer Breite und Tiefe zu erfassen und anzugehen“ muss jetzt nicht wissen, was ein Energie-Impuls-Tensor ist. Die eigenen Grenzen zu kennen, wäre aber löblich. Noch schöner wäre es, den Wählern keinen Sand in die Augen zu streuen und ehrlich zu sagen, wo wir stehen. Im Moment ist die proklamierte Energiewende reines Wunschdenken, wobei die wichtigste Frage gar nicht diskutiert wird: Was hat der deutsche Alleingang, mit dem wir selbstgefällig unser Gewissen beruhigen, eigentlich mit dem globalen CO2-Problem zu tun? Vermutlich wenig. Wir schalten hier 10 Kohlekraftwerke ab. Bei der vorhersehbaren demographischen Entwicklung werden aber in Ländern wie Indien und Nigeria in den nächsten 30 Jahren 10 000 neue installiert werden müssen. Da spielt die Musik, auch wenn wir das in unserer deutschen Wohlfühloase nicht hören wollen. Wenn uns das CO2-Problem Ernst ist, dann wäre es höchste Zeit den Blick zu weiten!

                                      

Pippi-Langstrumpf-Mathematik

Zwei mal drei macht vier

Widdewiddewitt und drei macht neune

Ich mach‘ mir die Welt

Widdewidde wie sie mir gefällt

Hey Pippi Langstrumpf, ….


Sie haben es getan: Annalena Baerbock wurde auf dem Parteitag der Grünen mit einem fulminanten Ergebnis zur Kanzlerkandidatin gewählt. 98.5% der Delegierten gaben ihr ihre Stimme. Damit darf man zur Kenntnis nehmen, dass eine aufgehübschte Biographie, nicht korrekt deklarierte Nebeneinkünfte und frappierende Unwissenheit, was die wissenschaftlichen Aspekte ökologischer Bildung angeht, von den Grünen für Lässlichkeiten gehalten werden. Die Legitimation, das höchste deutsche Regierungsamt zu bekleiden, wird durch solche Lappalien offensichtlich nicht in Frage gestellt. Das ist für Außenstehende irritierend. Macht man sich allerdings mit den Parteiusancen vertraut, dann fällt auf, dass freifliegende Argumentationen nicht selten sind, besonders wenn sie sich sich auf fragwürdige Zahlen und windige Rechenoperationen “stützen“. Diesbezüglich befindet sich Annalena Baerbock in prominenter Gesellschaft. Man erinnere sich an das 2%-Ziel von Anton Hofreiter, das angeblich zentral ist, um die Klimakatastrophe abzuwenden. 2% von was? Wo bitte ist der Grundwert, auf den sich die Prozentzahl bezieht? Der promovierte Biologe meinte wohl das 2-Grad-Ziel, dessen korrekte Bezeichnung ihm entfallen war.

Probleme mit der Zahl Zwei hatte auch Herr Habeck. Alle zwei Tage verdoppelte sich angeblich die Inkubationszeit in der Coronaepedemie. Besser ginge es nicht! Dann müssten wir heute ein paar hundert Jahre warten, bis wir erkranken und würden von der Seuche erst erwischt, wenn wir sowieso schon tot sind. Zugegeben, die Worte “Inkubation“ und “Infektion“ haben am Anfang zwei gleiche Buchstaben. Man kann sie leicht verwechseln. Während Habeck also mit der Zahl Zwei kämpft, scheitern Cem Özdemir und Annalena Baerbock gemeinsam an der Prozentrechnung. Eine eindrückliche Performance lieferte Özdemir in der Sendung Brennpunkt (16.3.2011).

Sprecher: “Kritiker sagen: Dann geht in Deutschland entweder das Licht aus oder der Strom wird viel teurer. Sehen Sie das auch so?“

C. Özdemir: “Ach wissen Sie, wir kennen die Argumente. Die Argumente sind ja nicht ganz neu. Im Spitzenlastbereich, also nicht im Normallastbereich. Dann wenn der Energieverbrauch am höchsten in Deutschland ist, ungefähr mittags zwischen 11 und 12, verbrauchen wir ungefähr 80 Gigabyte. Wir produzieren aber ungefähr 140 Gigabyte. Das heißt, das Anderthalbfache dessen haben wir immer noch übrig, was wir brauchen. Selbst wenn wir die sieben ältesten Meiler abschalten würden, hätten wir immer noch mehr Strom als wir selbst im Spitzenlastbereich gebrauchen.“

Das ist ein verwirrendes Zitat. Wenn man ehrlich ist, stimmt in diesem eigentlich nichts. In den angewandten Wissenschaften treten Maßzahlen zusammen mit Maßeinheiten auf. Betrachten wir die folgende Aussage: “Der Aconcagua in Südamerika ist 6962 Meter hoch.“ Dann wird in dieser Aussage die Maßeinheit “ein Meter“ mit der Maßzahl 6962 multipliziert. Da Herr Özdemir über die Spitzenlast sprach, wollte er wohl etwas über die physikalische Leistung sagen. Diese wird aber in Watt gemessen. Bytes sind Maßeinheiten der Information und haben in diesem Zusammenhang nichts zu suchen. Wie er auf die angeblichen 140 Gigabyte kommt bleibt ebenfalls ein Rätsel. Meinte er die in Gesamtdeutschland installierte Leistung? Das ist aber keine “Energieproduktion“. Rätselhaft ist auch seine Prozentrechnung: “Das heißt, das anderthalb-Fache dessen haben wir immer noch übrig, was wir brauchen.“ Wenn die Spitzenlast 80 Gigawatt beträgt und den Grundwert markiert, dann ist das Anderthalbfache dieses Werts (150%) 120 Gigawatt. Die Summe ergäbe dann 200 Gigawatt. Nicht 140 Gigawatt. 140 Gigawatt sind lediglich 75 % mehr. Sind solche Berechnungen die Grundlage der künftigen Energieplanung? 

Annalena Baerbock ist eine Schwester im Geiste. Von ihr stammt das folgende Bonmot:

„Wenn alle so bei 25 Prozent stehen, dann ist das nicht mehr so große Koalition wie zu anderen Zeiten, die haben alle miteinander so 75 Prozent im Bund oder sogar ne Zweidrittelmehrheit.“

Auch wenn Vieles im Unklaren ist, was die Biographie von Frau Baerbock angeht, es ist sicher, dass sie ihr Abitur gemacht hat. Sie muss also 13 Jahre Mathematik gehabt haben. Natürlich lernt man da viele Dinge, die man als “Völkerrechtlerin“ nicht braucht. Algebra und Analysis? Überflüssig. Gut. Aber der mathematische Dreisatz, Prozentrechnung, der Umgang mit Wahrscheinlichkeiten sind für jeden modernen Menschen potente mentale Werkzeuge. Es lohnt sich, solche Fertigkeiten zu beherrschen, um in einer sich schnell verändernden Welt nicht den Überblick zu verlieren. Preisfrage: Wie viel Prozent entspricht eine Zweidrittelmehrheit? Da teilt man auf seinem Taschenrechner die Zwei durch die Drei. Wir erhalten 0.66666666… . Und wenn man weiß, dass die Dezimalbruchdarstellung einer Zahl auch als Prozentzahl gelesen werden kann, dann wissen wir, dass die Zweidrittelmehrheit 66,6666…% der Stimmen entspricht. Das ist mitnichten größer als 75%. 

Aber es kommt noch besser. In einem Interview  gab Annalena Baerbock Folgendes zum Besten:

»Wir haben Grundlast durch Biomasse und – das ist neu – das ist auch interessant für Start-Ups und Unternehmen, zum Beispiel Rechenzentren und große Supermärkte, die dann als Energieerzeuger(!) in den Markt reinkommen.«

»Wenn eine Kühlung bei einem riesengroßen Produzenten von minus 22 Grad in Zukunft dann auf minus 20 Grad runterkühlt, dann ist das Hühnchen immer noch kalt, aber wir können an der Grundlast das Netz stabilisieren.«

Hätte sie ihrem Kollegen Cem Özdemir zugehört und dessen einzig richtige Zahl aus seinem Zitat extrahiert, nämlich die 80, dann wüsste sie, dass die 5 Gigawatt Leistung, die durch Biomasse zur Verfügung steht, um den Faktor 16 erhöht werden müsste, um die Spitzenlast von 80 Gigawatt zu erreichen. Das sind 1600%! Zu glauben, die fehlenden 75 Gigawatt dadurch zu generieren, dass man die Kühlschränke in den Supermärkten ein bisschen herunterregelt, ist rührend. Aber bleiben wir in diesem Beitrag im Reich der Mathematik und verschieben die Diskussion des “Baerbockschen Netzspeichers“ auf später. In der Unterstufe lernt man, dass die ganze Zahlen, also die, die auch ein negatives Vorzeichen haben können, eine Ordnung besitzen. Das kann man sich auf dem Zahlenstrahl verdeutlichen. In der Mitte thront die Null, nach rechts werden die Zahlen immer größer, nach links immer kleiner. Die -22 steht also weiter links als die -20 und nicht andersherum. Und da haben wir schon wieder ein Problem mit der Zahl Zwei. Verändert man die Temperatur um zwei Grad, nämlich von -22 auf -20 Grad, dann wird das Hähnchen erwärmt(!) und nicht gekühlt. Diese Kleinigkeit wird Frau Baerbock wenig scheren. Trotzdem darf man Zweifel hegen, ob die Pippi-Langstrumpf-Mathematik Baerbockscher und Özdemirscher Prägung als intellektuelles Werkzeug taugt, um die ökologischen Probleme des 21. Jahrhunderts in den Griff zu kriegen.



Ein gigantischer Irrtum

“Deutschland hat Pro-Kopf-Emissionen von neun Gigatonnen pro Einwohner. Bangladesch, das ist zehnmal mehr als Bangladesch zum Beispiel.“ 

Da war Frau Baerbock der verhängnisvolle Satz in der Talkshow von Maybrit Illner am 13.12.2018 entschlüpft und plötzlich stand ein geheimnisvolles Wort im Raum: “Gigatonne“. Was mag das sein? Von ihren Gesprächspartnern war keine Antwort zu erwarten. Die Moderatorin, Peter Altmeier, Christian Lindner, der Teslamann Philip Schröder sowie Klimapapst Stefan Rahmstorf, niemand zuckte auch nur mit der Wimper oder rollte mit den Augen. Beredtes Schweigen. Nehmen wir deshalb zur Klärung das Wort auseinander! Die Bedeutung  von “Tonne“ ist klar. Dieses Wort bezeichnet 1000 kg. Aber, was bedeutet, die Vorsilbe “Giga-“? Erinnert irgendwie an die dicken Bohnen, die Gigantes, auf der Vorspeisenplatte beim Griechen. Oder an die Gigafactory von Tesla. 

Scheint also etwas Großes zu bezeichnen. So ähnlich wie “Mega-“. Tatsächlich hat “Giga-“ aber noch einen ganz anderen Punch als “Mega-“. “Mega“, aus dem Griechischen abgeleitet, bedeutet einfach “groß“. Eine Megalomanin ist eine Größenwahnsinnige, die sich etwa in Bereichen für kompetent hält, in denen sie keine Ahnung hat. Aber Giganten sind nicht einfach groß. Giganten sind echte Riesen! Verwendete Annalena Baerbock die “Gigatonne“ also nur als rhetorisches Stilmittel? Vielleicht wollte sie nur sagen, dass jeder Deutsche neun riesige Tonnen CO2 pro Jahr in die Luft bläst. Aber Politik hat eben nicht nur theatralische Komponenten. Auch Inhalte spielen eine Rolle. Und in diesem Kontext würde es sich für die Kanzlerkanditatin lohnen, in ein Physikbuch zu schauen. Die Vorsilbe “Mega-“ bedeutet dort, dass man die dahinterstehende Größe mit einer Millionen multipliziert. Bei “Giga-“ sogar mit einer Milliarde. Eine Milliarde sind eintausend mal eine Millionen. Da hätte auch Annalena Baerbock skeptisch werden müssen. Jeder Deutsche verursacht ihrer Meinung nach den Ausstoß von Neunmilliarden Tonnen CO2! 

Der Physiker und Nobelpreisträger Enrico Fermi war bekannt für seine kühnen Überschlagsrechnungen, die er in Windeseile im Kopf vollziehen konnte. Für Fermi war es ein Zeichen von Intelligenz, immer ein Gefühl für die richtigen Größenordnungen zu haben. Da hilft es, große Zahlen anschaulich zu machen. Was wiegt eine Tonne? Ein Kubikmeter Wasser. Nur zur Sicherheit: Das entspricht einem Würfel mit der Kantenlänge von einem Meter. Wenn also Frau Baerbock in ihrer früheren Studentenbude ihr Badezimmer geflutet hätte und dieses eine Grundfläche von vier Quadratmetern und eine Höhe von zwei Metern und fünfundzwanzig Zentimetern gehabt hätte, dann wäre das in diesem Quader eingeschlossene Wasser neun Tonnen schwer gewesen. Neun Tonnen, das ist tatsächlich das Gewicht, das jeder Deutsche an CO2 im Schnitt pro Jahr emittiert. Aber wie stellt man sich neun Gigatonnen vor? Als neun riesige Würfel mit einer Seitenlänge von einem Kilometer? Das ist korrekt aber immer noch zu abstrakt. 

Stellen Sie sich vor, Frau Baerbock tritt in Berlin aus dem Kanzleramt! Direkt vor ihr hebt sich eine gigantische gläserne Pyramide in den Himmel. Deren Grundfläche soll vier Quadratkilometer betragen. Würde Annalena Baerbock die Pyramide, die einen Teil von Moabit, die Kurfürstenstraße, Teile von Kreuzberg und von Berlin-Mitte bedeckt, umlaufen, wäre sie zwei Stunden unterwegs. Wenn diese erhabene gläserne Pyramide Neunmilliarden Tonnen Wasser beinhalten würde, dann ragte sie 6750 Meter hoch in den Berliner Himmel. Damit wäre sie fast so hoch wie der Aconcagua, der höchste Berg Südamerikas. Wir wollen in diesem Gedankenexperiment übrigens annehmen, dass das Wasser in der Pyramide nicht gefriert, denn die oberen 4000 Höhenmeter der gläsernen Pyramide wären von ewigem Eis bedeckt. Hätte diese Pyramide an ihrem Fuß einen riesigen Stöpsel, um das Wasser abzulassen, dann könnte man mit ihrem Inhalt dreimal den Starnberger See füllen. Das ist immerhin der fünftgrößte See Deutschlands. Wenn man jetzt das schnuckelige Badezimmer von Frau Baerbock mit dieser wahrhaft gigantischen Pyramide vergleicht, bekommt man eine Anschauung von der Größe ihres Denkfehlers.

Leider ist das nicht alles. Da wäre noch die Sache mit Bangladesch. Was meinte sie mit: “Bangladesch, das ist zehnmal mehr als Bangladesch zum Beispiel“? Dieser Satz wird wenig diskutiert. Was bedeutet hier “das ist“? Wagen wir einen ersten Versuch! In Bangladesch emittieren die Menschen pro Person 0.54 Tonnen CO2 im Jahr. Würde man diese Zahl mit der Emission des Durchschnittsdeutschen in Beziehung setzen, dann blasen die Deutschen etwa siebzehnmal mehr CO2 in die Luft als die Bangladescher. Dieser vernünftige Vergleich scheidet also aus. 17 ist nicht 10. Was dann? Hier kriecht einem ein verstörender Verdacht ins Hirn: Meinte Annalena Baerbock allen Ernstes, was sie sagte? Bangladesch hat etwa 166 Millionen Einwohner. Diese Zahl multiplizieren wir mit 0,54 Tonnen. Das ergibt 89,64 Megatonnen CO2. Das ist ziemlich genau der hundertste Teil der von ihr proklamierten neun Gigatonnen. Da hätte Frau Baerbock sich um eine Zehnerpotenz verhauen. Kann vorkommen. Der “Baerbock“ würde dann lauten: Ein einziger Deutscher emittiert hundertmal mehr CO2 als 166 Millionen Bangladescher zusammen. Wahnsinn. Oder meinte sie doch etwas ganz anderes, ohne es zu sagen? Die jährlichen Emissionen aller Deutschen summieren sich auf etwa 756 Millionen Tonnen C02, multipliziert man die Einwohnerzahl der BRD mit den proklamierten neun Tonnen CO2 pro Person. Die Emissionen aller Bangladescher liegen wie angeführt bei 89,64 Millionen Tonnen. Damit würden alle Deutschen 8,4-mal mehr CO2 in die Atmosphäre entlassen als alle Bangladescher. Ist es das, was sie ausdrücken wollte? Wir wissen es nicht. Wir vermuten nur, dass sie in irgendeiner Weise für die Sendung instruiert worden ist, ohne genau zu verstehen, wovon die Rede war. Und dann geisterte da eine Information in ihrem Kopf herum, ohne dass sie in der Lage gewesen wäre, diese einzuordnen und in verständlichen Worten zu artikulieren.

#ModernerLiberalismus

Von Thomas Lange 

Der Liberalismus hat ein Imageproblem. Treffen seine Wortführer womöglich zu selten den richtigen Ton in öffentlichen Debatten? Zeit zu fragen: Was macht modernen Liberalismus aus? 

Moderner Liberalismus steht für Selbstbestimmung und (!) Solidarität. Eine liberale Gesellschaft schätzt die menschliche Einzigartigkeit und Vielfalt. Sie schützt daher unsere individuellen Freiheiten und fördert unsere Selbstentfaltung. Sie stärkt aber auch den sozialen Zusammenhalt, federt Härten ab, fängt auf, wenn Lebensentwürfe scheitern, und verhilft immer wieder zu zweiten Chancen. Solidarität endet dabei nicht am nationalen Tellerrand – erst recht nicht, solange es Armut auf der Welt gibt. 

Moderner Liberalismus steht zur Marktwirtschaft. Unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft ist sie das beste bekannte Mittel, um möglichst vielen Menschen ein gelingendes Leben zu ermöglichen. Eine gut geordnete Marktwirtschaft ist anderen Systemen daher nicht nur ökonomisch überlegen, sondern auch moralisch. Fehlentwicklungen in real existieren Marktwirtschaften lassen sich in der Regel nicht durch „Überwindung“ von Marktmechanismen lösen, sondern durch angepasste Rahmenregeln und kluge Re-Designs des Marktes. 

Moderner Liberalismus steht für Nachhaltigkeit. Er steht für rationalen Umwelt- und Klimaschutz, der ohne Symbolpolitik und Moralismus auskommt und sich stattdessen – nüchtern und sachlich – an den Kriterien Wirksamkeit, Effizienz und Gerechtigkeit ausrichtet. Marktbasierte Instrumente, die sich am Verursacherprinzip orientieren und den Wettbewerb und das ökonomische Prinzip der Arbeitsteilung als bewährtes Entdeckungsprinzip für die kreativsten und besten Lösungen nutzen, spielen dabei eine wichtige Rolle. Nachhaltigkeit heißt aber auch, die finanziellen Handlungsspielräume zukünftiger Generationen nicht über Gebühr einzuschränken: Vor allem die sozialen Sicherungssysteme müssen demographie- und zukunftsfest gemacht werden. 

Moderner Liberalismus geht davon aus, dass Wissen und Kreativität unbegrenzte Ressourcen sind. Daraus resultiert sein Optimismus, dass in Fortschritt und Vernunft die Schlüssel zur Lösung der gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit liegen. 

Moderner Liberalismus steht für Zukunftsperspektiven. Er setzt sich für einen ungehinderten und gerechten Zugang zu Bildung ein, für individuelle Förderung und Befähigung, für Aufstiegschancen – in jeder Lebensphase. Er bekennt sich auch klar zur Exzellenz: Spitzentalente verdienen Spitzenförderung. Er setzt auf Fortschritt, neue Technologien und Innovation – und hat dabei immer die Menschen im Blick, ihre Freiheits- und Selbstbestimmungsbedürfnisse ebenso, wie ihre Schutz- und Solidaritätsbedürfnisse. Im Strukturwandel setzt er auf individuelle Befähigungsstrategien (z.B. Lebenslanges Lernen) und Teilhabe am Fortschritt, nicht auf strukturkonservative Besitzstandswahrung. 

Moderner Liberalismus steht für Respekt vor Anstrengung und Leistungsbereitschaft. Er honoriert individuelle Leistungen und Leistungsfähigkeit, erkennt aber auch an, dass Menschen mit unterschiedlichen Talenten gesegnet sind, unterschiedliche Startvoraussetzungen haben und auf sehr unterschiedliche Weise Glück und Unglück erfahren können. Wer leistet, was er kann, verdient Anerkennung und Respekt. 

Moderner Liberalismus sucht die Debatte und macht es sich nie leicht. Er versucht mit Argumenten zu überzeugen – akzeptiert aber auch, dass Positionen verrückbar sind. Er weiß, dass die Welt komplex ist, und anerkennt, dass es auf schwierige Fragen keine einfachen und eindeutigen Antworten gibt. Er hinterfragt Überzeugungen und lässt Zweifel selbstbewusst zu. Er kennt den Unterschied zwischen Moralismus und Moral. 

Moderner Liberalismus verlässt sich nicht darauf, dass moralische Appelle und eine gute Gesinnung groß-gesellschaftliche Probleme lösen. Er setzt stattdessen auf die „Verbesserung rechtlicher und ordnungspolitischer Institutionen in der Absicht, uns zu bewegen, auch aus Eigeninteresse zu tun, was das Gemeinwohl erfordert“, wie Hermann Lübbe es formulierte. 

Moderner Liberalismus weiß um die Verletzlichkeit der Demokratie und der offenen Gesellschaft. Er versucht sie daher nicht nur mit Paragraphen und Ordnungsmacht zu schützen, sondern setzt sich auch für einen zivilisierten Ton und Umgang im gesellschaftlichen Diskurs ein, hört zu und respektiert andere Meinungen, grenzt nicht aus, polarisiert nicht, skandalisiert nicht. Er weiß um den gesellschaftlichen Wert von Ausgleich und Kompromissen. 

Für den modernen Liberalismus sind die Freiheit und Würde des Einzelnen und die Solidarität unter den Menschen keine Widersprüche. Gemeinsam machen sie das gelingende Leben aller Menschen aus. Genauso sind Ökonomie und Moral keine Widersprüche: beide dienen gleichermaßen dem Menschen und dem gelingenden Leben.

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Dieser Beitrag ist am 19. September 2020 zuerst auf dem Blog Der Debatte halber erschienen.

Grüne Trugblüten

“Ich war in meinem ganzen Leben an keinem Thema so sehr interessiert wie an diesem über Orchideen,“ schrieb Charles Darwin in einem Brief 1861. 

Tatsächlich sind diese Blumen nicht nur schön. Sie haben im Laufe der Evolution auch Strategien entwickelt, die an Raffinesse kaum zu übertreffen sind. Könnten uns diese Strategien aus dem Reich der Biologie helfen, ein Rätsel in der Politik zu beleuchten? Wie ist der Erfolg der Grünen zu erklären? Und warum leiden die früheren Platzhirsche CDU und SPD an einer rätselhaften Schwindsucht und sind nur noch ein Schatten ihrer selbst? Tatsächlich existieren Parallelen.

Der tropische Regenwald ist in seinem Herzen finster. Von den Kronen der Urwaldriesen beschattet kommt auf dem Boden fast kein Licht an. Wer von der Dunkelheit ins Helle will, muss sich mit brachialer Kraft nach oben kämpfen und selbst zum Giganten werden oder er braucht einen raffinierten “Plan“. Die Orchideen haben sich für das Raffinement entschlossen. Der Wind hebt die Samen der Orchideen in die Kronen der höchsten Bäume, wo sie auf den Ästen zu liegen kommen. Doch damit scheint ihr Schicksal besiegelt zu sein. Überall strecken Pilze ihre Tentakeln nach ihnen aus. Doch der Same der Orchidee ist ein Opfer, das dem Jäger auflauert! Nicht der Pilz frisst den Samen. Der Same zwingt den Pilz, sich seinem Regime zu beugen. Er muss der wachsenden Orchidee die Nährstoffe liefern, die sie selbst nicht zu schaffen in der Lage ist.

Nimmt man einen Szenenwechsel vor, dann profitieren auch die die Grünen von einem zwielichtigen Spieler im Hintergrund. Es gibt ein unsichtbares Band zwischen Ihnen und der AFD. Ohne die AFD sind die Wahlerfolge der Grünen und die sich daraus ergebende Regierungsverantwortung in den Bundesländern schwer vorzustellen! Auch hier handelt es sich um eine asymetrische Beziehung, aus der die Grünen im Besonderen und die Linksparteien im Allgemeinen einen großen Vorteil ziehen. 

Man betrachte die Ergebnisse der diesjährigen Landtagswahl in Baden-Württemberg: In der Summe ergeben die grün-roten Stimmen 47,2 Prozent der Stimmen. Die Anhänger einer liberal-konservativen Politik kommen auf 47,3 Prozent der Stimmen. Die Gruppen sind ungefähr gleich stark. Aber dieser Gleichstand wird sich niemals in vergleichbaren Machtverhältnissen niederschlagen! Das liegt an der AFD, die in Deutschland zur Oppositionspartei verdammt ist. Alle anderen Parteien verweigern die Zusammenarbeit. Damit wird die AFD zum Garanten links-grüner Macht. Sie schwächt das konservativ-liberale Lager um den entscheidenden Anteil ihrer Stimmen. Die AFD ist damit ein Stimmengrab. Solange die AFD nicht die absolute Mehrheit erreicht, ist es für Parteien mit linker politischer Gesinnung von Vorteil, wenn die AFD stark ist. 

Jetzt ist es aber nicht nur die Wechselbeziehung zwischen Grünen und der AFD, die Erstere erfolgreich macht. Die Grünen sind auch verführerisch. So wie die Orchideen in luftiger Höhe zum Licht streben, verehren die Grünen und deren Wähler die hohe Sonne der Moral. In diesem Zusammenhang haben sie in Deutschland die Agenda gesetzt. Das überrascht nicht. Sie stehen für Werte, die jeder vernünftige Mensch im ersten Moment direkt zu unterschreiben bereit wäre. Wer kann gegen die Erhaltung unseres Lebensraum sein? Wer möchte keine weltoffene internationale Gesellschaft? Und was spricht gegen Toleranz für 50 Geschlechter aller Art? Diese Werte haben eine betörende Anziehungskraft. Trotzdem sind sie Teil eines Täuschungsmanövers.

Im Orchideenbild entspricht der Verführungskraft dieser Werte die berückend schöne Form der Blume. Doch Vorsicht! Die Orchideen lassen nicht nur die Pilze für sich schuften. Ihr Trumpf ist die Trugblüte, Die gaukelt den bestäubenden Insekten eine Wirklichkeit vor, die so nicht existiert. Oft gleichen die Blüten der Orchideen weiblichen Insekten, die den männlichen die Sinne vernebeln, so vollendet ist deren Gestalt in Farbe und Form. Selbst das weibliche Haarkleid wird perfekt imitiert. In einem wissenschaftlichen Experiment paarten sich liebestollen Männchen lieber mit der Blume als mit ihren Weibchen. Doch für die Männchen gibt es bei diesem Scheinakt nichts zu holen. Nicht einmal Nektar gönnt ihnen die Blüte. Stattdessen tragen die Betrogenen den Pollen der Blume von einem Ort zum anderen und sorgen so für deren Bestand.

Im politischen Bild entspricht dem gelackmeierten Männchen der grüne Wähler. Obwohl es beruhigend ist, sich moralisch auf der richtigen Seite zu wähnen, hätte er vermutlich nichts dagegen, wenn die real existierenden Probleme gelöst würden.Aber so, wie die Luftwurzeln der Orchideen träge im Wind schwingen und nicht im festen Boden verankert sind, ist es einfacher, es sich im moralischen Ideenhimmel bequem zu machen, als sich in faktischer Kärrnerarbeit zu ermüden. Die Beispiele sind Legion: Das Erneuerbare Energiengesetz (EEG), zentraler Eckpfeiler der Energiewende, wurde ursprünglich von den rot-grünen Regierungskoalitionen unter der Gerhard Schröder (1998-2005) mit großem Aplomb auf den Weg gebracht. Dieses Gesetzeswerk ist in seinem Geiste ein planwirtschaftliches und leider auch ineffizientes Instrument. Es verschließt es sich verantwortungsvollem ökologischem Denken, da die einzig wesentliche Frage nicht gestellt wird: Wie gelingt es unter Einsatz der vorhandene finanziellen Mittel soviel CO2 wie möglich zu vermeiden? Stattdessen werden einseitig und mit einer bestimmten Voreingenommenheit Technologien wie Windkraft und Solartechnik gefördert. Vor allen Dingen die Solartechnik hat vergleichsweise hohe CO2-Vermeidungskosten. Zu allem Überfluss ist dass EEG ein bürokratischer Moloch. Dessen inhärente Ineffizienz konnten auch die nachfolgenden Merkelkoalitionen dem Gesetz nicht austreiben. So untergräbt das byzantinische Gesetzeswerk als rot-grünes Residuum bis in unsere Zeit eine ernsthafte und effektive Ökologie. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Egal, ob man sich die Treibhausgas-Emissionen pro Kopf anschaut oder diverse Klimaschutz-Indizes, Deutschland dümpelt träge im europäischen Mittelfeld. Unser Land wird in diesem Zusammenhang nicht nur von den pragmatischen Briten überflügelt, die eine unaufgeregt-effektive Umweltpolitik machen. Deutschland liegt auch immer deutlich unter den Werten der Europäischen Union in ihrer Gesamtheit! Obwohl sich in den meisten Ländern der EU deutlich weniger Windräder drehen und weniger Solarmodule auf den Dächern sind. Zeit zum Umdenken.

Die Multi-Kulti-Migrationspolitik als Erfolg zu bezeichnen ist gleichfalls gewagt. Bis heute gelingt es dem linken Teil des deutschen Parteienspektrums nicht, Willige, die die deutsche Sprache lernen, um hier zu arbeiten und auf diese Weise zum Gemeinwesen beizutragen, von denen zu trennen, die es sich im sozialem Netz gemütlich einrichten. Das hat irritierende Konsequenzen. Menschen werden abgeschoben, die fließende deutsch sprechen, eine Familie haben und mehr als 10 Stunden für diese arbeiten, während Clankriminelle mit hochmotorisierten Boliden vor dem Sozialamt vorfahren, um ihre Stütze abzuholen.

Auch die aggressive Genderpolitik, die im Moment die Schlagzeilen beherrscht, ist nicht geeignet, Toleranz zu fördern. Beim Versuch Minderheiten vor Diskriminierungen zu schützen, greift sie selbst zur Diskriminierung. Weiße werden rassistisch abgekanzelt. Und in akademischen Kreisen beginnen sich Menschen zu schämen, wenn sie zu ihrem biologischen Geschlecht stehen. Vorwürflich werden sie als “heteronormativ“ bezeichnet. Selbst engagierte Schwule wie Alexander Zinn konstatieren in der FAZ, dass die linke Identitätspolitik zu einem piefigen Tribalismus führt. 

So unterliegt das Faktische dem Idealen. In diesem Zusammenhang gibt es ein weiteres Paradox zu bestaunen. So wie die Orchidee den Urwaldriesen braucht, damit sie zum Licht kommt, so brauchen die Grünen Menschen, die das Geld erwirtschaften, dass sie mit generöser Geste verteilen. Nur dankbar sind sie nicht. Erfolgreiche Unternehmen werden nicht dafür geschätzt, dass sie durch die Steuern, die sie abführen, einen gut ausgestatteten Sozialstaat möglich machen. Sie werden sie als kapitalistisch geziehen und mit Verachtung gestraft.

Moralin scheint eine narkotisierende Wirkung zu haben, das aber nicht nur grüne Gehirne betäubt. Auch führende Köpfe ehemals liberal-konservativer Parteien sind betroffen. Im Bestreben den Erfolg der Grünen zu kopieren, geben sie sich einer selbstzerstörerischen Mimikry hin. Das enttäuscht zum Beispiel Wähler der CDU. Die wählen dann lieber das Original oder wenden sich aus Trotz der AFD zu, womit ihre Stimmen unwirksam werden. Der Salto rückwärts von Merkel beim Atomausstieg, die kritiklose Unterstützung der Energiewende mit einer eindimensionalen Förderung der Eletromobilität, das Aushebeln des Dublin-Abkommens bei der Massenmigration, der laxe Umgang mit den Maastricht-Vereinbarungen, die Zögerlichkeit das kriminelle Verhalten von Clans als solches zu bezeichnen, hat dazu geführt Stammwähler zu vergraulen. 

Der gravierende Denkfehler dieser opportunen Politik liegt in dem Umstand, dass eine Partei wie die CDU von dieser Anbiederung nicht profitiert. Im Gegenteil. Der Zustrom der Wähler zur AFD schwächt bürgerliche Standpunkte. Wie oben begründet führt das zur Stärkung eines weltfremden grünen Idealismus. Für die liberal-konservativen Parteien besteht die einzige Lösung darin, eine ehrliche Politik zu machen und den noch nicht radikalisierten AFD-Wählern im Rahmen ihres eigenen Parteiprogramms Lösungen anzubieten, sie zurückzuholen und ihren Stimmen wieder Wirksamkeit zu geben. Tun sie das nicht, werden sie über Jahrzehnte die bestehenden Machtverhältnisse zementieren und je weiter sie in die grüne Falle laufen, desto stabiler wird dieser Prozess.

Planung des Unplanbaren

Zentralismus in der Pandemie ist Ausdruck einer Kompetenzillusion. Stattdessen muss ganz Deutschland ein lernendes System werden, das aus konkurrierenden und kommunizierenden Untersystemen besteht. Das wird nur mit künstlicher Intelligenz zu schaffen sein.

Ist der sich permanent verlängernde Lockdown Ausdruck einer souveränen Strategie oder eher Zeichen ängstlicher Ahnungslosigkeit? Vermutlich Letzteres. Unsere “Strategie“ erinnert an das einsilbige Mantra alter Hausärzte, die bei jedem Krankheitsbild, das sie nicht recht einzuordnen wussten, Bettruhe empfahlen. Nur kommt man mit einem so dürftigen Vademecum ernsten Leiden nicht bei. In vergleichbarer Weise wird uns die momentane Angststarre und das Perpetuieren des Immergleichen wenig helfen, das Problem der grassierenden Pandemie in den Griff zu bekommen. Natürlich kann man mit einem konsequenten Lockdown die “Pandemie besiegen“. Aber der Preis ist hoch. Nach dem Wügegriff liegen zumindest Teile der Wirtschaft in Scherben. Operation gelungen, Patient tot. 

Der Ansatz ist zu eindimensional. Er kommt maßgeblich dadurch zustande, dass sich Politik und Verwaltung mental eingeigelt haben und wenig Bereitschaft zeigen, zu lernen. Es gibt kein systematisches, von höchster Stelle geleitetes Erkenntnisinteresse, das die zentralen Probleme in den Fokus nimmt. Statt eine belebende Dynamik zu entwickeln, dominiert die Statik. Über 12 Monate sind seit Ausbruch der Epidemie vergangen. Trotzdem weiß man immer noch nicht genau, wo sich die Menschen wirklich anstecken! Welche Tätigkeiten außer Singen, Jodeln und Brüllen sind gefährlich und wo kann man Leine lassen, um die Wirtschaft nicht zu ruinieren? 

Die Gründe für die intellektuelle Bewegungslosigkeit sind vielfältig. An erster Stelle steht ein gravierender Systemfehler: Die Entscheidungsträger, denen die Bürger ein Mandat gegeben haben, damit diese auch in schwierigen Zeiten in ihrem Sinne entscheiden, sind von den Auswirkungen der gegenwärtigen Krise nicht betroffen. Egal wie viele Selbstständige, Künstler, Theatermacher oder Veranstaltungstechniker in existenzielle Schwierigkeiten geraten, Politiker und Verwaltungsbeamte bekommen 100% ihres Gehalts überwiesen. Unter diesen kommoden Umständen gibt keinen Handlungsdruck, was die eigenen Interessen angeht. Es gibt kein “Skin in the Game“. Das ist eine beunruhigende Situation, bei der die Alarmglocken schrillen müssen. Gemäß der Überzeugung des Statistikers Nassim Nicholas Taleb sollte man sich niemals von den Führungsqualitäten einer Elite abhängig machen, die nicht persönlich die Risiken ihrer Entscheidungen mitträgt. Um diesen systemimmanenten Fehler zu beseitigen, böte es sich an, Neuseeland zum Vorbild nehmen: „Wenn es jemals eine Zeit gegeben hat, die Lücke zwischen verschiedenen Gruppen zu schließen, dann jetzt“. 

Dieses Zitat stammt aus dem Mund von Jacinda Ardern, Neuseelands Regierungschefin. Sie verzichtete in der Coronaepedemie erstmal für sechs Monate auf 20% ihres Gehalts! Was spräche dagegen, von unseren Volksvertretern einen vergleichbaren Tribut zu verlangen? Nur dann entstünde eine glaubwürdige Form der Solidarität. “We are all sitting in one boat“ wie Günther Oettinger so schön kalauerte. Stattdessen kultivieren wir eine Zweiklassengesellschaft. Auf der einen Seite das Risikoprekariat, dass von der Epidemie durchgeschüttelt wird, während Privilegierte die Krise nur merken, weil man seinen Kaffee auf der Straße im Stehen trinken muss.

Unabhängig von dieser Ungerechtigkeit müssen unsere Behörden eine andere Dynamik entfalten. Jeder Betrieb lernt, bei Nachfrageschwankungen seine Produktion den aktuellen Gegebenheiten anzupassen. Bei Bedarf wird mehr gearbeitet oder auch weniger. Doch dieses Gesetz gilt nur für den freien Markt. In Deutschland gab es im Katastrophenfall wochenlang(!) zwischen Weihnachten und  Neujahr keine validen Infektionszahlen. Die Büros waren verwaist. Dienst nach Vorschrift. Die Verantwortlichen saßen beim Festschmauß und begrüßten das neue Jahr. Krisenmanagement sieht anders aus. Und Besserung ist nicht in Sicht. Gerade im Moment stellen wir fest, dass es zu wenig Spritzen gibt, um die Vakzine zu verimpfen. Quizfrage: Wie lange wissen wir, dass Impfstoffe hergestellt werden, für die man Spritzen braucht, um sie zu verabreichen?Tatsächlich reimt sich das Verb “verwalten“ nur zufällig auf “gestalten“. Gestaltung aber täte Not. Wir sind schließlich mit einem Komplexitätsmonster konfrontiert, das nicht dadurch verschwindet, dass man die Bürotür hinter sich abschließt. Wollen wir die Krise überstehen, sind wir gezwungen die Komfortzone zu verlassen, um zu lernen. Doch wie soll das gehen?

Es ist entscheidend, Deutschland nicht als monolithischen Block zu betrachten, der zentralistisch regiert wird. Wir brauchen autonome Untersysteme, die konkurrierend und kommunizierend miteinander in Beziehung treten. Wir besitzen in Deutschland 294 Landkreise und 107 kreisfreie Städte. In der Summe also etwa 400 Untersysteme. Diese müssen als Laboratorien aufgefasst werden, die sich mit verschiedenen Strategien an der Wirklichkeit versuchen und durch die verbreiteten Kennzahlen der 7-Tage-Inzidenz und/oder des R-Wertes ein selektierendes Feedback erhalten. Tatsächlich gibt es bereits positive Entwicklungen. Trotz der verbreiteten zentralistischen Tendenz beginnen einige Landkreise und Städte eigenständig und kreativ neue Wege zu beschreiten. Vorreiter der Unangepassten war die Stadt Jena, die als erste eine Maskenpflicht einführte, als die meisten “Spezialisten“ noch der Überzeugung waren, dass sie unnütz ist.  An vorderster Front Weltärztepräsident Frank Ulrich  Montgomery, der als ausgebildeter Radiologe nicht zwingend Experte für epidemiologische Fragestellungen ist. Im Augenblick kreiert Tübingen mit seinem Oberbürgermeister Boris Palmer und der Notärztin Lisa Federle innovative und erfolgreiche Teststrategien. Genauso machen es die Apotheker der Stadt Böblingen, die nicht warten wollen, bis die Verwaltungsbeamten in die Hufe kommen. 

Trotzdem gibt es auch in diesem Zusammenhang einen Systemfehler. Die Wendigen und Einfallsreichen profitieren nur in Maßen von ihrem Einfallsreichtum und ihrer Tatkraft. Der Lockdown gilt für sie mit der gleichen Härte wie in den Landkreisen, die leichtfertig Querdenker-Demonstrationen mit 10 000 Teilnehmern gestatteten und nun unter hohen Infektionsraten leiden. Wenn aber alle, egal was sie tun, über denselben Kamm geschoren werden, kann kein Wettbewerb der Ideen entstehen! Stattdessen wäre zu fordern, dass kreatives und erfolgreiches Handeln belohnt wird. Sind die Infektionszahlen aber alarmierend, bleibt die Belohnung aus. Da, wo die Inzidenzen niedrig sind, wird also kontrolliert gelockert. Dort wo sie hoch sind, nicht. Damit das nicht zu einem unkalkulierbaren Vabanquespiel gerät, braucht es ein durchdachtes Informationsmanagement. Alle Schritte sind sorgfältig zu dokumentieren und zu kommunizieren. Diese Daten müssen permanent gesammelt und ausgewertet werden. Das geht nur mit intelligenter und potenter Datenverarbeitung! Dem Robert-Koch-Institut, der Referenzbehörde, käme in diesem Zusammenhang eine neue Aufgabe zu. Ihre Aufgabe wäre es, eine digitale Task-Force aufzubauen, die die Daten kategorisiert und zueinander in Beziehung setzt, um schlussendlich Korrelationen zu ermitteln. Diese würden es erlauben, über mögliche Ursachen eines sich verändernden Infektionsgeschehens zu spekulieren. Korrelationen in großen Datenwolken zu finden, ist die Paradedisziplinen potenter Big-Data-Algorithmen, die allerdings an das Problemfeld der Corona-Epidemie angepasst werden müssten.

Tatsächlich kommt KI  in der Corona-Epidemie bereits in verschiedenen Zusammenhängen zum Einsatz. Allerdings nicht dort, wo sie helfen könnte, über Sinn oder Unsinn von Lockdown-Maßnahmen zu urteilen. Wo wird KI bisher eingesetzt? Die chinesische Firma Alibaba hat einen Deep-Learning-Algorithmus entwickelt, der in wenigen Sekunden anhand einer Computertomographie erkennt, ob die Lunge eines Patienten vom Corona-Virus befallen ist oder nicht. In internationaler Zusammenarbeit prüfen amerikanische, europäische und chinesische Forscher in welcher Weise bekannte Wirkstoffe und Antikörper auf den Coronavirus wirken. Dazu verwenden sie Summit und Sierra, die potentesten Supercomputer der Welt. Sie erreichen gemeinsam über 300 Billiarden Rechenoperationen pro Sekunde. Doch das ist nicht das Ende der Fahnenstange. Das  sogenannte “Folding@home“-Projekt der Stanford University stellt, was Rechenkraft angeht, alles in den Schatten. Um Wissenschaftler im Kampf gegen das Corona-Virus zu unterstützen, kann jeder Nutzer Rechenleistung seines eigenen Computers zur Verfügung stellen (Volunteer-Computing). Schon im Mai 2020 hatten die weltweit vernetzten Computer mehr Rechenkraft als alle 500 Supercomputer der Welt zusammen. Mit dieser geballten Power untersuchen die Forscher normalerweise wie sich Proteine in Abhängigkeit von ihren Aminosäuresequenzen falten – ein hochkomplexes Problem. Im Fall von Corona werden Schlüsselkomponenten des Virus geprüft, um Strategien zu entwerfen, mit denen sich die Verbreitung des Virus unterbinden lässt. Es gibt viele weitere Beispiele aber leider eben keine konkrete Anwendung, in welcher in einer föderalen politischen Struktur konkurrierende Untersysteme betrachtet werden, um letztlich das Gesamtsystem zu optimieren. In einem solchen Szenario müssten zu Beginn in den Untersystemen zwangsläufig mit einer gewissen Willkür behaftete Öffnungs- und Schließungsregeln erlassen werden. Diese würden in einem zweiten Schritt durch eine Feedbackschleife einem harten Selektionskriterium ausgesetzt. In diesem spiegelt die zeitversetzte, gewertete Entwicklung des Infektionsgeschehens, das entweder Anlass zur Hoffnung gibt oder nicht. Auf diese Weise wird ein evolutionärer Lernprozess in Gang gesetzt, der in kleinen Schritten dafür sorgt, dass sich die Gesamtsituation verbessert. Damit ist zu rechnen, da die 400 autonom agierenden Untersysteme nicht nur ein Feedback bekommen, was ihre Verordnungen angeht. Da das System transparent ist und die ausgewerteten Daten allen zur Verfügung stehen, gibt es die Möglichkeit sich zu orientieren und Handlungsoptionen zu optimieren. Das Ziel ergibt sich in diesem Kontext zwangsläufig: Die Behörden der Landkreise wollen vermeiden, sich durch unbedachte Verordnungen in einen starken Lockdown zu manövrieren, während in den Nachbarkreisen, die es besser machen, Geschäfte und Restaurants wieder offen sind. Das würde bei den Wählern dieser Kreise zu großem Unmut führen. Dadurch entsteht ein positiver Handlungsdruck auf die Entscheider. Unterm Strich geht es darum, einen Plan für eine im Kern unplanbare Gesamtsituation zu entwerfen. Die Planung des Unplanbaren – das klingt wie ein Widerspruch in sich. Doch in der evolutionären Entwicklung sind optimierende Try-and-Error-Verfahren mit regulierenden Feedback-Schleifen gang und gäbe. Sie bilden geradezu den Kern der Evolutionstheorie. In einem kulturellen Kontext darf es aber nicht um Leben und Tod gehen. Negative Entwicklungen müssen frühzeitig gedämpft, positive unterstützt werden. Dazu müssen die relevanten Informationen mit großer Sorgfalt gesammelt werden. Öffnet zum Beispiel Landkreis A die Schulen, dann ist festzuhalten, wie viele Kinder in einem Raum sitzen, wie oft gelüftet wird, ob sie Masken tragen, wie viele Stunden sie gemeinsam in der Klasse verbringen, wie viele von ihnen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule kommen usw. Eine solche feinmaschige Datenerhebung muss für alle Bereiche geleistet werden. Nur vor diesem Hintergrund würden die ermittelten Korrelationen einen Erkenntniswert besitzen und letztlich zu einem Lernprozess führen würden, der der apathischen Starre, in der wir uns befinden, vorzuziehen wäre. Ob dieses komplexe Szenario in einem Land, in dem Gesundheitsämter Daten noch per Fax verschicken, umzusetzen ist, bleibt abzuwarten. Aber jeder lange Weg beginnt mit einem ersten Schritt.

Die Macht der Meme

Die banalen Verschwörungstheorien der Coronagegner sind mindestens so infektiös wie das Virus und könnten dafür sorgen, dass die Pandemie wieder Fahrt aufnimmt. Die Vereinfachung komplexer Sachverhalte ist gefährlich

Um den englischen Säulenheiligen Isaac Newton öffentlich zu kritisieren, brauchte man zu Beginn des 19. Jahrhunderts Mut oder Größenwahn. Der junge Charles Babbage besaß beides. Als Student in Cambridge stieß er sich an der von Newton verwendeten umständlichen Notation, in der dieser die Infinitesimalrechnung dargestellt hatte. Der Deutsche Gottfried Wilhelm Leibniz hatte das eleganter gelöst. Das Undenkbare geschah. Babbage und ein paar Kommilitonen gelang es, den Widerstand der britischen Traditionalisten zu brechen. Die Notation setze sich auch auf der Insel durch! Wie konnte das geschehen? Als Erklärung könnte eine Theorie des britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins dienen, die sich auch auf gegenwärtige Verschwörungstheorien übertragen lässt. Dawkins erfand den Begriff des Mems. Während das Gen die Replikationseinheit der biologischen Evolution ist, unterstellte Dawkins, dass das Mem als Replikationseinheit der kulturellen Evolution fungiert. Als Beispiele für Meme nennt Dawkins: „Ideen, Melodien, Gedanken, Schlagworte, Kleidermoden, die Kunst, Töpfe zu machen oder Bögen zu bauen“. Dem sei hinzugefügt, dass auch das Bedürfnis, Dinge einfacher und effizienter zu gestalten, Ursache memetischer Replikation ist. Deshalb stand selbst in England die umständliche Newtonsche Fluxionsrechnung auf verlorenem Posten und musste dem Kalkül von Leibniz weichen. Solche gedanklichen Elaborate kann man metaphorisch als Viren des Geistes bezeichnen. Sie springen durch Kontakt von Mensch zu Mensch. Wie schnell sie sich in den Köpfen verbreiten, ist von vielen Faktoren abhängig: den Kommunikationswegen, der Kommunikationsgeschwindigkeit und  der Viralität. Der Begriff der Viralität, der im Kontext der sozialen Medien verwendet wird, lehnt sich an das biologische Vorbild der Infektiosität an. 

Viral werden Gedanken oder der Austausch von Fertigkeiten, wenn sie starke Bedürfnisse zu befriedigen versprechen. Solche Bedürfnisse können profaner Natur sein. Man denke an Neugier oder Schadenfreude. Aber auch der Wunsch mit raffinierten Tricks Arbeit zu vermeiden, findet Anklang. Dabei geht es heute wie damals nur selten darum, einen eleganten mathematischen Formalismus zu finden. Meist stehen Alltagsfertigkeiten wie Kochen, Backen oder Handwerken im Mittelpunk. Wie schält man mühelos einen Ananas? Doch unser Bedürfnis, Dinge zu vereinfachen, birgt auch eine Gefahr. Man muss sorgfältig zwischen Fertigkeiten und Erklärungen unterscheiden! Bei Erklärungen gibt einen gefährlichen Graben, der das Geniale vom Trivialen trennt. Wie sagte Einstein? “So einfach wie möglich aber nicht einfacher!“ Auch beim Erklären sind Effizienz und Einfachheit eine Ursache für Viralität. Es ist aber ein grundlegender Unterschied, komplexe Phänomene in einer reduzierten Gestalt zusammenzufassen oder Komplexität in einer einfachen Form zu banalisieren und damit zu negieren. Ein herausragendes Beispiel für die erstgenannte Tugend sind die Maxwell-Gleichungen der Elektrodynamik -vier elegante Formeln mit denen sich ein immenser Bereich physikalischer Phänomene beschreiben lässt. Solche Meisterstücke der Denkkunst sind das Ergebnis einer langen Anstrengung. Die Kunst besteht darin, das Irrelevante auszuschließen. Information durch Exformation. Der fatale Hang Wesentliches nicht vom Unwesentlichen zu unterscheiden und Komplexität aus Denkfaulheit auf Banalitäten zu reduzieren, ist genau das Gegenteil. Das erinnert an die Verlautbarungen der Verschwörungstheoretiker in der Corona-Krise. Diese schämen sich nicht, eine schwierige und unübersichtliche Situation, die zumindest in Teilen wissenschaftliches Neuland ist, in einer durchsichtigen Räuberpistole zu trivialisieren: Bill Gates, der klandestine Strippenzieher auf der Weg zur Weltherrschaft. Man könnte versucht sein, eine solche Form der Naivität zu belächeln. Aber leider erfüllen auch diese Geschichten ein tiefliegendes Bedürfnis nach Einfachheit. Deshalb sind sie gefährlich.Warum kommen sie überhaupt zu Stande? Dem Phänomen könnte ein von dem Neurowissenschaftler Michael Gazzaniga untersuchter Mechanismus zugrunde liegen. Trotz widersprüchlicher Informationen neigen Menschen dazu, diese in einer nur für sie selbst konsistenten Geschichte zusammenzudenken, auch wenn sie im Resultat wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat. In Ermangelung besserer Alternativen greifen sie dabei gerne auf Erklärungsprinzipien zurück, die ihnen persönlich geläufig sind. Wenn Exponentialfunktionen, Wahrscheinlichkeiten und statistisches Grundwissen nicht zum intellektuellen Werkzeugkasten gehören, dann ist nachvollziehbar, die sie in sich selbst erlebten Gefühle und Wirkmechanismen der Außenwelt als “Erklärung“ überzustülpen. Das ist ein rudimentäres Kausalprinzip, das man schon aus dem animistischen Denken kennt. Obwohl solche defizitären Erklärungen leicht zu erkennende Mängel haben, muss man ihnen mit Respekt begegnen. Sie sind hochinfektiöse Meme, die sich mit Lichtgeschwindigkeit im Internet ausbreiten und in kritiklosen Köpfen einen fruchtbaren Nährboden finden. Als Brandbeschleuniger gesellt sich zu fataler Leichtgläubigkeit noch intellektueller Hochmut. Man redet sich ein, Teil einer Elite zu sein, die das “System“ durchschaut. Deshalb gehört man nicht zu den einfältigen Marionetten, die von arglistigen Puppenspielern manipuliert werden. 

Das ist ein gefährlicher Cocktail aus Kompetenzillusion und Selbstgefälligkeit, der  narkotisierend wirkt. Und der Rausch könnte uns alle betreffen. Es wäre fatal. wenn aus der Viralität gefällig-eingängiger Ideen die reale Infektion mit Viren erfolgt, da  grölende Teilnehmer auf den Anti-Corona-Demonstrationen nicht nur ihre Meme in der Welt verbreiten sondern auch ihre Viren. 

Marco Wehr ist Physiker und Philosoph in Tübingen

Darwincode

Es ist gefährlich, einem Plan zu folgen, wenn es keinen Plan gibt. In solchen Fällen ist es besser, sich die Natur zum Vorbild zu nehmen

Die Coronaepidemie ist bekannt und fremd zu gleich. Epidemien gibt es seit Menschengedenken, wobei gerade die der jüngeren Zeit sorgfältig untersucht wurden. Man bemüht sich aus deren Dynamik für die Zukunft zu lernen. Das gilt für SARS, MERS und Ebola genauso wie für die Vogel- und Schweinegrippe.
Fremd ist das momentane Szenario, weil jede Epidemie ihr eigenes, unverwechselbares Gesicht hat. Das macht Corona unheimlich.
In diesem Zusammenhang kann man an den chinesischen Strategen Sun Tsu denken. Dieser schrieb schon vor zweieinhalbtausend Jahren: “Wenn Du Deinen Feind kennst und Dich selbst, brauchst Du das Ergebnis von 100 Schlachten nicht zu fürchten.“ Dieses Zitat aus dem Buch “Die Kunst des Krieges“ lässt sich auch im Umkehrschluss lesen und damit auf die momentane Situation übertragen. Kennst Du weder Dich, noch die Gefahr, ist das beängstigend.
Obwohl in einem weltumspannenden Kraftakt die Erbsubstanz des Virus in kürzester Zeit sequenziert worden ist und bereits nach Wochen erste Nachweisverfahren zur Verfügung standen, gibt es nach wie vor viele Bereiche, in denen wir auf Mutmaßungen angewiesen sind: Es lässt sich schlecht abschätzen, wieviele Menschen tatsächlich in den verschiedenen Ländern infiziert sind. Es wird diskutiert, ob Genesene völlig immunisiert sind. Es ist nicht klar, warum mehr Männer sterben als Frauen. Und es gibt bis dato nur begründete Vermutungen über Inkubationszeiten.

Außerdem weiß man nicht genau, welche Symptome für die Krankheit wirklich charakteristisch sind.
Neben offenen Fragen, die die Krankheit betreffen, lässt sich nur grob abschätzen, wie wir als Bevölkerung mit den Belastungen der Quarantäne umgehen werden. Zuletzt ist die Frage, wie lange wir den Shutdown aushalten können, ohne die Wirtschaft nachhaltig zu schädigen, offen. Das ist in der Summe verstörend. Für ein solches Geschehen gibt es kein vorher geschriebenes Drehbuch.

Deshalb stellt sich in diesem Zusammenhang eine paradox wirkende Schlüsselfrage: Wie soll man in einer so unübersichtlich erscheinenden Situation rational handeln, wenn viele Daten, die die Grundlage rationaler Entschlüsse sein könnten, fehlen? An dieser Stelle ist es zuerst geboten, zwischen Wissen und Unwissen zu unterscheiden. Auf der Habenseite stehen die Erfahrungen, die wir mit Epidemien gemacht haben. Aus diesen Erfahrungen resultieren die Pandemiepläne, die lange in den Schubladen schlummerten. Wir wissen aufgrund epidemiologischer Expertise, dass die verschiedensten Kontaktsperren und Quarantänemaßnahmen wirken, wenn sie konsequent gehandhabt werden.

Wir wissen allerdings nicht, welche Folgen sozialer und wirtschaftlicher Art diese Maßnahmen haben werden. Für diese Frage gibt es kein valides mathematisches Modell. Das Problem ist hyperkomplex. Weder weiß man, welche Variablen hinreichend und notwendig sind, um die augenblickliche Situation zu beschreiben. Und noch weniger lässt sich angeben, welche Werte die Variablen haben müssten, damit wir so an den Stellschrauben drehen könnten, dass sich das System in unserem Sinne stabilisiert.

In solchen Fällen muss man sich von herkömmlichen Strategien der Planbarkeit verabschieden. Es bleibt einem nur noch die Möglichkeit, mit einem der Evolution entlehnten Prinzip zu arbeiten. Um dieses Prinzip zu verdeutlichen, wechseln wir den

Blickwinkel und fassen exemplarisch die ungewöhnliche Unternehmenstrategie von Götz Werner ins Auge. Herr Werner ist der Gründervater der Drogeriemarktkette dm. Werner – ein Querdenker – hat konsequent mit einem zentralen Managementdogma gebrochen. Nachdem seine Firma stürmisch gewachsen war und aus zigtausend Filialen bestand, erkannte Werner, dass es keinen Sinn mehr machte, diese Filialen zentral vom Unternehmenssitz in Karlsruhe zu steuern. Das Steuerungsproblem war zu komplex geworden und er wollte sich keiner gefährlichen Kontrollillusion hingeben. Deshalb entließ er seine Filialleiter in die Selbstverantwortung. Da die besonderen Begebenheiten vor Ort überall unterschiedlich waren, sollten sie selbst herausfinden, welche Strategie die beste ist. Anfangs sträubten sich die Führungskräfte vor soviel Selbstverantwortung. Mittlerweile ist das Prinzip etabliert. Diese Vorgehensweise erinnert an die Evolution, weil sich die verschiedenen Filialen an spezifische marktwirtschaftliche Nischen anpassen. Eine Adaptionsleistung, die mit zentraler Steuerung nicht zu leisten ist.

Übertragen auf die Coronakrise können wir es als großen Vorteil ansehen, dass wir 16 verschiedene Bundesländer haben, die mit graduell unterschiedlichen Strategien an das Problem herangehen. Das ist aber nur dann ein Vorteil, wenn die Länder nicht in Konkurrenz sondern in Kooperation arbeiten! In diesem Sinne geht es nicht darum, ob Markus Söder oder Armin Laschet mit ihren Vorgehensweisen Recht haben. Die Epidemie ist nicht die geeignete Bühne, um einen Hahnenkampf zu inszenieren. Es geht vielmehr darum, Ergebnisse zu vergleichen und zu den spezifischen Entstehungsbedingungen in Beziehung zu setzen. Damit dieser wechselseitige Lernprozess funktionieren kann, ist es aber notwendig, dass die Daten schnellstmöglich in vergleichbarer Weise dokumentiert werden, um sie allen Beteiligten zugänglich zu machen. Man hat allerdings den Eindruck, dass gerade bei der Erhebung und Darstellung der Daten einiges nicht so rund läuft, wie es laufen sollte.

Unabhängig von der Forderung bei der Erhebung und Darstellung von Daten einen vergleichbaren Standard zu setzen, wäre es lohnend, wenn sich die Politik an methodisch sorgfältig ausgeführter Wissenschaft orientieren würde. Es ist gängige Praxis,in einem Experimentalszenario möglichst wenige Größen zu variieren, während man die anderen konstant hält. Nur so lässt sich feststellen, wie das System auf Änderungen reagiert. Übertragen auf die momentane Situation würde das bedeuten, dass man ausgehend von den momentan geltenden Quarantänemaßnahmen, zum Beispiel das Wirtschaftsgeschehen erst in wohldefinierten Bereichen wieder aktiviert und dabei die Verdopplungszeiten genau im Blick behält. Auf diese Weise kann man bei Bedarf gegensteuern oder aber auch mehr Leine zu geben.

Wenn die verschiedenen Bundesländer diese Strategie verwirklichen würden, wobei sie eben nicht gleichgeschaltet vorgehen dürfen, wäre es die Aufgabe der Bundesregierung und ihrer beratenden Institute diese Daten zu sammeln, auszuwerten, zu interpretieren und in konkrete Handlungsempfehlungen umzusetzen. Das wäre eine Form systemischen Lernens. Das ist allerdings ein anderer Ansatz als der, welcher gerade zur Diskussion steht. Für die augenblickliche Situation gibt es keinen Masterplan. Zentralistische Anweisungen zu geben und dabei zu suggerieren einen Plan zu haben, obwohl es keinen Plan gibt, könnte deshalb ein Fehler sein. Man denke an einen Strategen, der unbekanntes Terrain erkunden lassen möchte und dazu 16 Späher zur Verfügung hat. Macht es Sinn, diese alle auf demselben Weg ins Feld zu schicken? Oder ist es besser, die Kundschafter auf 16 verschiedenen Wegen loszuschicken und nur sicherzustellen, dass sie Leib und Leben behalten, damit sie in der Lage sind später ihre Erfahrungen auszutauschen? Genauso machen es übrigens die Bienen, die auf verschiedensten Wegen nach Futter suchen, um dann den anderen von ihrem Erfolg zu “erzählen“. Es ist allerdings entscheidend, dass sie bei ihren Exkursionen am Leben bleiben. Das ist die Forderung, die an alle gemeinsam zu stellen ist.

Unterm Strich haben wir wohl keine andere Wahl, als mit kollektiven Tasten – einer vernunftgeleiteten Trial-and-Error-Strategie – einen gemeinsamen Lernprozess in Gang zu setzen, mit dessen Hilfe wir die Grenzen des Möglichen ausloten können, um auf diese Weise aus der Krise zu kommen.

Marco Wehr ist Physiker und Wissenschaftstheoretiker. Er hat lange zur Chaostheorie und Komplexität gearbeitet

Ich bohre, also bin ich

Wie der erste Lockdown dazu führte, ein großes Gedankenrätsel zu lösen – Eine philosophische Humoresque

Ist es möglich, dass ein Tübinger Geschaftelhuber in Nachbars Garten, der mit einem Laublaser bewaffnet, einen bukolischen Sommernachmittag in ein dröhnendes Maschineninferno verwandelt, uns hilft, ein abstraktes philosophisches Problem zu lösen? In der Tat. Aufgeworfen wurde dieses Problem von dem Philosophen Richard David Precht in seinem Buch “Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“. Precht? Philosoph? Durchatmen. Hier soll nicht entschieden werden, ob Herr Precht ein ernstzunehmender Denker ist oder der “André Rieu der Philosophie“ wie Peter Sloterdijk ätzte, was wiederum die meist weiblichen Fans des schönen Solingers auf die Palme brachte, für die Sloterdijk die Physiognomie eines beleidigten Walrosses hat. Interessant ist hier nur Prechts mit Schwung vorgetragene These sowie die daraus abgeleitete Schlussfolgerung: Die intelligenten Maschinen machen in Kürze so gut wie Alle von uns arbeitslos. Das klingt alarmierend. Aber Precht spendet Trost und macht uns Hoffnung: Da uns das bedingungslose Grundeinkommen, finanziert aus einem rätselhaften Fortunati Glückssäckel, von wirtschaftlichen Sorgen befreit, sehen wir uns in nächster Zukunft mit einer in der Menschheitsgeschichte einmaligen Chance konfrontiert. Wir schwimmen alle in einem Meer aus freier Zeit, die nur darauf wartet, von uns auf das Schönste gestaltet zu werden. Soweit die Theorie. Doch manchmal kommt der Theorie die Praxis in die Quere, die dann Denker und Werk unbarmherzig in die Gruft der Erkenntnis stößt. Leider handelt es sich bei diesen philosophischen Praxisschocks öfter um Katastrophen. 

Die bekannteste war das Erdbeben von Lissabon am 1.Nov. 1755. Ausgerechnet am Allerheiligen bebte die Erde und die Gläubigen starben beim Beten in den zusammenbrechenden Kirchen während die Gefängnisse stehen blieben, aus denen die Verbrecher entkamen und die Geschäfte plünderten. Konnte ein gütiger Gott so ungerecht sein? Der gläubige Leibniz mit seiner besten aller Welten wurde auf einmal zum Gegenstand des Spotts, der atheistische Voltaire triumphierte und so nahm die Aufklärung Ihren Lauf. 

Für die Prechtsche “Theorie“ heißt der Praxisschock Corona. Das Wüten der Pandemie gab ihr den Gnadenstoß. Denn plötzlich war er da, der paradiesische Zustand. Zumindest für diejenigen, die das Privileg genossen, ihr Gehalt oft ohne Gegenleistung weiter beziehen zu dürfen: Jeden Tag satte 24 Stunden freie Zeit, die nur darauf wartete mit Sinn und Vergnügen gefüllt zu werden. Doch der anfänglichen Euphorie folgte nicht selten der Kater. Für viele wurden die eigenen vier Wände zum Horror. Wo lag das Problem? Ob man wollte oder nicht, man war plötzlich gezwungen, viel Zeit mit einem rätselhaften Wesen zu verbringen, das einem vielleicht doch nicht so angenehm war, wie man immer dachte: dem eigenen Selbst. Philosophen, Meister der selbstgewählten Quarantäne, raten in solchen Fällen zum therapeutischen Zwiegespräch mit sich selbst, damit man sich besser kennenlernt und aneinander gewöhnt. Doch das ist nicht so leicht, wie es sich anhört. Deshalb sprach der Erkenntnistheoretiker Odo Marquard von Einsamkeitskompetenz. Die ist nichts für Anfänger und man lernt sie nicht im Schnellverfahren. War das alte Leben vielleicht doch nicht so schlecht? Aber sich im Beruf abzulenken ging gerade nicht. Da bot sich eine andere Strategie an: Werkeln, werkeln, werkeln. Und so wurden, nachdem der erste Rausch der freien Zeit verflogen war, vor allem die Baumärkte geflutet und die verhinderten Sinnsucher munitionierten sich mit Werkzeugen und Baumaterialien. Und anschließend kam es zum Kampf der Welten. Kontemplationskünstler, Bücherwesen, Müßiggänger, alle die sich auf Odo Marquards langen Weg machten, wurde ihre Leidenschaft zum Verdruss, da der allgegenwärtige Maschinenfuror das Erspüren geordneter Denkbewegung unmöglich machte. Aber nicht verzagen, trotz zerrütteter Nerven gab es unterm Strich einen formidablen Erkenntnisgewinn. Prechts Traum vom baldigen Paradies auf Erden darf man zu den Akten legen. Aber der Solinger braucht sich nicht zu grämen. Und es kann ihm egal sein, dass der böse Sloterdijk ihn einen zweitklassischen philosophischen Stehgeiger schimpft. Denn er ruht jetzt mit einem ganz Großen der Philosophie in der Gruft überholter Erkenntnisse. Neben ihm liegt Philosophenkönig René Descartes, seine Meditationes de prima philosophia in der zitternden Hand. Auch dessen Gewissheitsformel “Ich denke also bin ich“ darf nach Corona als überholt gelten. “Ich bohre also bin ich“ ist das Gebot unserer Zeit. 

Gefährliche Grünfühler

Es ist das Verdienst der ökologischen Bewegung, den Umweltgedanken in unseren Köpfen verankert zu haben. Es ist das Drama der ökologischen Bewegung, dass sie just diesen Gedanken zu Grabe trägt. Eine Polemik.

Als der Medizinprofessor Martin Bleif mit seiner kleinen Tochter auf dem Motorroller durch den Tübinger Fußgängertunnel fuhr, spuckte ihm ein Fahrradfahrer, der sich im Besitz der rechten Gesinnung wähnte, wütend ins Gesicht. Tatsächlich hatte sich der Arzt auch wissenden Auges über ein Verbot hinweggesetzt. Es war eine der ersten Amtshandlungen von Oberbürgermeister Palmer, vor dem Tunnel ein Verbotsschild zu befestigen, welches das bis dato funktionierende Miteinander von Fußgängern, Rad- und Mopedfahrern beendete. Letztere wurden als Stinker gebrandmarkt und verbannt. Vordergründig ging es um Ökologie. Doch das glaubte Bleif nicht. Er berechnete, dass ein Fußgänger, der lässig mit einer Zigarette in der Hand durch den Tunnel schlendert, die Luft stärker verpestet als ein Junge auf seinem Töfftöff. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass seit dem Verbot die Mopedfahrer kilometerlange Umwege fahren müssen und ihre Abgase vermehrt woanders in die Luft blasen. 

Man muss also die Frage stellen, wie eine solche Respektlosigkeit zu “begründen“ ist. Gibt es neben dem ökologischen (Schein)argument noch andere? Der Lärm kann es nicht sein. Grölende Passanten und ewig dudelnde Straßenmusiker sind im Tunnel häufig anzutreffen. Auch die Geschwindigkeit scheidet aus, da geübte Kampfradler ein Mofa lässig überholen. 

Damit sind wir beim zentralen Punkt: der rechten grünen Gesinnung. Das ist eine durch nichts zu erschütternden Einbildung, auf der richtigen Seite zu stehen, auch wenn die Fakten etwas anderes nahelegen. Menschen dieses Schlages kann man als Grünfühler bezeichnen. Sie wähnen sich grün, obwohl ihr Verhalten oft genug das Gegenteil von dem bewirkt, was sie zu bewirken vorgeben. Dabei paart sich die Blindheit für die Faktenlage mit einer verstörenden Selbstgefälligkeit. Sie erhebt den Grünfühler in den Rang zu loben, zu tadeln oder – wie das spuckende Lama im Tunnel – zu strafen. Zu allem Überfluss kommt zu diesen Charaktereigenschaften noch eine gewisse Doppelbödigkeit dazu. Bei sich selbst drückt man die Augen zu, die Knute ist für die anderen reserviert.

Denn: Welches Auto ist symbolisch für Tübingen? Der wendige Elektro-Smart? Nein. Hier pilotiert man gerne einen VW-Bus mit dem CW-Wert eines Panzers. Ökologische Signalwirkung hat dann aber der große Fahrradhalter am Heck. Und was sind des Tübingers liebste Reiseziele? Das Allgäu oder die Moselschleife? Weit gefehlt. Gemäß einer Silvesterumfrage des Tagblatts präferiert man hier ferne Wüsten oder tropische Atolle. Alles Orte, die sich bequem mit dem Liegefahrrad ansteuern lassen. 

Maßnahmen, deren ökologischen Sinn man diskutieren muss, sind auch im öffentlichen Raum endemisch. Das fängt bei der Sperrung der Mühlstraße an. Es macht ja Sinn, 70 m in der Innenstadt zu schützen, um 7000 m Umgehungsstraßen zu belasten. Egal: Auf diesen Straßen bewegt man sich ökologisch korrekt. Sie gleichen einem Verkehrskindergarten: Überall blinken Smileys, um dem Autofahrer ein emotionales Feedback zu geben. Da wühlt man gerne im Getriebe und röhrt im zweiten Gang mit 30 durch die Straßen. Zur Belohnung gibt es ein grünes Lächeln. Nur die Unbelehrbaren werden kalt vom Blitz erwischt. Noch das kleinste Kaff nennt ein Arsenal von Blitzsäulen sein eigen, und die Dorfvorsteher wetteifern untereinander mit Anzahl und Größe, so wie es früher die Adelsgeschlechter der Toskana mit ihren Türmen machten. Das Problem? Trinken Sie in der Nachmittagssonne einen Most im Schwärzloch und bewundern Sie die Unterjesinger Schlange! Seit der Temporegulierung im Dorf gibt es einen kilometerlangen Rückstau bis nach Tübingen.

Aber der ist ökologisch korrekt. Die verqualmte Luft bleibt zwischen Tübingen und Unterjesingen gefangen und wird es nicht wagen, die Stadtgrenzen zu überschreiten. Das ist auch besser so, denn große Bäume, die helfen könnten, die Luft reinzuhalten, werden zumindest in Tübingen konsequent gefällt. Aber das sind Kleinigkeiten. 

Eine ökologische Lichtgestalt wie Boris Palmer agiert in anderen Dimensionen. Große Teile der pittoresken Tübinger Altstadts mit schnöden Wärmedämmplatten kondomisieren? Kein Problem! Für Palmer wäre es auch denkbar, Windräder so hoch wie der Kölner Dom in der Nachbarschaft der idyllischen Wurmlinger Kapelle zu platzieren. Als Mann der Tat muss man Zeichen setzen und darf sich nicht durch Gefühligkeit verunsichern lassen. Was soll man dazu sagen? Bei Lichte besehen hat der Grünfühler die Einstellung des mittelalterlichen Flagellanten. Gerade der Schmerz, die nachhaltige Verschandelung von Städten und Landschaften, signalisiert, dass man es ernst meint und sich reuig einem höheren Ziele beugt. Was zählen da ästhetische Belanglosigkeiten?

Bleibt nur eine ketzerische Frage: Macht das alles ökologisch einen Sinn? Da sind Zweifel erlaubt. Autos, die hochtourig durch die Stadt kriechen, verbrauchen nicht zwangsläufig weniger Benzin, als solche, die ein bisschen schneller sind. Bei der Wärmedämmung eine Energieersparnis zu erzwingen und dabei Materialien zu verwenden, die als hochgiftiger Sondermüll deklariert werden, leuchtet auch nicht sofort ein. Zudem wäre wohl ein Brand in unserer Innenstadt ein rechtes Höllenfeuer. Die Dämmplatten, einmal in Flammen, lassen sich fast nicht mehr löschen. Und die hofierten Windräder? Sie sparen bis zum heutigen Tag kein CO2 ein. Die “gesparten“ Emissionen werden wegen des Europäischen-Emissions-Zertifikategesetz an anderer Stelle wieder in die Luft geblasen. 

Wie kommt es zu solchen Fehleinschätzungen? Es ist eben die verführerische Kraft des rechten Gefühls, die fast jeden Unsinn möglich macht. Nicht grün handeln ist das Gebot der Stunde, sondern sich für grün zu halten. Was ist schließlich erhebender, als der Glaube, die Welt zu retten? Das ist ein Gefühl von narkotisierender Kraft. Vor diesem Hintergrund sieht man sich aber mit einem verstörenden Paradoxon konfrontiert: Es ist das Verdienst der ökologischen Bewegung den Umweltgedanken in unseren Köpfen verankert zu haben. Es ist das Drama der ökologischen Bewegung, dass sie just diesen Gedanken zu Grabe trägt. Dabei machen die Grünfühler so viele Denkfehler, dass man nicht weiß, wo man anfangen soll. 

Ganz oben steht die Unfähigkeit, eine stringente ökologische Prioritätenliste anzulegen. Was ist primär auf der Agenda ökologischen Handels?! Die Vermeidung von CO2, das Aus der Atomkraft oder die Rettung von Fledermäusen, Zauneidechsen oder Juchtenkäfern? Wie ein kleines Kind möchte man eigentlich alles auf einmal haben. Doch leider sind etwa Arten- und Landschaftsschutz sowie der Ausbau regenerativer Energien nicht unabhängig voneinander zu verhandeln. Das eine geht auf Kosten des anderen. Entscheidungen ließen sich nur dann nachvollziehen, wenn begründet würde, weshalb das eine dringlicher ist als das andere. Aber bei den Grünfühlern ist irgendwie alles irgendwie wichtig. So lassen sich argumentative Eiertänze nicht vermeiden. Da wird wegen des Juchtenkäfers ein Milliardenprojekt wie Stuttgart 21 in Frage gestellt oder man angelt Zauneidechsen für 8600 Euro pro Tier mit Schlingen aus den Löchern. Doch dann einen Salto rückwärts! Eben waren die Tierchen noch im Fokus, jetzt herrscht Blindheit. Plötzlich sind es vertretbare Friktionsverluste, wenn Windräder Kulturlandschaften verschandeln,  Greifvögelpopulationen ausradieren oder die sonst hofierten Fledermäuse zu Hackfleisch verarbeiten. Und wenn man das unsägliche Ökobenzin E 10 wider jeder Vernunft puschen will, spielt Artenvielfalt auch keine Rolle mehr. Raps, Raps, Raps, wohin das Auge blickt.

Neben der Unfähigkeit Prioritäten zu setzen, neigt der Grünfühler zur Pusemuckel-Politik. Das großspurige “Global denken, lokal handeln“ ist ein müdes Lippenbekenntnis. Schon der Zusammenhang des Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mit dem Europäischen-Emissions-Zertifikategesetz ist dem Grünfühler schwer zu vermitteln. Es ist auch besser den Kopf in den Sand zu stecken: Die Reduktion von CO2 in der europäischen Union geht im Schneckentempo vorwärts, da sich die Gesetze gegenseitig aushebeln. Dabei ist zu wünschen, dass das Zertifikategesetz, das die Kreativität der Marktteilnehmer fördert, weiter ausgebaut wird, während das muffig-planwirtschaftliche EEG entschlackt werden muss. 

Aber selbst der Fokus auf Europa ist zu eng. Klimaschutzpolitik ist ein globales Problem und kann auch nur global gelöst werden. Dazu gehört die Einsicht, dass ein Markt nicht nur eine Nachfrage- sondern auch eine Angebotsseite hat. Dabei haben die Länder, die fossile Brennstoffe verkaufen, naturgemäß andere Interessen als die, die versuchen die Nachfrage nach diesen zu vermindern. Gelänge es uns in der EU durch ausgiebiges Fahrradfahren den Verbrauch fossiler Brennstoffe zu reduzieren, sänke die Nachfrage. Hört sich gut an! Leider beeinflusst das den Preis. Öl, Kohle und Gas würden billiger. Das freut alle Länder, die von dem Wohlstand träumen, den wir schon lange haben. Die schlagen bei der billigen Energie sofort zu. Verfeuert werden die Klimakiller dann woanders. Und so nimmt die Atmosphäre auch im beschaulichen Tübingen Schaden, selbst wenn der Schlot in Burkina Faso steht. Und genau auf diese Weise werden die fossilen Brennstoff unweigerlich solange verfeuert, bis sie zu Neige gehen. Das ist aber der schlimmste  Fall, den wir eigentlich vermeiden wollen. Gibt es Lösungen? Wenn man wüsste, wie die Luft zum Atmen, die von allen Menschen gemeinsam genutzt wird, mit einem Preis versehen werden könnte, den Verschmutzer rund um den Globus zu bezahlen hätten, wäre ein wichtiger Schritt getan. Eine kleine Chance gäbe es auch, wenn die Erzeugungskosten regenerativer Energien mit denen fossiler Energien konkurrieren könnten. Doch das ist ein ferner Traum. Leider sorgt gerade das patriarchalisch-besserwisserische EEG mit seinen tausend Sonderregelungen für das genaue Gegenteil. Da sich viele Windmüller und Sonnenkönige wegen der opulenten Einspeisegarantien lange Zeit die Wasserhähne vergolden konnten, war der Innovationsdruck, effizienter und klüger zu produzieren, in Deutschland nicht besonders ausgeprägt.

Zu guter Letzt weigert sich der Grünfühler beharrlich, Geld so einzusetzen, dass es der Umwelt optimal nutzt. Es wäre zum Beispiel ausgesprochen sinnvoll, die 500 Milliarden Euro, die die “Energiewende“ in etwa kostet, dort zu investieren, wo sie am effizientesten arbeiten würden. Alles andere ist ein Verrat an den ökologischen Notwendigkeiten. Dafür bräuchte man allerdings – siehe oben – eine klar definierte Prioritätenliste. Doch dieses Problem wird von den Grünen nicht einmal in Ansätzen diskutiert. Im Gegenteil: Die Paradoxphilosophie des Grünfühlers funktioniert exakt andersherum. Deshalb ist sie eine Gefahr für unsere Umwelt. Es gilt ja als Ausweis von Ernsthaftigkeit, das Geld mit beidem Händen zum Fenster rauszuschmeißen und sich um dessen ökologische Hebelwirkung nicht zu scheren. Man meint damit zu zeigen, dass einem für die Umwelt nichts zu teuer ist. Aus der verqueren Logik des Gefühls gedacht, ist das nachvollziehbar. Für unsere Umwelt ist eine solche “Denkweise“ ein Debakel. 

Da ökologische Verwirrtheit skaleninvariant ist und deshalb in vergleichbarer Form beim einzelnen Menschen, in Familien, Dörfern, Städten Ländern und Kontinenten zu finden ist, landen wir zu guter Letzt wieder in Tübingen, neben Freiburg der Welthauptstadt der Grünfühler. 500 000 Euro lässt man sich hier die Verrücktheit kosten, die Ammer auf ein paar Meter vor dem Technischen Rathaus einseitig(!) zu renaturieren. Und damit jeder das grüne Projekt bewundern darf, ist dort fast der gesamte alte Baumbestand abgeholzt worden. Eine paradoxe Meisterleistung und leider mehr als eine lokalpolitische Schrulle. Diese Denke hat Methode und zwar zu unserer aller Schaden. 

Die Welt ist keine Scheibe

Es gibt viele Dinge, die man nicht lernt, wenn man viel Zeit vor den Bildschirmen von Fernsehern und Computern verbringt

Wir schmunzeln über die Seefahrer, die vor etwa 500 Jahren nach Westen aufbrachen und von rasender Angst gepeinigt waren. Viele glaubten, die Erde wäre eine Scheibe und wenn man sich zu weit hinausbewegte, würde man mit seinem Schiff in einen brodelnden Abgrund fallen. Heute wissen wir es besser: die Erde ist eine Kugel. Es gibt keinen Abgrund. Finden wir es genauso zum Schmunzeln, wenn heute ein Großteil der Menschen die Welt zu einer Scheibe macht, obwohl sie eine Kugel ist? Sicher, in Zeiten von Corona ist der Computer zwangsweise das Kommunikationsmittel der Wahl. Doch auch in weniger aufregenden Zeiten ist es für für viele normal, einen großen Teil des Tages vor einem zweidimensionalen Bildschirm zu verbringen. Es gibt gute Gründe am Sinn dieser Normalität zu zweifeln. Aber Vorsicht! Man läuft Gefahr als Hinterwälder beschimpft zu werden, wenn man den exzessiven Umgang mit Fernsehen, Computer und Smartphones kritisiert. Viele wollen schließlich schnellstmöglich in die Zukunft rasen. Verständlich, dass technikaffine Manager wie Timotheus Höttges von der Telekom dafür plädieren, Kindern am besten schon in der Vorschule Grundlagen des Programmierens beizubringen. Das mag vernünftig erscheinen, wenn man es als vorrangiges Erziehungsziel betrachtet, junge Menschen so zu formen, dass sie mit ihrer digitalen Expertise die Konkurrenzfähigkeit des Industriestandorts Deutschlands sichern. Vertritt man den Standpunkt, dass das Leben aus mehr als Nullen und Einsen besteht und es darum geht, junge Menschen zu ertüchtigen, ihr Leben in Eigenverantwortung zu gestalten, dann darf man an diesem Ziel Zweifel äußern. Hier prallen Weltanschauungen aufeinander. Gerne weisen digitale Adepten darauf hin, dass es kompliziert sei, zu beweisen, dass etwa ausgedehnter Computergebrauch nachteilig wäre. Im Gegenteil: Kinder die sechs Stunden am Tag am Computer zocken, zeigen ein besseres Reaktionsverhalten und auch die Finger, die im Stakkato die Konsole bearbeiten, sind im Gehirn besser repräsentiert als die einer Vergleichsgruppe. Solchen Verteidigungsbemühungen muss man allerdings eine wissenschaftstheoretische Binsenweisheit entgegenhalten: Messen und bewerten lässt sich nur, was sich messen und bewerten lässt! Diese Einsicht hat gerade für viele komplexere Fragestellungen der Psychologie und Kognitionswissenschaften Konsequenzen, da sich diese nicht ohne weiteres in ein angemessenes Experimentaldesign pressen lassen. Man denke an die umjubelten bildgebenden Verfahren, mit denen man die Hirnaktivität bei einer bestimmten Aufgabenstellung misst. Leider muss man reglos in einem Tomographen liegen! Genau aus diesem Grund lässt sich mit diesem Messverfahren zum Beispiel wenig über Menschen in Bewegung herausbekommen. Man kann nicht mit einer solchen tonnenschweren Maschine auf dem Kopf durch die Welt tanzen. Das beherrschbare Experimentalszenario bestimmt also den Raum beantwortbarer Fragen. 

Wenn es nun für bestimmte komplexe Fragestellungen keine detaillierten Antworten existieren, dann heißt das nicht, dass es sie nicht gibt. Vielleicht liegen sie einfach außerhalb der momentan verfügbaren wissenschaftlichen Möglichkeiten. In solchen Fällen ist begründetes Argumentieren erlaubt und notwendig. Was lässt sich dazu sagen, dass sich Milliarden von Menschen den halben Tag mit zweidimensionalen Modellwelten auseinandersetzen?

Da steht an erster Stelle die Einsicht, dass Menschen sehr effizient funktionieren. Fertigkeiten, die wir üben, entwickeln sich. Alles, was nicht gebraucht wird, bildet sich zurück: “Use it or lose it“.  Dieses Prinzip ist fundamental. Es gilt für Kleinkinder genauso wie für Greise. 

So ist es eindrücklich, dass Säuglinge zu Leistungen in der Lage sind, die uns Erwachsene überfordern. Sie können zum Beispiel alle Sprachlaute dieser Erde unterscheiden. Ihr Gehirn ist überbestimmt. Es gibt anfänglich mehr synaptische Verbindungen zwischen den Neuronen als später gebraucht werden. Das ist evolutionär sinnvoll. Ein Kind kann als Inuit auf die Welt kommen oder als Indio. Es muss gewährleistet sein, dass es sich seiner Kultur optimal anpasst. Richtet sich sein Fokus nun auf die ihn umgebenden Sprachlaute, dann bedingt das “Use-it-or-lose-it-Prinzip“, dass es sich für genau diese sensibilisiert. Die Fähigkeit, andere Laute zu diskriminieren, verschwindet. Aber nicht nur Babys sind anpassungsfähig. Pflegeheimbewohner, die beginnen, mit Hanteln zu arbeiten, verdoppeln in kurzer Zeit ihre Kraft und selbst kognitive Fähigkeiten lassen sich im Alter trainieren.

Welche Fertigkeiten werden bei Kindern gefördert, die vor einem Bildschirm sitzen? Wenn das Programm anspruchsvoll ist, lernen sie einer inszenierten Handlung zu folgen. Informieren sie sich im Internet, werden sie klüger. Wenn sie zocken, entwickelt sich eine spezifische Auge-Hand-Koordination. Was für Fertigkeiten aber werden vernachlässigt, sodass die Gefahr besteht, dass sie verkümmern oder sich gar nicht erst entwickeln? Da gibt es an erster Stelle ein sinnliches Defizit: Aus Monitoren dampfen keine Gerüche, man schmeckt nichts und aus der Mattscheibe kommen keine Hände, die einen berühren. Außerdem ist der innere Sinn, die sogenannte Propriozeption, beim Sitzen in einer Art gelangweilten Stand-by-Modus. 

Noch eindrücklicher ist das interaktive Defizit. Hier muss uns ein Experiment des Psychologen Richard Held aus dem Jahre 1962 als Warnung dienen. Er zeigte, dass ein Kätzchen, das die Augen gerade aufgeschlagen hat, blind bleibt, wenn es nicht auf den eigenen Beinen herumlaufen darf und man es stattdessen durch die Welt trägt! Gerade die Entwicklung der Tiefenwahrnehmung ist auf Bewegung angewiesen. Deshalb stürzen die Kinder eher selten, die die viel auf Bäume klettern. Verletzen tun sich oft die, die noch nie auf einem Baum gewesen sind und es dann einmal versuchen. 

Das interaktive Defizit hat aber auch noch eine abstraktere Komponente: Der Bewegungsraum ist ein Bedeutungsraum! Dinge bekommen nicht allein dadurch Bedeutung, dass wir sie passiv betrachten. Mitentscheidend sind Handlungserfahrungen! Was ein Ball ist, weiß nur, wer mit Bällen gespielt hat, der weiß wie sie rollen, wie sie hüpfen und wie sie sich fangen lassen. Das erfährt man sicher nicht dadurch, dass man mit den Augen einer zweidimensionalen Projektion eines Balls auf einem Bildschirm folgt. Warum? Damit sind wir beim wichtigen Thema der Simulation. Das menschliche Gehirn ist eine hochkomplizierte Simulationsmaschine, die man allerdings gebrauchen und kallibrieren muss, damit sie funktioniert. Warum kann man Bälle fangen? Weil das trainierte Gehirn die Flugbahn schneller berechnet, als der Ball fliegt, sodass man sich rechtzeitig positionieren kann. Welche Konsequenzen es hat, wenn man körperliche Fertigkeiten nicht mehr übt, erleben wir gerade in der Ausbildung künftiger Chirurgen. Den digital natives müssen an der Universität einfachste Handfertigkeiten beigebracht werden. Andernfalls wären sie nicht in der Lage, mit Nadel und Faden eine Naht zu ziehen. Das ist ein neues Phänomen. Basteln ist out.

Elementar aber trotzdem komplex ist auch die soziale Simulation. Betrachten wir ein gewöhnliches Gespräch! Bei diesem werden nicht nur Worte ausgetauscht. In jedem Gespräch gibt es eine sublime Aura körpersprachlicher Signale, die von den Gesprächspartnern meist unbewusst gesendet und empfangen werden. Die Lautstärke der Stimme, die Stimmlage, die Art und Weise Pausen und Betonungen zu setzen, das Minenspiel, der Gesprächsabstand, die Körperhaltung, .. . All diese Signale sind wichtig, das Gehörte zu interpretieren. Dieser Prozess ist wiederum davon abhängig, was in der Vergangenheit bereits gesprochen wurde! Es gibt also zwischen Gesprächspartnern eine interdependente Semantik, die nur diese fühlen und und in Maßen zu deuten wissen. Was hat das mit Simulation zu tun? Angenommen, man möchte im Gespräch einen heiklen Punkt ansprechen, ohne den anderen zu verletzen. Man muss seine Worte also mit Bedacht wählen. Bevor man den Mund aufmacht, versucht man deshalb, sich in die Rolle des anderen hineinzuversetzen und simuliert, wie er sich fühlen würde, wenn man den intendierten Satz ausspricht, was nur vor dem Hintergrund des gemeinsam Erlebten möglich ist.

Wahrscheinlich ist diese soziale Simulation die anspruchsvollste Leistung des menschlichen Gehirns überhaupt und Kinder müssen dieses schwierige Wechselspiel in realen Gesprächen ausdauernd üben, um kompetente und einfühlsame Sprecher zu werden. Entscheidende Teile dieses Wechselspiels finden aber nicht statt, wenn Menschen vor Computern oder Fernsehern sitzen. Da ist niemand, der reagiert, da ist niemand, mit dem man eine persönliche Geschichte kreieren kann. Deshalb steht zu befürchten, dass sich diese wichtigen Fertigkeiten bei Kindern nur unzureichend entwickeln oder bei Erwachsenen degenerieren. Beschränkt man die Zeit vor dem Bildschirm auf wenige Stunden am Tag, ist vermutlich kein Schaden zu befürchten. Sind es aber sechs bis zwölf Stunden, müssen bei uns die Alarmglocken schrillen und wir sollten uns die Frage stellen, warum wir die Welt zur Scheibe machen, obwohl wir wissen, dass sie eine Kugel ist.

Mut zum Mut

Eltern die ihre Kinder lieben, neigen dazu, sie zu beschützen. Trotzdem dürfen sie diese nicht überprotektionieren. Das wichtigste Ziel ist schließlich, diese zur Selbstständigkeit zu erziehen.                

Irgendwas war anders mit den Flüchtlingskindern. Es dauerte eine Weile bis man es merkte: Wenn die Burschen mit ihren klapprigen Fahrrädern vom Sperrmüll um die Ecken sausten und lachend über die Bürgersteige schanzten, dann taten sie das mit einer Geschwindigkeit, einem Geschick und einer Freude, die man bei uns, zumindest im städtischen Raum, nur noch vereinzelt sieht. Unsere Kinder findet man selten alleine auf der Straße, dafür um so häufiger in Begleitung der Eltern, zum Beispiel im Café mit einem Kinder-Cappuccino in der Hand. Weil die Gespräche der Erwachsenen die Kleinen verständlicherweise langweilen, quengeln sie oder vertreiben sich die Zeit mit dem Smartphone. Das wiederum gibt den Erwachsenen einen willkommenen Anlass für einen kulturpessimistischen Diskurs: Man beklagt den Wandel der Zeit, und dass Kindheit früher etwas ganz anderes war. Da spielte man draußen im Dreck und nicht in einer zweidimensionalen, aseptischen Computerwelt. Das mag stimmen. Welche Kinder kämen heute noch schnell genug über den Zaun, wenn sie, die Taschen voll mit geklautem Obst, vom wutschnaubenden Nachbarn verfolgt würden?  Aber – ist das die Schuld der Kinder? Ist es deren Wille, mit den Eltern Kaffee trinken zu gehen oder sich Hand-in-Hand mit Mama und Papa die Schaufensterauslagen anzugucken? Wohl kaum. Es ist doch eher eine zwangsläufige Konsequenz der Rollen, die wir Erwachsene den Kindern und Jugendlichen unserer Zeit zudenken. Und die Kinder machen einfach das, was sie immer getan haben. Sie besetzen vertrauensvoll die Verhaltensnischen, die die Älteren für sie vorgesehen haben, bis sie diese in der Pubertät hoffentlich auch in Frage stellen. Deshalb kommt das verbreitete Wehklagen, die Kinder würden sich seltsam entwickeln und fragwürdige Verhaltensweisen an den Tag legen, wie ein Bumerang auf uns Erwachsene zurückgeflogen.

Was nun Rollen und Verhaltensnischen sowie die damit verbundenen Entwicklungsräume angeht, so haben sich diese in den letzten 30-40 Jahren tatsächlich grundlegend verändert. In diesem Zusammenhang fällt ein Aspekt besonders ins Auge: Freiräume, in denen Zeit selbstverantwortlich gestaltet werden kann, mit all den damit verbundenen Chancen aber auch Risiken, sind von der Wiege bis zum Studienabschluss selten geworden. Eine Ausnahme bildet vielleicht das sorgsam inszenierte Gap-Year, in welchem man nach dem Abitur wahlweise in Neuseeland Natursteinmauern aufschichtet oder in einem chilenischen Elendsviertel den Straßenkindern das Violine spielen beibringt. Ansonsten herrscht gerade in der Mittel- und Oberschicht ein engmaschiger Geist der Planung. Das mag vor der Hand vernünftig erscheinen: Wir sind jetzt alle Teil einer globalen Welt mit einem nie gekannten Konkurrenzdruck. Zeit zu vertrödeln, die Kinder und Jugendliche einfach sich selbst zu überlassen, scheint in diesem Lichte fahrlässig zu sein. Das ist eine mögliche Lesart.  Aber wie wäre es mit einer anderen? Die Welt ist für uns Erwachsene in ihrer weltumspannenden Komplexität so unübersichtlich und wenig greifbar geworden, dass wir ängstlich versuchen Inseln der Ordnung zu schaffen, um uns der Illusion hinzugeben, dass das Leben und der Erfolg konstruierbar seien. Anstatt Kinder zu ermutigen, sich mit zwangsläufigen Unwägbarkeiten einer hyperkomplexen und sich rasant verändernden Welt auseinanderzusetzen, auch auf die Gefahr hin, dass sie ab und zu mal auf die Nase fallen, planen wir das Leben unserer Kinder und Jugendlichen wie ein Haus, bei dem die Gewerke hoffentlich geschmeidig ineinandergreifen, gerade so, als wäre Lebenserfolg einzig das Resultat einer effizienten Organisation, in der der Zufall keine Rolle spielt. Krippenplätze werden von vorausschauenden Eltern schon gebucht, bevor die Kleinen auf der Welt sind, dann werden Kita und Beruf feinsäuberlich miteinander verzahnt. Und bei der Wahl der Kita wird darauf geachtet, dass kognitive Fähigkeiten, die später einmal wichtig sein könnten,  etwa eine Fremdsprache wie Englisch oder noch besser Chinesisch von kompetenten Erzieherinnen bereits geschult werden, wenn die Hosenmatze noch Windeln tragen. Dann bitte eine Ganztagesschule, garniert mit einer perönlichkeitsfördernden Zusammenstellung außerschulischer Hobbys wie Klavier, Ballett oder Tennis. Schließlich eine vollverschulte Universität, wobei die Eltern die Zimmer ihrer Zöglinge mit aussuchen, gemeinsam den Stundenplan checken und vor dem Einschreibetermin mit gerümpfter Nase das Mensaessen in Augenschein nehmen. Es sollte schon gewährleistet sein, dass die Kinder gut schlafen und was Vernünftiges in den Magen bekommen. Das Studium – ein lang ersehnter Aufbruch in ein selbstbestimmtes Leben? Das ist für viele Schnee von gestern.

Egal, welche Lesart man bevorzugt, kann man darüber nachdenken, ob die Schwerpunkte, die wir Erwachsene für Kinder und Jugendliche in Erziehung, Schule und Universität setzen, tatsächlich zu deren Bestem sind oder nur dazu dienen, unser Gewissen zu beruhigen und unsere eigenen Ängste zu lindern. Gut gemeint ist ja oft das Gegenteil von gut gemacht. Aber was wäre denn am besten? Obwohl Erziehungsstile und Bildungspolitik kontrovers diskutiert werden, liegt doch zumindest eine Antwort auf der Hand: Egal ob wir Eltern, Erzieher, Lehrer oder Professoren sind, vermutlich haben wir zumindest ein gemeinsames Ziel: Wir möchten Kindern und Jugendlichen Fertigkeiten, mentale Werkzeuge, soziale Kompetenzen und Könnensbewusstsein an die Hand geben, damit sie in der Lage sind, auch mit der Lebenswirklichkeit außerhalb von Elternhaus und Bildungseinrichtungen zurechtzukommen, um schlussendlich ein selbstbestimmtes und zufriedenes Leben führen zu können. Und das größte Unglück wäre doch wohl, wenn wir uns eines Betruges schuldig machen würden, indem wir ihnen in Erziehung und Bildung eine Wirklichkeit vorgaukelten, die mit dem echten Leben nach Abschluss der Berufsausbildung nichts zu tun hat. Provokativ formuliert: Die von uns mit guten Vorsätzen geschaffenen Schutzräume hätten dann eine vergleichbare Funktion wie ein Glashaus für eine wachstumsoptimierte Hollandtomate. Deren Gedeihen ist genau solange gewährleistet, wie der Wind nicht zu stark weht. Aber was passiert, wenn das Glashaus im Sturm zu Bruch geht? Dann gibt es ein schmerzhaftes Erwachen. Ist diese Sorge begründet? Oder völlig überzogen? 

Wenn man genauer hinschaut, mehren sich die Zeichen, dass wir uns leichtsinniger Weise die Welt in Erziehung und Bildung schön lügen. Und diese Form von Realitätsverleugnung macht Konsequenzen möglich, vor denen man mit Fug und Recht Angst haben darf. 

Ein zugegeben extremes Beispiel hat in jüngerer Zeit Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen geliefert: Frau von der Leyen möchte der fordernden Rekrutenausbildung bei der Bundeswehr mit ihren anstrengenden Gewaltmärschen die Härte nehmen. Jeder soll mitmachen dürfen. Zum einen möchte von der Leyen nicht, dass Frauen benachteiligt werden, zum anderen fällt es auch jungen männlichen Soldaten zunehmend schwerer, die geforderten Leistungen zu erbringen. Außerdem braucht die schrumpfende Bundeswehr dringend Personal und es gibt nach ihrem Verständnis in der Armee genug Aufgaben, bei denen man nicht durch den Schlamm rutschen muss. Das Problem? Nach der Meinung erfahrener Militärausbilder wären Soldaten und Soldatinnen dann auf reale Einsatzsituationen nicht mehr vorbereitet. Es wäre also nicht auszuschließen, dass das politisch korrekte Verhalten der Verteidigungsministerin im schlimmsten Fall fatale Konsequenzen hätte – wenn nämlich ein im Hindukusch groß gewordener Taliban noch behände liefe, während Soldaten der Bundeswehr auf einem Rückzug die Puste ausginge und gerade kein gepanzertes Fahrzeug zur Flucht bereit stände.

Doch unabhängig von einem solchen Extrembeispiel, Anzeichen einer vielleicht gut gemeinten aber trotzdem fragwürdigen Realitätsverleugnung zeigen sich auch in vielen anderen Lebensbereichen. Bleiben wir bei der oben gemachten Beobachtung:  Auf der Straße tobende Kinder, die ohne elterlichen Schatten ihre Zeit selbst bestimmen, sind im städtischen Raum Ausnahmeerscheinungen. Stattdessen? Betreutes Leben – 24 Stunden am Tag. Selbst Kinder im Alter von vier Jahren werden von ihren Eltern gerne gehoben und geschoben. Und das Abenteuer Schulweg wird auch nicht mehr allen zugemutet. Der Taxiservice der Eltern steht parat, besonders wenn das Wetter schlecht ist. Auch zuhause ist das Leben selten motorisch spannend und anregend. Da wird ebenfalls viel gesessen, günstigenfalls mit einem Buch in der Hand. Folgerichtig haben sich motorische Fertigkeiten der Kinder und Jugendlichen in unserer behüteten Welt ziemlich verschlechtert. Wenn vierjährige Kinder heute zu uns in den Tanzunterricht kommen, dann können sie oft nicht rückwärts laufen, es fällt ihnen schwer auf einem Bein zu balancieren oder sie trauen sich nicht von einer 20 Zentimeter hohen Treppenstufe zu springen. Wenn sie es dann doch wagen, werden sie von den anwesenden Müttern, die jeden Fortschritt der Kleinen akribisch beäugen, euphorisch beklatscht, als hätten sie einen 8000er ohne Sauerstoff bestiegen. Einen Purzelbaum zu machen halten dann aber viele Mütter und Kinder für eine unzumutbare Form von Akrobatik. Folgerichtig können sie es mit sieben Jahren immer noch nicht. Das gilt selbstverständlich nicht für alle Kinder aber leider für viele. Käme es zu einer vergleichbaren Deprivation im sprachlichen Bereich, dann würden die Kinder bei der Einschulung nuscheln und stammeln. Darüber hinaus wären sie nicht in der Lage, zusammenhängende Sätze zu sprechen. Man male sich den öffentlichen Aufschrei aus! Doch die nicht mehr selbstverständliche Fähigkeit, sich flüssig zu bewegen, scheint im Vergleich eher wenig Problembewusstsein und Handlungsdruck auszulösen. Aber wen wundert das? Gemäß einer Umfrage sind mehr als 50% der deutschen Kinder noch nie auf einen Baum geklettert! Dafür kennen sie Bäume aus abstrakteren Zusammenhängen. Sie wissen, dass sie notwendig sind, um CO2 zu binden und den Klimawandel abzuwenden. Eine wichtige Erkenntnis, aber mit dieser einseitigen Betrachtung bekommt der Wald etwas Museales und ist damit alles andere, nur kein aufregender Erlebnisraum für neugierige Kinder. Und wenn diese dann doch mal wagen möchten, einen echten Baum mit Händen und Füßen zu erklettern, dann können besorgte Eltern einen zertifizierten Baumkletterkurse buchen. Der ist natürlich teuer zu bezahlen. 

Jetzt kann man an dieser Stelle natürlich die ketzerische Frage stellen, ob wir diesen ganzen motorischen Schnickschnack überhaupt noch brauchen? Jede Zeit hat ihre eigenen Herausforderungen. Wir müssen schließlich nicht mehr mit der Spitzhacke Kohle aus einem Flöz schlagen. Wenn es heute wichtig ist, im Affenzahn mit der Computermaus über den Bildschirm zu jagen, warum macht es dann noch Sinn, zu klettern oder einen Purzelbaum zu schlagen? Vielleicht wird der Körper ja, wie uns einige digitale Propheten weis machen wollen, in Zukunft sowieso überflüssig. Wir lägen dann – wie in den Science Fiction-Filmen –  als Gehirne in einer handwarmen Lake aus Nährstoffen und sind mit der Welt nur noch mit Drähten verbunden. Oder die Information wird direkt aus dem Gehirn ausgelesen und in ein weltumfassendes Datennetzwerk eingespeist, das abstrakte Weltenhaus künftiger Generationen, ein digitaler Garten Eden.

Obwohl sich prominente Denker wie Ray Kurzweil – immerhin der Chefentwickler von Google – zu solchen Visionen versteigen, ist das sicher zu kurz gedacht. Deshalb lohnt es sich, genauer hinzugucken! Schließlich war und ist unser Körper seit Menschengedenken das wesentliche Werkzeug zum Welterwerb und wird es auch in Zukunft bleiben. Diese zentrale Einsicht lässt sich mit einem harmlos anmutenden Experiment verdeutlichen, das leider folgenschwere Konsequenzen hat: Was passiert mit einem Kätzchen, das gerade die Augen aufschlagen hat und welches man fortan durch die Welt trägt, anstatt es auf den eigenen Beinen neugierig seinen Lebensraum erkunden zu lassen? Das erschütternde Ergebnis: Das Kätzchen lernt das Sehen nicht – es bleibt blind! Wie ist das möglich? Die Augen waren doch offen?  

Das erstaunliche Resultat, das sich eines fast vergessenen Experiments des  Psychologen Richard Held verdankt, muss uns zu denken geben, wenn wir nicht nur über die Entwicklung von Katzen nachdenken sondern auch über die kleiner Kinder.  Was nämlich für Katzen gilt, das gilt für Menschen umso mehr. Je höher entwickelt ein Gehirn ist, desto weniger ist es bei der Geburt “fest verdrahtet“. Es entwickelt sich erst in der intensiven Auseinandersetzung mit der Umwelt, um schlussendlich optimal an diese angepasst zu sein! Dieser Entwicklungsprozess, der uns so selbstverständlich erscheint, dass wir nur wenig über ihn nachdenken, ist jedoch von abgründiger Komplexität. Eine Sache weiß man in diesem Zusammenhang allerdings genau: Man muss mit der Welt in ihrer ganzen Vielfalt interagieren, damit sich das Gehirn an diese Welt optimal adaptiert! Das ist der Dreh- und Angelpunkt. Die Komplexität dieser kindlichen Erfahrungsbildung sei an einem Beispiel verdeutlicht. Was bedeutet es, ein räumliches also drei-dimensionales Bild der Welt zu konstruieren? Machen Sie ein Gedankenexperiment! Schneiden Sie mit einem scharfen Messer einen Tischtennisball in zwei gleiche Hälften! Halten Sie diese mit der Wölbung nach Innen vor Ihre Augen! Jetzt haben sie eine ungefähre Vorstellung davon, wie die Bilder aussehen, die von den Linsen ihrer Augen auf die inwendigen Netzhäute projiziert werden. Da haben wir also zwei extrem verzerrte zweidimensionale(!) Darstellungen der außenliegenden Welt, die zu allem Überfluss wegen des Abstands der Augen noch nicht einmal identisch sind. Fachleute sprechen hier von binokularer Disparität. Aber, was sehen Sie? Sie erblicken zum Beispiel  einen majestätischen Baum, der sich wie selbstverständlich in alle drei Raumdimensionen erstreckt. Von verstörenden Doppelbildern und grotesken Verzerrungen keine Spur! Das ist eine ungeheuere Konstruktionsleistung Ihres Gehirns. Und wenn man schon nicht in allen Details weiß, wie dieser “Zaubertrick“ funktioniert, so ist zumindest eines klar: Um diese Leistung zu vollbringen muss man eifrig üben, denn das sich organisierende Gehirn braucht zum Feintuning die Auseinandersetzung mit der Außenwelt! In diesem Entwicklungsprozess gibt es Phasen, in denen Mobilität keine so große Rolle zu spielen scheint – schon im Alter von wenigen Monaten können Babys dreidimensionale Gegenstände offenbar als solche erkennen. Für andere Aspekte der räumlichen Wahrnehmung ist es allerdings unabdingbar, sich in der realen Welt zu bewegen, Dinge anzufassen, die man betrachtet, sie zu umlaufen und Erfahrungen mit ihnen zu machen. Tun Kinder das nicht, besteht die Gefahr, dass die Passivität einschneidende Folgen hat. Dieser Umstand ist experimentell belegt: Man zeigt einem kleinen Kind ein Spielzeug und versteckt es dann auf einem Tisch mit vielen anderen Sachen, so dass es das Spielzeug von seinem Standpunkt nicht sehen kann. Trägt man das Kind nun um den Tisch herum, sodass es das Spielzeug finden könnte, wenn es richtig hinsähe, dann entdecken viele der getragenen Kinder das Spielzeug nicht. Dürfen sie aber auf ihren eigenen Beinen um den Tisch laufen, finden sie es öfter. Bekannt ist auch das Experiment von Richard Walk und Eleanor Gibson. Bei diesem legt man eine stabile Glasplatte über einen Abgrund. Auf der einen Seite ist die Mutter, die das Kind zu sich locken möchte. Kinder mit wenig Bewegungserfahrung kriechen zielsicher auf sie zu und würden stürzen, wenn die Glasplatte sie nicht hielte. Kinder, die gewohnt sind, sich zu bewegen, machen diesen Fehler nicht. Sie verharren trotz der Lockrufe auf der sicheren Seite, weil sie den Abgrund erkennen und mental vorwegnehmen, was es bedeuten würde, hinunterzufallen. 

Vor diesem Hintergrund müssen wir eine provokative Frage stellen: Wie ist es zu bewerten, dass in Kindergärten Bäume gefällt werden und Erzieherinnen regresspflichtig gemacht werden, wenn ein Kind vom Baum fällt. Wäre es nicht besser, den Baum stehen zu lassen und den Kindern das Klettern beizubringen? Vor allen Dingen, weil gerade die am häufigsten stürzen, die nicht klettern können, genauso wie die Kinder häufiger ertrinken, die nicht in der Lage sind zu schwimmen.

Um zu erkennen, dass eine ausgeprägte Angst vor dem Risiko nicht nur individuelle Konsequenzen hat sondern auch gesellschaftliche, lenken wir unseren Blick kurz nach Amerika. In den USA laufen Eltern, die ihre Kinder zur Selbstständigkeit erziehen wollen, Gefahr, bestraft zu werden. Im schlimmsten Fall droht ihnen sogar, das Sorgerecht zu verlieren. Kinder alleine auf dem Weg zur Schule sind ein No-Go. Und eine New Yorker Mutter – Leanore Skenazy – die das partout nicht einsehen wollte und ihren Sohn alleine mit der U-Bahn fahren ließ, wurde mehrmals öffentlich zur schlechtesten Mutter des Jahres gewählt. Das Beispiel Amerika zeigt nun in aller Deutlichkeit, dass wir überbehütete Kinder nicht nur um elementare Welterfahrungen betrügen.  In den USA wurde nämlich ein wissenschaftliches Ergebnis publik, das aufhorchen lässt. Interessanter Weise ging es in diesem Zusammenhang nicht um das Wohl der Kinder und ihre Fähigkeit das Leben zu meistern. Ausschlaggebend waren ökonomische Befürchtungen! Im Fokus stand die seit Jahren schwindende gesamtgesellschaftliche Kreativität. Die renommierte amerikanische Kreativitätsforscherin  Kyung Hee Kim redet gar von einer ausgemachten Kreativitätskrise. Gemäß ihrer Untersuchungen hat die Fähigkeit der Kinder ungewöhnliche Ideen hervorzubringen seit 1990 rapide abgenommen. Darauf konnte man sich anfänglich keinen rechten Reim machen. Denn es gibt ja den bekannten Flynn-Effekt: Seit Generationen werden Jugendliche im Intelligenztest immer besser. Wenn man nun die Intelligenz, die diese Testverfahren angeblich messen, mit Erfolg im Leben gleichsetzen könnte, dann wäre alles in Butter. Dem ist aber leider nicht so. Ein hoher IQ korreliert hauptsächlich mit guten Schul- und Studienleistungen, sonst sind die Beziehungen eher dürftig. Selbst Nobelpreisträger und Schachgroßmeister müssen definitiv keine Mitglieder eines Hochbegabtenklubs sein. Der Nebel lichtete sich, als man genauer hinsah und die Kindheit vor 30-40 Jahren mit denen von heute verglich. Der wesentliche Unterschied? Damals gab es eben keine allgegenwärtigen elterlichen “Spielebestimmer“, die sorgsam darauf achteten, dass die Art der Beschäftigung und das gesellschaftliche Umfeld der intellektuellen Entwicklung und potenziellen Karriere zuträglich waren. Wenn Kindern langweilig war, dann lag es allein in ihrer eigenen Verantwortung, diesen Zustand mit einer guten Idee zu ändern. Und für Heranwachsende war es eine spannende Herausforderung, den eigenen Aktionsradius beständig zu vergrößern und die damit verbundenen Schwierigkeiten zu meistern. Das war aufregend und manchmal auch nicht ohne Gefahr. Zuerst die Straße vor dem Haus, dann Wald,  Wiesen und Bäche erkunden, Freunde finden, aber auch Menschen meiden, die einem nicht wohl gesonnen sind.  Wenn man sich die Freiheit auf diese Weise Schritt für Schritt erschließt, dann wachsen die Problemlösungskompetenz und das Gefühl herausfordernden Situationen gewachsen zu sein auf ganz natürliche Weise. Und ist es wirklich schwer zu verstehen, dass ein einfaches Spielzeug wie ein Stock, der in den Händen eines phantasiebegabten Kindes zum Schwert oder Hexenbesen wird, mehr Einfallsreichtum erfordert als eine bunte Transformerfigur aus Plastik, deren Bedeutung Regisseure und Spieleentwickler in ihren Skripten schon festgelegt haben? Kreativität und Mut braucht man also, um seinen Lebensraum zu erkunden, eigenständig Spiele zu erfinden und Lösungen für Probleme zu entwickeln. Damit wären wir dann aber auch direkt bei den Schlüsselkompetenzen freien Unternehmertums, für die man in Amerika mit seiner “Young man-go west!“-Mentalität sensibilisiert ist und die rasant zurückzugehen scheinen.

Kann es also sein, dass man mit dem gut gemeintem Überprotektionismus das Kind mit dem Bade ausschüttet? In letzter Konsequenz werden wohl nicht nur die Kinder geschädigt. Da Kreativität und Mut fehlen, leidet auch die gesellschaftliche Innovationsfähigkeit.  Und es lohnt sich in diesem Zusammenhang, über eine weitere Frage nachzudenken: Stehen die Kreativitäts- und Mutkrise, über die auch in Deutschland geklagt wird und die endemisch wachsende Zahl depressiver junger Menschen in einem Zusammenhang? Gemäß einer gerade erschienen Studie der Barmer Ersatzkasse sind 25 % der 18-25jährigen in Deutschland depressiv! Wenn man Kreativität als Fähigkeit auffasst, für Probleme Lösungen zu finden, diese Fähigkeit aber schwindet und gleichzeitig selbst auferlegte und vom Umfeld an die jungen Menschen herangetragene Anspruchshaltungen immer größer werden, dann könnte das tatsächlich einen verhängnisvollen Cocktail ergeben. Zu dieser Vermutung würde auch die Beobachtung passen, dass an den Universitäten kreative und nicht-angepasste Querköpfe immer seltener zu finden sind. Auf einer der letzten Nobelpreisträgertagungen in Lindau beklagten die Laureaten, dass von all den hochbegabten Studenten mit ihren Stipendien während der gesamten Zeit nicht eine vernünftige Frage gestellt worden war. Junge Wissenschaftler als brillant-biedere Erfüllungsgehilfen, aber von visionären Ideen keine Spur. Und die Volkswagen-Stiftung sucht für ihr Freigeister-Fellowship verzweifelt Promoventen, deren Arbeiten gegen den Strich gebürstet sind, um sie mit viel Geld zu unterstützen. Das Problem? Sie finden fast keine! Aber ist das verwunderlich in einem Wissenschaftssystem, das als Spiegel der Gesellschaft das Risiko meidet wie der Teufel das Weihwasser? Hätten ein Kopernikus, ein Kepler, Darwin oder Einstein heute noch die Möglichkeit, eine akademische Karrieren zu machen und wissenschaftliche Reputation zu erlangen? Das ist nur schwer vorstellbar. Wissenschaftlicher Erfolg hängt im gegenwärtigen Forschungsbetrieb vorwiegend vom Urteil Gleichgesinnter ab, die Arbeiten Gleichgesinnter beurteilen, die in Journalen Gleichgesinntes veröffentlichen. Ein hochgradig rückbezügliches System, das für große gedankliche Umbrüche wohl nicht das optimale Umfeld bietet. 

Die Angst vor dem Risiko, die wir schon in der Kindeserziehung so deutlich beobachten, hat also erhebliche Konsequenzen – individuelle und gesellschaftliche. Wenn man schon von Kindesbeinen an nicht unterstützt wurde, sich belastenden Situationen zu stellen, dann wird sich die Schlüsselkompetenz, mit Einfallsreichtum und Zuversicht Herausforderungen anzugehen, nicht entwickeln. In der Folge wird man solche Situationen logischerweise meiden, da man sich ihnen nicht gewachsen fühlt und sie einem Angst einjagen. Und die Angst wird zu einem Lebensgefühl, wenn man dann mit Erschrecken feststellt, dass das Leben nach der Ausbildung mit dem wohltemperierten Glashaus der frühen Tage wenig bis gar nichts zu tun hat. Wenn eine einzige Stelle zu vergeben ist und sich 50 Leute bewerben, dann wird es genau 49 lange Gesichter geben. Sollen wir dann denen, die keinen Arbeitsplatz bekommen, wie in manchen Schulen eine tröstende Urkunde geben? “Herzlichen Glückwunsch zum 49. Platz, das hast Du toll gemacht! Wir danken Dir für Deine Teilnahme“ Diese Wirklichkeitsverweigerung, die dem Kind angeblich Frustration ersparen soll, ist in einem realen Kontext albern und verantwortungslos. Wenn wir unseren Kindern nicht helfen Mut und Kompetenz und damit verbundenes Selbstbewusstsein zu erlangen, dann sind spätere große Enttäuschungen vorprogrammiert. Wäre es deshalb nicht besser in Schule und Erziehung Kinder und Jugendliche an Herausforderungen heranzuführen und ihnen zu helfen mit diesen und zwangsläufig auftretenden kleinen Rückschlägen umzugehen? Das wäre vernünftig, vor allen Dingen, wenn man in Rechnung stellt, dass die mittlerweile verbreitete Glashausmentalität eine virale Komponente hat. Wenn man selbst nicht gelernt hat, kreativ zu improvisieren, Gefahren und Belastungen auszuhalten und solche Situationen deshalb als angstbesetzt erlebt, dann wird man solche fordernden Momente sicher nicht den eigenen Kindern zumuten. Da bleibt nur zu hoffen, dass diese selbst irgendwann den erstickenden Schutzraum, der aus unserer eigenen Angst gebaut ist, mutig mit einem Stein von Innen zerschmeißen. Denn die Sicherheit ist trügerisch und in letzter Konsequenz gefährlich. Wie heißt es im Volksmund? “Je mehr man plant, desto härter trifft einen der Zufall“ Aus diesem Grund kann es gerade in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen ein Ausdruck echter Liebe sein, ihnen die Lösung bestimmter Probleme einfach selbst zu überlassen, auch wenn das anfänglich mit Schwierigkeiten verbunden ist. Wenn junge Menschen etwas nicht brauchen, dann sind es Mensavorkoster und akribische Studienplanüberwacher.