Altes Denken

                                 

Russland ist das größte Land des Planeten. Und dieses Land ist nicht wüst und leer. Überzogen von unendlichen Wäldern birgt es gigantische Rohstoffreserven. Es ist  maßgeblicher Exporteur von Erdgas und Erdöl, besitzt große Vorkommen von Uran, Nickel und Aluminium. Was ergäben sich für verlockende Perspektiven, wäre Wladimir Putin ein weitblickender und besonnener Präsident? Die aus dem Verkauf von Erdöl, Gas und anderen Bodenschätzen generierten Erlöse ließen sich in die Infrastruktur seines Landes stecken. Es wäre möglich, großzügig in Bildung zu investieren, die Forschung zu fördern und vor allen Dingen den freien Wettbewerb der Ideen zu unterstützen. Die Russen, bekanntlich ein Volk mit einer großen Zahl von Intellektuellen und Künstlern, würden es ihm danken. Wer zweifelt daran, dass sie zumindest mittelfristig das Potential hätten, zu den technisch fortschrittlichsten Nationen aufschließen zu können, um dann endlich auch vom Verkauf fossiler Brennstoffe unabhängig zu werden. Deren schrittweiser Niedergang wird wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen. Doch ein solches Szenario, das ist ein Traum.

Ganz offensichtlich leidet Russland an einem weit verbreiteten Fluch. Für die intellektuelle Entwicklung eines Landes ist es selten von Vorteil, großzügig mit Bodenschätzen gesegnet zu sein.  Man betrachte Länder wie Venezuela, Nigeria, Angola oder eben auch Russland. Das aus dem Verkauf von Öl und Gas vergleichsweise mühelos erwirtschaftete Geld führt nicht zu allgemeinem Wohlstand. Im Gegenteil. Es gibt gewaltige Allokationen von Kapital in den Händen von Einzelnen, während der größte Teil der Bevölkerung vergleichsweise arm bleibt. 

Das russische Miliardärs-Oligopol ist in dieser Beziehung ikonisch: Eine Jettsetter-Gilde, die Fußballklubs aus der Portokasse bezahlt, in Luxusjachten, Privatjets und Hubschraubern um die Welt reist. In Sternerestaurants ist die “russische Wahl“ berüchtigt: Die linke Seite der Speisekarte wird mit der Hand abgedeckt. Gewählt wird einfach das Teuerste. Dass Putin mit seinem Himmelspalast am Schwarzen Meer selbst Teil dieses kleptokratischen Systems ist, ist traurig genug. Völlig irritierend aber ist, dass er, der bis dato als kühl planender Stratege galt, mit seinem Denken offenkundig im letzten Jahrhunderts hängen geblieben ist. Das wird für ihn selbst, vor allen Dingen aber das russische Volk einschneidende Konsequenzen haben. 

In früheren Zeiten der Industrialisierung mit ihrem enormen Bedarf an Eisenerz und fossilen Brennstoffen, hätte es von großem strategischen Wert sein können, sich ein rohstoffreiches Land wie die Ukraine einzuverleiben, das zudem noch die Kornkammer Europas ist. Aber die Zeiten haben sich geändert, selbst wenn Uran, Titan oder Mangan auch heute noch eine Rolle spielen. 

Bekanntlich gab es aber inzwischen eine Transformation von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. Und in diesem Kontext macht testosterongetriebenes Territoritorialverhalten nur noch bedingt Sinn. 

Wenn sich Clanchef Arafat Abou-Chaker und “Kriegskünstler“ Bushido im Garten ihres gemeinsamen Anwesens in Kleinmachnow zu stattlicher Größe aufblasen und sich wegen des Verlaufs eines Zauns in die Haare bekommen und für immer überwerfen, kann man das augenzwinkernd als antiquiertes Männlichkeitsritual zur Kenntnis nehmen. An einen Staatenlenker des 21. Jahrhunderts legt man aber einen anderen Maßstab an. Und die führenden Industrienationen sind schließlich nicht mehr deshalb erfolgreich, weil sie besonders viel Eisenerz in einen Hochofen schippen. Entscheidend ist heute ein hoch entwickeltes Prozesswissen, das von herausragenden Spezialisten in komplexen Kommunikationsnetzen entwickelt wird.  Apple und Samsung bauen die besten Mobiltelefone, Google die effizienteste Suchmaschine und Taiwan Semiconductor ist weltweit führend bei der Herstellung hochpotenter Chips. Dieses Wissen steckt in den Köpfen der Menschen, die diese Hochtechnologie entwickeln und zur Marktreife bringen. Es lässt sich nicht mit den klassischen Mitteln der Krieges erobern. Würde Putin mit seiner Nationalgarde, die Kalaschnikows in den Händen, die Zentrale von Apple in Cupertino stürmen, dann würde er ein UFO-artiges, ringförmiges Gebäude erobern, aber nicht Apple. Und wenn China auf die Idee käme, in Taiwan einzumarschieren, dann können Sie eine buckelige Landmasse in Besitz nehmen, nicht aber das Know-How der Menschen, die dort arbeiten, wenn diese sich den Aggressoren verschließen. 

Vor diesem Hintergrund ist man beschämt, dass Putin in die Ukraine einmarschiert, obwohl er noch nicht einmal in der Lage ist, Russland mit seinem inhärenten Potential zur Blüte zu entwickeln. Der Gedanke ein “altes Reich“ wiederherstellen zu wollen, ist in unserer Zeit anachronistisch.

Warum erkennt Putin nicht die Zeichen der Zeit? Warum schafft er mit den vorhandenen finanziellen Mitteln nicht die Möglichkeit, ein konkurrenzfähiges technisches Know-How zu entwickeln? Die Köpfe sind ja da, nur kultivieren viele eher eine Genialität des Bösen. Seit Jahren terrorisieren russische Cyberterroristen den Planeten und versuchen alles und jedes zu manipulieren, inszenieren ein undurchsichtigen Ränkespiel, dessen Regeln, sollte es welche geben, wohl nur noch Putin und sein engster Beraterkreis verstehen.

Es ist anzunehmen, dass Putin ein anderer Plan im Kopf herumspukt, der nach seinem Dafürhalten geeignet wäre, die von ihm geschätzte Rolle des absolutistischen Herrschers mit den Erfordernissen einer modernen High-Tech-Nation zu verbinden. Dem Präsidenten muss klar sein, dass Russland gemessen an seinem Potential, sieht man von Waffen und Raketentechnik ab, in den meisten High-Tech-Gebieten gewöhnliche Mittelklasse ist. Gleichzeitig ist er sicher nicht so naiv, zu glauben, dass nach dem Einfall in die Ukraine die Handelsbeziehungen mit Russland und der Welt weiterlaufen werden wie bisher. Putin hat es schließlich in beindruckender Geschwindigkeit geschafft, sein Land zum Paria zu machen. 

Man darf mutmaßen, dass er dieses Risiko bewusst eingeht, weil er überzeugt ist,  ein As im Ärmel zu haben. Dieses As heißt China. Auch wenn es bis dato abgestritten wird: die Wahrscheinlichkeit, dass China wusste, dass Russland in der Ukraine einmarschiert, ist nicht gering. Die strategische Partnerschaft wird ja seit längerem betont. Und tatsächlich scheint diese strategische Partnerschaft von China und Russland so etwas wie eine Hochzeit im Himmel zu sein. Russland liefert dem dynamischen China die begehrten Rohstoffe, damit wird das Land der Mitte unabhängiger von widerborstigen Ländern wie Australien. China stellt im Gegenzug die gewünschte Hochtechnologie zur Verfügung. Das klingt im ersten Moment verführerisch und scheint einer zwingenden Logik zu folgen. Doch es gibt ein paar versteckte Probleme: Für Russland könnte es sich als verheerend herausstellen, seine Rohstoffe nicht mehr auf einem globalen Markt verkaufen zu können. Denn ohne funktionierenden Markt gibt es auch keine marktüblichen Preisbildungsmechanismen. Damit liefert sich Russland China aus. Denn China kann seine Macht als Käufer missbrauchen, um die Preise zu diktieren und Russland zu erpressen. Es ist in einer komfortablen Situation, da Russland von China abhängiger ist als andersherum. Ein Mittel sich gegen eine solche Form der Erpressung zu wehren, hätte Russland nicht, wenn andere potente Käufer keine fossilen Energieträger des Usurpators kaufen würden.

Man darf in diesem geschlossnen Machtspiel nicht vergessen, dass Russland als potentieller Kunde chinesischer Technologie ein Leichtgewicht ist. Russlands gesammeltes Bruttoinlandsprodukt ist kleiner als das von Italien! Das lenkt nun die Aufmerksamkeit auf Chinas Strategie! Natürlich wären dem Reich der Mitte die Rohstoffe hochwillkommen, vor allen Dingen, wenn sie billig zu bekommen wären. Als Importeur chinesischer  Technologie wäre Russland aber nur zweite Liga. In dieser Beziehung ist China weiterhin auf den Zugang zum Weltmarkt angewiesen. Deshalb muss das Reich der Mitte peinlich darauf achten, nicht mit Russland in einen Topf geworfen zu werden und sich damit der Gefahr auszusetzen, in vergleichbarer Weise gebannt zu werden. Die Taktik wäre deshalb, sich opak zu machen und wie hinter einer Milchglasscheibe zu agieren. Doch das ist ein gefährliches Spiel. Geht die Taktik auf, bekommt China billige Rohstoffe, verkauft seine Technologie an Russland und den Rest der Welt. Das wäre das optimale Ergebnis. Es kann aber auch ganz anders laufen. Die potentiellen Verstrickungen werden sichtbar und ein sehr großer Wirtschaftsraum würde sich von China und Russland entkoppeln. Das hätte für beide Nationen gravierende Konsequenzen, da die Wirtschaft in China sowieso stottert und die russische wegen der harten Sanktionen mit Sicherheit in Kürze in die Knie gehen wird. 

Daraus ergibt sich als Handlungsempfehlung das Agieren von China ins helle Licht zu rücken, das Milchglas sozusagen transparent zu machen und in diesem Zusammenhang auch keine Angst vor wirtschaftlichen Konsequenzen zu haben. China wäre dann zu einer fundamentalen Abwägungsentscheidung gezwungen: Die Bande mit dem Aggressor Russland zu lockern oder gar zu lösen und damit seine potenten Absatzmärkte zu behalten oder Gefahr zu laufen diese zumindest in Teilen zu verlieren. Sollte China eine Entscheidung für seine Absatzmärkte treffen, hätte sich Putin in seinen strategischen Überlegungen verkalkuliert. In alter Manier Territorium zu okkupieren anstatt das vorhandene Potential der Menschen in seinem Land zu fördern, könnte sich als Bumerang erweisen. Russland wäre als Opfer dieser Strategie nicht nur technologisch isoliert, zumindest mittelfristig würde es auch deutlich weniger Devisen durch den Verkauf seiner Rohstoffe erwirtschaften. Für das russische Volk ist das eine düstere Perspektive. Bleibt abzuwarten, was die dann entstehenden innenpolitischen Spannungen für Putin bedeuten werden.

Den auf dem Photo zu sehenden Schädel hat der Figurenspieler Frank Söhnle gebaut<

Debattenkultur

Die Kunst, in einer auch mit harten Bandagen geführten Diskussion nach konsensfähigen Lösungen zu suchen, scheint verloren zu gehen. Das Argument liegt auf dem Sterbebett. Dafür steht die gefühlige Meinungsäußerung hoch im Kurs. Das ist eine gefährliche Form von Komplexitätsverweigerung, die die Demokratie bedroht.                   


Der Hörsaal 21 im Kupferbau der Tübinger Eberhard-Karls-Universität glich einem Matratzenlager. Da, wo die Professoren normaler Weise ihre Runden drehen und ihren Studenten komplizierte Sachverhalte erklären, hatten Besetzerinnen und Besetzer im Dezember 2018 ihre Schlafsäcke ausgerollt. Es sah gemütlich aus. In Bierflaschen steckten Rosen. Es duftete nach frischem Kaffee. Das Ganze hatte etwas von einer Skifreizeit. Aber die Studenten waren nicht zum Spaß da. Man kämpfte gegen das Cyber Valley – einen Forschungsverbund zur Förderung der Künstlichen Intelligenz. Dieser besteht aus verschiedenen Universitätsinstituten der Städte Tübingen und Stuttgart. Im Boot sind auch potente Industriepartner wie Bosch, Porsche, BMW, Daimler, ZF-Friedrichshafen und Amazon.

Worum ging es den Besetzern? Das war gar nicht so einfach herauszubekommen. Sie gaben sich ziemlich konspirativ, legten sich Tarnnamen zu und verschwiegen, wer sie waren. Als eine Reporterin des Schwäbischen Tagblatts einen Bericht über die Besetzung machen wollte, saß ein Student demonstrativ mit einem Sturzhelm auf dem Kopf im Hörsaal, um anonym zu bleiben. Die Angebote der KI-Forscher miteinander ins Gespräch zu kommen, wurden lange abgelehnt. Man fühlte sich fachlich noch nicht gewappnet. Obwohl sich die Universitätsleitung tolerant zeigte und duldete, dass der Vorlesungsbetrieb gestört wurde, kam man mit den Studenten nicht richtig ins Gespräch. Doch manchmal wurden nach zäher basisdemokratischer Entscheidungsfindung Mitteilungsblätter veröffentlicht, auch auf einer Website gab es ab und an etwas zu lesen. So schälten sich langsam verschiedene Themenfelder aus dem Nebel: Man befürchtete, dass KI aus dem Cyber Valley für Waffensysteme oder Überwachung missbraucht werden könnte. Es wurde abgelehnt, dass Automobilfirmen wie Daimler, BMW und Porsche die Entwicklung von KI forcieren, da diese für den Klimawandel mitverantwortlich sind. Man war gegen Konkurrenz- und Leistungsdenken sowie die sich auftuende Schere von Arm und Reich. Der Firma Amazon mit ihren antidemokratischen Strukturen und prekären Arbeitsbedingungen, dürfte in Tübingen unter keinen Umständen ein Grundstück verkauft werden. Außerdem befürchtete man, dass in Tübingen der angespannte Wohnungsmarkt durch den Zuzug gut bezahlter High-Potentials außer Kontrolle geraten könnte. Deshalb pochte man auf die Förderung des sozialen Wohnungsbaus und forderte eine Stadt für Alle. Außerdem setzte man sich für die Demokratisierung der Universitäten ein. Besagte Reporterin des Schwäbischen Tagblatts, die sich redlich bemühte, die Stoßrichtung des Protests zu ermitteln, stellte etwas konsterniert fest: “Es sind viele Proteststimmen, die sich hier im Kupferbau vermischen.“

Endlich, ziemlich genau 3 Wochen nachdem der Hörsaal besetzt worden war, kam es dann zur lange erwarteten Diskussionsveranstaltung. Die Studenten, die sich argumentative Verstärkung von außerhalb besorgt hatten, trafen auf die Computerspezialisten. Am wenigsten wurde über Künstliche Intelligenz gesprochen, dafür aber um so mehr über spekulative gesellschaftliche Konsequenzen der KI-Forschung, den klandestin-verschachtelten Rüstungskomplex sowie die Verquickung von Grundlagenforschung mit herrschenden kapitalistischen Strukturen. Einen Lacher gab es, als sich herausstellte, dass die Demonstranten ausgerechnet die Datenkrake Facebook benutzten, um ihren Protest zu organisieren. Es bleibt zu hoffen, dass künftige Diskussionen über Chancen und Risiken Künstlicher Intelligenz näher am Thema bleiben und weniger als Vehikel verwendet werden, um weltanschauliche Voreingenommenheiten zu transportieren. 

Aber immerhin, das muss betont werden, wurde über ein wichtiges Thema wenigstens gesprochen. Das ist im Vergleich zu den Usancen, die sich an einigen anderen deutschen Universitäten zu etablieren drohen, keine Selbstverständlichkeit. Es gibt nämlich mittlerweile eine Menge Beispiele, die belegen, dass die im Grundgesetz festgeschriebene Meinungsfreiheit und die Freiheit von Wissenschaft und Kunst, in Gefahr sind. Es häufen sich die Ereignisse, in denen Redner und Dozierende an den Universitäten nicht nur niedergeschrien und mit Gegenständen beworfen werden. Sie werden auch bedroht, im Internet denunziert und verleumdet. Außerdem bemühen sich bestimmte Kreise systematisch Diskussionsveranstaltungen zu verhindern. Der Diskursraum selbst wird also zur Disposition gestellt. In all diesen Fällen sollen Andersdenkende mundtot gemacht werden, weil ihre Standpunkte Randalierern und diskursiven Heckenschützen nicht in den Kram passen.

Die Ethnologin Susanne Schröter doziert an der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität und ist die Direktorin des dortigen Forschungszentrums Globaler Islam. Frau Schröter beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Islam und ist von Religion und Kultur fasziniert. Das hindert sie nicht daran, zu differenzieren und pointiert Stellung zu beziehen. So warnt sie schon länger vor einem politischen Islam. Ihr ist es zum Beispiel ein Dorn im Auge, dass der türkische Präsident Tayyip Erdogan mittels der Organisation Ditib versucht, in Deutschland religiösen Einfluss zu nehmen. 

Ins Fadenkreuz geriet Susanne Schröter, als sie es wagte, die sexuellen Übergriffe in der Silversternacht 2015 auf der Kölner Domplatte nicht als Ausdruck einer überall in gleichem Maße verbreiteten toxischen Maskulinität zur Kenntnis zu nehmen sondern einen Zusammenhang herstellte mit patriarchalischen Deutungsmustern junger arabischer Flüchtlinge, die das sexuelle Selbstbestimmungsrecht von Frauen missachten. Tatsächlich waren Übergriffe wie in Köln, bei denen Gruppen von jungen Männern Frauen sexuell gemeinsam belästigten, in dieser Form vor 2015 in Deutschland so gut wie unbekannt. Danach kamen sie immer wieder vor. Diese Einschätzung brachte Susanne Schröter jedoch in Konflikt mit einer besonderen Spielart des Feminismus. Deren Protagonistinnen vertreten die Auffassung, dass Gewalt gegen Frauen ein generelles Phänomen ist. Einigen jungen Arabern in Deutschland ein besonderes Verhaltensmuster zu unterstellen, halten sie für rassistisch.

Während Frau Schröter sich mit ihren offenen Worten bei vielen Respekt verschafft hatte, war sie anderen verdächtig geworden. Als sie dann 2019 in Frankfurt eine Konferenz zum Thema “Das islamische Kopftuch, Symbol der Würde oder der Unterdrückung?“ veranstalten wollte, kam es zum Eklat. Anonyme Hetzer versuchten die Veranstaltung im Vorfeld zu unterbinden und setzten Susanne Schröter in den sozialen Medien massiv unter Druck. Außerdem gab es einen Hashtag “#schroeter_raus“. Mit diesem wurde das Ziel verfolgt, die Professorin aus der Universität zu schmeißen. Die Begründung? Erneut wurde Frau Schröter antimuslimischer Rassismus unterstellt. Das klingt sonderlich: Für das Podium waren sowohl Befürworterinnen als auch Gegnerinnen des Kopftuchs geladen. Die Randalierer hätten das Plenum aber lieber nach ihren eigenen Vorstellungen besetzt. Da stellt sich die Frage, warum sie nicht ihre eigene Veranstaltung organisieren? 

Susanne Schröter gab zu, dass es sie persönlich belastete, so “mit Dreck beschmissen zu werden“. Sie hatte allerdings Glück, dass ihr eine resolute Universitätsleitung den Rücken stärkte. Die Präsidentin der Johann Wolfgang Goethe-Universität Brigitta Wolf brachte den Skandal auf den Punkt: “Das Präsidium … sieht seine Aufgabe darin, für die Wissenschaftsfreiheit einzutreten und ist keine “Diskurspolizei“. Sie fuhr fort: “Wenn anonyme Gruppen einzelne Forschende diskreditieren oder gar bedrohen sollten (…) agieren sie aus der Anonymität heraus und sind damit gerade nicht bereit, in den universitären Diskurs einzutreten; sie bedienen sich einer wissenschaftsfernen, herabwürdigenden Rhetorik mit verunglimpfenden Zuschreibungen, die das Gegenüber als Wissenschaftler und Person herabsetzen.“

Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit kommen aber auch von anderer Seite. In Tübingen sorgte 2018 ein Vortrag am Politikwissenschaftlichen Institut für Aufregung. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Lehrstuhl “Vorderer Orient und vergleichende Politikwissenschaft“. Als Redner war der israelische Historiker Ilan Pappé eingeladen. Pappé ist Direktor des Europäischen Zentrums für Palästina-Forschung an der Universität Exeter. Er studierte an der Hebrew University in Jerusalem und promovierte in Oxford. Sein Vortrag lautete “70 Jahre Nakba“. Das Wort “Nakba“ bedeutet im arabischen Sprachgebrauch Unglück oder Katastrophe. Es bezieht sich auf die Flucht und Vertreibung von 700 000 arabischen Palästinensern aus dem früheren britischen Mandatsgebiet Palästina, das dann in Teilen am 14. Mai 1948 zum Staat Israel ernannt wurde. Ilan Pappé ist der Überzeugung, dass es bei diesem Exodus zu ethnischen Säuberungen gekommen ist, ein Standpunkt, der nicht die Zustimmung des Staates Israel findet. In der Gemeinschaft der Forscher gibt es zu der Vertreibung der Palästinenser allerdings unterschiedliche Ansichten. Das Spektrum changiert von Völkermord bis zum freiwilligen Auszug der Menschen. Mit einem Wort: die Auslegung des historischen Ereignisses ist kontrovers. Um so erstaunlicher ist deshalb die Tatsache, dass die Leitung der Universität Tübingen einen Brief von der Generalkonsulin Israels für Süddeutschland, Sandra Simovich, bekam. In dem Brief forderte die Konsulin, den Vortrag abzusagen. In einem Gespräch mit der Presse bezeichnete Frau Simovich Ilan Pappé als Post-Zionisten, der einseitig argumentiere, sodass die Gefahr bestünde, dass die Komplexität des Themas nicht genügend gewürdigt würde. Der Rektor der Tübinger Universität Bernd Engler vertrat die Meinung, dass die anwesenden Akademiker in der Lage wären, sich selbst ein Bild zu machen und der Institutsleiter Oliver Schlumberger konstatierte, dass Debatten davon leben, dass debattiert wird. Die Veranstaltung fand statt und verlief ohne Zwischenfälle.

Eine entschlossene Universitätsleitung kann also Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit parieren. Was es für Konsequenzen hat, wenn sie die Wissenschaftsfreiheit nicht energisch verteidigt, war im letzen Jahr an der Universität Hamburg zu beobachten. Dort wurde die Öffentlichkeit Zeuge, wie Bernd Lucke, der ehemalige Gründer der AFD, Europaparlamentarier und Professor für Makroökonomie in Hamburg, Opfer randalierender Studenten wurde, als er seine Vorlesungen an der Universität wieder aufnehmen wollte. Lucke wurde von mehr als 300 Leuten niedergebrüllt, mit Gegenständen beworfen und angerempelt. Jeder Interessierte kann sich im Internet ein Bild von den Vorgängen machen. Die Störer schrieen im Chor “Verpiss Dich, hau ab“ und “Nazi-Schweine raus aus der Uni“. Luckes Vorlesungen gingen im provozierten Chaos unter. Die ersten Stellungnahmen des Präsidenten Dieter Lenzen und der damaligen Wissenschaftssenatorin Katharina Fegeband unterschieden sich in Inhalt und Duktus deutlich von den Worten Brigitta Wolfs. In einer Notiz vom 16. Oktober 2019 vertraten sie die Ansicht, dass diese Form des Tumults ein statthaftes Element des wissenschaftlichen Diskurses sei und deshalb von Bernd Lucke akzeptiert und ausgehalten werden müsse. Erst nach geharnischtem öffentlichen Protest ruderten sie zurück. Die dritte Vorlesung von Lucke fand dann unter Polizeischutz statt. 

Es hilft, den Fall Lucke etwas differenzierter zu betrachten und ihn nicht nur als den Gründer einer Partei zu sehen, die heute in Teilen an den äußeren rechten Rand driftet. Bernd Lucke initiierte mehrere Aufrufe von Wirtschaftswissenschaftlern, etwa den Hamburger Appell von 2005, der von über 200 Ökonomen unterzeichnet wurde, um die damalige deutsche Wachstumsschwäche in den Griff zu bekommen.  Außerdem wurde er bekannt, weil er zusammen mit vielen Ökonomen wie etwa Roland Vaubel oder Hans-Werner Sinn der Europäischen Zentralbank rechtswidrige monetäre Staatsfinanzierung vorwarf. Das brachte ihm den Ruf ein, ein “Europafeind“ zu sein. Das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts lässt seinen Standpunkt allerdings in einem anderen Licht erscheinen. Bleibt hinzuzufügen, dass Lucke die AFD verlassen hat, weil sie ihm zu rassistisch wurde. Das hat er mehrfach betont. 

Man kann Bernd Lucke also als liberal-konservativen Politiker bezeichnen. Mit dem Begriff “Nazischwein“ sollte man dagegen vorsichtig umgehen. Auch wenn man seine politischen und ökonomischen Überzeugungen nicht teilt, verboten sind sie definitiv nicht. Interessant klingen in diesem Zusammenhang die Worte des Hamburger ASTA-Vorsitzenden Karim Kuropka, der die Kundgebungen mit dem Motto “Lucke lahm legen“ organisiert hat.  Er kritisierte in einem Interview: “Bernd Lucke vertritt als Wirtschaftswissenschaftler ein Modell, welches einen schlanken Staat, des weiteren den Abbau der Sozialsysteme und noch freiere Märkte fordert“. An anderer Stelle bemängelte er Luckes Eintreten für einen Staat, der sich nicht verschuldet. Die sogenannte schwarze Null lehnt Kuropka ab.

Sind das Gründe, die es rechtfertigen, einem Gelehrten öffentlich den Mund zu verbieten? Wie würde sich Kuropka wohl zu dem folgenden Zitat stellen:“ Ich bin erschrocken, wie übermächtig der Ruf nach kollektiver Sicherheit im sozialen Bereich erschallte. Falls diese Sucht weiter um sich greift, schlittern wir in eine gesellschaftliche Ordnung, in der jeder die Hand in der Tasche des anderen hat.“ Das sind Worte aus einer Rundfunkansprache von Ludwig Erhard aus dem Jahre 1958. Der Vater des deutschen Wirtschaftswunders war Freund eines schlanken Staats, nicht überbordender Sozialsysteme und freier Märkte unter der Ordnung des Staates. Hätte Ludwig Erhard heute an der Universität Hamburg noch die Möglichkeit, frei zu sprechen?

Man könnte nun an dieser Stelle noch ausführlich über das traurige Beispiel der Humboldt-Universität Berlin sprechen. Die Skandale um den Historiker Jörg Baberowski, den Politologen Winfried Münkler, den Soziologen Ruud Koopmans oder den Erziehungswissenschaftler Malte Brinkmann füllen Bände, wurden öffentlich ausgiebig diskutiert und belegen, dass es Politik und Hochschulleitung in Berlin schon länger nicht mehr gelingt, anonymes Denunziantentum und Beleidigungen an der Hochschule zu unterbinden und damit zu einer akademischen Streitkultur zurückzufinden, die einer Universität würdig ist. Was ist da los? Wie kann es solchen Diskursverweigerungen kommen?

Eine Ursache ist offensichtlich ein wenig reflektierter Hochmut. Es wird ja unausgesprochen unterstellt, dass der eigene Standpunkt moralisch überlegen ist. Und daraus wird die Berechtigung abgeleitet, dem anderen seine Meinung zu verbieten. Diese bedenkliche Entwicklung ist für eine demokratische Gesellschaft gefährlich und muss unterbunden werden! Eine an den Idealen der Aufklärung orientierte Diskurskultur wird in einem solchen Umfeld zunehmend schwierig, teilweise sogar unmöglich. 

Es sei auch darauf hingewiesen, dass die moralische Überheblichkeit an einem Begründungsparadoxon krankt. Derjenige, der den Meinungsaustausch unterminiert, der beleidigt und denunziert, implementiert eine Hierarchie. Oben steht man selbst, der Gute, der moralisch Unverdächtige, unten der andere, der Verwerfliche, dem man mit gutem Gewissen das Wort verbieten darf. So wird die Diskussion unmöglich gemacht. Aber genau eine solche wäre notwendig, um das eigene Verhalten zu rechtfertigen. Die Tatsache, dass man sich zum Richter aufschwingt bedarf der Begründung, die aber nur auf der Grundlage einer Diskussion zustande kommen könnte, die man verweigert. 

Als Leitlinie für das hohe Gut der freien Meinungsäußerung besonders an den Universitäten, mag eine Aussage des Komparatisten Hans Ulrich Gumbrecht stehen, der bis vor wenigen Jahren an der Stanford University gelehrt hat. Gumbrecht sagte sinngemäß, dass die Universität ein Kloster für gefährliche Gedanken sei. Das bedeutet, dass Universitäten Schutzräume auch für kontroverse Gedanken schaffen müssen. In diesem Zusammenhang ist jeder begründete Standpunkt wert, diskutiert zu werden, solange er nicht mit der Verfassung in Konflikt gerät. In solchen Diskursen, die gerne auch mit harten Bandagen geführt werden dürfen, sollte es allerdings um Argumente gehen und nicht darum, welche Einstellung man dem Diskutanten unterstellt und ob sie einem persönlich genehm ist. Es muss im intellektuellen Freiraum egal sein, ob Diskutanten Linke oder Rechte sind oder der bürgerlichen Mitte angehören. Die Religionszugehörigkeit darf genauso wenig eine Rolle spielen wie die Ethnie, von der Hautfarbe gar nicht zu sprechen. Aber genau diese Freiheit ist in Gefahr. Die Universität ist heute immer seltener ein Kloster für gefährliche Gedanken, eher ist es gefährlich, seine Gedanken frei in ihren Mauern zu äußern. Damit liegt eine der wichtigsten Errungenschaft der Neuzeit auf dem Richtklotz: die Trennung des Arguments von der Person des Sprechers. Das Argument steht im Mittelpunkt einer an den Werten der Aufklärung gemessenen Diskurskultur. Wenn aber das moralische Urteil das Argument verdrängt, hat das gravierende Folgen: Der Prozess der Wahrheitsfindung selbst wird unmöglich gemacht. 

Ist es zum Beispiel richtig, dass ein Argument zwangsläufig falsch ist, weil es von einer missliebigen Vertreterin der AFD geäußert wird? Oder muss alles, was ein in der Wolle gefärbter Linker sagt, von einem orthodoxen Wirtschaftswissenschaftler automatisch für Nonsense gehalten werden? Man mache sich klar, welche Folgen diese Art zu denken und zu urteilen hat! Es kann in dieser verqueren Logik angezeigt sein, ein richtiges und damit zielführendes Argument kategorisch abzulehnen, weil man sich nicht mit der moralischen Einstellung gemein machen möchte, die dem Diskutanten unterstellt wird. Der Bückling vor der Moral ist allerdings selbst amoralisch. Man versündigt sich am Ideal der Wahrheitsfindung und unterstützt im schlimmsten Fall die Lüge. Das kann sich eine demokratische Gesellschaft, die in Gegenwart und Zukunft extrem schwierige Probleme lösen muss, nicht leisten.

Es stellt sich deshalb die Frage, wie es selbst an den Universitäten salonfähig werden konnte, argumentative Strategien durch simple moralische Urteile zu ersetzen? Tatsächlich ist es wesentlich einfacher, einen opportunen moralischen Standpunkt einzunehmen, als sich in einer komplexen Thematik eine begründete Meinung zu erarbeiten und diese dezidiert und sachlich zu vertreten. Die scheinbar angemessene Moral entwickelt in diesem Zusammenhang eine narkotisierende Kraft, wird zu einer betäubenden Erklärungsillusion, die blind macht für sachliche Erkenntnisdefizite. Es ist angenehm, in sich den Glauben zu nähren, das richtige Weltbild zu kultivieren, dieses in medialen Echokammern mit Gleichgesinnten zu teilen und zu verstärken, auch wenn es mit den zu lösenden Problemen wenig bis gar nichts zu tun hat.

Damit gehen Randalierer, Chaoten, Denunzianten und deren Sympathisanten einfach den Weg des geringsten “intellektuellen Widerstands“.  Aber gerade bei den Themen, die heute auf der Agenda stehen, wäre das Gegenteil von Nöten. In seinem Kern ist die beobachtete Diskursverweigerung nämlich nichts anderes als eine Komplexitätsverweigerung. Leider haben in Deutschland bestimmte Denk- und Diskursverbote bedingt durch  traumatische Weltkriegserfahrungen eine gewisse Tradition. Lange waren kritische Stimmen zum Judentum sakrosant, genauso wie jeder seine akademische Karriere riskierte, der es wagte, das Grauen des Holocaust etwa mit dem Holodomor Stalins oder Maos großen Sprung in einen Zusammenhang zu denken. 

Doch trotz dieses schweren Erbes dürfen wir uns eine moralisierende Diskursverweigerung bei den drängenden Problemen unserer Zeit nicht leisten! Diese Probleme lösen sich nicht dadurch, dass man den Diskurs beendet, bevor er begonnen hat, wobei die immergleichen, kurzsichtigen Strategien verwendet werden. Andersdenkenden wird ein Siegel aufdrückt, anstatt sich mit ihren Standpunkten auseinanderzusetzen, um sie dann schnell in einer Schublade verschwinden zu lassen: 

Menschen, die die Europapolitik der Regierung kritisieren, werden als Europafeinde abgekanzelt. Wissenschaftler, die die Verlässlichkeit von Klimaprognosen thematisieren, bezeichnet man als Klimaleugner. Widersprechen Bürger der Auffassung, dass staatlich geförderte Windräder und Solarpanele die geeigneten Mittel sind, das Klima zu retten, schimpft man sie Klimagegner. Wer es wagt, die lange ungesteuerte Migration zu thematisieren und wie Ruud Koopmans darauf hinweist, dass sich verschiedene Volksgruppen unterschiedlich gut in Deutschland integrieren, wird zum Rechtskonservativen oder gleich zum Rassisten gemacht. Wissenschaftler, die in der Grundlagenforschung mit Tieren arbeiten, darf man ungestraft als Tiermörder bezeichnen. Leute, die nicht glauben wollen, dass Geschlechter eine gesellschaftliche Konstruktion sind und deshalb Gender heißen müssen, sind im harmlosen Fall Biologisten sonst Sexisten. Und manchmal reicht es, ein ganz normaler älterer Mann zu sein, der das Pech hat, eine weiße Hautfarbe zu haben, um zum Gegenstand von Verachtung und Zorn zu werden. 

Europafeind, Klimaleugner, Klimagegner, Rassist, Tiermörder, Sexist. Wie kommt man aus diesem Schubladendenken heraus? Indem man Europapolitik, Klimawandel, Migration, Grundlagenforschung, Entwicklung persönlicher Identität, als das begreift, was sie sind: als grenzwertig komplexe Themenfelder, die selbst Spezialisten an ihre Grenzen bringen und keine Simplifizierung im Stile eines Karim Kuropkas vertragen. 

So ist die Ökologie, um ein nur Beispiel zu nennen, weniger eine gefällige Gesinnung als eine harte Naturwissenschaft. Sie hat verwickelte Stoffkreisläufe zum Gegenstand, klimatische Entwicklungen, sie bedingt ökonomische Entwicklungen und wird selbst von ökonomischen Entwicklungen beeinflusst. Wenn man dem Gegenstand gerecht werden will, muss man viel von Physik und Biologie verstehen, auch von Soziologie und Politik und natürlich von der Ökonomie. Denn die Gretchenfrage, von deren Beantwortung unsere Zukunft abhängt, lautet: Wie ist es möglich, mit zwangsläufig beschränkten finanziellen Mitteln, global den größtmöglichen ökologischen Nutzen zu generieren? Das ist eine sehr schwierige Frage. 

Hört man aber den Volksvertretern zu, die auch bei ökologischen Fragestellungen die Weichen stellen, dann ist deren Expertise in diesem Zusammenhang bisweilen ernüchternd. Deutschlands größter Volkspartei gelingt es nicht, die frechen Angriffe eines Youtubers mit blauen Haaren zu parieren, der ihr ökologischen Dilettantismus vorwirft und sie mit diesem Unvermögen zum Gegenstand des Spotts macht. Und die Führungsfiguren der Partei, die sich den Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben hat, beherrschen noch nicht einmal das ökologische ABC. Da wird Kobalt mit Kobold verwechselt und das 2-Gradziel der Temperaturerwärmung wird zum 2%-Ziel. Bei Politikern, die so wenig sattelfest sind, hat man sich daran gewöhnt, dass die wenigsten die in der Ökologie wichtigen physikalischen Termini Energie und Leistung auseinanderhalten können. Wenn dann aber von einem grünen Spitzenpolitiker Gigawatt – ein Maß für die physikalische Leistung  –  mit Gigabytes – einem Informationsmaß – verwechselt werden, ist das das nicht mehr lustig. 

Aber wahrscheinlich ist es zuviel verlangt, diese Expertise von jedem Politiker einzufordern. Und damit sind wir wieder bei den Universitäten. Diskursverweigerung ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, dass sich auf die Universitäten auszudehnen droht. Damit laufen wir jedoch Gefahr, dass die letzten Bastionen des Freidenkertums geschliffen werden. Doch diese müssen unter allen Umständen als Schutzräume für kreative, an der Sache orientierte Denkprozesse erhalten bleiben! Diese brauchen wir, um komplizierte Probleme ohne ideologische Scheuklappen lösen zu können.

In Tübingen kam es immerhin zu einem Gespräch, über dessen Notwendigkeit kein Zweifel besteht. Das war ein Anfang. Wenn dann noch qualifiziert über das eigentliche Thema – in diesem Fall künstliche Intelligenz –  ohne weltanschauliche Vorurteile debattiert werden könnte, wäre ein weiterer wichtiger Schritt getan. Die Zukunft gehört damit unvoreingenommenen Diskursen mit offenem Visier. Helme auf dem Kopf bringen uns nicht weiter.

Von der Zeit und dem Mut ein Anderer zu werden

“Wenn man zwei Stunden lang mit einem Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden. Das ist Relativität.“

Der Physiker Albert Einstein war berühmt für seine Bonmots. Einige hundert sind erhalten. Man darf allerdings vermuten, dass er den einen oder anderen Spruch benutzte, um sich lästige Fragesteller elegant vom Hals zu schaffen. Einstein, der lange Jahre nicht einmal ein Telefon besaß, schätzte es, beim Nachdenken in Ruhe gelassen zu werden. Öffentliche Auftritte, vor allen Dingen Gespräche mit Journalisten, waren ihm eher notwendige Pflicht. In diesem Sinne ist auch das Ofenzitat aufschlussreich. Vermutlich wollte der Fragesteller eine anschauliche und bündige Darstellung von Einsteins Relativitätstheorie. Zum Verständnis dieses abstrakten Gedankengebäudes, braucht man allerdings ein gerüttelt Maß an mathematischer Bildung. Um nun nicht etwas zu banalisieren, was sich nicht banalisieren lässt, griff Einstein zu einer List. Er wählte ein Beispiel über die Relativität der Zeit, das jeder Mensch sofort nachvollziehen kann. Doch wenn man ehrlich ist, gibt es ein Problem: Das von Einstein gewählte Beispiel hat mit der Relativität der Zeit in seinen Theorien überhaupt nichts zu tun. Trotzdem hat das Schlitzohr nicht gelogen. Einstein sprach einfach nur von Relativität der Zeit, bezog diese aber auf Zeitempfindungen. Unterschiedliche Zeitempfindungen sind allerdings etwas anderes, als Gangunterschiede zueinander bewegter Uhren, die in der Relativitätstheorie eine zentrale Rolle spielen.

Schon an dieser Stelle ahnt man, dass das Nachdenken über die Zeit in einen Irrgarten führen kann. Und dieses Gefühl verstärkt sich noch, wenn man dem Ofenzitat ein anderes von Einstein gegenüberstellt. Dort sagte er kurz angebunden: 

“ Zeit ist das, was man auf der Uhr abliest“. 

Jetzt sitzen wir in der Falle. Dieses Zitat steht ganz offensichtlich in einem Widerspruch zum ersten. Warum? Das kurzweilige Beieinandersitzen mit dem Mädchen und die schmerzhafte Folter auf dem heißen Ofen unterscheiden sich um einen gehörigen Faktor. Das wird offensichtlich, wenn man gleiche Zeitintervalle miteinander vergleicht. Würde man wie beim kurzweiligen Rendezvous ganze zwei Stunden auf dem Ofen schmoren, dann kröche die Zeit dort fast 15.000 mal langsamer! Wenn Zeit aber einfach das ist, was man auf der Uhr abliest, dann sind zwei Stunden zwei Stunden. Wie lässt sich dieser Widerspruch lösen? Indem man ein kleines Wörtchen streicht. Nämlich den bestimmten Artikel “die“. Die Frage “Was ist die Zeit“ führt nicht weiter. Die Zeit gibt es nicht. 

Es gibt allerdings unterschiedliche Zeitkonzepte, die wir gewöhnlich mit einer gewissen Leichtfertigkeit unter dem Terminus “Zeit“ subsummieren. Zwei der wichtigsten haben wir gerade kennengelernt. Diese könnte man als “objektive“ oder “physikalische“ im Unterschied zur “subjektiven“ Zeit bezeichnen. Persönlich finde ich diese geläufigen Bezeichnungen nicht so hilfreich, weshalb ich lieber die etwas sperrigeren aber genaueren Bezeichnungen konstruierte und empfundene Zeit verwenden möchte. Beide Zeitkonzepte sind für uns moderne Menschen von großer Bedeutung und es ist wichtig zu verstehen, wie eng diese mit unserem Leben verwoben sind.

Beginnen wir mit der konstruierten Zeit! Das wäre gemäß Einstein die Zeit, die man auf der Uhr abliest. Leider ist Einsteins “Erklärung“ in diesem Zusammenhang nicht wirklich befriedigend. Sie ersetzt ein Fragezeichen durch ein anderes. Um zu wissen was die Zeit ist, müsste man wissen, was eine Uhr ist. Ist diese tatsächlich ein Zeitmesser? Ist die Zeit also Teil einer vom Beobachter unabhängigen Wirklichkeit, die sich mittels eines Messgeräts, genannt “Uhr“ ermitteln lässt? Durchwebt sie alle Teile des Wirklichen und ist in dieser Form Ausdruck einer absoluten Zeit, die jedem noch so kleinsten Partikel des Seins den Takt schlägt? 

Die Idee, dass die Zeit eine eigenständige Existenz hat, geht vor allen Dingen auf den Philosophen Platon zurück. Doch genau diese Idee, die in verwandelter Form auch bei Isaac Newton auftauchte, der von einem absoluten Raum und einer absoluten Zeit sprach, wurde von Einstein widerlegt. Dieser zeigte nämlich, dass die Zeiten, die verschiedene Beobachter auf ihren Uhren ablesen, von ihren relativen Bewegungszuständen abhängen. Deren Messungen, das muss betont werden, sind aber alle gleich gültig. Nur eine hervorzuheben und für absolut zu erklären, wird deshalb im Lichte der Relativitätstheorie zu einem Akt von Menschen gemachter Willkür.

Deshalb scheinen Uhren doch etwas anderes zu sein. Aber was? Da wäre als erstes festzuhalten, dass schon in der Jungsteinzeit viele Kulturen wussten, dass das täglich wahrnehmbare Himmelsspektakel eine Mischung aus Chaos und Ordnung ist und damit zumindest in Teilen als Taktgeber fungieren kann. Die Wechselwendigkeit des Wetters ist unterlegt von Rhythmen, die eine eherne Regelmäßigkeit zu besitzen scheinen: dem Sonnentag, dem Mondmonat und der jährlichen Umdrehung der Erde um die Sonne. Diese Zyklen kann man Kalendersystemen zugrunde legen. Doch für genauere Zeitbestimmungen sind sie nur bedingt geeignet, da sich zum Beispiel der Tag nicht so exakt unterteilen lässt. Wie lässt sich der Tag genauer strukturieren? Die Menschen machten sich vor der Erfindung der Uhren vor allen Dingen biologische Rhythmen zunutze. Die Andamanen, die auf einer östlich von Indien gelegenen Inselgruppe im Urwald leben, haben extrem empfindliche Nasen und strukturieren bis heute Jahres- aber auch Tageszeiten nach Gerüchen. So kann eine Zeitangabe lauten: Wir treffen uns am nächsten Tag, wenn die Zibetfrucht am stärksten riecht. In Europa waren sogenannte Blumenuhren verbreitet. Hier machte man sich den Umstand zunutze, dass verschiedene Blumen ihre Blüten zu verschiedenen Zeiten des Tages öffnen und wieder schließen. Auch auf diese Weise war es möglich, den Tag zeitlich zu differenzieren. Es ist in unserem Zusammenhang aber wichtig, dass man sich zur zeitlichen Orientierung natürlicher Rhythmen bediente und diese noch nicht künstlich herstellte. Das gilt auch im Fall der bekannten Sonnenuhr, bei der ein Stock, ein sogenannter Gnomon, in Abhängigkeit vom Sonnenstand einen Schatten wirft. Den verschiedenen Positionen des Schattens lassen sich Zahlen oder Zeichen zuordnen, die man dann benutzen kann, um Zeitpunkte festzusetzen. 

Doch der Nachteil von Sonnenuhren ist offensichtlich: Sie funktionieren nur an unbewölkten Tagen. Künstlich hergestellte Uhren besitzen solche Nachteile nicht. Betrachten wir in diesem Zusammenhang die Klepshydra, die Wasseruhr. Diese gibt es in verschiedenster Bauart. So kann aus einem oberen Gefäß Wasser durch eine Öffnung in einen Auffangbehälter laufen, der mit Maßstrichen versehen ist. Der Füllstand des Auffangbehälters, wird dann mit einer Zeitdauer korreliert. Am Beispiel der Klepshydra lassen sich viele Eigenschaften verstehen, die auch für moderne Uhren typisch sind. Das beginnt mit ihrem Zweck. In der Antike wurden sie häufig verwendet, um die Redezeiten vor Gericht zu begrenzen, sodass alle Parteien dieselbe Zeit hatten, ihre Standpunkte vorzubringen. Auf diese Weise ließ man Gerechtigkeit walten. Die Uhr diente also dazu, gemeinschaftliches Handeln zu strukturieren und zu steuern. Wie müssen die Uhren beschaffen sein, um dieser Aufgabe genügen zu können? Sie müssen vergleichbar sein, also gleich schnell gehen! Diese Forderung ist aber nur gegeben, wenn man sie normiert. Hätten vor Gericht Kläger und Verteidiger Wasseruhren, die unterschiedlich schnellliefen, würden gleiche Füllstände unterschiedlichen Zeitdauern entsprechen. Damit wäre eine der Parteien im Vorteil, die andere im Nachteil. Um die Uhren vergleichbar zu machen, braucht es nun handwerkliches Geschick. In den Auffangbehältern sollen die zeitlichen Markierungen, die mit den Füllständen korrelieren, gleichen Volumina entsprechen und außerdem müssen die Durchlauföffnungen so beschaffen sein, dass durch sie gleich viel Wasser pro Zeit hindurchfließt. 

Obwohl wir hier erstmals der Normierung von Uhren begegnen, die gewährleisten, dass Zeitdauern, die von verschiedenen Geräten angezeigt werden, vergleichbar sind, mussten noch viele Jahrhunderte vergehen, bis Uhren auftauchten, die den in unserer Zeit gebräuchlichen ähneln. Diese kamen erstmals an einem Ort zur Anwendung, wo man am wenigsten mit ihnen gerechnet hätte. Den Benediktinern, die uns heute von den Etiketten der Bierflaschen anlächeln, verdanken wir nämlich nicht nur die Geheimnisse der Braukunst und sorgsam gepflegte Kräutergärten, sondern auch den mit der Uhr überwachten Stundenplan. 

Es war Benedikt von Nursia, der mit seinen strikten Ordensregeln eine Revolution in Gang setzte, die uns bis zum heutigen Tage mitreißt und für alle Zeiten aus Arkadien vertrieben hat. Diese Revolution ist so tiefgreifend, dass Benedikt neben Jesus und Pythagoras zu den Menschen gehört, die unser westliches Leben mit der größten Nachhaltigkeit geprägt haben. 

Benedikt war Zeitverschwendung ein Gräuel. Die Zeit gehörte Gott. Jede Sekunde war kostbar: Seine Notdurft verrichten, den Kopf rasieren, den Herren preisen und die Mahlzeiten zu sich nehmen, alles hatte seinen von Benedikt festgesetzten Zeitpunkt. Um diesen rigiden Stundenplan einhalten zu können, suchte man einen verlässlichen Taktgeber. Und so waren es die Benediktiner, die die ersten Uhren mit Hemmung erfanden. Da nun die Ordensregeln für alle Benediktinerklöster verbindlich waren, war es darüber hinaus notwendig, gleichlaufende Uhren zu bauen. Diese schlugen allen Mönchen zur rechten Zeit die Stunden. 

Gerade in diesem Zusammenhang wird deutlich, dass es bei der Verwendung von Uhren nicht darum geht, “die Zeit zu messen“. Es geht darum, verlässliche Maschinen zu konstruieren, damit verschiedene Menschen in der Lage sind, ihre Handlungen zu koordinieren und so komplexe soziale Zusammenhänge zu schaffen.

Außerdem wird offenbar, dass den natürlichen Rhythmen wie Tag, Monat und Jahr menschengemachte zeitliche Metriken eingewoben werden, die eigentlich mit Willkür behaftet sind: Stunden, Minuten, Sekunden sind keine natürlichen Maße, sondern verdanken sich einer künstlichen Definition und Setzung. 

Das Geheimnis der raffiniert konstruierten künstlichen Uhren blieb der Welt außerhalb der Klostermauern natürlich nicht verborgen. Bald kamen sie in das Blickfeld der Unternehmer und Kaufleute, die schnell verstanden, dass sich mit deren Hilfe Fertigungsprozesse effizienter gestalten ließen. Das Ergebnis ist uns allen bekannt: Was als Schrulle eines Mönchs begann, hat sich heute zu einem Moloch gewandelt, vor dem es kein Entrinnen mehr zu geben scheint. Wer in unserer Zeit unternehmerisch erfolgreich sein möchte, muss sich den Spielregeln des Marktes unterwerfen. 

Zu diesen gehört es, zu konkurrenzfähigen Preisen zu produzieren. Und da die Arbeitszeit zu den Kosten gehört, muss diese so effizient wie möglich genutzt werden. Von der noch im Mittelalter üblichen Praxis, ein Werkstück fertig zustellen, wenn man gerade Lust hatte, sind wir heute Lichtjahre entfernt.

Bleibt noch auf die Funktion der Uhren in der Wissenschaft hinzuweisen. Stellen wir uns dazu den alten Galilei vor, der in der Renaissance wissen wollte, wie lange eine große Holzkugel braucht, die man eine lange schiefe Ebene herunter rollen lässt. Was muss man in diesem Zusammenhang messen können? Auf alle Fälle Winkel, Höhen und Längen. Die dazu notwendigen Messinstrumente waren zu seiner Zeit bekannt. Aber kann man mit diesen eine Bewegung messen? Nein, dazu braucht man eine Uhr. So wie ein Maßstab ein standardisiertes Längenmaß ist, so braucht man eine standardisierte Bewegung, mit der man die zu messende Bewegung vergleichen kann. Dass kann wie bei einer Wasseruhr ein gleichmäßiger Fluss sein oder eben eine gleichmäßig periodische Schwingung, wie bei den meisten modernen Uhren. 

Wie wenig selbstverständlich dieses Konzept ist, wird klar, wenn man sieht, mit welchen Schwierigkeiten der tapfere Galilei zu kämpfen hatte. Angeblich verwendete er zuerst ein bekanntes Kinderlied, um die Zeitdauer zu ermitteln, die die Kugel von oben nach unten brauchte. Er ließ sie oben los, sang und merkte sich die Silbe, wenn sie unten war. Die Ergebnisse waren aber unbefriedigend. Und auch sein unregelmäßiger Herzschlag taugte nicht als verlässliche Uhr. Erst als er ein Fadenpendel verwendete, wurden die Ergebnisse besser. Heutige Uhren sind milliardenfach genauer und geben den Naturgesetzen eine immer präzisere Gestalt. Wichtig ist in diesem Zusammenhang aber, dass wir Naturgesetze formulieren, die sich in Messgrößen ausdrücken lassen, die wir in großer Genauigkeit handwerklich zu kontrollieren wissen. Am Anfang auch der abstraktesten Gesetze steht ein elaboriertes Konstruktionswissen.

Unterm Strich sind Uhren also in erster Linie vom Menschen hergestellte Werkzeuge. Sie sollen seinen Zwecken genügen. Wir brauchen sie, um unser hyperkomplexes modernes Leben bis in den Nanosekundenbereich zu organisieren. Außerdem sind sie notwendig, um exakte Naturgesetze zu formulieren und anzuwenden.

Aber, erfassen die allgegenwärtigen Uhren damit wirklich die Aspekte des Zeitlichen, die für uns Menschen wichtig sind? Oder ist es ein folgenschwerer Trugschluss moderner Industriegesellschaften, dass wir die Zeit auf einem Zifferblatt ablesen können, um sie im nächsten Schritt nach eigenem Gutdünken zu sparen oder zu vergeuden? Das Einsteinsche Diktum, Zeit sei das, was man auf einer Uhr abliest, ist auf alle Fälle nur die halbe Wahrheit. Für ein erfülltes Leben sind andere Aspekte des Zeitlichen entscheidender.

Beginnen wir zur Erläuterung mit einer Empfindung, die alle kennen. Jeder erwachsene Mensch erinnert sich an Augenblicke seiner Kindheit, in der Zeit etwas ganz anderes war als heute. Das war eben nicht das monotone Klicken der Uhrwerke, die der organisierten Welt der Erwachsenen den Takt schlagen. Zeit hatte etwas Ungestaltetes, glich eher einem warmen See, in dem man sich genüsslich treiben ließ. Wie ist es möglich, aus diesem Paradies vertrieben zu werden? Warum ändert sich unser Zeitgefühl so radikal mit dem Älterwerden? Spätestens in der Lebensmitte, wenn der Blick von der Gegenwart immer öfter in die Vergangenheit schweift, machen wir eine befremdende Erfahrung: Die Zeit beginnt zu rasen. Lag früher zwischen Weihnachten und Weihnachten eine Ewigkeit, schrumpft dieser Zeitraum immer mehr zu einem Nichts. Gerade das immer schneller scheinende Auftreten gleichartiger Ereignisse, Weihnachten, Sylvester, der eigene Geburtstag oder die obligatorischen Ferien, lehrt uns das Fürchten. Wir spüren, dass wir mit beschleunigtem Schritt dem eigenen Ende entgegen fliegen. Wie kann das sein, in einer Welt der Uhren, die alle gleichmäßig ticken? 

Diese für uns so einschneidende Empfindung hat mit der Ganggenauigkeit der Chronometer am Handgelenk wenig zu tun. Tatsächlich steht in unserer Effizienzgesellschaft das falsche Zeitmaß im Fokus. Das Leben mittels einer Uhr zu verwalten wird ja in den Rang einer Kunst erhoben. “Effektives Zeitmanagement“ lautet das Schlagwort der Stunde. Und Knappheit von Zeit ist geradezu zum Statussymbol geworden. Über ungeplante Zeit verfügt nur der Nichtsnutz. Der gesellschaftliche Gegenentwurf, der von der eigenen Wichtigkeit narkotisierte Macher, plant Meetings im Viertelstundentakt und auf dem Laufband im Fitnessstudio werden noch Vokabeln gepaukt. Ärgerlich, dass man nachts schlafen muss und diese Zeit nicht besser nutzen kann. Aber betrügt man sich auf diese Weise nicht um sein eigenes Leben? Die empfundene Zeit, die mit der Lebensqualität so eng verwoben ist, spielt im hektischen Leben der meisten Erwachsenen eine untergeordnet Rolle. Berufliche Anspannung, Freizeitstress und familiäre Pflichten nähren das Bedürfnis, sich straff zu organisieren. Und das Mittel der Wahl ist eben die Uhr. 

Aber erfüllt empfundene Zeit ist keine tickende Mechanik. Sie hängt davon, mit welchen Augen wir die Welt betrachten und wie wir uns in dieser bewegen. Da stellt sich die Frage, ob das Phänomen der rasenden Zeit zwangsläufig ist oder ob wir die Möglichkeit haben, uns ein kindliches Zeitgefühl zu erhalten?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns mit einem rätselhaften Phänomen beschäftigen, dem “subjektiven Zeitparadoxon“. Dieses ist noch tiefgründiger als das Einsteinsche Ofenbeispiel, da es sich nicht nur mit unterschiedlich empfundenen Zeitdauern in der Gegenwart beschäftigt. Es wird auch hinterfragt, wie wir diese in der Rückschau einschätzen. Bemerkenswerter Weise stehen in diesem Zusammenhang gefühlte Gegenwart und erinnerte Vergangenheit in einem widersprüchlichen Verhältnis zueinander. In Momenten der Versenkung, wenn wir von einer Tätigkeit ganz gefangen sind und das Vergehen der Zeit gar nicht spüren, bläht sie sich diese in der Rückschau zum intensiv empfundenen Leben auf. Ganz anders, wenn wir in der Gegenwart zähe Langeweile empfinden. Dann verflüchtigt sich die Zeit im Rückblick zu einem Nichts. Das Leben fliegt an uns vorüber. 

Um das rätselhafte Zeitparadoxon zu dechiffrieren, beschäftigen wir uns zuerst mit dem tiefgründigen deutschen Wort “merkwürdig“. Leider hat dieses einen Beigeschmack: “Merkwürdig“ wird gerne mit “suspekt“ in einen Topf geworfen. Hier aber soll es anders aufgefasst werden und zwar im Sinne von “des Merkens würdig“. 

Etymologisch bedeutet “merken“, eine “Marke zu setzen“. Vor diesem Hintergrund können wir eine Beziehung zur Funktionsweise unseres Gehirns herzustellen. Merkwürdig sind also Erfahrungen, die von unserem Gehirn für würdig befunden werden, eine Marke zu hinterlassen. Das bedeutet, dass diese, in den Synapsen gespeichert, zur Erinnerung werden. 

Doch zur Auflösung des Zeitparadoxons bedarf es noch eines weiteren Schritts. Wir müssen sorgfältig zwischen Lernen und Können unterscheiden. 

Lernen ist immer ein Wagnis, da man sich mit Dingen beschäftigt, die man noch nicht kann. Würde man sie können, bräuchte man sie nicht zu lernen. Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass wir uns beim Lernen immer wieder mit neuen Begebenheiten auseinandersetzen müssen. Im Gegensatz dazu zeichnet sich Können in den meisten Fällen durch das Ausführen bereits erlernter Routinen aus.

Jetzt erinnern wir uns, dass das Gehirn an vorderster Stelle ein Lernorgan(!) ist,  das Neuigkeiten liebt und Altbekanntes mit emotionsloser Routine erledigt. Beschäftigen wir uns nun in der Gegenwart mit Dingen, die wir noch nicht kennen, die neu für uns sind, dann läuft das Gehirn zu Höchstform auf. Das Neue ist des Merkens würdig und wird gespeichert. Ganz anders als die öde Routine, die ja bereits im Gedächtnis abgelegt ist. Das Gehirn bleibt hier in einem gelangweilten Stand-By-Modus. Wozu Energie für etwas aufbringen, das schon verinnerlicht ist?

Vor diesem Hintergrund verliert das subjektive Zeitparadoxon seine Widersprüchlichkeit. Das Zeitgefühl in der Gegenwart wird vor allen Dingen von den Pausen geprägt, die zwischen den Merkwürdigkeiten auftauchen. Sind die Pausen zwischen den neuen Eindrücken kurz, fliegt die Zeit, sind sie dagegen lang, weil nichts Interessantes passiert, wird die Zeit zum zähen Fluss. Erinnert werden aber nicht die Pausen, sondern das, was für das Gehirn erinnerungswürdig war: Das Unbekannte, das Unerwartete, das Neue. Das Immergleiche aber verschwindet spurlos im Orkus des Vergessens.

Jetzt wird klar, warum kindliches und erwachsenes Zeitgefühl so unterschiedlich sind. Für das Kind hat die Freude am Neuen eine fast rauschartige Qualität. Beim Entdecken der Welt sind Kinder so gefangen, dass sie das Vergehen der Zeit in der erlebten Gegenwart nicht spüren. Aber in der Rückschau dürfen sie sich über eine reiche Ernte freuen. Bei den Erwachsenen sieht das anders aus. Routinen haben sich ins Leben geschlichen. Deshalb wird die Gegenwart oft als ereignislos und langweilig empfunden. Und in der Rückschau, kann man sich eigentlich nicht erinnern, was man getan hat. Nur wenig, was des Merkens würdig gewesen war. Einprägsam ist in diesem Zusammenhang besonders die sogenannte Pendleramnesie: Der Wunsch, ein Häuschen im Grünen sein Eigen zu nennen, kann ernsthafte Konsequenzen für das persönliche Wohlergehen haben, zumindest bei denen, die gezwungen sind, lange Wege zur Arbeit zu fahren. Man hat festgestellt, dass genervte Berufspendler im Stau eine Konzentration von Stresshormonen im Blut haben, die höher ist als die von Kampfbomberpiloten. Noch bedenkenswerter aber ist, dass diese Stunden im Auto wie von Geisterhand aus der Erinnerung getilgt werden. Wer denkt da nicht an die Zeitdiebe aus dem Kinderbuch Momo. Je nachdem wie viel man fährt, können sich auf diese Weise ganze Lebensjahre im Nichts auflösen. 

Aber was soll man machen gegen die gleichmacherischen Zwänge der Routinen? Es ist doch unvermeidbar, dass das Leben im Erwachsenenalter nicht mehr so unverbraucht daherkommt wie bei einem Kind. Der Zauber der ersten Male liegt weit zurück: Die ersten Ferien am Meer, das erste Mal im Zirkus, der erste Schultag, der erste Kuss. Sind wir deshalb den Routinen, diesen Zeitfressern auf leisen Sohlen, ausgeliefert? Sparen wir nur auf der Uhr Zeit, während wir unser gelebtes Leben atomisieren? 

Um diese Fragen zu beantworten, muss man seine persönliche Lebenseinstellung auf den Prüfstein stellen. Natürlich schlagen sich bewährte Einsichten und Fertigkeiten in Routinen nieder und ersparen uns die mühselige Arbeit, das Leben gemäß neuer Erkenntnisse immer wieder neu organisieren zu müssen. Doch leider hat diese intellektuelle Sicherheit eine Kehrseite. Wir begegnen im Leben hauptsächlich Altbekanntem. Und damit verliert es seinen Zauber. Das Gefühl, dass die Zeit rast, ist deshalb der Preis für die Illusion sich kompetent zu fühlen.

Der Mut und die damit verbundene Bereitschaft sich auch immer wieder Neuem und Unerwartetem zu stellen, wäre das probate Gegenmittel. Doch mit neugierigen Erwachsenen ist das so eine Sache. Kinder werden für diese Charaktereigenschaft  gelobt. Aber ein neugieriger Erwachsener wird selten mit der Tugend des kindlichen Staunens assoziiert. Das ist eher einer, der seine Nase in Sachen steckt, die ihn nichts angehen. Stimmt deshalb die Beobachtung, dass im positiven Sinne neugierige Erwachsene eine seltene Spezies sind? Woran könnte das liegen? Vermutlich verlieren Erwachsene die besondere Fehlerkultur, die Kinder auszeichnet. Will ein Kind das Laufen lernen, fällt es permanent auf den Hosenboden. Es bleibt aber nicht frustriert auf dem Boden hocken und beschließt beim Bewährten zu bleiben und in Zukunft einfach weiter zu kriechen. Es steht einfach auf und versucht es erneut. 

Beschließen jedoch Erwachsene sich dem Unvertrauten zu stellen, lernen sie gerne, wenn niemand zuschaut. Das dem Lernen inhärente Misslingen, das erst nach einer Weile peu a peu überwunden wird, ist ihnen häufig unangenehm. Deshalb ist es stressfreier, beim Bewährten zu bleiben. Aber die Angst, sich in Frage zu stellen und stattdessen beim Bewährten zu bleiben, nährt wie beschrieben die galoppierende Zeit. 

In diesem Zusammenhang lohnt es sich, über ein letztes Einsteinzitat nachzudenken.

In einem Interview wurde der berühmte Physiker gefragt, was seine herausragenden Fähigkeiten seien. Einstein antwortete: Seine Stirn und seine Nase. Die Nase war das Symbol für Intuition und Neugier. Die Stirn Sinnbild für Ausdauer und Frustrationstoleranz. Mit dieser Aussage bringt uns Einstein am Ende auf die richtige Bahn: Die Stirn zu haben, seiner Nase zu trauen, ist für Erwachsene die einzige Möglichkeit, sich ein kindliches Zeitgefühl zumindest ein Stück weit zu erhalten und so der galoppierenden Zeit Zügel anzulegen.

Marco Wehr

Gefährliche Wege zum Glück

“Keine Kunst vermochte etwas, kein Kraut nützte, keine Medizin richtete etwas aus.“

“Die ganze Stadt war ein Grab.“

Mit diesen düsteren Worten kommentierte der Chronist Lorenzo de Monacis die Pest, die 1348 in Venedig wütete. Die nächsten dreihundert Jahre wurde die Serenissima im Schnitt alle zehn Jahre von der Seuche heimgesucht. Gerade die verheerenden Ausbrüche von 1576 und 1630 haben sich ins kollektive Gedächtnis der Bevölkerung eingegraben. Die Folgen waren desaströs. Bei den großen Ausbrüchen starb ein Drittel der Bevölkerung. Auf das heutige Deutschland übertragen, wären bei einem vergleichbaren Ausbruch über 25 Millionen Tote zu beklagen. Jede Familie würde im engen Kreis Verstorbene beweinen. 

Die damalige Hilflosigkeit war unvorstellbar. Der Feind hatte kein Gesicht. Fast 5000 Jahre wütete die Pest schon und man hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie verursacht wurde. Üble Dünste standen im Verdacht. Oder ein sittenloses Leben, das einem rachsüchtigen Gott missfiel. Doch egal, ob man Kräuter verbrannte oder dem Herrn versprach, in Zukunft gottgefälliger zu leben, der Schnitter schwang unbarmherzig die Sense und vollbrachte sein grausames Werk. 

Beindruckend war aber die Dankbarkeit der Menschen, nachdem sich die Seuche zurückgezogen hatte. Man spendete viel Geld, um zwei eindrucksvolle Kirchen zu bauen, die bis heute das Stadtbild von Venedig prägen: Il Redentore und Santa Maria della Salute. Die Bauzeit der architektonischen Meisterwerke dauerte Jahrzehnte. Dafür waren finanzielle Mittel notwendig, die in ihrer Höhe kaum mehr vorstellbar sind. Bis zum heutigen Tage gibt es Prozessionen, um der Toten zu gedenken.

Machen wir einen Zeitsprung in die Gegenwart und nehmen die Coronapandemie in den Blick! Die ersten Kranken tauchten im Dezember 2019 im chinesischen Wuhan auf. Das Genom des Virus war schon wenige Wochen später sequenziert. Nur zwölf Monate später wurde die 90-jährige Maggi Keenan aus Coventry als Erste mit dem Impfstoff von BioNTech immunisiert. Im Moment sind in Deutschland über sechzig Prozent der Bürger mindestens einmal geimpft. Gestorben sind an Covid-19 etwa 92 000 Menschen. Setzt man die Zahl der Coronatoten in Deutschland in Beziehung zu der Anzahl der Pestopfer in Venedig, dann hatte die Lagunenstadt im Verhältnis etwa 30 000 mal mehr Tote zu beklagen als wir. Und es dauerte bei der Pest im Vergleich zu Corona 5000 mal länger, bis man sie heilen konnte.

Man könnte annehmen, dass das ein Grund zum Feiern ist. Eigentlich bestaunen wir einen unvergleichlichen Triumph der Wissenschaften. Doch niemand schickt sich an Forschern wie Ugur Sahin  und seiner Frau Öslem Türeci, die das potente mRNA-Vakzin entwickelt haben, eine Kathedrale zu bauen und Dankbarkeit zu zeigen. Stattdessen wird die Existenz eines Impfstoffes von den meisten für eine Selbstverständlichkeit gehalten. Und über die Rückkehr der Freiheit freut man sich eher verhalten. Viele sind sogar verstimmt. Zulange musste man auf den geliebten Urlaub verzichten oder grämte sich, da man nicht das Café seiner Wahl besuchen konnte. Auch die Anwesenheit der Kinder zuhause war fordernd. Deutlich zeigen sich Verdruss und Krisen in der Tatsache, dass Plätze beim Psychologen nicht mehr zu bekommen sind. Alles ausgebucht, auf Monate.

Wenn es eines Beweises bedurfte, dass unser Weltbild auf den Prüfstand muss, dann liefert ihn unser Umgang mit der Coronapandemie. Wobei die Zeichen auch schon vorher unübersehbar waren. Im Vergleich zum 19. Jahrhundert hat sich unsere Lebenserwartung fast verdreifacht. Betritt man heute einen gewöhnlichen Supermarkt so übertrifft die dortige Auswahl an Früchten aus aller Welt, Fisch, Fleisch, Geflügel  und Spezereien das, was man sich früher unter dem Paradies vorstellte. Die reichsten Fürsten und Könige der Geschichte hätten sich gedemütigt gefühlt, hätten sie die Möglichkeit gehabt, die Auswahl eines gewöhnlichen Supermarkts mit ihrer Festtafel zu vergleichen. Doch gemäß einer Umfrage kaufen die Menschen ausgesprochen ungern ein. Es ist Ihnen eine Last eine Kiwi aus Neuseeland, eine Ananas aus Nicaragua und ein saftiges Steak vom Rind aus der argentinischen Pampa in den Einkaufskorb zu legen. Lieber regt man sich auf, wenn die Litschis für den Salat  vergriffen sind.

Was ist da los? Warum führen diese paradiesischen Zustände, von denen Menschen zu allen Zeiten geträumt haben, nicht zu paradiesischen Glücksgefühlen?

Eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Pfeifende, singende und lachende  Menschen sind selten zu finden. Das passt zu einer Untersuchung aus Italien. Waren unsere liebenswerten Nachbarn einst das Paradebeispiel öffentlich zelebrierter Sangeskunst so hat sich auch jenseits der Alpen der Frohsinn in den Schmollwinkel verzogen. In den reicheren Vierteln Mailands schmettert niemand mehr ein Lied. Dazu muss man in den armen Süden fahren.

In den Industrieländern ist das Glück mit dem rapide gestiegenen Wohlstand nicht mitgewachsen. Stattdessen werden seelische Qualen zur Volkskrankheit. Gemäß einer großen Untersuchung der Barmer Ersatzkasse wird ein Viertel der 18- bis 25-Jährigen in Deutschland von Depressionen, Angstzuständen und Panikattacken gequält. Irgendwas läuft falsch. Warum wollen sich Glück und Zufriedenheit nicht einstellen, obwohl die äußeren Bedingungen so gut sind, wie noch nie in der gesamten Menschheitsgeschichte?

Um diesem eigenartigen Phänomen nachzuspüren, beginnen wir mit dem Begriff des Glücks selbst. Wenn man im Deutschen über Glück spricht, dann muss man zuerst eine Unterscheidung treffen. Glück hat bei uns zwei verschiedene Bedeutungen. Zum einen bezeichnet es den glücklichen Zufall. In der anderen Lesart ist ein Lebensgefühl gemeint. 

Beginnen wir mit dem glücklichen Zufall. Dessen Gegenspieler ist das gefürchtete Pech. Glück und Pech sind in diesem Zusammenhang etwas anderes als Verdienst und Schuld. Glück hat man, wenn man im Lotto gewinnt. Pech, wenn einem der sprichwörtliche Blumentopf vom Balkon auf den Kopf fällt. Natürlich kann Pech für eine Weile zu Missmut führen. Dauerhaft gefährlich für die eigene Zufriedenheit werden Glück und Pech aber erst, wenn man sie konsequent als Erklärungsprinzip heranzieht, um die eigene Lebenssituation zu legitimieren. Es sei betont, dass sich die folgende Argumentation nicht auf Menschen bezieht, die Schicksalsschläge wie schwere Krankheit oder den Verlust eines geliebten Menschen erleiden mussten. 

Was passiert, wenn man die eigene Unzufriedenheit immer dem Pech in die Schuhe schiebt? Wenn man beklagt, Pech mit den Eltern zu haben, mit den Lehrern und mit den Partnern? Wenn man lamentiert, nicht talentiert zu sein und mit seinem Aussehen hadert? 

Man gibt das Heft aus der Hand und macht sich zum Spielball eines unberechenbaren Zufalls. Das hat Konsequenzen. Die verführerische Seite besteht darin, dass man die Verantwortung für die eigene Befindlichkeit an eine unbekannte Schicksalsmacht delegiert. Das ist bequem. Aber der Preis ist hoch. Statt selbst zu handeln, fühlt man sich behandelt. Das ist ein gedeihlicher Nährboden für depressive Verstimmungen. Schließlich behauptet man, hilflos zu sein. Schon Hunde reagieren auf solche Situationen mit Schwermut. Man verglich in einem Experiment zwei Gruppen von Tieren, die in verschiedenen Käfigen untergebracht waren. Über deren Boden konnte man ihnen einen leichten Stromschlag zuführen. In dem einen Käfig gab es jedoch eine Apparatur, mit der die Hunde den Strom ausschalten konnten, was sie schnell lernten. In dem andern Käfig gab es diesen Mechanismus nicht. Im nächsten Versuchsdurchgang wurden beide Käfige oben geöffnet. Außerdem wurden die Seitenwände soweit erniedrigt, dass die Hunde mühelos herausspringen konnten. Den Abschaltmechanismus gab es allerdings nicht mehr. Die Hunde, die gelernt hatten, mit ihren eigenen Handlungen etwas zu bewirken, sprangen aus dem Käfig. Die anderen legten sich auf den Boden und ertrugen ihr Schicksal. Dieses Phänomen bezeichnet man als erlernte Hilflosigkeit. 

Ein weiteres interessantes Ergebnis stammt von der Psychologin Carolin Dweck. Zwei Studentengruppen absolvierten einen nicht zu schweren Test in Mathematik, den alle mit Erfolg absolvierten. Anschließend wurde die eine Gruppe überschwänglich für ihr Talent gelobt. Bei der anderen strich man ihren Fleiß und ihre Lernausdauer hervor. 

Im zweiten Durchgang waren die Tests deutlich schwerer. Interessanter Weise gaben nun die, die man für ihren Fleiß gelobt hatte, nicht so schnell auf. Sie zeigten Biss und schrieben passable Ergebnisse. Die aber, die sich etwas auf ihr Talent einbildeten, schmissen die Flinte schnell ins Korn und scheiterten häufiger. 

Die Erfahrung, auf der Grundlage eigener Kompetenzen seine Situation verändern zu können, verleiht also Flügel. Das weiß man auch aus der sogenannten Expertiseforschung. Menschen, die Dinge meisterlich können, sind vor allen Dingen die, die mit großer Ausdauer üben und den Mut haben, sich immer neuen Herausforderungen zu stellen. Das klappt am Besten, wenn man von einer Sache begeistert ist und deshalb eine hohe intrinsische Motivation hat. Entscheidend ist, nicht aufzugeben. Das vielgelobte Talent, der genetische Zufallsfaktor, spielt eine geringere Rolle als man allgemein denkt. So war Albert Einstein, der Inbegriff des Genies, kein wirklich brillanter Mathematiker. Er besaß aber einen Riecher für die richtigen Fragestellungen und eine bewundernswerte Zähigkeit, um jahrzehntelang zu arbeiten, bis er seinen Intuitionen endlich eine stringente mathematische Form geben konnte.

Die eigene Befindlichkeit mit Glück und Pech zu begründen birgt noch weitere Fallstricke. Wir neigen nämlich dazu, unsere Situation mit der anderer zu vergleichen. In der antiken Philosophie der Lebenskunst war das eine Todsünde. Der Hang zum Vergleich fördert schließlich die Entwicklung von Charaktereigenschaften, die mit Notwendigkeit zu Gram und Verdrießlichkeit führen. Die Rede ist von Neid und Missgunst. Man schaut sich neugierig um. Und gerade in der global vernetzten Welt findet sich immer einer, der besser aussieht oder wohlhabender ist, einen attraktiveren Partner hat oder etwas besser kann als man selbst. Und das wird in der Lesart von Glück und Pech als ungerecht empfunden. Warum die oder der und nicht ich?

Aus dieser Falle führt kein Weg heraus. Es sei denn, man ändert die Perspektive, akzeptiert seine Situation oder beschließt, sie aus eigenen Kräften zu ändern. Das wäre der gebotene Aufbruch in die Eigenverantwortung. Aber auch dieser hat eine Schattenseite. Wenn man sich die falschen Ziele setzt. Damit kommen wir zur zweiten Lesart des Glücks.

Fragt man Menschen nach ihrem Lebensziel, dann geben sie meist an, zufrieden und glücklich sein zu wollen. Dabei wird das Lebensglück mit Gesundheit und Erfolg in einen Zusammenhang gedacht. Wie essentiell Gesundheit ist, weiß jeder, der einmal ernstlich krank war. Nicht umsonst heißt es “Der Gesunde hat viele Probleme, der Kranke nur eins.“ Obwohl Gesundheit als essentieller Teil für die Zufriedenheit genannt wird, wundert man sich aber, dass viele Menschen dieser recht wenig Beachtung schenken. Übergewicht ist in allen reichen Ländern ein großes Problem. Rauchen und Trinken ebenfalls. 

Aber nicht nur der nachlässige Umgang mit dem eigenen Körper gibt Anlass zum Nachdenken. Auch viele der angestrebten Erfolgskriterien wären zu hinterfragen. Neben harmonischen Familienverhältnissen und Gesundheit werden Wohlstand, Ansehen, Karriere oder Einfluss angestrebt. Gerade kürzlich befragte man Teenager nach ihren Zukunftsplänen. Die meisten wollten einfach berühmt werden und zwar mit überschaubarem Aufwand. Der “Influencer“, der sich auf Social-Media-Kanälen viele Klicks holt, stand ganz hoch im Kurs. Aber das Streben nach Ansehen ist nicht nur unter Jugendlichen verbreitet. Auch Personen des öffentlichen Lebens, die sich etwas auf ihren Intellekt einbilden, sind prädestiniert, an die Angel zu gehen. Das Verlangen seine Meinung in den maßgeblichen Gazetten platziert zu sehen oder sich in Talkshows zu allem und jedem zu äußern, kann suchtartig werden.

Will man verstehen, weshalb das angestrengte Streben nach Geld, Ansehen, Karriere und Einfluss mit Vorsicht zu genießen ist, macht es Sinn, sich mit einigen grundlegenden psychologischen Prinzipien auseinanderzusetzen. Da gibt es an erster Stelle den Gewöhnungseffekt. Dieser ist eigentlich weder gut noch schlecht. Es ist tröstlich, dass viele Querschnittsgelähmte, die wegen eines Unfalls im Rollstuhl landen, eine Zufriedenheit erreichen können, die mit der vor dem Unfall vergleichbar ist. Hier funktioniert Gewöhnung wie ein lindernder Balsam. 

Sie kann aber auch eine andere Dynamik entfalten. Betrachten wir einen jungen Mann, der seine Ersparnisse zusammenkratzt, um sich einen nagelneuen Golf mit potentem Motor und Doppelauspuff zu kaufen. Steht das ersehnte Auto endlich in der Garage, kennt der Besitzerstolz keine Grenze. Leider verblasst das euphorische Gefühl mit der Zeit. Er gewöhnt sich an das Auto. Um einen neuen Kick zu bekommen, muss etwas Besseres her. Der Golf wird verkauft, jetzt gibt es den getunten BMW, nur wenige Jahre später muss es dann ein bulliger Mercedes sein. Dieser getriebene Zyklus von Erstreben, Erwerben, Gewöhnen und Veräußern wird in der Psychologie als die hedonistische Tretmühle bezeichnet. Wie ein Hamster im Laufrad bewegt man sich im Käfig seiner eigenen Zwänge. Doch das ist nicht alles:

Im Hamsterrad muss die Laufgeschwindigkeit permanent erhöht werden, um zur ersehnten Befriedigung zu gelangen. Das hat mit einem interessanten funktionalen Zusammenhang zu tun, der vor allen Dingen von dem Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahnemann und seinem verstorbenen Kollegen Amos Tversky untersucht wurde. 

Denken wir uns ein Koordinatensystem! Dann steht auf der X-Achse der objektive Wert. Rechts vom Nullpunkt könnte das ein Geldbetrag sein, den man bekommt. Links wären Verluste aufzutragen. Die Y-Variable bezeichnet Lust und Verdruss. Wie sehr freut man sich, wenn man einen bestimmten Betrag erhält oder wie sehr ärgert man sich, wenn man Geld verliert. Diese “Lust- und Verdruss-Funktion“ hat einige eindrückliche Eigenschaften. Da ist zum einen die Tatsache, dass Menschen negative Ereignisse stärker empfinden als positive. Der Ärger tausend Euro zu verlieren ist größer als die Freude, denselben Betrag zu gewinnen. Die Funktion also ist keine Winkelhalbierende, die durch den Nullpunkt geht. Das hat weitere Konsequenzen. Wenn der BMW doppelt so teuer ist wie der Golf, ist die Freude leider nicht doppelt so groß. Sie ist kleiner, da es sich bei der “Lust- und Verdruss-Funktion“ um eine Sättigungskurve handelt. Sowohl im negativen, wie im positiven Bereich nähert sie sich einem Wert, der nicht überschritten wird. Anschaulich sieht die Funktion ein bisschen wie ein in die Höhe gezogenes S aus. Das ist auf der Schmerzensseite positiv. Das empfundene Unglück hat eine Grenze. Die Freude aber auch. Diese steigt zuerst stark an, um dann mit wachsendem Einsatz immer mehr abzuflachen. Am Anfang ist sie also groß. Das erste Auto ist ein euphorisierendes Erlebnis. Doch je mehr man hat, desto mehr muss man investieren, um einen deutlichen Zuwachs an Glück zu empfinden. Das macht das Rennen in der Tretmühle zu einem letztlich hoffnungslosen Unterfangen. 

Und die Jagd nach dem Kick durch den Konsum hat weitere Schattenseiten. Beständig wird nach links und rechts geäugt, um sicherzustellen, dass man gut im Rennen liegt. Vielen reicht es nicht, dass es ihnen gut geht. Wichtig ist, dass es ihnen im Vergleich zu anderen besser geht. Auch zu diesem Phänomen gibt es aufschlussreiche Daten. Was wäre Ihnen lieber? Sie bekommen 80000 Euro, ihre ganzen Nachbarn aber 100000. Oder sie bekommen 60000 Euro und die Nachbarn nur 40000. Tatsächlich entscheiden sich mehr Menschen für die zweite Variante als für die erste. Das lässt nur eine Folgerung zu: Der relative Wert ist maßgeblicher als der absolute. Fassen wir zusammen: Für den jungen Herren, geht es nicht um das Auto an sich. Stattdessen ist er mit einem schwierigen Optimierungsproblem konfrontiert: Wie es gelingt ihm, mit gerade noch vertretbarem finanziellen Aufwand, ein Statussymbol zu erwerben, dass den eigenen Ansprüchen genügt und gleichzeitig den nötigen Eindruck schindet? Solche Probleme können die Gemütslage ziemlich beeinträchtigen Und natürlich sind nicht nur männliche Autokäufer betroffen sondern auch Frauen auf der Jagd nach der ultimativen Handtasche oder Familien auf der Suche nach dem absolut unverwechselbaren Urlaubserlebnis. Oder Eltern, die an der Karriere ihrer Kinder feilen. Oder Menschen, denen Gehalt und Laufbahn über alles gehen.  Überall, wo wir gewaltsam optimieren, um uns mit andern zu vergleichen, tappen wir in die Falle und werden Opfer der gerade beschriebenen Mechanismen. Es gefährdet also die Seelenruhe, wenn man im Namen des Erfolgs Reichtum, Ansehen, Aussehen, Ruhm oder Macht erstrebt. Dieses Streben kennt kein Ende. Es ist wie Salzwasser für den Dürstenden.

Vor diesem Hintergrund wird nun nachvollziehbar, weshalb unsere gegenwärtige Einschätzung der Coroankrise, legt man historische Maßstäbe zugrunde, so unangemessen ist. Wir haben uns mit großer Selbstverständlichkeit an einen unvergleichlichen Wohlstand gewöhnt, wobei wir dessen absolute Größe weder hinterfragen noch zur Kenntnis nehmen. Im “Lust-und Verdruss-Diagramm“ sind viele schon sehr weit nach rechts gewandert. Substanzielle Verbesserungen sind da kaum mehr möglich. Dafür nehmen wir graduelle Verschlechterungen als ausgesprochen schmerzhaft wahr. Und zu allem Überfluss machen wir unsere Befindlichkeit auch noch davon abhängig, wie wir uns im Vergleich zu anderen Menschen einordnen. Damit wären wir erneut bei den Glücksgiften Neid und Missgunst. Warum der oder die und nicht ich?! 

Da Vergleiche mit anderen in unserer Gesellschaft eine so große Rolle spielen, obwohl diese die Lebenszufriedenheit in tückischer Weise untergraben, muss hier noch über den Einfluss der sozialen Medien gesprochen werden, die in diesem Zusammenhang wie ein Brandbeschleuniger wirken. Es ist nämlich wichtig zu verstehen, dass Medien wie Facebook oder Instagram globale Schaufenster sind. 

Sie verleiten dazu, anderen Menschen zu folgen und deren Leben zu betrachten, man liegt aber auch selbst in der Auslage und wird von ihnen betrachtet. Da will man natürlich ein gutes Bild abgeben. Das verleitet dazu, seinen virtuellen Auftritt wirkungsvoll zu gestalten und die Möglichkeit der gesteuerten Selbstinszenierung gestattet es, die gewünschte Aufmerksamkeit zu generieren. Und genau diese Aufmerksamkeit ist mit dem Ansehen korreliert. Wobei Ansehen hier ganz wörtlich zu verstehen ist. Aus der Verhaltensbiologie weiß man, dass Menschen mit großem Ansehen von vielen Menschen angesehen(!) werden. Wie verführerisch ist es deshalb für Menschen mit histrionischer Persönlichkeit, von Millionen Menschen am Bildschirm betrachtet zu werden? Doch auch hier lauert Gefahr. 

Von dieser sind besonders Mädchen und junge Frauen betroffen. Während man weiß, dass bei der eigenen Inszenierung mitunter geschickt gemogelt wird, neigt man dazu, die aufpolierten Existenzen der anderen für authentisch zu halten. Bei den anderen scheint im Urlaub offensichtlich permanent die Sonne, die Partys sind rauschender, sie sind immer super gelaunt und besser aussehen tun sie auch noch. Das führt zur Niedergeschlagenheit. Oder zur Gegenreaktion. Einem krampfhaften Kampf um Aufmerksamkeit, der die verrücktesten Formen annehmen kann. Am verstörendsten sind Mädchen, die sich im globalen Schlankheitswettkampf zu Tode hungern oder sensationslüsternde Reiseblogger, die auf der Suche nach dem ultimativen Film von Klippen stürzen oder in Wasserfällen ertrinken.

Wie könnte man die Schwerpunkte in seinem Leben anders setzen? Da gäbe es natürlich den klassischen und bewährten Weg der Philosophie. Man befragt ausgewiesene Meister der Lebenskunst wie Epikur, Seneca, Marc Aurel, Buddha, Laotse oder Aristoteles und macht sich auf einen langen Weg. Man könnte sich aber auch mit der Harvard-Glücksstudie beschäftigen, einem modernen Experiment, das seines Gleichen sucht. Wir wählen hier die zweite Möglichkeit. In der Harvard-Glücksstudie wurden die Lebenswege von 814 Menschen akribisch untersucht. Die Probanden waren eine wilde Mischung. Begabte weiße Männer, Menschen verschiedenster Ethnien aus ärmeren Verhältnissen und Frauen mit extrem hohem Intelligenzquotienten. Die Testpersonen, die bis zum heutigen Tage anonym sind, wurden in regelmäßigen Zeiträumen genauestens befragt, beobachtet und analysiert. Die wesentliche Frage war, was ein glückliches Leben ausmacht. Nachdem man diese Menschen meistens bis ans Sterbebett begleitet hatte, kristallisierte sich eine Essenz heraus, die uns zu denken geben muss. Zuerst fand man das Naheliegende: Schwere Krankheit, der Verlust der Kinder, katastrophale finanzielle Verhältnisse, sind Bedingungen, die dem Glück massiv im Weg stehen. Doch bei denen, die von solchen Schicksalsschlägen verschont geblieben waren, stellte sich nicht automatisch Zufriedenheit ein! Es zeigte sich, dass die oben diskutierten und gesellschaftlich geadelten “Erfolgskriterien“ Ansehen, Aussehen, Wohlstand, Einfluss für das Lebensglück keine wesentliche Rolle spielen. Entscheidend waren einzig zwei Punkte. Glücklich wurden die, die für sich eine Lebensaufgabe gefunden hatten, die ihrem eigenen Wesen entsprach und die zudem in der Lage waren, Liebe zu geben und Liebe zu empfangen. Gerade der erste Aspekt deckt sich mit der Einschätzung des griechischen Philosophen Aristoteles. 

„Glück wird dem Zuteil, der gemäß seines eigenen Wesens lebt“ sagte er, wobei er so klug war zu wissen, dass Gesundheit, bescheidener Wohlstand, eine intakte Familie und gute Freunde notwendige Bedingungen des Glücks sind. Wie aber erfährt man, ob eine Tätigkeit, die man anstrebt, seinem eigenen Wesen entspricht? 

Damit kommen wir zum alten Orakelspruch von Delphi, der in den verschiedensten Auslegungen eine zentrale Rolle in der Philosophie spielt. Er lautet: “Erkenne Dich selbst!“. Leider hat dieser harmlos klingende Satz eine verstörende Tiefe. Der Prozess, sich selbst auszuloten, die eigenen Ängste, Bedürfnisse, Befähigungen zu erkennen, ist nichts, das sich in einem Wochenendseminar erledigen ließe. 

Das ist eine lohnende Aufgabe, der man sich stellen muss und die einen langen Atem braucht. 

Vor Hintergrund gesammelter antiker Lebenskunst und den aktuellen Ergebnissen der Harvard-Glücksstudie sei nun eine ketzerische Frage erlaubt: Stehen die in unserer Gesellschaft für selbstverständlich gehaltenen Erfolgskriterien, die uns in vielen Zusammenhängen wie ein Mantra vorgebetet werden, dem Glück im Weg, während eine Lebensführung, die sowohl den Einsichten antiker Weisheitslehrer als auch  moderner Glücksforschung entspricht, wenig Wertschätzung erfährt? 

Wenn es so zentral ist, Liebe zu geben und Liebe zu empfangen und einen Lebensweg einzuschlagen, der dem eigenen Wesen gemäß ist, dann stellt sich heraus, dass die Art und Weise, wie wir in unserer Gesellschaft Schule und Studium gestalten, und wie viel Zeit wir mit unseren Kindern, Verwandten und Freunden verbringen und wie wir mit diesen umgehen, im tiefsten Sinne philosophische Probleme sind. Hinterfragen wir diese wichtigen Punkte?

Bliebe noch hinzuzufügen, dass ein Leben, das die Schwerpunkte eher in den Beziehungen und weniger in den Dingen setzt, unseren Lebensraum schont. 

Zur Zufriedenheit braucht es viel weniger, als man glaubt. Außerdem geraten andere Charaktereigenschaften in den Fokus. An die Stelle von Neid und Missgunst treten die Glücksbringer Bescheidenheit und Dankbarkeit. 

Immer am dritten Wochenende im Juli findet in Venedig in der Kirche Il Redentore ein großer Gottesdienst statt. Man ist dankbar und feiert, dass die Pest Geschichte ist. In diesem Jahr hat man die Coronaseuche, die wir mit konsequenter Impfung wohl in den Griff bekommen werden, zum ersten Mal in die Feier mit eingeschlossen. Damit wäre zumindest in Italien ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung getan. 

Doppelmoral

Scheinheiligkeit ist keine Erfindung unserer Zeit. Das Freudenmädchen Anna von Ulm lebte am Ende des 15. Jahrhunderts in Nördlingen. Sie arbeitete im Bordell der Stadt. Ihre Geschichte ist gut belegt. Sie stieß sich an ihren Arbeitsbedingungen und sagte vor Gericht gegen die Pächter des Freudenhauses – Barbara Taschenfeind und Leonart Freyermut – aus. Die Prozessakte erzählt viel über die Lebensbedingungen von Prostituierten in dieser Zeit. Interessant war ihre Kundenliste: Studenten, Kaufleute, Handwerker aber auch …. Priester. Unverheirateten Männern war Prostitution erlaubt. Trotzdem irritieren die Geistlichen in der Liste. Keuschheitsgelübde, Schäferstündchen und flammende Moralpredigten von der Kanzel passen nicht zusammen.

Was nun die schlüpfrige Diskrepanz von Reden und Handeln angeht, hat sich in Sachen Sexualmoral bis heute wenig verbessert. Man denke an den verbreiteten Kindesmissbrauch. Mit reuigen Worten erinnerte Papst Franziskus 2018 an die fast nicht mehr zählbaren sexuellen Übergriffe von Priestern der katholischen Kirche und bat weltweit um Verzeihung. Und ähnlich wie der Pontifex kroch unlängst auch die Partei der Grünen zu Kreuze.  In einem Bericht der Aufarbeitungskommission der Berliner Grünen ist nachzulesen, welche Dimensionen Kindesmissbrauch in ihren Reihen einmal hatte. Verurteilte Pädophile bekleideten wichtige Parteiämter und der Slogan “von der einvernehmlichen Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern“ sollte ein moderner Gegenentwurf zu einer verstaubten Sittenlehre sein. Gemäß einer Untersuchung des Spiegels gab es wohl auch in den Reihen der FDP Herren, die mit solchen Standpunkten sympathisierten, auch wenn die Liberalen diesen Vorwurf von sich weisen. Sicher ist, dass die Berliner Liberalen nicht davor zurückschreckten, den heute umstrittenen Pädagogikprofessor Helmut Kentler als Redner einzuladen. Kentler war der Kopf eines Missbrauchsskandals, dessen Dimensionen bis heute nur ungenügend aufgearbeitet sind. Er kam auf die Idee, verwahrloste Jugendliche als Pflegekinder in die Obhut teils straffällig gewordener Pädophiler zu geben. Nach seiner Einschätzung eine Situation zum gegenseitigen Vorteil: Die Kinder, die er als “sekunddär schwachsinnig“ bezeichnete, hätten jemand, der sich um sie kümmert, während sie gleichzeitig den Päderasten als jederzeit verfügbares Objekt ihres Trieblebens dienten. Und eine Sahnekirsche gab es obendrauf: Die Sexualtäter erhielten für Kost und Logis der Opfer Pflegegeld – offiziell zugestellt von den Berliner Behörden. Helmut Kentler war zu seiner Zeit kein akademischer Wirrkopf, sondern eine honorige akademische Figur, dessen klandestine Kontakte bis hoch in den Berliner Senat reichten. Eine Untersuchung des sogenannten “Kentlerexperiments“, die von der Universität Hildesheim durchgeführt wurde, brachte Verstörendes ans Licht: der Skandal wurde von Behörden und Politikern gedeckt. Und bis zum heutigen Tag ist nicht wirklich klar, wer in den zweifelhaften Genuss eines “sekundär schwachsinnigen Pflegekinds“ kam. In den Kellern der Behörden schlummern noch viele nicht bearbeitete Akten. Die schwer traumatisierten Opfer, sofern sie noch leben, wurden bisher nicht entschädigt. Man hofft auf Verjährung.

Ohne zum Menschenfeind werden zu wollen, die Abgründe sexueller Scheinheiligkeit sind leider auch in modernen Gesellschaften eine feste Größe. Unabhängig von dieser bedrückenden Tatsache überrascht es aber, dass Doppelbödigkeit nicht nur im Bereich der Sitte eine diskursive Konstante ist. In der Politik ist sie genauso verbreitet wie im Hoheitsgebiet des wissenschaftlichen Argumentierens. 

Betrachten wir in diesem Zusammenhang zuerst Hengameh Yaghoobifarah, Kolumnistin der Berliner Tageszeitung, die in einem ihrer Artikel darüber nachdenkt, was man mit den 250 000 Polizisten machen sollte, falls die Polizei abgeschafft würde. Bekanntlich plädierte sie dafür, Polizistinnen und Polizisten auf der Müllhalde zu entsorgen. Dort wären sie nur von Abfall umgeben. Das wäre perfekt, da sie sich unter ihresgleichen am wohlsten fühlen würden. Diese geschmacklose Aussage führte zu extremer öffentlicher Empörung. Die Wahrheit ist: sie gehört noch zu den harmloseren. An anderer Stelle rät sie, Polizisten und Polizistinnen von Baumärkten, Tankstellen oder Kfz-Werkstätten fernzuhalten. Dort könnten sie Bomben und Brandsätze bauen. Die Botschaft dieser Zeilen ist klar: Alle Polizisten sind für Yaghoobifarah potentielle Attentäter. Doch die umstrittene Journalistin schüttet Hass und Häme nicht nur über der Polizei aus. Deutsche werden von ihr gerne als “Kartoffeln“ bezeichnet. Außerdem redet Yaghoobifarah in dem Artikel “Deutsche, schafft Euch ab!“ von der “deutschen Dreckskultur“. 

Man wundert sich, dass die Autorin in der taz eine Plattform bekommt. Die ihr zugestandene Toleranz gewährt die Zeitung nämlich nicht jedem.  2017 vergriff sich der AfD-Politiker Alexander Gauland im Ton. Er hoffte die SPD-Politikerin Aydan Özuguz, die bezweifelt hatte, dass es eine deutsche Leitkultur gibt, in Anatolien “entsorgen“ zu können.  Die taz kritisierte darauf die entmenschlichende Sprache Gaulands und zieht die Schlussfolgerung, dass AfD-Spitzenpolitikern die verbalen Grenzen zum Faschismus schnuppe sind. Die eine will Menschen auf dem Müll entsorgen, der andere eine Frau in Anatolien. Beides darf man als niveaulos bezeichnen. Beides sollte man auch in gleicher Weise unterbinden. 

Aber die Geschichte von Hengameh Yaghoobifarah ist nicht zu Ende erzählt. Ihre Inkonsistenz von Reden und Handeln wurde überdeutlich, als, von ihr initiiert,  ausgerechnet die herabgewürdigte Polizei um Personenschutz gebeten wurde. Die kleinlaut gewordene Journalistin fühlte sich dem gewaltigen Shitstorm, den sie mit ihrem Artikel ausgelöst hatte, nicht mehr gewachsen.

Nun ist eine solche Form irritierender Doppelmoral keine exklusive Eigenschaft des linken oder linksradikalen Milieus ist. Man findet sie mit der gleichen Selbstverständlichkeit am rechten Rand der Gesellschaft. Dort wird eine multikulturelle Gesellschaft gerne mit dem Argument abgelehnt, dass Ausländer Sozialleistungen erschleichen und wenn sie denn arbeiten “den Deutschen die Arbeitsplätze“ wegnehmen. Ohne Zweifel, es gibt Sozialbetrug bei Einwanderern und dieser muss genauso konsequent geahndet werden wie bei deutschen Mitbürgern, die sich auf Kosten des Staates alimentieren. Ansonsten sollte man dieses reduktionistische Weltbild aber mit einem großen Fragezeichen versehen. Es gehört zu den positiven Erkenntnissen der Corona-Pandemie, dass in einigen Schlaglichtern die Arbeitsverhältnisse in Deutschland in einem klareren Licht erschienen. So wurde deutlich, dass bei uns ohne Gastarbeiter aus Polen, Rumänien oder Bulgarien die Räder stillständen. Das gilt vor allen Dingen für Arbeiten, die wegen ihrer Härte und schlechten Bezahlung von deutschen Arbeitnehmern verschmäht werden. Wie erhellend war der Blick in die von Coronaausbrüchen betroffenen Großschlachtereien. Wie deutlich wurde der Preis, den wir für billiges Fleisch zu zahlen bereit sind. Die Bilder von Männern mit Kreissägen, die im Akkord übermannsgroße Rinderhälften in gekühlten Fabrikhallen zerlegen, wobei Blut und Knochen spritzen, haben sich eingeprägt. Und wenn die anstrengende Schicht vorbei ist, bleibt den Malochern nichts anderes übrig, als in teils vergammelten Sammelunterkünften wieder zu Kräften zu kommen. 

Ein vergleichbares Bild bei den Erntehelfern. In dem Artikel „Auf dem Gurkenflieger“ beschreibt Pauline Evers in der FAZ einige Studenten, die im Spreewald arbeiten wollten. Die anstrengende Arbeit auf dem sogenannten Gurkenflieger war allerdings recht schnell beendet. Bäuchlings auf dem Maschinenungetüm zu liegen und die Setzlinge bei schlechter Bezahlung einzugraben, hielten sie nicht lange durch. Im Gegensatz zu den rumänischen Arbeiterinnen und Arbeitern.  

“Landarbeit ist krass beanspruchend für die Muskeln“ stellte eine der Studentinnen fest, die gerne mal was unter freiem Himmel mit ihren Händen machen wollte. Aber der erhoffte ländliche Zauber war schnell verflogen. Die Studenten litten physisch und psychisch. Auch der raue Ton und die Hierarchie auf dem Feld gaben ihnen zu denken. So sinnierten sie erschöpft am Lagerfeuer, ob man nicht eine Gewerkschaft für rumänische Landarbeiter gründen müsste. 

Blinder Hass auf die Polizei, verbunden mit der Unfähigkeit die Funktion der Exekutive für den Rechtsstaat zu begreifen. Fehlender Respekt für die immense Arbeitsleistung ausländischer Arbeiter verbunden mit der Unfähigkeit zu verstehen, dass diese ein wesentlicher Teil unseres für selbstverständlich erachteten Wohlstands ist. 

Wie können Wahrnehmungsfelder so zusammenschnurren? Und wie kann man der moralisierenden Scheinheiligkeit zu Leibe rücken, deren Wesenskern es ist, stillschweigend von dem zu profitieren, was man lauthals kritisiert.

Wie es zur Verengung des Wahrnehmungsfeldes kommen könnte, lässt Yaghoobifarah in einem Gespräch anklingen, das bei Youtube aufgezeichnet ist. Während sie sich mit ihrer Gesprächspartnerin über Depressionen unterhält, gesteht sie, dass sie nur noch in ihren “Bubbles“ lebt, wenn die Schwermut an sie herankriecht. “Bubbles“ bezeichnen Filterblasen im Internet. Das sind hermetisch geschlossene Resonanzräume, in denen man die Welt aussperrt und sich nur noch mit Gleichgesinnten austauscht. Dieses Kommunikationsverhalten verengt die Perspektive und zementiert die eigenen Vorurteile. Neu ist dieses Verhalten nicht. Früher sprach man vom Stammtischgerede. Nur hat der Stammtisch jetzt eine virtuelle Dimension.

Um die mit der Scheinheiligkeit verbundene Wirklichkeitsverweigerung zu entlarven, darf man die Perspektive aber nicht verengen. Man muss sie weiten. Deshalb wäre es für Yaghoobifarah eine Überlegung wert, ob die von ihr geschmähte “Dreckskultur“ nicht auch ihr einen persönlichen Schutzraum gewährt. Eine freiheitliche Grundordnung und eine Exekutive, die für deren Einhaltung sorgt, machen nämlich das Ausleben ihrer öffentlich inszenierten Individualität erst möglich. So macht Yaghoobifarah kein Geheimnis aus ihrer nicht-binärer Geschlechtsidentität. Das ist in Deutschland weder moralisch noch rechtlich ein Problem. Doch in anderen Ländern liefe sie Gefahr, je nach sexueller Vorliebe, gehängt, gesteinigt oder zumindest ausgepeitscht zu werden. Das gilt auch für das Heimatland ihrer Eltern, die aus dem Iran stammen.

Pars pro toto sieht man sich in der Auseinandersetzung mit dieser Autorin also mit einem Paradoxon konfrontiert: Sie ruft medienwirksam zur Zerstörung des Systems auf, das sie als Publizistin in ihrer extravaganten Individualität erst möglich macht. Und schaut man genauer hin, gibt es eine weitere Doppelbödigkeit: Es ist ein nicht nur von ihr praktiziertes Geschäftsmodell, mit einer wütenden Kapitalismuskritik Kapital anzuhäufen, das in die eigene Tasche wandert. Auf dieser Klaviatur spielen auch apodiktische Zeitgeistphilosophen wie Richard David Precht oder Byung-Chul Han, die wortgewandt das Elend dieser Welt dem Kapitalismus in die Schuhe schieben, aber nicht glaubwürdig erklären, was an dessen Stelle treten sollte. Egal. Unterm Strich bleibt ein gediegen-großbürgerlicher Lebensstil, der nicht als Widerspruch zum proklamierten Denken und Handeln empfunden wird.

Egal nun ob Yagoohbifarah die Deutschen abschaffen willoder völkische Gruppen die Gastarbeiter, derart krude Aussagen brauchen einen Resonanzboden. Deshalb sind Yagoohbifarahs Artikel ohne applaudierende linke Claqueure undenkbar. Dasselbe gilt für rechte Entgleisungen. Man erinnere sich nur an Gaulands “Vogelschiss“ oder die zitierte Entsorgung von Aydan Özuguz. Auch hier darf sich der Provokateur des Beifalls der Gesinnungsgenossen sicher sein.

Es ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, dass sich trotz unvereinbarer politischer Standpunkte, die rhetorische Phrasologie der verfeindeten Apologeten gleicht. Egal ob man die linksradikale Internetplattform Indymedia liest oder den Ergüssen Jürgen Elsässers auf Compact folgt, wenn er eine Ode auf die Querdenker singt, die Extremisten wähnen die Menschlichkeit allein im eigenen Lager. Im Gegensatz dazu gerinnt ihnen die gestaltlose Masse der Andersdenkenden zum kalt-repressiven System, das diese heimelige Menschlichkeit bedroht und deshalb zu bekämpfen ist. 

Vielleicht sind es gerade solche klischeehaft-reduzierten Geschichten, die radikale Standpunkte in unserer schwierigen Welt so verführerisch machen. Um wieviel bequemer ist es, sich in ein eingängiges Narrativ zu flüchten, das als verführerisches Schmankerl noch die Illusion der moralischen Selbsterhöhung birgt, als quälendes Unwissenund verstörende Unsicherheiten auszuhalten, die zwangsläufig auftauchen, wenn man sich über schwierige Probleme den Kopf zerbricht?

Herz schlägt Hirn. Doch  trivialisierend-eingängigen Weltsichten müssen mit Vorsicht genossen werden. Sie können eine virusartige Dynamik entfalten. Das legt zumindest das Memetik-Konzept des britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins nahe. Meme sind in diesem Zusammenhang Gedanken, die von Menschen kommuniziert werden. Das können elegante Theorien sein aber auch irrationale Hirngespinste. Entscheidend für Ihre Verbreitung ist nicht ihre Sinnhaftigkeit sondern einzig ihr Replikationserfolg. Und gefährlich werden sie dadurch, dass spleenige Fiktionen Fakten schaffen können. Viele Querdenker verneinen die Gefährlichkeit des Corona-Virus und impfen geneigte Geister mit ihren teils abstrusen Theorien. Das aus diesen Theorien abgeleitete verantwortungslose Verhalten hilft dann dem echten Virus erst richtig auf die Sprünge.

Jetzt muss betont werden, dass opportuner Moralismus kein Alleinstellungsmerkmal radikaler Gruppierungen ist. Man findet ihn auch im gemäßigten politischen Milieu. Davon zeugt zum Beispiel die heutige Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen in ihrer früheren Funktion als Verteidigungsministerin. Es ist bekannt, dass sich die deutsche Bundeswehr momentan in einem maladen Zustand befindet. Bei Manövern müssen Grenadiere mit geliehenen VW-Bussen durchs Gelände heizen, da die Schützenpanzer Puma gerade nicht zur Verfügung stehen. Die Pannenflieger der Bundeswehr haben es zu trauriger Berühmtheit gebracht. Wir besitzen zwar exquisite U-Boote aber die meisten sind nicht einsatzfähig. Man unterließ es einen Wartungsvertrag abzuschließen. Vom Hick-Hack um das neue Sturmgewehr wollen wir nicht weiter reden. Die Gründe für diese Peinlichkeiten sind vielfältig. Bis vor einigen Jahren fehlte es der Bundeswehr an Geld, im Moment leidet sie wohl an einem extrem ineffizienten Beschaffungswesen.

Frau von der Leyen schickte sich an, diese ohnehin schon kritische Situation zu verschlimmern. Sie kämpfte, brav am gesellschaftlichen Commen-Sense orientiert, in der Bundeswehr für mehr “Gleichheit und Gerechtigkeit“. Es war ihr Bestreben, die Einstellungs- und Ausbildungsanforderungen soweit zu senken, dass von der Armee fast niemand mehr ausgeschlossen wird. Alle sollten mitmachen dürfen, egal ob die Bewerber übergewichtig waren oder wegen ihrer schwächlichen Konstitution keinen Rucksack tragen konnten. Von der Leyens verquere Logik war in diesem Zusammenhang nur für sie selbst schlüssig: Wenn die gefürchteten Gewaltmärsche mit schwerem Gepäck, die reale Einsatzbedingungen simulieren sollen, von vielen jungen Menschen in schlechter körperlicher Verfassung, nicht mehr bewältigt werden können, dann sorgt man nicht dafür, dass die Überforderten belastbarer werden, man schafft einfach die Märsche ab! Eine solche Logik ist gerade ja salonfähig. Wenn die Berliner Schüler als Opfer eines völlig aus den Gleisen gesprungenen Bildungssystems schlechte Noten schreiben, dann wird einfach weniger hart zensiert und schon sind die Berliner so gut wie Bayern und Sachsen. Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt. Nur ist eine solche Form der Pippi Langstrumpf-Philosophie im Falle der Rekrutenausbildung kein Spiel. Die sich dem Zeitgeist anbiedernde Einstellung kann für Soldaten im wirklichen Einsatz tödliche Konsequenzen haben. Wie sieht es mit dem Segen der Gleichmacherei aus, wenn den müden Kriegern auf der Flucht im Gebirge beim ersten Anstieg die Puste ausgeht und sie von zähen Taliban verfolgt werden, die in den Bergen groß geworden sind und schon dass Messer wetzen? Dann wird das Motto “Dabei sein ist alles“ zum lebensgefährlichen Zynismus. Bleibt zu hoffen, dass Annegret Kramp-Karrenbauer die Denkfehler ihrer Vorgängerin korrigiert.

Man ist damit zu einer ernüchternden Einsicht gezwungen: In einer medialen Selbstvermarktungsgesellschaft scheint moralisierende Wirklichkeitsverweigerung gesellschaftsfähig zu sein. Das gilt selbst im Hoheitsgebiet der Wissenschaft. 

Sollen wir in der Coronakrise eine Maske tragen oder nicht? In einer aufgeheizten Diskussion zeigt sich, dass es offensichtlich schwierig ist, mit dem mathematischen Konzept der Wahrscheinlichkeit umzugehen. Die fehlerhafte Argumentationsfigur kennt man aus der Kontroverse ums Rauchen. Aus der Tatsache, dass Helmut Schmidt und Winston Churchill als Kettenraucher ein biblisches Alter erreichten, folgt nicht, dass Rauchen ungefährlich ist. Entscheidend sind nicht singuläre Schicksale. Entscheidend sind Mittelwerte über einem großen Stichprobenraum. Regelmäßiges Rauchen verkürzt das Leben bei Männern im Schnitt um 9,4 Jahre. Punkt. 

Der Trugschluss beim Maskentragen funktioniert ähnlich. Kommt es zu einer Infektion, obwohl Masken getragen wurden, bedeutet das nicht, das sie unnütz sind. Es zeigt nur, dass der Schutz nicht vollkommen ist. Im Schnitt verringert das Tragen der Maske das Infektionsrisiko durchaus. Das ist augenfällig, wenn man seinen Blick nach Asien richtet. Man kann sich aber auch mit einem schlichten Gedankenexperiment helfen. Es wird argumentiert, dass die Viren auf den Aerosolen das Maskengewebe einfach passieren, weil sie so klein sind. Stellen sie sich vor, sie stehen mit einem Wäschekorb voll Tischtennisbällen in einem sonst leeren Zimmer an einer Wand und schlagen die Bälle mit einem Schläger irgendwie zur gegenüberliegenden Wand! Jetzt spannen in der Mitte des Raums vom Boden bis zur Decke eine Art Tennisnetz, dessen Maschengröße so beschaffen ist, dass die Tischtennisbälle hindurchgehen. Nun wiederholen sie das Prozedere. Preisfrage: Kommen mit gespannten Netz genauso viele Bälle an der anderen Wand an? Nein. Die Wahrscheinlichkeit ist gesunken. Genauso wie die Wahrscheinlichkeit einer Infektion sinkt, wenn man eine Maske trägt.

Nun ist der Kampf um die Maske nur ein aktuelles Beispiel, bei dem Moralisten versuchen, die Wissenschaft aus dem Feld zu schlagen. Viele andere haben eine längere Tradition. Man denke etwa an den erbitterten Widerstand gegen Tierversuche in der Grundlagenforschung, bei dem radikale Tierversuchsgegner auch vor üblen Verleumdungen nicht zurückschrecken. Das ist befremdlich. Denn auch sie profitieren mit größter Selbstverständlichkeit von den Segnungen der Medizin, die sich in großem Maße Forschungsarbeiten verdanken, die auf Tierexperimenten basieren.

Um hier den Blick zu weiten und damit die Bedeutung von tierexperimenteller Forschung zu verstehen, machen wir eine kurze Zeitreise in die Anfänge des 19. Jahrhunderts. Die damalige Lebenserwartung betrug traurige 35 Jahre. Die Zustände, die zu dieser Zeit in der Medizin herrschten, sind heute nicht mehr vorstellbar. Da es keine Narkose gab, wurde selbst die Amputation eines Beins bei vollem Bewusstsein durchgeführt. Zwei Helfer hielten den panisch-brüllenden Patienten fest, der Arzt durchschnitt mit einem großen Messer das Fleisch bis zum Knochen, um dann mit einigen Streichen der Säge das Bein vollständig zu durchtrennen. Da es kein Wunddesinfektion gab, verstarb ein großer Teil der auf diese Weise behandelten Menschen. Die Chance, einen Krankenhausaufenthalt zu überleben lag damals bei etwa zehn Prozent. Die Patienten verfaulten bei lebendigem Leibe in überfüllten Zimmern, in denen die Ratten über den Boden liefen und die Wunden von Fliegen bewimmelt waren. Viele der tödlichen Wundinfektionen kennen die meisten Menschen heute nicht einmal mehr vom Namen: Gangrän, Pyämie, Erysipel

Die Entwicklung von Anästhetika, Desinfektionsmitteln oder Garnen, mit denen sich  Wunden verschließen ließen, halfen, den Horror einzudämmen. Überall spielten Tierversuche in der Erforschung dieser segensreichen Erfindungen eine wichtige Rolle. Und ganz allgemein ist ihre Bedeutung auch in der modernen Medizin evident. Würde die von Tierversuchsgegnern kolportierte Überzeugung stimmen, dass sich Erkenntnisse aus Tierversuchen nicht auf die Humanmedizin übertragen lassen, dürfte heute kein einziges modernes Lehrbuch existieren!

Diese Überzeugung ist falsch und der logische Fehler gleicht der oben angeführten Argumentationsfigur. Aus der Tatsache, dass einige Ergebnisse von Tierversuchen nicht auf den Menschen übertragbar sind, folgt nicht, dass Tiere in allen Belangen anders funktionieren als Menschen. Selbst eine banale Hefezelle hat mehr mit uns gemein als die meisten denken. Trotz dieses offenkundigen Sachverhalts wähnen sich radikale Tierversuchsgegner im Recht und schrecken nicht vor Beleidigung und der Androhung von Gewalt zurück, um ihren Standpunkten Nachdruck zu verleihen. Prominentestes Beispiel ist der weltweit renommierte Gehirnforscher Nikos Logothetis, der nachweislich als “Nazi“, “Teufel“ und “Mörder“ beschimpft wurde, wobei man ihm sogar drohte ihn mit einer Eisenstange zu erschlagen, wenn er sich vor die Haustür wagen würde. Logothetis wurde als emotionslose narzisstische Forscherpersönlichkeit gescholten, dessen abstruse Forschung für Menschen keinen Erkenntniswert besitzt und nur dazu dient, sein eigenes Ego zu pudern. Die Wahrheit sieht anders aus. Logothetis war maßgeblich bei der Entdeckung des sogenannten BOLD-Effekts beteiligt. Dieser Effekt wird heute überall auf der Welt in der funktionellen Bildgebung verwendet, um Karzinome, Herzprobleme oder Schlaganfälle zu entdecken und rechtzeitig zu behandeln. Die Zahl der Menschen, die aufgrund dieser Früherkennung bisher gerettet wurden, dürfte in die Millionen gehen. Soviel zur angeblich wertlosen Grundlagenforschung. Logothetis hat auf alle Fälle dem psychischen Druck und der Verlogenheit nicht mehr standhalten können und wird Deutschland in Kürze verlassen.

Man sieht also, was auf dem Spiel steht. Wird moralischer Druck ausgeübt, der auf der Gefühlsebene punkten will, sich aber um die komplexe Faktenlage nicht schert, stehen wichtige Teile unserer Gesellschaft zur Disposition. Wollen wir tatsächlich einen Staat, bei dem die Gewaltenteilung im Grundgesetz steht, der aber auf die Polizei verzichtet? Wollen wir ein völkisch- bierseliges Deutschland? Wollen wir eine politisch korrekte Bundeswehr, die aber ihrem Verteidigungsauftrag nicht mehr gerecht werden kann? Und wollen wir auf eine effiziente medizinische Forschung verzichten? Vermutlich nicht. Deshalb muss moralisierende Scheinheiligkeit demaskiert werden. Man darf ihr nicht nachgeben, auch wenn es bequem ist, mit dem Rudel zu heulen.

Stattdessen müssen die Konsequenzen reduzierter Weltbilder von einer höheren Warte durchdacht, gewertet und artikuliert werden, um dann die Moralprediger mit diesen in aller Deutlichkeit zu konfrontieren  Und im nächsten Schritt muss die Frage erlaubt sein ob sie persönlich bereit wären, die Risiken, die sich aus ihren Anschauungen ergeben, zu tragen. In diesem Zusammenhang nur zwei Fragen: Gesetzt den Fall, Frau von der Leyen hätte die Armee während ihrer Amtszeit als Verteidigungsministerin nicht vom Feldherrenhügel betrachtet sondern wäre gezwungen gewesen, in Afghanistan mitzukämpfen. Dann hätte auch ihr eigenes Leben davon abgehangen, ob die Truppe einsatzfähig ist. Wäre sie bei ihrem weltfremden Standpunkt geblieben? Und würden radikale Tierschützer bei ihrer Sichtweise bleiben, wenn sie sich sämtlichen Segnungen der modernen Medizin konsequent enthalten müssten? Vermutlich kämen selbst Hardliner zur Einsicht, dass Handeln und Reden zwei verschiedene Dinge sind, wenn vor einem großen Eingriff bei Ihnen das Narkosegerät ausbleibt und der Chirurg das Skalpell zum Schnitt ansetzt. 

Mut zum Mut

Eltern die ihre Kinder lieben, neigen dazu, sie zu beschützen. Trotzdem dürfen sie diese nicht überprotektionieren. Das wichtigste Ziel ist schließlich, diese zur Selbstständigkeit zu erziehen.                

Irgendwas war anders mit den Flüchtlingskindern. Es dauerte eine Weile bis man es merkte: Wenn die Burschen mit ihren klapprigen Fahrrädern vom Sperrmüll um die Ecken sausten und lachend über die Bürgersteige schanzten, dann taten sie das mit einer Geschwindigkeit, einem Geschick und einer Freude, die man bei uns, zumindest im städtischen Raum, nur noch vereinzelt sieht. Unsere Kinder findet man selten alleine auf der Straße, dafür um so häufiger in Begleitung der Eltern, zum Beispiel im Café mit einem Kinder-Cappuccino in der Hand. Weil die Gespräche der Erwachsenen die Kleinen verständlicherweise langweilen, quengeln sie oder vertreiben sich die Zeit mit dem Smartphone. Das wiederum gibt den Erwachsenen einen willkommenen Anlass für einen kulturpessimistischen Diskurs: Man beklagt den Wandel der Zeit, und dass Kindheit früher etwas ganz anderes war. Da spielte man draußen im Dreck und nicht in einer zweidimensionalen, aseptischen Computerwelt. Das mag stimmen. Welche Kinder kämen heute noch schnell genug über den Zaun, wenn sie, die Taschen voll mit geklautem Obst, vom wutschnaubenden Nachbarn verfolgt würden?  Aber – ist das die Schuld der Kinder? Ist es deren Wille, mit den Eltern Kaffee trinken zu gehen oder sich Hand-in-Hand mit Mama und Papa die Schaufensterauslagen anzugucken? Wohl kaum. Es ist doch eher eine zwangsläufige Konsequenz der Rollen, die wir Erwachsene den Kindern und Jugendlichen unserer Zeit zudenken. Und die Kinder machen einfach das, was sie immer getan haben. Sie besetzen vertrauensvoll die Verhaltensnischen, die die Älteren für sie vorgesehen haben, bis sie diese in der Pubertät hoffentlich auch in Frage stellen. Deshalb kommt das verbreitete Wehklagen, die Kinder würden sich seltsam entwickeln und fragwürdige Verhaltensweisen an den Tag legen, wie ein Bumerang auf uns Erwachsene zurückgeflogen.

Was nun Rollen und Verhaltensnischen sowie die damit verbundenen Entwicklungsräume angeht, so haben sich diese in den letzten 30-40 Jahren tatsächlich grundlegend verändert. In diesem Zusammenhang fällt ein Aspekt besonders ins Auge: Freiräume, in denen Zeit selbstverantwortlich gestaltet werden kann, mit all den damit verbundenen Chancen aber auch Risiken, sind von der Wiege bis zum Studienabschluss selten geworden. Eine Ausnahme bildet vielleicht das sorgsam inszenierte Gap-Year, in welchem man nach dem Abitur wahlweise in Neuseeland Natursteinmauern aufschichtet oder in einem chilenischen Elendsviertel den Straßenkindern das Violine spielen beibringt. Ansonsten herrscht gerade in der Mittel- und Oberschicht ein engmaschiger Geist der Planung. Das mag vor der Hand vernünftig erscheinen: Wir sind jetzt alle Teil einer globalen Welt mit einem nie gekannten Konkurrenzdruck. Zeit zu vertrödeln, die Kinder und Jugendliche einfach sich selbst zu überlassen, scheint in diesem Lichte fahrlässig zu sein. Das ist eine mögliche Lesart.  Aber wie wäre es mit einer anderen? Die Welt ist für uns Erwachsene in ihrer weltumspannenden Komplexität so unübersichtlich und wenig greifbar geworden, dass wir ängstlich versuchen Inseln der Ordnung zu schaffen, um uns der Illusion hinzugeben, dass das Leben und der Erfolg konstruierbar seien. Anstatt Kinder zu ermutigen, sich mit zwangsläufigen Unwägbarkeiten einer hyperkomplexen und sich rasant verändernden Welt auseinanderzusetzen, auch auf die Gefahr hin, dass sie ab und zu mal auf die Nase fallen, planen wir das Leben unserer Kinder und Jugendlichen wie ein Haus, bei dem die Gewerke hoffentlich geschmeidig ineinandergreifen, gerade so, als wäre Lebenserfolg einzig das Resultat einer effizienten Organisation, in der der Zufall keine Rolle spielt. Krippenplätze werden von vorausschauenden Eltern schon gebucht, bevor die Kleinen auf der Welt sind, dann werden Kita und Beruf feinsäuberlich miteinander verzahnt. Und bei der Wahl der Kita wird darauf geachtet, dass kognitive Fähigkeiten, die später einmal wichtig sein könnten,  etwa eine Fremdsprache wie Englisch oder noch besser Chinesisch von kompetenten Erzieherinnen bereits geschult werden, wenn die Hosenmatze noch Windeln tragen. Dann bitte eine Ganztagesschule, garniert mit einer perönlichkeitsfördernden Zusammenstellung außerschulischer Hobbys wie Klavier, Ballett oder Tennis. Schließlich eine vollverschulte Universität, wobei die Eltern die Zimmer ihrer Zöglinge mit aussuchen, gemeinsam den Stundenplan checken und vor dem Einschreibetermin mit gerümpfter Nase das Mensaessen in Augenschein nehmen. Es sollte schon gewährleistet sein, dass die Kinder gut schlafen und was Vernünftiges in den Magen bekommen. Das Studium – ein lang ersehnter Aufbruch in ein selbstbestimmtes Leben? Das ist für viele Schnee von gestern.

Egal, welche Lesart man bevorzugt, kann man darüber nachdenken, ob die Schwerpunkte, die wir Erwachsene für Kinder und Jugendliche in Erziehung, Schule und Universität setzen, tatsächlich zu deren Bestem sind oder nur dazu dienen, unser Gewissen zu beruhigen und unsere eigenen Ängste zu lindern. Gut gemeint ist ja oft das Gegenteil von gut gemacht. Aber was wäre denn am besten? Obwohl Erziehungsstile und Bildungspolitik kontrovers diskutiert werden, liegt doch zumindest eine Antwort auf der Hand: Egal ob wir Eltern, Erzieher, Lehrer oder Professoren sind, vermutlich haben wir zumindest ein gemeinsames Ziel: Wir möchten Kindern und Jugendlichen Fertigkeiten, mentale Werkzeuge, soziale Kompetenzen und Könnensbewusstsein an die Hand geben, damit sie in der Lage sind, auch mit der Lebenswirklichkeit außerhalb von Elternhaus und Bildungseinrichtungen zurechtzukommen, um schlussendlich ein selbstbestimmtes und zufriedenes Leben führen zu können. Und das größte Unglück wäre doch wohl, wenn wir uns eines Betruges schuldig machen würden, indem wir ihnen in Erziehung und Bildung eine Wirklichkeit vorgaukelten, die mit dem echten Leben nach Abschluss der Berufsausbildung nichts zu tun hat. Provokativ formuliert: Die von uns mit guten Vorsätzen geschaffenen Schutzräume hätten dann eine vergleichbare Funktion wie ein Glashaus für eine wachstumsoptimierte Hollandtomate. Deren Gedeihen ist genau solange gewährleistet, wie der Wind nicht zu stark weht. Aber was passiert, wenn das Glashaus im Sturm zu Bruch geht? Dann gibt es ein schmerzhaftes Erwachen. Ist diese Sorge begründet? Oder völlig überzogen? 

Wenn man genauer hinschaut, mehren sich die Zeichen, dass wir uns leichtsinniger Weise die Welt in Erziehung und Bildung schön lügen. Und diese Form von Realitätsverleugnung macht Konsequenzen möglich, vor denen man mit Fug und Recht Angst haben darf. 

Ein zugegeben extremes Beispiel hat in jüngerer Zeit Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen geliefert: Frau von der Leyen möchte der fordernden Rekrutenausbildung bei der Bundeswehr mit ihren anstrengenden Gewaltmärschen die Härte nehmen. Jeder soll mitmachen dürfen. Zum einen möchte von der Leyen nicht, dass Frauen benachteiligt werden, zum anderen fällt es auch jungen männlichen Soldaten zunehmend schwerer, die geforderten Leistungen zu erbringen. Außerdem braucht die schrumpfende Bundeswehr dringend Personal und es gibt nach ihrem Verständnis in der Armee genug Aufgaben, bei denen man nicht durch den Schlamm rutschen muss. Das Problem? Nach der Meinung erfahrener Militärausbilder wären Soldaten und Soldatinnen dann auf reale Einsatzsituationen nicht mehr vorbereitet. Es wäre also nicht auszuschließen, dass das politisch korrekte Verhalten der Verteidigungsministerin im schlimmsten Fall fatale Konsequenzen hätte – wenn nämlich ein im Hindukusch groß gewordener Taliban noch behände liefe, während Soldaten der Bundeswehr auf einem Rückzug die Puste ausginge und gerade kein gepanzertes Fahrzeug zur Flucht bereit stände.

Doch unabhängig von einem solchen Extrembeispiel, Anzeichen einer vielleicht gut gemeinten aber trotzdem fragwürdigen Realitätsverleugnung zeigen sich auch in vielen anderen Lebensbereichen. Bleiben wir bei der oben gemachten Beobachtung:  Auf der Straße tobende Kinder, die ohne elterlichen Schatten ihre Zeit selbst bestimmen, sind im städtischen Raum Ausnahmeerscheinungen. Stattdessen? Betreutes Leben – 24 Stunden am Tag. Selbst Kinder im Alter von vier Jahren werden von ihren Eltern gerne gehoben und geschoben. Und das Abenteuer Schulweg wird auch nicht mehr allen zugemutet. Der Taxiservice der Eltern steht parat, besonders wenn das Wetter schlecht ist. Auch zuhause ist das Leben selten motorisch spannend und anregend. Da wird ebenfalls viel gesessen, günstigenfalls mit einem Buch in der Hand. Folgerichtig haben sich motorische Fertigkeiten der Kinder und Jugendlichen in unserer behüteten Welt ziemlich verschlechtert. Wenn vierjährige Kinder heute zu uns in den Tanzunterricht kommen, dann können sie oft nicht rückwärts laufen, es fällt ihnen schwer auf einem Bein zu balancieren oder sie trauen sich nicht von einer 20 Zentimeter hohen Treppenstufe zu springen. Wenn sie es dann doch wagen, werden sie von den anwesenden Müttern, die jeden Fortschritt der Kleinen akribisch beäugen, euphorisch beklatscht, als hätten sie einen 8000er ohne Sauerstoff bestiegen. Einen Purzelbaum zu machen halten dann aber viele Mütter und Kinder für eine unzumutbare Form von Akrobatik. Folgerichtig können sie es mit sieben Jahren immer noch nicht. Das gilt selbstverständlich nicht für alle Kinder aber leider für viele. Käme es zu einer vergleichbaren Deprivation im sprachlichen Bereich, dann würden die Kinder bei der Einschulung nuscheln und stammeln. Darüber hinaus wären sie nicht in der Lage, zusammenhängende Sätze zu sprechen. Man male sich den öffentlichen Aufschrei aus! Doch die nicht mehr selbstverständliche Fähigkeit, sich flüssig zu bewegen, scheint im Vergleich eher wenig Problembewusstsein und Handlungsdruck auszulösen. Aber wen wundert das? Gemäß einer Umfrage sind mehr als 50% der deutschen Kinder noch nie auf einen Baum geklettert! Dafür kennen sie Bäume aus abstrakteren Zusammenhängen. Sie wissen, dass sie notwendig sind, um CO2 zu binden und den Klimawandel abzuwenden. Eine wichtige Erkenntnis, aber mit dieser einseitigen Betrachtung bekommt der Wald etwas Museales und ist damit alles andere, nur kein aufregender Erlebnisraum für neugierige Kinder. Und wenn diese dann doch mal wagen möchten, einen echten Baum mit Händen und Füßen zu erklettern, dann können besorgte Eltern einen zertifizierten Baumkletterkurse buchen. Der ist natürlich teuer zu bezahlen. 

Jetzt kann man an dieser Stelle natürlich die ketzerische Frage stellen, ob wir diesen ganzen motorischen Schnickschnack überhaupt noch brauchen? Jede Zeit hat ihre eigenen Herausforderungen. Wir müssen schließlich nicht mehr mit der Spitzhacke Kohle aus einem Flöz schlagen. Wenn es heute wichtig ist, im Affenzahn mit der Computermaus über den Bildschirm zu jagen, warum macht es dann noch Sinn, zu klettern oder einen Purzelbaum zu schlagen? Vielleicht wird der Körper ja, wie uns einige digitale Propheten weis machen wollen, in Zukunft sowieso überflüssig. Wir lägen dann – wie in den Science Fiction-Filmen –  als Gehirne in einer handwarmen Lake aus Nährstoffen und sind mit der Welt nur noch mit Drähten verbunden. Oder die Information wird direkt aus dem Gehirn ausgelesen und in ein weltumfassendes Datennetzwerk eingespeist, das abstrakte Weltenhaus künftiger Generationen, ein digitaler Garten Eden.

Obwohl sich prominente Denker wie Ray Kurzweil – immerhin der Chefentwickler von Google – zu solchen Visionen versteigen, ist das sicher zu kurz gedacht. Deshalb lohnt es sich, genauer hinzugucken! Schließlich war und ist unser Körper seit Menschengedenken das wesentliche Werkzeug zum Welterwerb und wird es auch in Zukunft bleiben. Diese zentrale Einsicht lässt sich mit einem harmlos anmutenden Experiment verdeutlichen, das leider folgenschwere Konsequenzen hat: Was passiert mit einem Kätzchen, das gerade die Augen aufschlagen hat und welches man fortan durch die Welt trägt, anstatt es auf den eigenen Beinen neugierig seinen Lebensraum erkunden zu lassen? Das erschütternde Ergebnis: Das Kätzchen lernt das Sehen nicht – es bleibt blind! Wie ist das möglich? Die Augen waren doch offen?  

Das erstaunliche Resultat, das sich eines fast vergessenen Experiments des  Psychologen Richard Held verdankt, muss uns zu denken geben, wenn wir nicht nur über die Entwicklung von Katzen nachdenken sondern auch über die kleiner Kinder.  Was nämlich für Katzen gilt, das gilt für Menschen umso mehr. Je höher entwickelt ein Gehirn ist, desto weniger ist es bei der Geburt “fest verdrahtet“. Es entwickelt sich erst in der intensiven Auseinandersetzung mit der Umwelt, um schlussendlich optimal an diese angepasst zu sein! Dieser Entwicklungsprozess, der uns so selbstverständlich erscheint, dass wir nur wenig über ihn nachdenken, ist jedoch von abgründiger Komplexität. Eine Sache weiß man in diesem Zusammenhang allerdings genau: Man muss mit der Welt in ihrer ganzen Vielfalt interagieren, damit sich das Gehirn an diese Welt optimal adaptiert! Das ist der Dreh- und Angelpunkt. Die Komplexität dieser kindlichen Erfahrungsbildung sei an einem Beispiel verdeutlicht. Was bedeutet es, ein räumliches also drei-dimensionales Bild der Welt zu konstruieren? Machen Sie ein Gedankenexperiment! Schneiden Sie mit einem scharfen Messer einen Tischtennisball in zwei gleiche Hälften! Halten Sie diese mit der Wölbung nach Innen vor Ihre Augen! Jetzt haben sie eine ungefähre Vorstellung davon, wie die Bilder aussehen, die von den Linsen ihrer Augen auf die inwendigen Netzhäute projiziert werden. Da haben wir also zwei extrem verzerrte zweidimensionale(!) Darstellungen der außenliegenden Welt, die zu allem Überfluss wegen des Abstands der Augen noch nicht einmal identisch sind. Fachleute sprechen hier von binokularer Disparität. Aber, was sehen Sie? Sie erblicken zum Beispiel  einen majestätischen Baum, der sich wie selbstverständlich in alle drei Raumdimensionen erstreckt. Von verstörenden Doppelbildern und grotesken Verzerrungen keine Spur! Das ist eine ungeheuere Konstruktionsleistung Ihres Gehirns. Und wenn man schon nicht in allen Details weiß, wie dieser “Zaubertrick“ funktioniert, so ist zumindest eines klar: Um diese Leistung zu vollbringen muss man eifrig üben, denn das sich organisierende Gehirn braucht zum Feintuning die Auseinandersetzung mit der Außenwelt! In diesem Entwicklungsprozess gibt es Phasen, in denen Mobilität keine so große Rolle zu spielen scheint – schon im Alter von wenigen Monaten können Babys dreidimensionale Gegenstände offenbar als solche erkennen. Für andere Aspekte der räumlichen Wahrnehmung ist es allerdings unabdingbar, sich in der realen Welt zu bewegen, Dinge anzufassen, die man betrachtet, sie zu umlaufen und Erfahrungen mit ihnen zu machen. Tun Kinder das nicht, besteht die Gefahr, dass die Passivität einschneidende Folgen hat. Dieser Umstand ist experimentell belegt: Man zeigt einem kleinen Kind ein Spielzeug und versteckt es dann auf einem Tisch mit vielen anderen Sachen, so dass es das Spielzeug von seinem Standpunkt nicht sehen kann. Trägt man das Kind nun um den Tisch herum, sodass es das Spielzeug finden könnte, wenn es richtig hinsähe, dann entdecken viele der getragenen Kinder das Spielzeug nicht. Dürfen sie aber auf ihren eigenen Beinen um den Tisch laufen, finden sie es öfter. Bekannt ist auch das Experiment von Richard Walk und Eleanor Gibson. Bei diesem legt man eine stabile Glasplatte über einen Abgrund. Auf der einen Seite ist die Mutter, die das Kind zu sich locken möchte. Kinder mit wenig Bewegungserfahrung kriechen zielsicher auf sie zu und würden stürzen, wenn die Glasplatte sie nicht hielte. Kinder, die gewohnt sind, sich zu bewegen, machen diesen Fehler nicht. Sie verharren trotz der Lockrufe auf der sicheren Seite, weil sie den Abgrund erkennen und mental vorwegnehmen, was es bedeuten würde, hinunterzufallen. 

Vor diesem Hintergrund müssen wir eine provokative Frage stellen: Wie ist es zu bewerten, dass in Kindergärten Bäume gefällt werden und Erzieherinnen regresspflichtig gemacht werden, wenn ein Kind vom Baum fällt. Wäre es nicht besser, den Baum stehen zu lassen und den Kindern das Klettern beizubringen? Vor allen Dingen, weil gerade die am häufigsten stürzen, die nicht klettern können, genauso wie die Kinder häufiger ertrinken, die nicht in der Lage sind zu schwimmen.

Um zu erkennen, dass eine ausgeprägte Angst vor dem Risiko nicht nur individuelle Konsequenzen hat sondern auch gesellschaftliche, lenken wir unseren Blick kurz nach Amerika. In den USA laufen Eltern, die ihre Kinder zur Selbstständigkeit erziehen wollen, Gefahr, bestraft zu werden. Im schlimmsten Fall droht ihnen sogar, das Sorgerecht zu verlieren. Kinder alleine auf dem Weg zur Schule sind ein No-Go. Und eine New Yorker Mutter – Leanore Skenazy – die das partout nicht einsehen wollte und ihren Sohn alleine mit der U-Bahn fahren ließ, wurde mehrmals öffentlich zur schlechtesten Mutter des Jahres gewählt. Das Beispiel Amerika zeigt nun in aller Deutlichkeit, dass wir überbehütete Kinder nicht nur um elementare Welterfahrungen betrügen.  In den USA wurde nämlich ein wissenschaftliches Ergebnis publik, das aufhorchen lässt. Interessanter Weise ging es in diesem Zusammenhang nicht um das Wohl der Kinder und ihre Fähigkeit das Leben zu meistern. Ausschlaggebend waren ökonomische Befürchtungen! Im Fokus stand die seit Jahren schwindende gesamtgesellschaftliche Kreativität. Die renommierte amerikanische Kreativitätsforscherin  Kyung Hee Kim redet gar von einer ausgemachten Kreativitätskrise. Gemäß ihrer Untersuchungen hat die Fähigkeit der Kinder ungewöhnliche Ideen hervorzubringen seit 1990 rapide abgenommen. Darauf konnte man sich anfänglich keinen rechten Reim machen. Denn es gibt ja den bekannten Flynn-Effekt: Seit Generationen werden Jugendliche im Intelligenztest immer besser. Wenn man nun die Intelligenz, die diese Testverfahren angeblich messen, mit Erfolg im Leben gleichsetzen könnte, dann wäre alles in Butter. Dem ist aber leider nicht so. Ein hoher IQ korreliert hauptsächlich mit guten Schul- und Studienleistungen, sonst sind die Beziehungen eher dürftig. Selbst Nobelpreisträger und Schachgroßmeister müssen definitiv keine Mitglieder eines Hochbegabtenklubs sein. Der Nebel lichtete sich, als man genauer hinsah und die Kindheit vor 30-40 Jahren mit denen von heute verglich. Der wesentliche Unterschied? Damals gab es eben keine allgegenwärtigen elterlichen “Spielebestimmer“, die sorgsam darauf achteten, dass die Art der Beschäftigung und das gesellschaftliche Umfeld der intellektuellen Entwicklung und potenziellen Karriere zuträglich waren. Wenn Kindern langweilig war, dann lag es allein in ihrer eigenen Verantwortung, diesen Zustand mit einer guten Idee zu ändern. Und für Heranwachsende war es eine spannende Herausforderung, den eigenen Aktionsradius beständig zu vergrößern und die damit verbundenen Schwierigkeiten zu meistern. Das war aufregend und manchmal auch nicht ohne Gefahr. Zuerst die Straße vor dem Haus, dann Wald,  Wiesen und Bäche erkunden, Freunde finden, aber auch Menschen meiden, die einem nicht wohl gesonnen sind.  Wenn man sich die Freiheit auf diese Weise Schritt für Schritt erschließt, dann wachsen die Problemlösungskompetenz und das Gefühl herausfordernden Situationen gewachsen zu sein auf ganz natürliche Weise. Und ist es wirklich schwer zu verstehen, dass ein einfaches Spielzeug wie ein Stock, der in den Händen eines phantasiebegabten Kindes zum Schwert oder Hexenbesen wird, mehr Einfallsreichtum erfordert als eine bunte Transformerfigur aus Plastik, deren Bedeutung Regisseure und Spieleentwickler in ihren Skripten schon festgelegt haben? Kreativität und Mut braucht man also, um seinen Lebensraum zu erkunden, eigenständig Spiele zu erfinden und Lösungen für Probleme zu entwickeln. Damit wären wir dann aber auch direkt bei den Schlüsselkompetenzen freien Unternehmertums, für die man in Amerika mit seiner “Young man-go west!“-Mentalität sensibilisiert ist und die rasant zurückzugehen scheinen.

Kann es also sein, dass man mit dem gut gemeintem Überprotektionismus das Kind mit dem Bade ausschüttet? In letzter Konsequenz werden wohl nicht nur die Kinder geschädigt. Da Kreativität und Mut fehlen, leidet auch die gesellschaftliche Innovationsfähigkeit.  Und es lohnt sich in diesem Zusammenhang, über eine weitere Frage nachzudenken: Stehen die Kreativitäts- und Mutkrise, über die auch in Deutschland geklagt wird und die endemisch wachsende Zahl depressiver junger Menschen in einem Zusammenhang? Gemäß einer gerade erschienen Studie der Barmer Ersatzkasse sind 25 % der 18-25jährigen in Deutschland depressiv! Wenn man Kreativität als Fähigkeit auffasst, für Probleme Lösungen zu finden, diese Fähigkeit aber schwindet und gleichzeitig selbst auferlegte und vom Umfeld an die jungen Menschen herangetragene Anspruchshaltungen immer größer werden, dann könnte das tatsächlich einen verhängnisvollen Cocktail ergeben. Zu dieser Vermutung würde auch die Beobachtung passen, dass an den Universitäten kreative und nicht-angepasste Querköpfe immer seltener zu finden sind. Auf einer der letzten Nobelpreisträgertagungen in Lindau beklagten die Laureaten, dass von all den hochbegabten Studenten mit ihren Stipendien während der gesamten Zeit nicht eine vernünftige Frage gestellt worden war. Junge Wissenschaftler als brillant-biedere Erfüllungsgehilfen, aber von visionären Ideen keine Spur. Und die Volkswagen-Stiftung sucht für ihr Freigeister-Fellowship verzweifelt Promoventen, deren Arbeiten gegen den Strich gebürstet sind, um sie mit viel Geld zu unterstützen. Das Problem? Sie finden fast keine! Aber ist das verwunderlich in einem Wissenschaftssystem, das als Spiegel der Gesellschaft das Risiko meidet wie der Teufel das Weihwasser? Hätten ein Kopernikus, ein Kepler, Darwin oder Einstein heute noch die Möglichkeit, eine akademische Karrieren zu machen und wissenschaftliche Reputation zu erlangen? Das ist nur schwer vorstellbar. Wissenschaftlicher Erfolg hängt im gegenwärtigen Forschungsbetrieb vorwiegend vom Urteil Gleichgesinnter ab, die Arbeiten Gleichgesinnter beurteilen, die in Journalen Gleichgesinntes veröffentlichen. Ein hochgradig rückbezügliches System, das für große gedankliche Umbrüche wohl nicht das optimale Umfeld bietet. 

Die Angst vor dem Risiko, die wir schon in der Kindeserziehung so deutlich beobachten, hat also erhebliche Konsequenzen – individuelle und gesellschaftliche. Wenn man schon von Kindesbeinen an nicht unterstützt wurde, sich belastenden Situationen zu stellen, dann wird sich die Schlüsselkompetenz, mit Einfallsreichtum und Zuversicht Herausforderungen anzugehen, nicht entwickeln. In der Folge wird man solche Situationen logischerweise meiden, da man sich ihnen nicht gewachsen fühlt und sie einem Angst einjagen. Und die Angst wird zu einem Lebensgefühl, wenn man dann mit Erschrecken feststellt, dass das Leben nach der Ausbildung mit dem wohltemperierten Glashaus der frühen Tage wenig bis gar nichts zu tun hat. Wenn eine einzige Stelle zu vergeben ist und sich 50 Leute bewerben, dann wird es genau 49 lange Gesichter geben. Sollen wir dann denen, die keinen Arbeitsplatz bekommen, wie in manchen Schulen eine tröstende Urkunde geben? “Herzlichen Glückwunsch zum 49. Platz, das hast Du toll gemacht! Wir danken Dir für Deine Teilnahme“ Diese Wirklichkeitsverweigerung, die dem Kind angeblich Frustration ersparen soll, ist in einem realen Kontext albern und verantwortungslos. Wenn wir unseren Kindern nicht helfen Mut und Kompetenz und damit verbundenes Selbstbewusstsein zu erlangen, dann sind spätere große Enttäuschungen vorprogrammiert. Wäre es deshalb nicht besser in Schule und Erziehung Kinder und Jugendliche an Herausforderungen heranzuführen und ihnen zu helfen mit diesen und zwangsläufig auftretenden kleinen Rückschlägen umzugehen? Das wäre vernünftig, vor allen Dingen, wenn man in Rechnung stellt, dass die mittlerweile verbreitete Glashausmentalität eine virale Komponente hat. Wenn man selbst nicht gelernt hat, kreativ zu improvisieren, Gefahren und Belastungen auszuhalten und solche Situationen deshalb als angstbesetzt erlebt, dann wird man solche fordernden Momente sicher nicht den eigenen Kindern zumuten. Da bleibt nur zu hoffen, dass diese selbst irgendwann den erstickenden Schutzraum, der aus unserer eigenen Angst gebaut ist, mutig mit einem Stein von Innen zerschmeißen. Denn die Sicherheit ist trügerisch und in letzter Konsequenz gefährlich. Wie heißt es im Volksmund? “Je mehr man plant, desto härter trifft einen der Zufall“ Aus diesem Grund kann es gerade in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen ein Ausdruck echter Liebe sein, ihnen die Lösung bestimmter Probleme einfach selbst zu überlassen, auch wenn das anfänglich mit Schwierigkeiten verbunden ist. Wenn junge Menschen etwas nicht brauchen, dann sind es Mensavorkoster und akribische Studienplanüberwacher. 

Die Welt ist keine Scheibe

Es gibt viele Dinge, die man nicht lernt, wenn man viel Zeit vor den Bildschirmen von Fernsehern und Computern verbringt

Wir schmunzeln über die Seefahrer, die vor etwa 500 Jahren nach Westen aufbrachen und von rasender Angst gepeinigt waren. Viele glaubten, die Erde wäre eine Scheibe und wenn man sich zu weit hinausbewegte, würde man mit seinem Schiff in einen brodelnden Abgrund fallen. Heute wissen wir es besser: die Erde ist eine Kugel. Es gibt keinen Abgrund. Finden wir es genauso zum Schmunzeln, wenn heute ein Großteil der Menschen die Welt zu einer Scheibe macht, obwohl sie eine Kugel ist? Sicher, in Zeiten von Corona ist der Computer zwangsweise das Kommunikationsmittel der Wahl. Doch auch in weniger aufregenden Zeiten ist es für für viele normal, einen großen Teil des Tages vor einem zweidimensionalen Bildschirm zu verbringen. Es gibt gute Gründe am Sinn dieser Normalität zu zweifeln. Aber Vorsicht! Man läuft Gefahr als Hinterwälder beschimpft zu werden, wenn man den exzessiven Umgang mit Fernsehen, Computer und Smartphones kritisiert. Viele wollen schließlich schnellstmöglich in die Zukunft rasen. Verständlich, dass technikaffine Manager wie Timotheus Höttges von der Telekom dafür plädieren, Kindern am besten schon in der Vorschule Grundlagen des Programmierens beizubringen. Das mag vernünftig erscheinen, wenn man es als vorrangiges Erziehungsziel betrachtet, junge Menschen so zu formen, dass sie mit ihrer digitalen Expertise die Konkurrenzfähigkeit des Industriestandorts Deutschlands sichern. Vertritt man den Standpunkt, dass das Leben aus mehr als Nullen und Einsen besteht und es darum geht, junge Menschen zu ertüchtigen, ihr Leben in Eigenverantwortung zu gestalten, dann darf man an diesem Ziel Zweifel äußern. Hier prallen Weltanschauungen aufeinander. Gerne weisen digitale Adepten darauf hin, dass es kompliziert sei, zu beweisen, dass etwa ausgedehnter Computergebrauch nachteilig wäre. Im Gegenteil: Kinder die sechs Stunden am Tag am Computer zocken, zeigen ein besseres Reaktionsverhalten und auch die Finger, die im Stakkato die Konsole bearbeiten, sind im Gehirn besser repräsentiert als die einer Vergleichsgruppe. Solchen Verteidigungsbemühungen muss man allerdings eine wissenschaftstheoretische Binsenweisheit entgegenhalten: Messen und bewerten lässt sich nur, was sich messen und bewerten lässt! Diese Einsicht hat gerade für viele komplexere Fragestellungen der Psychologie und Kognitionswissenschaften Konsequenzen, da sich diese nicht ohne weiteres in ein angemessenes Experimentaldesign pressen lassen. Man denke an die umjubelten bildgebenden Verfahren, mit denen man die Hirnaktivität bei einer bestimmten Aufgabenstellung misst. Leider muss man reglos in einem Tomographen liegen! Genau aus diesem Grund lässt sich mit diesem Messverfahren zum Beispiel wenig über Menschen in Bewegung herausbekommen. Man kann nicht mit einer solchen tonnenschweren Maschine auf dem Kopf durch die Welt tanzen. Das beherrschbare Experimentalszenario bestimmt also den Raum beantwortbarer Fragen. 

Wenn es nun für bestimmte komplexe Fragestellungen keine detaillierten Antworten existieren, dann heißt das nicht, dass es sie nicht gibt. Vielleicht liegen sie einfach außerhalb der momentan verfügbaren wissenschaftlichen Möglichkeiten. In solchen Fällen ist begründetes Argumentieren erlaubt und notwendig. Was lässt sich dazu sagen, dass sich Milliarden von Menschen den halben Tag mit zweidimensionalen Modellwelten auseinandersetzen?

Da steht an erster Stelle die Einsicht, dass Menschen sehr effizient funktionieren. Fertigkeiten, die wir üben, entwickeln sich. Alles, was nicht gebraucht wird, bildet sich zurück: “Use it or lose it“.  Dieses Prinzip ist fundamental. Es gilt für Kleinkinder genauso wie für Greise. 

So ist es eindrücklich, dass Säuglinge zu Leistungen in der Lage sind, die uns Erwachsene überfordern. Sie können zum Beispiel alle Sprachlaute dieser Erde unterscheiden. Ihr Gehirn ist überbestimmt. Es gibt anfänglich mehr synaptische Verbindungen zwischen den Neuronen als später gebraucht werden. Das ist evolutionär sinnvoll. Ein Kind kann als Inuit auf die Welt kommen oder als Indio. Es muss gewährleistet sein, dass es sich seiner Kultur optimal anpasst. Richtet sich sein Fokus nun auf die ihn umgebenden Sprachlaute, dann bedingt das “Use-it-or-lose-it-Prinzip“, dass es sich für genau diese sensibilisiert. Die Fähigkeit, andere Laute zu diskriminieren, verschwindet. Aber nicht nur Babys sind anpassungsfähig. Pflegeheimbewohner, die beginnen, mit Hanteln zu arbeiten, verdoppeln in kurzer Zeit ihre Kraft und selbst kognitive Fähigkeiten lassen sich im Alter trainieren.

Welche Fertigkeiten werden bei Kindern gefördert, die vor einem Bildschirm sitzen? Wenn das Programm anspruchsvoll ist, lernen sie einer inszenierten Handlung zu folgen. Informieren sie sich im Internet, werden sie klüger. Wenn sie zocken, entwickelt sich eine spezifische Auge-Hand-Koordination. Was für Fertigkeiten aber werden vernachlässigt, sodass die Gefahr besteht, dass sie verkümmern oder sich gar nicht erst entwickeln? Da gibt es an erster Stelle ein sinnliches Defizit: Aus Monitoren dampfen keine Gerüche, man schmeckt nichts und aus der Mattscheibe kommen keine Hände, die einen berühren. Außerdem ist der innere Sinn, die sogenannte Propriozeption, beim Sitzen in einer Art gelangweilten Stand-by-Modus. 

Noch eindrücklicher ist das interaktive Defizit. Hier muss uns ein Experiment des Psychologen Richard Held aus dem Jahre 1962 als Warnung dienen. Er zeigte, dass ein Kätzchen, das die Augen gerade aufgeschlagen hat, blind bleibt, wenn es nicht auf den eigenen Beinen herumlaufen darf und man es stattdessen durch die Welt trägt! Gerade die Entwicklung der Tiefenwahrnehmung ist auf Bewegung angewiesen. Deshalb stürzen die Kinder eher selten, die die viel auf Bäume klettern. Verletzen tun sich oft die, die noch nie auf einem Baum gewesen sind und es dann einmal versuchen. 

Das interaktive Defizit hat aber auch noch eine abstraktere Komponente: Der Bewegungsraum ist ein Bedeutungsraum! Dinge bekommen nicht allein dadurch Bedeutung, dass wir sie passiv betrachten. Mitentscheidend sind Handlungserfahrungen! Was ein Ball ist, weiß nur, wer mit Bällen gespielt hat, der weiß wie sie rollen, wie sie hüpfen und wie sie sich fangen lassen. Das erfährt man sicher nicht dadurch, dass man mit den Augen einer zweidimensionalen Projektion eines Balls auf einem Bildschirm folgt. Warum? Damit sind wir beim wichtigen Thema der Simulation. Das menschliche Gehirn ist eine hochkomplizierte Simulationsmaschine, die man allerdings gebrauchen und kallibrieren muss, damit sie funktioniert. Warum kann man Bälle fangen? Weil das trainierte Gehirn die Flugbahn schneller berechnet, als der Ball fliegt, sodass man sich rechtzeitig positionieren kann. Welche Konsequenzen es hat, wenn man körperliche Fertigkeiten nicht mehr übt, erleben wir gerade in der Ausbildung künftiger Chirurgen. Den digital natives müssen an der Universität einfachste Handfertigkeiten beigebracht werden. Andernfalls wären sie nicht in der Lage, mit Nadel und Faden eine Naht zu ziehen. Das ist ein neues Phänomen. Basteln ist out.

Elementar aber trotzdem komplex ist auch die soziale Simulation. Betrachten wir ein gewöhnliches Gespräch! Bei diesem werden nicht nur Worte ausgetauscht. In jedem Gespräch gibt es eine sublime Aura körpersprachlicher Signale, die von den Gesprächspartnern meist unbewusst gesendet und empfangen werden. Die Lautstärke der Stimme, die Stimmlage, die Art und Weise Pausen und Betonungen zu setzen, das Minenspiel, der Gesprächsabstand, die Körperhaltung, .. . All diese Signale sind wichtig, das Gehörte zu interpretieren. Dieser Prozess ist wiederum davon abhängig, was in der Vergangenheit bereits gesprochen wurde! Es gibt also zwischen Gesprächspartnern eine interdependente Semantik, die nur diese fühlen und und in Maßen zu deuten wissen. Was hat das mit Simulation zu tun? Angenommen, man möchte im Gespräch einen heiklen Punkt ansprechen, ohne den anderen zu verletzen. Man muss seine Worte also mit Bedacht wählen. Bevor man den Mund aufmacht, versucht man deshalb, sich in die Rolle des anderen hineinzuversetzen und simuliert, wie er sich fühlen würde, wenn man den intendierten Satz ausspricht, was nur vor dem Hintergrund des gemeinsam Erlebten möglich ist.

Wahrscheinlich ist diese soziale Simulation die anspruchsvollste Leistung des menschlichen Gehirns überhaupt und Kinder müssen dieses schwierige Wechselspiel in realen Gesprächen ausdauernd üben, um kompetente und einfühlsame Sprecher zu werden. Entscheidende Teile dieses Wechselspiels finden aber nicht statt, wenn Menschen vor Computern oder Fernsehern sitzen. Da ist niemand, der reagiert, da ist niemand, mit dem man eine persönliche Geschichte kreieren kann. Deshalb steht zu befürchten, dass sich diese wichtigen Fertigkeiten bei Kindern nur unzureichend entwickeln oder bei Erwachsenen degenerieren. Beschränkt man die Zeit vor dem Bildschirm auf wenige Stunden am Tag, ist vermutlich kein Schaden zu befürchten. Sind es aber sechs bis zwölf Stunden, müssen bei uns die Alarmglocken schrillen und wir sollten uns die Frage stellen, warum wir die Welt zur Scheibe machen, obwohl wir wissen, dass sie eine Kugel ist.

#ModernerLiberalismus

Von Thomas Lange 

Der Liberalismus hat ein Imageproblem. Treffen seine Wortführer womöglich zu selten den richtigen Ton in öffentlichen Debatten? Zeit zu fragen: Was macht modernen Liberalismus aus? 

Moderner Liberalismus steht für Selbstbestimmung und (!) Solidarität. Eine liberale Gesellschaft schätzt die menschliche Einzigartigkeit und Vielfalt. Sie schützt daher unsere individuellen Freiheiten und fördert unsere Selbstentfaltung. Sie stärkt aber auch den sozialen Zusammenhalt, federt Härten ab, fängt auf, wenn Lebensentwürfe scheitern, und verhilft immer wieder zu zweiten Chancen. Solidarität endet dabei nicht am nationalen Tellerrand – erst recht nicht, solange es Armut auf der Welt gibt. 

Moderner Liberalismus steht zur Marktwirtschaft. Unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft ist sie das beste bekannte Mittel, um möglichst vielen Menschen ein gelingendes Leben zu ermöglichen. Eine gut geordnete Marktwirtschaft ist anderen Systemen daher nicht nur ökonomisch überlegen, sondern auch moralisch. Fehlentwicklungen in real existieren Marktwirtschaften lassen sich in der Regel nicht durch „Überwindung“ von Marktmechanismen lösen, sondern durch angepasste Rahmenregeln und kluge Re-Designs des Marktes. 

Moderner Liberalismus steht für Nachhaltigkeit. Er steht für rationalen Umwelt- und Klimaschutz, der ohne Symbolpolitik und Moralismus auskommt und sich stattdessen – nüchtern und sachlich – an den Kriterien Wirksamkeit, Effizienz und Gerechtigkeit ausrichtet. Marktbasierte Instrumente, die sich am Verursacherprinzip orientieren und den Wettbewerb und das ökonomische Prinzip der Arbeitsteilung als bewährtes Entdeckungsprinzip für die kreativsten und besten Lösungen nutzen, spielen dabei eine wichtige Rolle. Nachhaltigkeit heißt aber auch, die finanziellen Handlungsspielräume zukünftiger Generationen nicht über Gebühr einzuschränken: Vor allem die sozialen Sicherungssysteme müssen demographie- und zukunftsfest gemacht werden. 

Moderner Liberalismus geht davon aus, dass Wissen und Kreativität unbegrenzte Ressourcen sind. Daraus resultiert sein Optimismus, dass in Fortschritt und Vernunft die Schlüssel zur Lösung der gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit liegen. 

Moderner Liberalismus steht für Zukunftsperspektiven. Er setzt sich für einen ungehinderten und gerechten Zugang zu Bildung ein, für individuelle Förderung und Befähigung, für Aufstiegschancen – in jeder Lebensphase. Er bekennt sich auch klar zur Exzellenz: Spitzentalente verdienen Spitzenförderung. Er setzt auf Fortschritt, neue Technologien und Innovation – und hat dabei immer die Menschen im Blick, ihre Freiheits- und Selbstbestimmungsbedürfnisse ebenso, wie ihre Schutz- und Solidaritätsbedürfnisse. Im Strukturwandel setzt er auf individuelle Befähigungsstrategien (z.B. Lebenslanges Lernen) und Teilhabe am Fortschritt, nicht auf strukturkonservative Besitzstandswahrung. 

Moderner Liberalismus steht für Respekt vor Anstrengung und Leistungsbereitschaft. Er honoriert individuelle Leistungen und Leistungsfähigkeit, erkennt aber auch an, dass Menschen mit unterschiedlichen Talenten gesegnet sind, unterschiedliche Startvoraussetzungen haben und auf sehr unterschiedliche Weise Glück und Unglück erfahren können. Wer leistet, was er kann, verdient Anerkennung und Respekt. 

Moderner Liberalismus sucht die Debatte und macht es sich nie leicht. Er versucht mit Argumenten zu überzeugen – akzeptiert aber auch, dass Positionen verrückbar sind. Er weiß, dass die Welt komplex ist, und anerkennt, dass es auf schwierige Fragen keine einfachen und eindeutigen Antworten gibt. Er hinterfragt Überzeugungen und lässt Zweifel selbstbewusst zu. Er kennt den Unterschied zwischen Moralismus und Moral. 

Moderner Liberalismus verlässt sich nicht darauf, dass moralische Appelle und eine gute Gesinnung groß-gesellschaftliche Probleme lösen. Er setzt stattdessen auf die „Verbesserung rechtlicher und ordnungspolitischer Institutionen in der Absicht, uns zu bewegen, auch aus Eigeninteresse zu tun, was das Gemeinwohl erfordert“, wie Hermann Lübbe es formulierte. 

Moderner Liberalismus weiß um die Verletzlichkeit der Demokratie und der offenen Gesellschaft. Er versucht sie daher nicht nur mit Paragraphen und Ordnungsmacht zu schützen, sondern setzt sich auch für einen zivilisierten Ton und Umgang im gesellschaftlichen Diskurs ein, hört zu und respektiert andere Meinungen, grenzt nicht aus, polarisiert nicht, skandalisiert nicht. Er weiß um den gesellschaftlichen Wert von Ausgleich und Kompromissen. 

Für den modernen Liberalismus sind die Freiheit und Würde des Einzelnen und die Solidarität unter den Menschen keine Widersprüche. Gemeinsam machen sie das gelingende Leben aller Menschen aus. Genauso sind Ökonomie und Moral keine Widersprüche: beide dienen gleichermaßen dem Menschen und dem gelingenden Leben.

––

Dieser Beitrag ist am 19. September 2020 zuerst auf dem Blog Der Debatte halber erschienen.

Ich bohre, also bin ich

Wie der erste Lockdown dazu führte, ein großes Gedankenrätsel zu lösen – Eine philosophische Humoresque

Ist es möglich, dass ein Tübinger Geschaftelhuber in Nachbars Garten, der mit einem Laublaser bewaffnet, einen bukolischen Sommernachmittag in ein dröhnendes Maschineninferno verwandelt, uns hilft, ein abstraktes philosophisches Problem zu lösen? In der Tat. Aufgeworfen wurde dieses Problem von dem Philosophen Richard David Precht in seinem Buch “Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“. Precht? Philosoph? Durchatmen. Hier soll nicht entschieden werden, ob Herr Precht ein ernstzunehmender Denker ist oder der “André Rieu der Philosophie“ wie Peter Sloterdijk ätzte, was wiederum die meist weiblichen Fans des schönen Solingers auf die Palme brachte, für die Sloterdijk die Physiognomie eines beleidigten Walrosses hat. Interessant ist hier nur Prechts mit Schwung vorgetragene These sowie die daraus abgeleitete Schlussfolgerung: Die intelligenten Maschinen machen in Kürze so gut wie Alle von uns arbeitslos. Das klingt alarmierend. Aber Precht spendet Trost und macht uns Hoffnung: Da uns das bedingungslose Grundeinkommen, finanziert aus einem rätselhaften Fortunati Glückssäckel, von wirtschaftlichen Sorgen befreit, sehen wir uns in nächster Zukunft mit einer in der Menschheitsgeschichte einmaligen Chance konfrontiert. Wir schwimmen alle in einem Meer aus freier Zeit, die nur darauf wartet, von uns auf das Schönste gestaltet zu werden. Soweit die Theorie. Doch manchmal kommt der Theorie die Praxis in die Quere, die dann Denker und Werk unbarmherzig in die Gruft der Erkenntnis stößt. Leider handelt es sich bei diesen philosophischen Praxisschocks öfter um Katastrophen. 

Die bekannteste war das Erdbeben von Lissabon am 1.Nov. 1755. Ausgerechnet am Allerheiligen bebte die Erde und die Gläubigen starben beim Beten in den zusammenbrechenden Kirchen während die Gefängnisse stehen blieben, aus denen die Verbrecher entkamen und die Geschäfte plünderten. Konnte ein gütiger Gott so ungerecht sein? Der gläubige Leibniz mit seiner besten aller Welten wurde auf einmal zum Gegenstand des Spotts, der atheistische Voltaire triumphierte und so nahm die Aufklärung Ihren Lauf. 

Für die Prechtsche “Theorie“ heißt der Praxisschock Corona. Das Wüten der Pandemie gab ihr den Gnadenstoß. Denn plötzlich war er da, der paradiesische Zustand. Zumindest für diejenigen, die das Privileg genossen, ihr Gehalt oft ohne Gegenleistung weiter beziehen zu dürfen: Jeden Tag satte 24 Stunden freie Zeit, die nur darauf wartete mit Sinn und Vergnügen gefüllt zu werden. Doch der anfänglichen Euphorie folgte nicht selten der Kater. Für viele wurden die eigenen vier Wände zum Horror. Wo lag das Problem? Ob man wollte oder nicht, man war plötzlich gezwungen, viel Zeit mit einem rätselhaften Wesen zu verbringen, das einem vielleicht doch nicht so angenehm war, wie man immer dachte: dem eigenen Selbst. Philosophen, Meister der selbstgewählten Quarantäne, raten in solchen Fällen zum therapeutischen Zwiegespräch mit sich selbst, damit man sich besser kennenlernt und aneinander gewöhnt. Doch das ist nicht so leicht, wie es sich anhört. Deshalb sprach der Erkenntnistheoretiker Odo Marquard von Einsamkeitskompetenz. Die ist nichts für Anfänger und man lernt sie nicht im Schnellverfahren. War das alte Leben vielleicht doch nicht so schlecht? Aber sich im Beruf abzulenken ging gerade nicht. Da bot sich eine andere Strategie an: Werkeln, werkeln, werkeln. Und so wurden, nachdem der erste Rausch der freien Zeit verflogen war, vor allem die Baumärkte geflutet und die verhinderten Sinnsucher munitionierten sich mit Werkzeugen und Baumaterialien. Und anschließend kam es zum Kampf der Welten. Kontemplationskünstler, Bücherwesen, Müßiggänger, alle die sich auf Odo Marquards langen Weg machten, wurde ihre Leidenschaft zum Verdruss, da der allgegenwärtige Maschinenfuror das Erspüren geordneter Denkbewegung unmöglich machte. Aber nicht verzagen, trotz zerrütteter Nerven gab es unterm Strich einen formidablen Erkenntnisgewinn. Prechts Traum vom baldigen Paradies auf Erden darf man zu den Akten legen. Aber der Solinger braucht sich nicht zu grämen. Und es kann ihm egal sein, dass der böse Sloterdijk ihn einen zweitklassischen philosophischen Stehgeiger schimpft. Denn er ruht jetzt mit einem ganz Großen der Philosophie in der Gruft überholter Erkenntnisse. Neben ihm liegt Philosophenkönig René Descartes, seine Meditationes de prima philosophia in der zitternden Hand. Auch dessen Gewissheitsformel “Ich denke also bin ich“ darf nach Corona als überholt gelten. “Ich bohre also bin ich“ ist das Gebot unserer Zeit. 

Die Macht der Meme

Die banalen Verschwörungstheorien der Coronagegner sind mindestens so infektiös wie das Virus und könnten dafür sorgen, dass die Pandemie wieder Fahrt aufnimmt. Die Vereinfachung komplexer Sachverhalte ist gefährlich

Um den englischen Säulenheiligen Isaac Newton öffentlich zu kritisieren, brauchte man zu Beginn des 19. Jahrhunderts Mut oder Größenwahn. Der junge Charles Babbage besaß beides. Als Student in Cambridge stieß er sich an der von Newton verwendeten umständlichen Notation, in der dieser die Infinitesimalrechnung dargestellt hatte. Der Deutsche Gottfried Wilhelm Leibniz hatte das eleganter gelöst. Das Undenkbare geschah. Babbage und ein paar Kommilitonen gelang es, den Widerstand der britischen Traditionalisten zu brechen. Die Notation setze sich auch auf der Insel durch! Wie konnte das geschehen? Als Erklärung könnte eine Theorie des britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins dienen, die sich auch auf gegenwärtige Verschwörungstheorien übertragen lässt. Dawkins erfand den Begriff des Mems. Während das Gen die Replikationseinheit der biologischen Evolution ist, unterstellte Dawkins, dass das Mem als Replikationseinheit der kulturellen Evolution fungiert. Als Beispiele für Meme nennt Dawkins: „Ideen, Melodien, Gedanken, Schlagworte, Kleidermoden, die Kunst, Töpfe zu machen oder Bögen zu bauen“. Dem sei hinzugefügt, dass auch das Bedürfnis, Dinge einfacher und effizienter zu gestalten, Ursache memetischer Replikation ist. Deshalb stand selbst in England die umständliche Newtonsche Fluxionsrechnung auf verlorenem Posten und musste dem Kalkül von Leibniz weichen. Solche gedanklichen Elaborate kann man metaphorisch als Viren des Geistes bezeichnen. Sie springen durch Kontakt von Mensch zu Mensch. Wie schnell sie sich in den Köpfen verbreiten, ist von vielen Faktoren abhängig: den Kommunikationswegen, der Kommunikationsgeschwindigkeit und  der Viralität. Der Begriff der Viralität, der im Kontext der sozialen Medien verwendet wird, lehnt sich an das biologische Vorbild der Infektiosität an. 

Viral werden Gedanken oder der Austausch von Fertigkeiten, wenn sie starke Bedürfnisse zu befriedigen versprechen. Solche Bedürfnisse können profaner Natur sein. Man denke an Neugier oder Schadenfreude. Aber auch der Wunsch mit raffinierten Tricks Arbeit zu vermeiden, findet Anklang. Dabei geht es heute wie damals nur selten darum, einen eleganten mathematischen Formalismus zu finden. Meist stehen Alltagsfertigkeiten wie Kochen, Backen oder Handwerken im Mittelpunk. Wie schält man mühelos einen Ananas? Doch unser Bedürfnis, Dinge zu vereinfachen, birgt auch eine Gefahr. Man muss sorgfältig zwischen Fertigkeiten und Erklärungen unterscheiden! Bei Erklärungen gibt einen gefährlichen Graben, der das Geniale vom Trivialen trennt. Wie sagte Einstein? “So einfach wie möglich aber nicht einfacher!“ Auch beim Erklären sind Effizienz und Einfachheit eine Ursache für Viralität. Es ist aber ein grundlegender Unterschied, komplexe Phänomene in einer reduzierten Gestalt zusammenzufassen oder Komplexität in einer einfachen Form zu banalisieren und damit zu negieren. Ein herausragendes Beispiel für die erstgenannte Tugend sind die Maxwell-Gleichungen der Elektrodynamik -vier elegante Formeln mit denen sich ein immenser Bereich physikalischer Phänomene beschreiben lässt. Solche Meisterstücke der Denkkunst sind das Ergebnis einer langen Anstrengung. Die Kunst besteht darin, das Irrelevante auszuschließen. Information durch Exformation. Der fatale Hang Wesentliches nicht vom Unwesentlichen zu unterscheiden und Komplexität aus Denkfaulheit auf Banalitäten zu reduzieren, ist genau das Gegenteil. Das erinnert an die Verlautbarungen der Verschwörungstheoretiker in der Corona-Krise. Diese schämen sich nicht, eine schwierige und unübersichtliche Situation, die zumindest in Teilen wissenschaftliches Neuland ist, in einer durchsichtigen Räuberpistole zu trivialisieren: Bill Gates, der klandestine Strippenzieher auf der Weg zur Weltherrschaft. Man könnte versucht sein, eine solche Form der Naivität zu belächeln. Aber leider erfüllen auch diese Geschichten ein tiefliegendes Bedürfnis nach Einfachheit. Deshalb sind sie gefährlich.Warum kommen sie überhaupt zu Stande? Dem Phänomen könnte ein von dem Neurowissenschaftler Michael Gazzaniga untersuchter Mechanismus zugrunde liegen. Trotz widersprüchlicher Informationen neigen Menschen dazu, diese in einer nur für sie selbst konsistenten Geschichte zusammenzudenken, auch wenn sie im Resultat wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat. In Ermangelung besserer Alternativen greifen sie dabei gerne auf Erklärungsprinzipien zurück, die ihnen persönlich geläufig sind. Wenn Exponentialfunktionen, Wahrscheinlichkeiten und statistisches Grundwissen nicht zum intellektuellen Werkzeugkasten gehören, dann ist nachvollziehbar, die sie in sich selbst erlebten Gefühle und Wirkmechanismen der Außenwelt als “Erklärung“ überzustülpen. Das ist ein rudimentäres Kausalprinzip, das man schon aus dem animistischen Denken kennt. Obwohl solche defizitären Erklärungen leicht zu erkennende Mängel haben, muss man ihnen mit Respekt begegnen. Sie sind hochinfektiöse Meme, die sich mit Lichtgeschwindigkeit im Internet ausbreiten und in kritiklosen Köpfen einen fruchtbaren Nährboden finden. Als Brandbeschleuniger gesellt sich zu fataler Leichtgläubigkeit noch intellektueller Hochmut. Man redet sich ein, Teil einer Elite zu sein, die das “System“ durchschaut. Deshalb gehört man nicht zu den einfältigen Marionetten, die von arglistigen Puppenspielern manipuliert werden. 

Das ist ein gefährlicher Cocktail aus Kompetenzillusion und Selbstgefälligkeit, der  narkotisierend wirkt. Und der Rausch könnte uns alle betreffen. Es wäre fatal. wenn aus der Viralität gefällig-eingängiger Ideen die reale Infektion mit Viren erfolgt, da  grölende Teilnehmer auf den Anti-Corona-Demonstrationen nicht nur ihre Meme in der Welt verbreiten sondern auch ihre Viren. 

Marco Wehr ist Physiker und Philosoph in Tübingen